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Von Hamburg nach L.A. – Die Oscars 2016

Die Oscars sind vorbei und ich muss sagen: Hut ab. Nach vielen Jahren der Enttäuschungen, hat es sich endlich mal wieder gelohnt sonntags die Nacht durchzumachen. Nicht etwa, weil alle meine Favoriten gewonnen haben, sondern weil es die politischsten Oscars waren, die ich je gesehen habe.

Es ist nicht unbedingt neu, dass die Presiverleihung mit politischen Themen auffällt. Besonders bei Filmen wie Philadelphia oder Milk gehört es (zwingend) dazu, dass die Gewinner*inn*en den Moment nutzen, um die in den Filmen kritisierten Diskriminierungsstrukturen  zu kommentieren und damit zur Besserung aufrufen. Ein klassisches Beispiel dafür wäre z.B. die Rede der Produzenten von Spotlight dieses Jahr, die berechtigter Weise darauf hingewiesen haben, dass auch heute noch Kinder von Mitgliedern der katholischen Kirche missbraucht werden.

Das besondere dieser Verleihung war ohne Zweifel Chris Rock, der nicht nur in seinem Eröffnungsmonolog auf die #OscarsSoWhite-Debatte verwies, sondern das Thema über die gesamte Preisverleihung streckte. Unterstützt von präsentierenden Schauspieler*inn*en wie Kevin Hart, kann man ohne Widerspruch festhalten: NIEMANDEN konnte entgehen, dass die größten Filmpreisverleihung der Welt ein immenses Problem hat, wenn es um die Repräsentation von Diversity im Allgemeinen (dazu gehören z.B. auch Frauen* hinter der Kamera, genauso wie transsexuelle Kunstschaffende) und um People of Color im Speziellen geht. Fast jede Minute, in der nicht Filme vorgestellt oder Nominierte ausgerufen wurden, lebte von #BlackLivesMatter und #OscarsSoWhite.

Ich hatte dieses Jahr das Privileg die Verleihung in einem der schönsten Kinos Hamburgs zu sehen und es war eine tolle Erfahrung. Nicht nur weil das Team im Savoy (Vorsicht Werbung: wenn ihr jemals in Hamburg seid, geht ins Savoy!) unglaublich bemüht war und Kaffee aufs Haus angeboten hat, sondern auch weil ich das erste Mal in den Genuss kam die Oscars mit einer Gruppe von Menschen zu sehen, die nicht meine Freund*inn*en waren. Da es sich bestimmt um fünfzig oder mehr Personen handelte (ich bin unglaublich schlecht im Schätzen von diesen Dingen), kann ich davon ausgehen, dass nicht alle meine politische Überzeugung teilten. Es war interessant zu beobachten, wie die beiden amerikanischen (weißen) Männer vor mir immer weniger lachten, je mehr Witze Chris Rock über den Rassismus Hollywoods riss. Oder wie still sie wurden, als Lady Gaga sich für die Opfer von Vergewaltigungen stark machte. Auch als Sharmeen Obaid-Chinoy ihren Oscar gewann und Sisterhood zelebrierte wie kaum eine andere Frau in den letzten Jahren, schien nicht das komplette Publikum im Kinosaal diesen Moment genauso zu feiern wie ich.

Und hier zeigt sich das Problem, wenn Normen angegriffen werden. Viel zu oft, wenn die Kamera auf die vielen weißen Schauspielenden schwenkte, schien man den Eindruck zu haben, dass mehr für die Kameras gelächelt wurde. Insbesondere Silvester Stallones fast schon entnervtes Kopfschütteln bei Rocks Witz über die unrealistische Darstellung der Welt des Boxen im Rocky-Franchise zeigte, was der Host meinte als er sagte: Die Oscars sind sorority racist. Denn letztendlich musste sich das weiße, liberale Amerika die ganze Zeit gedanklich mit dem afro-amerikanischen Teil seiner Gesellschaft auseinander setzen und kam damit doch am aller Besten den Spiegel vorgehalten. Nur so kann Außenstehenden auch nur ansatzweise vermittelt werden, wie es sich anfühlen muss, ein*e nicht Weiße*r in den USA zu sein.

An dieser Stelle sei aber auch gesagt, dass es nicht nur der Inhalt war, der überzeugte, sondern genauso die Inszenierung der Veranstaltung. Die Kameraführung und das Setting haben viel dazu beigetragen, diesem Jahr ein besonderes Gefühl zu vermitteln. Hier und da blieb es dennoch etwas holprig: Die Musikauswahl war manchmal etwas fragwürdig, wenn die Präsentierenden in die Bühne betraten und auch das Einblenden von vorher eingereichten Dankeslisten der Gewinner funktionierte nicht wirklich. Dennoch gelang es den Menschen hinter der Kamera die Oscars klassisch aber nicht zu verstaubt zu präsentieren.

Sei es die starke und wichtige Laudation des Vize-Präsidenten der Vereinigten Staaten auf Lady Gagas Performance, in der er sich explizit gegen #slutshaming und #victimblaming ausgesprochen hat oder Leonardo DiCaprios Dankesrede, in der er auf die globale Erwärmung aufmerksam machte: Die Oscars 2016 haben gezeigt, dass selbst kommerzielle Veranstaltungen dazu genutzt werden können wichtige, gesellschaftliche Missstände ins Rampenlicht zu rücken. Natürlich war nicht alles perfekt. Rocks Witze über asiatische Kinderarbeit waren nicht wirklich zielsicher und es wäre schön gewesen, wenn er ab und zu versucht hätte deutlich zu machen, dass nicht nur Afroamerikaner*inn*en, sondern auch andere Minderheiten unterrepräsentiert sind. Auch was Sexismus betrifft, hat sich der Host nicht wirklich mit Ruhm bekleckert. Aber alles in Allem waren dies für mich die besten Oscars seit langer, langer Zeit (die einzige Show. die ich live gesehen habe und mir ähnlich im Gedächtnis blieb war das Jahr mit Hugh Jackmann). Dementsprechend sind die Erwartungshaltungen groß für das nächste Jahr, für die Nominierungen genauso wie für die Show selbst.

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Am Abgrund Links – Landtagswahlen, Deadpool und Charleys Tante

Huch? Ist etwa schon wieder eine Woche rum? Das geht ja schnell dieses Jahr – wie jedes Jahr. Damit ihr nicht den Überblick verliert, findet ihr unsere Links für die letzte Februarwoche!

Anni

  • Auch wenn der Artikel schon etwas älter ist (im Universum des Internets bedeutet das ein paar Wochen), hat er für mich noch nichts an seiner Brisanz verloren. In Zeiten von Clausnitz, von rassitischen Spekulationen um Köln und brennenden Flüchtlingsheimen, kann man* nicht oft genug auf unsere Menschlichkeit verweisen. Dafür sind Vergleiche ein gutes Mittel. Zum Beispiel, wenn man* sieht das Anne Frank heute eine nette Dame in Amerika sein könnte, hätten die USA dem Antrag ihres Vaters auf Asyl stattgegeben hätte.
  • Als Pornodarsteller*in ist man* vielen Vorurteilen ausgesetzt. Eines der schlimmsten ist, dass man* sie gar nicht vergewaltigen kann. Mit dieser schrecklichen Relativierung ihres Leids sieht sich zur Zeit Stoya konfrontiert (Triggerwarnung). Die Situation verschärft sich dadurch, dass der Vergewaltiger jenseits der Branche einen fast schon feministischen Ruf hat, da er nicht den Aussehensstereotypen der Szene entspricht.
  • Wie so viele zurzeit bin auch ich dem Hype um Deadpool verfallen. Die Gründe reichen von der Ästhetik des Films bishin zu einem humorvollen, aber dennoch nich-relativierenden Umgang mit schwierigen Themen wie Traumata in der Vergangenheit der Charaktere. Interessante Gedanken zum homoerotischen Subtext bei Deadpool, der positive und negative Folgen haben kann, findet ihr bei The Mary Sue.
  • Und zum Abschluss noch etwas für die Geschichts- und Sprachinteressierten. Im Guardian hat sich Gedanken über sexitische Wurzeln in der englischen Sprache gemacht. An acht Worten kann man nachvollziehen, wie sich die Bedeutungen ins Negative verschoben haben. Ich finde sowas ja sehr spannend.

Johannes

  • Das Topos “Mann verkleidet sich als Frau” wurde schon einige Male im Film behandelt, beispielsweise mit “Charleys Tante” schon 1915 als Stummfilm mit Heinz Rühmann in der deutscehn Verfilmung von 1956. Immer waren diese Filme, entsprechend der dramatischen Vorlage, als Komödie angelegt. So auch “Tootsie” von 1982, mit Dustin Hoffman in der Hauptrolle. Für den Schauspieler war dieser Film nie wirklich als Komödie angelegt, wie er in einem bewegenden Interview preisgibt. Viel eher ist er sich dann der unfairen Erwartungen an Frauen in unserer Gesellschaft klargeworden.
  • Polygon hat vor ein paar Wochen zwei wunderbare Features veröffentlicht. Zum einen ein Blick auf die wachsende Spieleindustrie in Südafrika (dem Staat). Das ist insofern ziemlich interessant, da Videospiele entweder vom asiatischen oder westlichen Kulturkreis (vereinfacht: Japan oder den USA) dominiert sind. Deswegen ist es auch ganz spannend zu sehen, ob es so etwas wie “afrikanische” Videospiele geben kann. Viele Personen, die in der Reportage vorkommen, wollen ihren spezifischen, kulturellen Hintergrund nämlich verarbeiten. Im Prinzip kann dies erstmal nur eine Bereicherung für die Spieleindustrie sein.
    Das andere Feature dreht sich um die (tragische) Geschichte von Segas Maskottchen, Sonic. Einst eine ziemlich populäre Figur, litt sie in den letzten Jahren und Jahrzehnten nicht nur unter Segas Rückzug aus dem Konsolenmarkt, sondern auch unter eher durchwachsenen Spielen. So ist Sonic mittlerweile eher eine Randerscheinung für Videospielenostalgiker*innen, statt eine ähnlich populäre Figur wie Nathan Drake, Lara Croft oder der Master Chief. Obwohl Sonic nun wesentlich mehr Charakter besaß.
  • Und auch was aktuelles (leider): Clausnitz hat die Bundesrepublik mal wieder mit leicht offenem Mund dastehen lassen – und die anschließende Rechtfertigung von Sachsen Innenminister und des Polizeichef hat das Kinn der einen oder des anderen noch weiter Richtung Boden sinken lassen. Es ist zu befürchten, dass diese Form der scheinbar “spontanen” Aktion von besorgten Bürgern Nazis gar nicht so ungeplant war. Die Autorin Liane Bednarz warnt davor, dass sich hier Spuren einer rechten Gegenkultur und organisierten, politischen Aktion finden lassen. Wir müssen uns eingestehen: Deutschland hat ein verdammtes Problem mit seinen “besorgten Bürgern” – nämlich ein Problem mit tief sitzendem Rassismus. Die politische Mitte ist eine Lüge und die Politik muss sich darauf konzentrieren, den Rechtsextremismus nicht kleinzureden, sondern zu bekämpfen!

Max

  • Kann uns bitte endlich jemand erklären, wer die Zielgruppe für VR-Brillen sein soll? HTC lacht mal kurz ganz laut über Facebooks “Oculus Rift” erklärten Preis von 600 US Dollar und erhöht mit “Vive” aller Voraussicht nach auf 800. Bei Sonys VR-Variante wird bisher von 400 bis 500 Dollarn ausgegangen.
  •  “Feel The Bern” ist das derzeitige Flagschiff europäischer Hoffnungen, wenn man sich bei Facebook im Freundeskreis umguckt. Und es ist auf den ersten Blick erstaunlich, dass auch viele (junge) Frauen Sanders einer Frau Clinton vorziehen. Die ersten Vorwahlen wurden fast schon als Siegessturm Sanders dargestellt, doch so mancher Artikel gibt Bernie-Sympathisanten zu denken. Denn am Ende entscheidet nicht das Volk, sondern die Partei, wer zur Wahl aufgestellt wird. Sollte Clinton nicht einen Haufen Niederlagen einstecken, dann sollte allein ihre starke Lobby bei den Demokraten genügen. Nun wurde mir berichtet, dass einige “Superdelegierte” bereit sein zu Bernie zu wechseln, aber Fakt ist, dass die Vorwahlen dieses Mal äußerst wenig Aussagekraft haben. Ein Sanders kann auf Seiten der Demokraten letztlich genau wie ein Trump auf der Gegenseite allein durch die Partei ausgehebelt werden.
  • Einige Landeswahlen stehen wieder an. Wenn ihr schon keinen Bock habt, auf Anhieb die ganzen Parteiprogramme durchzulesen, dann gönnt euch doch eine Runde der beliebten Spiele-App (kein Scheiß, checkt das mal im Google Store) “Wahl-O-Mat” (im Link wird auf die Rheinland-Pfalz-Version verwiesen). Natürlich ist der Wahl-O-Mat nicht wasserdicht, aber zumindest bringt es einige dazu, sich dann doch mal mit den Wahlprogrammen auseinanderzusetzen. Andere wollen einfach nur sehen, wie (hoffentlich) niedrig die Übereinstimmung mit der NPD ist. Viel Spaß und denkt bitte ein wenig über die Ergebnisse nach und recherchiert im Bestfall.

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Am Abgrund Links – Abalonia und Männerfeindlichkeit

Ah, Musik und Politik! Zwei doch oft überraschend nah beieinander liegende Themen. Ob es die Emotionen sind, die beides verbindet? Dabei ist Politik doch als rationale Bühne gedacht. Und Musik nur als Unterhaltungsshow? Max jedenfalls hofft, sein Lieblingsalbum für dieses Jahr schon gefunden zu haben. Und Johannes unterstützt den Feminsmus. Das übliche also, in unseren Links für diese Woche

Johannes

  • Ich musste bei der Überschrift von Selma Mahlknechts Telepolis-Artikel erstmal schlucken: Sexismus zu bekämpfen hieße auch, Männerfeindlichkeit zu bekämpfen. Nun ist Männerfeindlichkeit erstmal ein Kampfbegriff aus dem Maskulismus und hat mich daher ob der Richtung des Artikels verunsichert. Bald nach den ersten Absätzen wird aber klar, worum es geht: Die Männerbilder, die es in unserer Gesellschaften bzw. unseren Gesellschaften gibt, sind oft genug ziemlich steinzeitlich – und damit wenig schmeichelhaft für Männer. Die Rolle des stumpfen Barbaren füllen Männer schon lange nicht mehr aus, viel eher sehen sie sich einer unvereinbaren Vielzahl an Rollenerwartungen verknüpft. Das Männerbild daher auf den saufenden und grölenden Holzkopf zu reduzieren (auch wenn wir jeden Montag in zu vielen Städten das Gegenteil bewiesen bekommen) ist eklatant Androgynistisch, kommt aber meist aus der Männerrechtsbewegung selbst. Am Ende steht die Erkenntnis, dass der Feminismus den Männern durchaus mehr zutraut, als deren selbsternannte Rechtebewahrer.
  • “You are a survivor!” So klang es in den Ohren derjenigen, die vor knapp drei Jahren das Tomb Raider Reboot gespielt haben: Lara Croft gibt nicht einfach auf, die kämpft und überlebt! Das zumindest war die holzhammersensibel vorgebrachte Botschaft des Spiels – nur mit Survival im Spiel-Sinne hatte das wenig zu tun. Rise of the Tomb Raider von Ende 2015/Anfang 2016 hat nun einen DLC spendiert bekommen, indem der Survival-Aspekt wesentlich in den Vordergrund rückt. Dieser DLC ist wohl gut genug, dass Rock, Paper, Shotgun dazu ein eigenes Review veröffentlicht. Beim Lesen der Worte scheint es mir, als wäre diese Ergänzung tatsächlich einmal ein Survival-Spiel (wenn auch kein eigenständiges), dass ich wirklich interessant finden könnte.

Max

  • Zumindest das mit dem “Rot” in Schwarz-Rot-Gold bekommen wir laut SZ schon richtig gut hin. Langsam ist aber auch Fremdscham nicht genug, wenn Politiker anfangen die Gesetze wie heilige Schriften auszulegen, sodass am Ende irgendwie alles okay ist. Der Ausdruck Prantls “politische Obszönität” hat für mich jetzt leider schon Potenzial zum Ausdruck des Jahres, denn ehrlich gesagt ist es mir lieber, dass Zweitklässler das gesamte Fluch-Repertoire eines Oberstufenschülers beherrschen, als dass wir diese Menschen verachtende Grütze hören müssen. Und dabei sorge ich micht nicht nur um die Opfer dieser Rhetorik. Ich möchte nicht jeden Morgen aufstehen und bei jedem zehnten Passanten denken: Aha, wahrscheinlich ein Arschgesicht.
  • Apropos “Arschgesichter”! Dieser Ausdruck ist nur einer von zehn Titeln auf der neuen Turbostaat-Scheibe. Wer ein wenig den Grips anstrengt und zuhört, der merkt auch, dass die Band sich ebenfalls mit den politischen Gegebenheiten auseinandersetzt. Auch abseits davon ist das Album aber richtig klasse geworden. “Alte” Fans werden wahrscheinlich weiter nölen, dass die Band ihnen inzwischen zu soft klingt. Mir gefällt der Ansatz des neuen Albums “Abalonia” richtig gut. Der Trend bleibt bestehen, dass die Jahresanfänge bei mir immer einen Favoriten fürs gesamte Jahr bedeuten.

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Am Abgrund Links – Städtebau und BILD-Positivismus

Es gibt so viel zu berichten. So viel. Aber als geübte Medienwissenschaftler*innen und Historiker*innen wissen wir um unsere Gatekeeper-Allmacht und präsentieren euch heute unser Best-Of-Links der letzten Woche. Greifen wir nach den Sternen und setzen uns über die Regeln der Physik hinweg: Ja, wir nutzen die BILD zur Weltverbesserung!

Johannes

  • Max und ich versuchen noch immer “narrativ getriebene Erkundungsspiele” als Alternativbezeichnung für “Walking Simulators” durchzusetzten. Vielleicht hilft dabei die Abkürzung NGE? Probieren wir es doch einmal: Der Entwickler “The Chinese Room” hat vor allem mit dem Genre der NGE Erfolg gehabt. Erst “Dear Esther”, dann “Amnesia: A Machine for Pigs”, zuletzt “Everybody’s gone to the Rapture”: das Studio hat scheinbar ein Abo auf Erzählung und Erkundung. Dabei besteht das Team hauptsächlich aus zwei Menschen: Jessica Curry und Dan Pinchback. Und ein Mensch zog sich nun zurück – Jessica Curry, die viel Musik zum Beispiel für Dear Esther geschrieben hat, möchte keine Spiele mehr entwickeln. Neben ihrer Krankheit nennt sie zwei weitere Gründe: Das vergiftete Verhältnis zwischen Entwicklern und Publishern (hier speziell Sony) sowie der Sexismus in der Spieleindustrie – und auch im Games-Journalismus. Den ganzen Beitrag lest ihr auf der Seite von The Chinese Room, die Kurzfassung gibt’s auf Polygon.
  • In unseren Podcasts betone ich immer wieder, wie wichtig Indie-Spiele für die Innovation der Spieleindustrie sind. Aber “Indie” ist mittlerweile eine fast genauso inhaltsleere Bezeichnung geworden wie “Bio” im Lebensmittelbereich (mehr dazu später in der Woche). Wie es dazu gekommen ist und welche Auswirkungen das hat, schildert Rainer Sigl in einem kurzen, aber vielsagenden Essay.
  • Und weil ich mich hin und wieder und dabei viel zu oft in den verschlungenen Straßen von Cities: Skylines verliere, hatte ich sehr viel Spaß bei dieser Geschichte der Städtebausimulationen von Ars Technica.
  • Die Riesendemo gegen TTIP habe ich in Berlin hautnah miterlebt und war ziemlich baff, dass sich die Menschenmenge auf unglaubliche 2 Stunden zog. So lang war die Demo! Ein bisschen ist bei diesem Protesttaumel fast untergegangen, dass WikiLeaks den Passus zu Urheberrechten des Transpazifischen Partnerschaftsvertrags (TPP, sowas wie TTIP für Pazifikstaaten) veröffentlicht hat. Laut Electronic Frontier Foundation hat das ganze mal analysiert und befindet, dass aus Nutzersicht keinerlei positiven Regelungen getroffen werden. Es ist zu erwarten, dass die vorgeschlagenen Regelungen bei TTIP ähnlich aussehen werden.

Max

  • Erst zum Erheiternden: Ben “Yahtzee” Croshaw hat nach langer Zeit eine neue Rubrik namens “Judging By The Cover.” Es handelt sich um einen eher harmlosen Spaß, der unter manchen Gamern bestimmt mal aufkommt. Warum sehen die Cover der Verpackung eigentlich so aus? Was wollen sie uns damit sagen? Wer sich gerade sein Feierabendbier gegönnt hat, sollte genau in der richtigen Stimmung für solch erheiternden Schwachsinn sein. Für alle anderen Menschen gibt es Politik, um den Blutdruck oben und die Laune unten zu behalten.
  • Ich kann nicht automatisch davon ausgehen, dass sich genug Menschen mit Außenpolitik befassen. Ich bin auch vorbelastet, dass ich mich mit der amerikanischen Politik auseinandersetze. Und derzeit muss sich niemand schlecht fühlen, wenn man erstmal vor der eigenen Haustür kehrt. Auch wenn “wir” Deutschen unlängst bei Last Week Tonight gelobt wurden, begegnen uns tagein tagaus Vorurteile und Fehleinschätzungen von selbst erklärten “Erste Welt”-Bürgern. Normalerweise sind die Bürger-Aussagen GEGEN Flüchtlinge oder das Vermögen der Flüchtlingsaufnahme in der BILD zu verorten. Selbst wenn FAZ und Co. sich auf negative Aussagen gegenüber Union und Flüchtlingen beziehen, beziehen sie sich auf Ergebnisse von BILD-Umfragen. Selbst wenn ich meine und die Vorurteile vieler anderer Mitbürger gegenüber der BILD und vielen ihrer Lesern abstelle, möchte ich die Mathematik bemühen, um so manchem Schreihals etwas vor Augen zu führen: Ca. 225.000 Menschen haben an der BILD-Umfrage Merkel vs. Seehofer teilgenommen. Das klingt viel, wenn man die Murmel im Kopf auch sonst nur fürs Runden drehen gebraucht. Deutschland hat gut 81 Mio. Einwohner und davon haben 225.000 (wenn da nicht ein paar Mallorca-Deutsche und Co. dabei waren) an der Umfrage teilgenommen. Und bevor wir den Taschenrechner bemühen, müssen wir noch etwas abziehen. Von 225.000 sind 14% auf der “Pro Asyl”-Seite. Die 81 Mio. verrechnen sich demnach mit 193.500 Negativstimmen. Diese machen 0,238% der Gesamtbevölkerung aus. Doch sein wir noch ein wenig entgegenkommender. Beziehen wir uns nur auf die vermeintliche BILDleserschaft. Bei 10.35 Mio. Lesern haben sich demnach 1,869% gegen die Flüchtlingsaufnahme ausgesprochen. Das sind noch weniger Menschen als der Ausländeranteil in Sachsen. Diese Zahlenspielerei soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir einige fragwürdige Menschen deutsche Bürger schimpfen. Doch wisst ihr was? Zum Wochenauftakt nehme ich mir solche Zahlen aus der BILD, um mir zu verdeutlichen, dass ziemlich viele Menschen um mich herum dufte sind. Natürlich muss weiter gegen extremistische Gedanken vorgegangen werden. Dieser Post soll nicht zum Zurücklehnen verführen. Im Gegenteil: Wenn ihr euch das nächste Mal unsicher seid, denkt daran, dass der Großteil Deutschlands auf eurer Seite sein sollte.

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Am Abgrund links – Fremdenhass, Kapitalismuskritik und Hoffnungsschimmer

Eine neue Woche ist wie ein neues Leben… na na na na na naaah! Für euren viel zu heißen Wochenstart sind wir hoffentlich nicht verantwortlich. Neben ein paar interessanten und ausnahmsweise nicht nur nieder schmetternden Links gibt es ein paar Tipps: Eincremen nicht vergessen, viel Trinken und gute Musik dabei haben. Ich verrate lieber nicht, was Max derzeit hört. Sonst kommt der Mob an und jagt ihn einmal quer durchs Land.

Anni

Johannes

  • Angeblich hat sich das Team von Resident Evil für die Gestaltung seiner Zombies durch Fotos von Unfallopfern inspirieren lassen. Stellt euch mal vor: Ihr klickt euch auch nur ein paar Stunden durch Bilder von (verstümmelten) Toten. Was für einen Effekt hat das auf euch? Diese Frage hat sich auch Gamasutra gestellt und drei Designer interviewt. Spurlos sind diese Erfahrungen nicht an ihnen vorbeigegangen.
  • Da sich ja der Bundespräsident zu dieser schrecklichen Bezeichnung “Dunkeldeutschland” hat hinreißen lassen (der Depp!), sei an dieser Stelle daran erinnert, dass die Ausfälle und Anschläge gegen Flüchtlinge in ganz Deutschland stattfinden, nicht nur im Osten. Deshalb ist es doppelt schön, dass am Samstag knapp 5 000 Menschen in Dresden gegen die Flüchtlings(un)politik der Landesregierung und für mehr Offenheit und Toleranz in unserer Gesellschaft demonstriert haben. Denn was leider in den Berichten über die ekelhaften Ausschreitungen von Rassisten und Nationalisten untergeht, ist die große Solidarität, die Flüchtlinge teilweise erfahren.
  • Schließlich sei hier noch auf die neue Ausgabe der Zeitschrift “Aus Politik und Zeitgeschichte” (APuZ) hingewiesen. Dieses mal thematisiert das Heft ein ganz besonders interessantes und wichtiges Gebiet: Kapitalismus und seine Alternativen. Auch wenn die Autoren keine revolutionären Thesen vertreten, ist es doch ganz wunderbar, dass dieses Thema von der bpb behandelt wird. Alle Ausgaben der APuZ gibt es übrigens, ganz anti-kapitalistisch, umsonst.

Max

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Am Abgrund Links – Nerdguys, Wohlstand und Paul T. Anderson

Manchmal scheint das Internet eine grenzenlose Welle endloser Wiederholungen. Die Witze sind immer die gleichen nur mit neuen Gesichtern, die Weltgeschichte scheint sich ständig zu wiederholen und die Videos genau wie die Filme unserer Zeit nur das nächste Reboot.

Doch auch wenn das eine*n dazu veranlassen könnte, sich einfach nicht mehr informieren und das ganze blöde ‘Neuland’ hinter sich zu lassen, sagen wir: Nicht verzagen. Manchmal muss man Dinge dreimal sagen, bevor sie gehört werden. Und manchmal müssen Dinge hundertmal gehört werden, bis wir sie verstehen.

Für alle die selber nicht die Zeit haben, die Spreu vom Weizen zu trennen, gibt es von uns eine kleine Auswahl an Links, die wir für lesenswert halten.

ANNI:

  • Ich bin Arthur Chu sehr dankbar für diesen Artikel. Denn hier wird sehr sensibel, aber scharf argumentiert ein Grundproblem von Online Diskriminierung aufgezeigt. Warum die ‘schüchternen Nerdguys’ anders leiden als Frauen in Nerd und Geek culture könnt ihr hier lesen.
  • Die Golden Globes sind vorbei. Wie immer bin ich nicht mit jedem Preis zufrieden und wie immer ist viel Mist passiert, aber man* muss festhalten: es war eine Preisverleihung voller feministischer Momente.

JOHANNES:

  • Telepolis ist eine wunderbare Fundgrube für Hintergrund-Artikel zu politischen Themen. So fiel mir letzte Woche dieses Interview zur Frage einer Medienverdrossenheit der Bevölkerung vor die Füße.
  • Das Problem dieser Generation ist, dass das Internet ein unheimliche mächtiges Ding ist, dass für den jungen Teil der Bevölkerung (jünger als 40, ungefähr) mittlerweile vollständig in den Alltag integriert ist, wohingegen die Generation der (politischen) Entscheider ständig den Eindruck macht, als hätte sie keine Ahnung, was das Internet überhaupt sei. Anders lassen sich die Ausfälle von Menschen wie David Cameron, der einfach mal alle Programme mit Verschlüsselung in Großbritannien verbieten lassen will, nicht erklären. Und auch unsere eigenen Politiker*innen wirken ja auch bisweilen nicht so, als hätten sie das Prinzip “Internet” verstanden.
  • Wurde letzte Woche oft verlinkt: Das FAZ-Interview mit einem anonymen Ingenieur, der sich trotz 10.000 Euro brutto im Monat nicht “reich” fühlt. Auch wenn sich die Mädchenmannschaft über den Artikel lustig macht: Ich finde, das Unverständnis der Autorin gegenüber des, nun ja, Jammerns dieses Menschens, kommt in den kleinen Nebensätzen sehr gut zur Geltung.

MAX:

  • Ihr mögt Paul Thomas Anderson, den Regisseur von Filmen wie “Boogie Nights”, “Magnolia” und “There Will Be Blood”? Dann kann ich euch nur diesen langen, aber äußerst menschlichen Podcast mit ihm empfehlen. Es handelt sich um Marc Marons “WTF-Podcast”. Nach einem fürchterlichen VICE-Interview mit Anderson, welches mal wieder unterstreicht, dass die bezahlten Kollegen zu oft die Rolle des Interviewers völlig missverstehen, bin ich froh knappe zwei Stunden in dieses Gespräch investiert zu haben. Das Interview ist chronologisch gehalten, also könnt ihr auch nur den Gesprächen zu bestimmten Filmen folgen.
  • Gut Ding will Weile haben. Nach dem jüngsten Sale im PSN habe ich mir für schlappe 5€ “Metal Gear Solid V: Ground Zeroes” angetan. In der Reihe kenne ich nur den vierten Teil der Reihe und habe daher kaum Bezug zu den Charakteren und, viel wichtiger, dem gigantischen Games-Erbe dieser Reihe. Ich wollte einfach sehen, ob und was an dem Demo-Vorwurf dran ist. Und nach inzwischen einigen Spielstunden aus Trial, Error, Exploring & More Error muss ich das Spiel ganz klar in Schutz nehmen. Jede schlechte Bewertung dieses Spiels kann sich nur als Denkzettel für Konami lesen lassen. Ja, 30€ (ursprünglich geplante 40€!) sind für einen AAA-Titel mit nur einer Map schlichtweg Wucher. Das ist die einzige Kritik, die dieser Titel aus meiner Sicht einzustecken hat. Für 15€ hätte sich niemand beschwert. Und wenn sich doch jemand beschwert hätte, dass er oder sie das Spiel in 50 Minuten geschafft hätten, dann frage ich mich ernsthaft, was mit diesen Leuten los ist. Letztlich wird das Spiel dafür bestraft, dass es einen kleinen Prolog zum folgenden Hauptspiel “Metal Gear Solid V: The Phantom Pain” anbietet, denn komischerweise ignorieren diese Reviewer einfach alle anderen Missionen. Wer sich mit den Mechaniken des Spiels vertraut machen möchte, bekommt unterschiedliche Szenarios, die es zu bewältigen gilt. Vielleicht bin ich einfach nur grottenschlecht, aber ich habe diese Szenarios bitter nötig, um mit verschiedenen Situationen fertig zu werden. Als Mahnung für Konami lasse ich solche Wertungen mit bitterem Nachgeschmack durchgehen, aber letztlich kann dieser wirklich wunderbare Spielkasten nichts für die betriebene Preispolitik.

Featured Image by  sarahtarno

Am Abgrund Links – 08.09.2014

Jede Woche verbringen wir viel zu viel Zeit im Internet. Doch egal wie oft wir alle durch die Weiten des Netzes surfen, man kann nicht immer alles wahrnehmen.

Deswegen gibt es von uns für euch eine Linksammlung zu den Themen, die uns in der letzten Woche fasziniert haben. Ob Filme oder Games, ob Feminismus oder Politik unser Blog ist so unterschiedlich, wie die Menschen die ihn betreiben – Hier erfahrt ihr, was uns im Kopf geblieben ist.

Via flickr, by soeperbaby

SONY DSCAuch bei Nacht den Links folgen.

ANNI:

  • Nachdem letzte Woche Nacktbilder von verschiedenen Schauspielerinnen geleekt wurden und die Welt wieder einmal dasmit beschäftigt war den Frauen die Schuld zu geben (“immerhin, was haben diese Frauen auch diese Fotos, wenn sie die nicht zeigen wollen, sollten sie sie nicht mache”, was genauso bescheuert ist, wie zu sagen “wenn dein Konto online beklaut wird, dann solltest du einfach kein Konto mehr haben”), macht mich dieser Rant von Jay Smooth (der auch schon viele andere tolle Videos gemacht hat) glücklich.
  • Zwar tauchen immer mal wieder Frauen in Actionproduktionen auf (und machen auch ordentlich Geld an den Kassen), aber Bitchmedia macht deutlich was ihen (außer einem eigenen Film) immer noch fehlt: Humor.
  • Hier ist ein netter kleiner Blog, der Animes aus feministischer Sicht bespricht.

JOHANNES:

MAX:

Am Abgrund Links – 07.07.2014

Jede Woche verbringen wir viel zu viel Zeit im Internet. Doch egal wie oft wir alle durch die Weiten des Netzes surfen, man kann nicht immer alles wahrnehmen.

Deswegen gibt es von uns für euch eine Linksammlung zu den Themen, die uns in der letzten Woche fasziniert haben. Ob Filme oder Games, ob Feminismus oder Politik unser Blog ist so unterschiedlich, wie die Menschen die ihn betreiben – Hier erfahrt ihr, was uns im Kopf geblieben ist.

Via flickr by Ben McLeod

leftIm Zweifelsfall immer in Richtung (Weiter)bildung!

ANNI:

  • Wie man* nicht auf Sexismus reagieren sollte, hat cracked.com netter Weise noch einmal für uns zusammen gefasst. “And here you have by far the worst response to sexism: nothing.”
  • Die USA ist leider auf ein Neues nicht für gute Nachrichten zuständig. Nachdem der surpreme court sich zu Gunsten von Hobby Lobby entschieden hat schwanken nicht wenige zwschen Ungläubig- und Fassungslosigkeit. In erster Linie beweist der Fall aber auf ein neues, dass es nicht um Gesundheit oder Religion geht, sondern um das Bedürfnis weibliche Sexualität zu regulieren.
  • Wie sexistisch Casting Aufrufe in den USA sein können (und wie sehr es um ein junges Alter und Schönheit geht) kann man trauriger Weise hier sehen.

JOHANNES:

Der Feminismus und Männerrechte

Feminismus wird ja sehr gerne als aggressiv, bevormundend und laut betitelt. Das stimmt sicherlich in manchen Fällen. Immerhin handelt es sich um eine Bewegung, die versucht bestehende Ungleichheiten anzugreifen.

Der Preis für das Kritisieren bestehender Strukturen ist leider, dass man* immer wieder mit den gleichen Kommentaren, ‘Gegenargumenten’ und Beschimpfungen umzugehen hat. Von Vorurteilen gegenüber einer Frauenquote, über das Lächerlichmachen von gegenderter Sprache bis hin zu Vorwürfen das Matriarchat ausrufen zu wollen – der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt. Zu oft droht der*die Feminist*in unter diesem Berg an Sisyphosarbeit seine*ihre Motiavtion zu verlieren, denn letztendlich läuft es daraus hinaus, dass man* immer und immer wieder die gleichen Argumente wiederholt.

Zurück auf Anfang

Letztendlich war dies auch die ursprüngliche Idee für diese Kolumne. Hier sollten Argumente gegen Vorurteile und vermeintliche ‘Fakten’ (der sexitischen Natur) gesammelt werden, um diesen Kampf ein bisschen zu erleichtern. In letzter Zeit ist diese Idee aufgrund von aktuellen Ereignissen, wie der Debatte um die Pille danach oder dem Serienfinale von How I met your mother ein bisschen abhanden gekommen. In diesem Sinne geht es heute wieder zurück zu den Ursprüngen.

Via flickr by abhiomkar

men

Soll Männlichkeit wirklich so aussehen wie bei Superman?

Es gibt einen Vorwurf, der bei so ziemlich jedem feministischen Thema aufzukommen scheint, egal ob es um Filme, sexuelle Gewalt oder Rollenbilder geht. Früher oder später (leider eher früher) wird jemand einwerfen: “Aber was ist denn mit den Männern?” Auf einer größeren Ebene manifestiert sich das Grundproblem dieser Aussage in der sogenannten Männerrechtsbewegung, die verzweifelt versucht auf das arme Schicksal der von den Feminist*inn*en unterdrückten Männer aufmerksam zu machen.

Von Ablenkung und Eigeninitiative

Es stimmt, dass diesem Einwurf von vielen Seiten entgegnet werden kann, denn schließlich hängt es vom Kontext ab, ob er angebracht ist oder nicht. Doch in der Regel kommt er dann, wenn es eigentlich um etwas anderes geht. Wird z.B. gerade die sexuelle Gewalt an Frauen* diskutiert, heißt das nicht, dass damit automatisch Gewalt an Männern* marginalisiert wird. Es wurde sich lediglich dafür entschieden dieses Thema zu fokussieren (meist, weil eine viele höhere Prozentzahl von Frauen* betroffen ist). Traurigerweise ist die Reaktion in solchen Fälle aber nicht, sich diesem Thema in einem eigenen Artikel anzunehmen, sondern es werden lieber die Autor*inn*en dafür angeriffen, dass sie sich für besagtes Thema entschieden haben. “Aber was ist mit den Männern” verkommt an dieser Stelle leider zu einem traurigen Derailing-Versuch und bringt damit die Dikussion für Frauen* UND Männer* nicht vorran.

Via flickr by Voluntary Amputation

derail

Nicht vom Weg abbringen. Ablenken ist nie ein Zeichen von guter Argumentation.

Doch dem Einwurf liegt ein noch tieferes Problem zu Grunde. Der Feminismus wird damit verteufelt, dass er sich nicht um Männer* kümmert. Viel zu oft wird ihm damit seine gesellschaftliche Relevanz abgesprochen.

Diese Aussage ist wahr und falsch zu gleich. Ohne Frage legt der Feminismus im ursprünglichen Sinne seiner wörtlichen Bedeutung einen Fokus auf Frauen*. Die gute Nachricht ist aber, dass wir uns nicht mehr in den 80ern des letzten Jahrhunderts befinden. Zum einen war der Feminismus auch damals weit davon entfernt eine homogene Bewegung zu sein. Seit seinen Ursprüngen im 19. Jahrhundert zeichnete er sich durch eine große Vielfältigkeit in seinen Ausrichtungen aus, auch wenn das viele gerne mit Verweis auf Alice Schwarzer verdrängen wollen. Zum anderen haben bedeutende Persönlichkeiten wie bell hooks oder Judith Butler dafür gesorgt, dass sich das Spektrum feministischer Debatten um einiges erweitert hat.

Wann ist ein Mann ein Mann

Sexuelle Identität, Rassismus, unterschiedliche Lebens- und Liebeskonzepte – dies sind nur einige der vielen weitdiskutierten Bereiche feministischer Analysen und Aktionen. All diese Aspekte berühren auch die Lebensrealität von Männern*. Vor allem wenn es darum geht stereotype und heteronormative Geschlechterbilder anzugreifen. Ein flexibleres Frauenbild resultiert letztendlich auch in einem flexiblen Männlickeitsbild. Hinzu kommt, dass nicht wenige Feminist*inn*en sich bewusst mit GESCHLECHTERungleichheit auseinander setzten und damit per Definition Männer* einschließen.

Doch all dies beseite: es gibt sicherlich eine Tendenz, Probleme von Frauendiskriminierung zu fokussieren. Begründen lässt sich das schlicht und ergreifend damit, dass Frauen statistisch gesehen häufiger und öfter die Opfer von (strukturellem) Sexismus sind. Nichtsdestotrotz ist es wichtig ehrlich (und nicht als Angriff) zu fragen: “Aber was ist mit den Männern?”

Dies sollte allerdings nicht unter einem feministischen Artikel zur Diskriminierung von Frauen geschehen! Denn der weiße, heterosexuelle Mann ist in unserer westlichen Welt nur sehr, sehr selten strukturell diskriminiert, da er die Norm darstellt an der alles andere gemessen wird. Das weibliche, nicht-heterosexuelle und/oder nicht-weiße gilt letztendlich immer als das Andere. Dennoch ist es wichtig über Männlichkeiten zu sprechen, über alleinerziehende Väter, über männliche Vergewaltigungsopfer und männliche Gesundheitsprobleme. Diese Themen manifestieren sich vielleicht nicht (immer) in einer greifbaren strukturellen Diskrimierung wie ungleicher Lohn für gleiche Arbeit, aber sie sind dennoch Teil einer ungerechten Gesellschaft.

Das Feindbild zu Hause lassen

All diese Probleme können aber nur gelöst werden, wenn wir zusammenarbeiten. Wenn sich Menschen mit diesen Themen auseinandersetzen ohne dabei auf die Diskriminierung von Frauen herabzuschauen und sie zu negieren. Wir leben in einer Demokratie und diese braucht den Diskurs. Nur mit einem Diskurs über diese Probleme und der Zusammenarbeit mit dem Feminismus, der hier schon viel theoretische Vorarbeit geleistet und vielerlei Hinsicht diese Themen bereits angesprochen hat, kann an dieser Stelle eine Besserung stattfinden.

Via flickr by sultan alghamdi

together

Zusammen erreicht man* immer mehr!

Feindbilder bringen niemandem etwas, das ist die Moral dieser Geschichte. Der Feminismus ist weit davon entfernt Männer zu marginalisieren. Er hat eine Wahl getroffen. Um die Dinge für Frauen zu verbessern, ist es von Bedeutung sich auf bestimmte Aspekte in einer Debatte zu konzentrieren, damit eine Veränderung erzielt werden kann. Bei dieser Prämisse ist es schlicht und ergreifend nicht die Aufgabe des Feminismus sich um Männer zu kümmern. Das heißt aber nicht, dass er kein Interesse hat ihre Situation zu verbessern. Es ist ein einfacher Deal, den viele Feminist*inn*en anbieten: Unterstützt die gleichen Rechte von Frauen* und wir unterstützen euch bei dem Kampf gegen Ungerechtigkeit, die Männer erfahren.

Letztendlich kann nur die betroffene Gruppe Diskriminierungserfahrungen definieren und genau deswegen müssen sich Männer mit dem Problemen heteronormativer Männlichkeiten auseinandersetzen. Deswegen brauchen wir Männer*, die Artikel dazu schreiben, Aktionen planen und die Dinge ändern wollen. Allerdings ohne automatisch alles zu verteufeln, was der Feminismus erreicht hat oder gerade diskutiert, denn am Ende des Tages sitzen wir alle im gleichen Boot. Anstatt also gewollt oder ungewollt mit “Aber was ist ist mit den Männern” zu derailen, schreibt etwas eigenes. Stoßt die Diskussion an, seit Verbündete und verändert die Welt. Zusammen ist man* weniger allein.

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