Wahrscheinlich sollte ich mir mittlerweile mal eine Liste anlegen mit den Eröffnungsthemen, die ich so in der Zwischenzeit genutzt habe, um im ersten Absatz eines jeden Aufregers in das Thema einzuleiten (oder auf das Thema umzuleiten). Denn ich habe überlegt, wie ich heute anfangen könnte und da es um ein aktuelles Thema geht, dachte ich, verwurste ich doch mal mein Bemühen um eine gewisse Aktualität meiner Themen. Dann aber war ich mir gar nicht sicher, ob ich nicht bereits schrieb, dass Aktualität in der heutigen Informationsgesellschaft sehr schwer zu halten ist, da mittlerweile ein Thema das nächste jagt (Pferdefleisch! Bio-Eier-Skandal! Krebserregende Stoffe in Tierfutter!) und kaum ein Topic länger in den Nachrichten verweilt als zwei, vielleicht drei Tage. Deshalb ist es denn auch ganz schwer, eine halbwegs aktuelle Kolumne zu schreiben, die sich auch mit dem Tagesgeschehen auseinandersetzen will.

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Als wäre es nicht schon schwer genug, hier jede Woche etwas zu produzieren. By William & Mary Law Library, Via Flickr.com

Das heutige Thema ist dabei eigentlich nur subjektiv aktuell, denn ich habe gestern einen Film gesehen. Nun wollte ich eigentlich ganz bewusst keine Filmkritiken schreiben, dieses Feld überlasse ich gerne Anni und Max, die zumindest mehr Herzblut in ihre Filmkritiken legen als ich. Und es wird auch eine Ausnahme bleiben, dass ich im Aufreger über Filme schreiben, aber zumindest hoffe ich deutlich machen zu können, warum ich heute diese Ausnahme mache. Denn Quellen des Lebens: Boah Ey! Was für ein Scheißfilm!

Zur Handlung: Der Film porträtiert die Geschichte von drei Generationen der Familie Freytag, im Laufe der Handlung eine mittelständische Unternehmerfamilie aus dem Unterfränkischen. Erzählt wird die Quasi-Chronik dabei von Robert, dessen Geschichte mit der Ankunft seines Großvaters 1949 aus sowjetischer Kriegsgefangenenschaft beginnt. Die Perspektive ist dabei die von Roberts Vater Klaus, damals noch ein junger Mann, der erste Schritte in Richtung eines Schriftstellers macht. Zunächst in der Firma seines Vaters arbeitend, entschließt sich Klaus dann zum Studium (von was, wird nicht gesagt, wahrscheinlich irgendwas mit Literatur). Zuvor jedoch trifft er auf Gisela, welcher er später gegen den Willen ihrer Eltern heiratet und schließlich auch schwängert. Robert kommt schließlich zur Welt, wird aber weder von der egoistischen Mutter, die in erster Linie ihre Autorinnenkarriere im Kopf hat, noch vom Vater, der damit haderst, dass seine Frau besser schreiben kann als er, wirklich geliebt. Robert geht zu den Großeltern seines Vaters, ist dort glücklich, wird aber vom Vater nach Westberlin geholt, ist dort unglücklich, kommt von dort zu den Großeltern mütterlicherseits, ist dort glücklich, zumindest bis er in der jugendlich-rebellischen Phase der späten 1960er die Wände seines Industriellen-Opas besprayt und deshalb in ein Internat exiliert wird. Dann beginnt der Coming-Of-Age-Teil der Geschichte und es wird Robert gezeigt, wie gerne rebellieren würde, aber zu unfähig ist, dann um seine große Liebe kämpft, gewinnt, seine Großeltern sterben und er schlussendlich die Entscheidung trifft, dass seine Eltern scheiße sind. Dann endet der Film glücklicherweise. Nach fast drei Stunden.

 boring_aagius Und danach herrscht ein unglaubliches Gefühl der Leere. By aagius, via Flickr.com

Beginnt das Werk noch ganz beeindruckend mit Jürgen Vogels (Opa Freytag) nacktem Hintern, und dem Versuch, sich diesen mit Blättern abzuwischen, geht es danach steil bergab. Der Film strotzt nur so von angefangenen Handlungsfäden, die aber einfach wieder fallen gelassen werden. Das Liebesverhältnis zwischen Omi Freytag und Opa Freytags Schwester? Nach zwanzig Minuten reden keiner mehr drüber und nichts scheint passiert. Klaus’ kleine Brüder? Tauchen erst zwei Stunden später wieder im Krankenhaus auf, wo Omi und Opi Freytag liegen, und haben dann gerade mal drei oder vier Sätze. Einer von denen spricht überhaupt nicht. Roberts jugendliche Tante? Dient anscheinend nur dazu, irgendwann oben ohne auf einer Luftmatratze zu liegen. Roberts Freunde im Internat? Wilson Gonzales Ochsenknecht spielt einen Wannabe-Zuhälter und verschwindet dann auch aus der Handlung, genau wie der farblose Rest. Man könnte ein Trinkspiel daraus machen: Welche eben eingeführten Charaktere tauchen nochmal auf oder sind für den Verlauf der Story sinnlos.

Überhaupt, die Charaktere bleiben oberflächlich und farblos. Opa Freytag ist ein alter Nazi, aber das wird im Film kaum thematisiert. Klaus Freytag (Moritz Bleibtreu) ist erst ein hoffnungsvoller und begabter Schriftsteller, später (aus irgendwelchen Gründen, die nicht wirklich erklärt werden) ein verbitterter Lektor, der seine Libido über das eigene Kind stellt, wenn er sie nicht direkt vor seinem Sohn auslebt („Na Kleiner, willste mal die Erektion deines Vaters anfassen?“). Gisela Ellers (Lavinia Wilson) ist das Manic Pixie Dream-Girl par excellence und nervt wie kaum eine andere Figur im Film. Robert selbst bleibt in seinen Handlungen kaum nachvollziehbar und setzt sich zumindest mit seinem Vater kaum auseinander, dafür zumindest, dass er ja ach so schwer unter seinen Eltern zu leiden hat.

Schauspielerisch (und ich maße es mir eigentlich nicht an, darüber zu urteilen, aber das fällt selbst einem Blinden auf!) ist der Film mit das schlechteste, was ich gesehen habe. Moritz Bleibtreu wirkt völlig unmotiviert, Jürgen Vogel hat auch schon beeindruckender gespielt, die Jugendschauspieler wurden anscheinend schlecht gecoacht. Allenfalls die Holländerin Lisa Smit scheint ganz gut zu sein, aber warum zur Hölle hat man sie engagiert, nur um sie anschließend nachzusynchronisieren?
Auch sonst bietet der Film künstlerisch nicht viel. Während am Anfang noch stark mit Beleuchtung gearbeitet wird, was zumindest auf ein gewisses künstlerisches Verständnis schließen lässt, wird dieser Aspekt natürlich wieder fallen gelassen, wie alles andere, was diesen Film hätte interessant machen können. Die Kamera macht ihre Arbeit gut, aber eben auch nur das. Die Musik besteht in erster Linie aus den üblichen Songs der 50er und 60er Jahre, setzt darüber hinaus aber keine Akzente.

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Denn Akzente setzen, das kann nur einer am besten: Capt. Party! By corygrunk, via Flickr.com

Dies schaffen nur einzelne Szenen, die zum Teil überdreht und albern wirken, was wohl gewollt ist. Diese wechseln sich dann ab mit pseudo-tiefgründigen Handlungen, die aber deplaziert wirken, weil der Film nie tiefgründig genug ist, um das Publikum zu motivieren darüber nachzudenken, was da gerade auf der Leinwand geschieht. Stattdessen zieht da wieder so ein prätentiöser deutscher Film an einem vorbei, der so viel mehr hätte sein können, wenn er nur eines gewesen wäre: Stringent in seiner Handlung und seinem künstlerischen Anspruch. Und der ganze Scheiß hat neun Millionen Euro gekostet! Davon hätte man wenigstens zwei gute Zombiefilme produzieren können! Aber nein, stattdessen verpulvert man lieber neun fucking-Millionen Euro für die cineastische Masturbation eines von seinen Eltern nicht geliebten Mitt-Fünfzigers. Boah Ey, Quellen des Lebens, was für ein Scheißfilm!