Tag: Rassismus (Page 1 of 3)

Von Hamburg nach L.A. – Die Oscars 2016

Die Oscars sind vorbei und ich muss sagen: Hut ab. Nach vielen Jahren der Enttäuschungen, hat es sich endlich mal wieder gelohnt sonntags die Nacht durchzumachen. Nicht etwa, weil alle meine Favoriten gewonnen haben, sondern weil es die politischsten Oscars waren, die ich je gesehen habe.

Es ist nicht unbedingt neu, dass die Presiverleihung mit politischen Themen auffällt. Besonders bei Filmen wie Philadelphia oder Milk gehört es (zwingend) dazu, dass die Gewinner*inn*en den Moment nutzen, um die in den Filmen kritisierten Diskriminierungsstrukturen  zu kommentieren und damit zur Besserung aufrufen. Ein klassisches Beispiel dafür wäre z.B. die Rede der Produzenten von Spotlight dieses Jahr, die berechtigter Weise darauf hingewiesen haben, dass auch heute noch Kinder von Mitgliedern der katholischen Kirche missbraucht werden.

Das besondere dieser Verleihung war ohne Zweifel Chris Rock, der nicht nur in seinem Eröffnungsmonolog auf die #OscarsSoWhite-Debatte verwies, sondern das Thema über die gesamte Preisverleihung streckte. Unterstützt von präsentierenden Schauspieler*inn*en wie Kevin Hart, kann man ohne Widerspruch festhalten: NIEMANDEN konnte entgehen, dass die größten Filmpreisverleihung der Welt ein immenses Problem hat, wenn es um die Repräsentation von Diversity im Allgemeinen (dazu gehören z.B. auch Frauen* hinter der Kamera, genauso wie transsexuelle Kunstschaffende) und um People of Color im Speziellen geht. Fast jede Minute, in der nicht Filme vorgestellt oder Nominierte ausgerufen wurden, lebte von #BlackLivesMatter und #OscarsSoWhite.

Ich hatte dieses Jahr das Privileg die Verleihung in einem der schönsten Kinos Hamburgs zu sehen und es war eine tolle Erfahrung. Nicht nur weil das Team im Savoy (Vorsicht Werbung: wenn ihr jemals in Hamburg seid, geht ins Savoy!) unglaublich bemüht war und Kaffee aufs Haus angeboten hat, sondern auch weil ich das erste Mal in den Genuss kam die Oscars mit einer Gruppe von Menschen zu sehen, die nicht meine Freund*inn*en waren. Da es sich bestimmt um fünfzig oder mehr Personen handelte (ich bin unglaublich schlecht im Schätzen von diesen Dingen), kann ich davon ausgehen, dass nicht alle meine politische Überzeugung teilten. Es war interessant zu beobachten, wie die beiden amerikanischen (weißen) Männer vor mir immer weniger lachten, je mehr Witze Chris Rock über den Rassismus Hollywoods riss. Oder wie still sie wurden, als Lady Gaga sich für die Opfer von Vergewaltigungen stark machte. Auch als Sharmeen Obaid-Chinoy ihren Oscar gewann und Sisterhood zelebrierte wie kaum eine andere Frau in den letzten Jahren, schien nicht das komplette Publikum im Kinosaal diesen Moment genauso zu feiern wie ich.

Und hier zeigt sich das Problem, wenn Normen angegriffen werden. Viel zu oft, wenn die Kamera auf die vielen weißen Schauspielenden schwenkte, schien man den Eindruck zu haben, dass mehr für die Kameras gelächelt wurde. Insbesondere Silvester Stallones fast schon entnervtes Kopfschütteln bei Rocks Witz über die unrealistische Darstellung der Welt des Boxen im Rocky-Franchise zeigte, was der Host meinte als er sagte: Die Oscars sind sorority racist. Denn letztendlich musste sich das weiße, liberale Amerika die ganze Zeit gedanklich mit dem afro-amerikanischen Teil seiner Gesellschaft auseinander setzen und kam damit doch am aller Besten den Spiegel vorgehalten. Nur so kann Außenstehenden auch nur ansatzweise vermittelt werden, wie es sich anfühlen muss, ein*e nicht Weiße*r in den USA zu sein.

An dieser Stelle sei aber auch gesagt, dass es nicht nur der Inhalt war, der überzeugte, sondern genauso die Inszenierung der Veranstaltung. Die Kameraführung und das Setting haben viel dazu beigetragen, diesem Jahr ein besonderes Gefühl zu vermitteln. Hier und da blieb es dennoch etwas holprig: Die Musikauswahl war manchmal etwas fragwürdig, wenn die Präsentierenden in die Bühne betraten und auch das Einblenden von vorher eingereichten Dankeslisten der Gewinner funktionierte nicht wirklich. Dennoch gelang es den Menschen hinter der Kamera die Oscars klassisch aber nicht zu verstaubt zu präsentieren.

Sei es die starke und wichtige Laudation des Vize-Präsidenten der Vereinigten Staaten auf Lady Gagas Performance, in der er sich explizit gegen #slutshaming und #victimblaming ausgesprochen hat oder Leonardo DiCaprios Dankesrede, in der er auf die globale Erwärmung aufmerksam machte: Die Oscars 2016 haben gezeigt, dass selbst kommerzielle Veranstaltungen dazu genutzt werden können wichtige, gesellschaftliche Missstände ins Rampenlicht zu rücken. Natürlich war nicht alles perfekt. Rocks Witze über asiatische Kinderarbeit waren nicht wirklich zielsicher und es wäre schön gewesen, wenn er ab und zu versucht hätte deutlich zu machen, dass nicht nur Afroamerikaner*inn*en, sondern auch andere Minderheiten unterrepräsentiert sind. Auch was Sexismus betrifft, hat sich der Host nicht wirklich mit Ruhm bekleckert. Aber alles in Allem waren dies für mich die besten Oscars seit langer, langer Zeit (die einzige Show. die ich live gesehen habe und mir ähnlich im Gedächtnis blieb war das Jahr mit Hugh Jackmann). Dementsprechend sind die Erwartungshaltungen groß für das nächste Jahr, für die Nominierungen genauso wie für die Show selbst.

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Am Abgrund Links – Analoges Exil und Analoge Videokassetten

Es ist wieder Wacky Week hier bei uns auf dem Blog. Statt Montags bringen wir diese Woche die Links am Dienstag. Wildes Weltzugrundegehen! Dafür haben wir extra Anni aus der unfreiwilligen Internet-Abstinenz geholt!

Anni

  • Mein Leben im analogen Exil nervt, aber in den letzten Wochen wollten weder mein Computer noch mein Internet funktionieren. Ersteres ist mittlerweile wieder fit, zweiteres wiederum… Wie dem auch sei, es wird Zeit, dass auch ich wieder etwas zu den Links beisteuere, denn das ist eine andere Lektion der letzten Wochen. Die Welt hört sich nicht auf zu drehen, nur weil man* keine Möglichkeit hat immer informiert zu sein.
  • Der Freitag (eine Wochenzeitung, die konstant mein Herz erobert) fast noch einmal schön zusammen, was das Problem mit Xavier Naidoo und dem ESC ist. Außerdem waren noch  einige Überlegungen zu Sozialismus, Innovationen und neoliberalen Gedanken zufinden. Absolut lesenswert.
  • Über Pinkstinks habe ich ein cooles Projekt entdeckt. Diese Seite erzählt die Märchen der Gebürder Grimm neu und versucht damit die Wirkung von Narrativen auf Kinder zu verdeutlichen.
  • Für den Abschluss noch was schönes. Das Internet hat neben seiner Schattenseiten auch immer wieder nette kleine Überrraschungen zu bieten. Zum Beispiel Bilder von gealterten Superheld*inn*en. Enjoy.

Johannes

  • Kennt ihr sie noch? Videotheken? Wo man gaaaaaaaaaaaaaaaa-ha-hanz früher VHS-Kassetten geliehen hat, später dann DVDs? Und heute gar nichts mehr leiht, weil die Dinger fast alle zumachen? Der Grund dafür ist ganz einfach: Dank Internet, Streaming, Video-on-Demand und nicht zuletzt den Übernacht-Services von Amazon und Co. haben sich Sehgewohnheiten und Konsumverhalten von Filmen geändert. Wie sich das auf eine kleine Videothek in den USA auswirkt, schildert dieser Text von Dennis Perkins. In den Vereinigten Staaten sieht die Situation nochmal ein bisschen anders aus als hier in Deutschland, da es dort große Verleihketten wie Blockbuster gab, die nach und nach kleinere Läden aufkauften – nur um dann selbst pleite zu gehen. Die Ketten gibt es auch in Deutschland, beispielsweise Bari-Videofuchs-Videotheken in NRW, sind allerdings wesentlich kleiner als ihr nordamerikanisches Pendant.
  • Auch sehr US-zentriert ist diese Aufzählung von 28 verbreiteten Rassismen und die Möglichkeiten, ihnen argumentativ zu begegnen. Was wir ja oft ausblenden ist, dass in den USA das Thema viel offensichtlichter ist und daher auch offensiver behandelt wird. Das führt natürlich zum einen zu mehr offenen Rassismus in der US-Gesellschaft, zum anderen aber auch zu einer im Prinzip größeren Sensibilität diesem Thema gegenüber. Anders in Deutschland: Hier gilt ein Mensch erst als Rassist, wenn sie oder er Juden vergasen und farbige Menschen mit dem N-Wort bezeichnet (das mit dem dopelten G, das mit dem einfachen G entzündete ja vor ein paar Jahren eine wunderbar absurde Diskussion über die Daseinsberechtigung von rassistischen Begriffen in Kinderbüchern). Hier gibt es kein Bewusstsein für die gängisten Formen von Rassismus, weshalb in Dresden und ich viel zu vielen anderen Städten jeden Montag ein Haufen Rassisten durch die Straßen stolzieren darf, ihre xenophobe Scheiße in die unbeleuchtete Dezembernacht herausbrüllen darf und dabei sich zu sagen erdreistet “Ich? Ich bin doch kein Rassist!”. Wo wir da gerade beim Thema sind…
  • Neben all den anderen schrecklichen Dingen (s.o.), für die PEGIDA und die AfD so verantwortlich sind, ist das Wiedererscheinen des Begriffes “Volk” eines der schlimmsten. Der von den neurechten so oft bemühte Spruch “Wir sind das Volk” knüpft dabei nur für uninformierte an die Tradition der Wende-Demonstrationen an. Viel näher liegt der Spruch leider am Volksbegriff der Nationalsozialisten und Rassenkundler des frühen zwanzigsten Jahrhunderts. Da helfen auch alle falschen “Nazis raus!”-Rufe bei PEGIDA nicht. Denn, wie Michael Bittner feststellt, ist das ohnehin eine brechreizerregende Verdrehung des Begriffes. Sagen wir also doch bitte, wie es ist: Da laufen, bei AfD und PEGIDA insbesondere, Nazis mit. Scheißegal, ob sie sich selbst so identifizieren oder nicht, ihre offenbarten Taten und Positionen sprechen da deutlich genug.

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Am Abgrund Links – Hurra DEUTSCHland, Nazi Sommercamps und Waffen in Sachsen

Ach, die Links! Hauptsache, sie kommen irgendwann! Denn niemand von euch hat je ausgelesen, was da so im Internet steht. Aber Achtung! Denn dort steht bekanntermaßen ganz viel, nur ob es stimmt, weiß niemand. Deswegen hier unsere Links,  die sind alle ganz doll wahr. Versprochen!

Johannes

  • Die Polizei hat in modernen Demokratien das alleinige Gewaltmonopol. Sie schützt die Bürgerinnen und Bürger vor Verbrechen und hilft, diese aufzuklären. Auch ich fühle mich nicht wirklich sicher, wenn ich irgendwo Polizist*innen mit offen getragenen Maschinenpistolen patroullieren sehe. Aber ich bin trotzdem froh, dass diese Menschen da sind. Deshalb sollten bei allen Bürgerinnen und Bürgern die Alarmglocken sehr laut schrillen, wenn sich die Anzahl an (kleinen) Waffenscheinen erhöht, wie dieses Jahr in Sachsen. Dort sind die Beantragungen an kleinen Waffenscheinen auf mehr als das doppelte des Vorjahres geklettert. Offensichtlich haben die Sächsinnen und Sachsen Angst und glauben, sich selbst beschützen zu müssen. Aber wovor? Ich befürchte, dass die Menschen sich dort weniger vor Nazis, als vor dem minimalen Anteil an Flüchtenden, die in Sachsen landen. Der Kommentar von Sachsen Innenminister Markus Ulbig lässt dabei soviel an Feingefühl vermissen, das es wehtut: Das subjektive Sicherheitsgefühl sei durch “die Menschen, die zu uns kommen” untergraben, sagt dieser Mensch. Was ist das eigentlich für ein Idiot? Mal ganz ehrlich? Wenn meine Mitmenschen sich selbst bewaffnen, weil sie der Polizei offensichtlich nicht zutrauen, für Schutz zu sorgen, und ich gleichzeitig jeden Montag einen Mob von Fremdenfeind*innen habe, der durch die Landeshauptstadt stapft; JA, DA FANGE ICH DOCH NICHT AN, DEN “AUSLÄNDERN” DIE SCHULD ZU GEBEN! WAS IST DAS DENN FÜR EINE RASSISTISCHE SCHEIßE! MERKT DER KERL NICHT, DASS ETWAS ARG FALSCH LÄUFT IN SEINEM BUNDESLAND? AAAAAHHHHHHH!!!
  • So, geht wieder. Erinnert ihr euch noch an Internetcafé? So diese zwei, drei Jahre, in denen der Internetanschluss noch nicht so weit verbreitet war, dass ihn jede*r daheim hatte und man* auf diese öffentlichen Cafés angewiesen war? Und die heute zu einem Anlaufpunkt sehr obskurer Menschen geworden sind? Wusstet ihr, dass es in Japan einen Trend gibt, sich in Internetcafés quasi häuslich einzurichten, weil das billiger ist, als eine Wohnung zu finden? Diese kuriosen Geschichten rund um diese Institutionen des frühen Digitalzeitalters hat gizmodo in einem wunderbaren Rückblick gesammelt.

Max

  • Zuerst haben uns die Amerikaner alles weggenommen. Dann die Russen. Dann haben uns die Griechen ganz viel weggenommen und uns auch noch beschimpft. Ach, wir Deutschen haben es wirklich nicht leicht. Es müssten doch nur alle wie wir sein, nur dass sie dafür bitte nicht hierher kommen. Und unsere Werte nachleben sollen sie so dann auch eigentlich nicht… denn es sind schließlich unsere! Unsere Kultur, die als Einwanderungsland und früherer Herzogtumsquilt (der Deutsche sagt natürlich: ZIERDECKE!) schon immer unglaublich einheitlich war, ist unser ganzer Stolz. Wir sind so stolz darauf, dass wir mal eben vergessen, welche Einflüsse sich auf die “deutsche” Kultur im Lauf der letzten Jahrzehnte und Jahrhunderte ausgewirkt haben. Ist ja auch nicht so wichtig, da “wir” im christlichen Geiste hart missioniert haben. Das ist jetzt alles uns! Mit hochgestochenen, aber treffenden Worten setzt sich Armin Nassehi (Süddeutsche) mit dieser merkwürdigen Denkart auseinander. Hoffen wir nur, dass genug Leute den Artikel verstehen und auch über den Namen des Autors hinwegkommen. Ich meine, nur so unter uns, Nassehi… das ist doch kein Deutscher… Name… Gut, dass es keinen Rassismus und keine Fremdenfeindlichkeit gibt, sondern müsste man ernsthaft darüber nachdenken, wenn Menschen solche geistreichen Aussagen von sich geben.
  • Ach, und wer gerne die Zeit von vor circa 25 Jahren verdrängt hat, der sollte sich mal (wieder) “Hurra, Deutschland” geben. Das Original von 1991, als ein paar Gummipuppen die deutsche Politik so sehr durch den Kakao gezogen haben, dass man Bundeskanzler Kohl auch für einen Schokoweihnachtsmann hätte halten können. Ich lache immer noch Tränen, aber an manchen Stellen fragt man sich, ob das aktuelle Folgen sind… Aber dass wir nicht aus unseren Fehlern lernen, wissen wir alle bereits aus dem Geschichtsunterricht nicht wahr?
  • Und abschließend eine richtig bedrückende Folge zum Thema Rassismus. Ich bin mir recht sicher, dass ich die “Nazi Summer Camp”-Folge von Radiolab bereits verlinkt habe, aber man lernt bekanntlich auch durch Wiederholung. In Amerika zur Zeit des zweiten Weltkriegs gab es in Amerika einige Gefangenenlager mit deutschen Insassen. Im Gegensatz zu den Japanern hatten es die Deutschen vergleichsweise leicht. Der Grund dafür ist so banal wie einleuchtend: Die Deutschen sehen den Amerikanern nun einmal zum Verwechseln ähnlich.

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Am Abgrund Links – Zuviel Rassismus in diesem Land

Einsam halte ich diese Woche die graue Fahne unseres Blogs hoch, während Anni ihren Laptop verarztet und Max “unterwegs” ist. Deswegen müsst ihr mit meinen hochpolitischen Links leben – aber hey, es gibt schlimmeres. Beispielsweise Montags in Dresden den Pegidist*innen beim Rumschreien und Panikmachen zuschauen.

Johannes

  • Auch in dieser Woche (vor allem am Montag) müssen wir uns wieder den Tatsachen stellen: Es gibt einen rechten Terror in Deutschland, es wird nicht besser, es werden immer mehr Leute miteinbezogen, es gibt Angriffe auf Flüchtende und Migrant*innen. Statt allerdings gegen diese Verbrecher*innen vorzugehen und die Stimmung im Land umzukehren, heizt die Regierung die xenophobe Stimmung mit ihrer zunehmenden Abschottungspolitik noch weiter an. Es ist einfach eklig.
  • Klar deutlich wird auch, welcher Zusammenhang zwischen den geistigen und realen Brandstifter*innen besteht: Wenn ein Gymnasiallehrer sich Gedanken darüber macht, dass junge (zwölfjährige) Mädchen von jungen, männlichen, testosterongeladenen und zivilisatorisch natürlich völlig ungehemmten muslimischen Männer angezogen sein könnten, dann läuft etwas schief. Zum einen, weil der Leitartikel in der Zeitschrift des Sachsen-Anhalter Philologenverbandes aus feministischer Sicht bedenklich ist, weil hier ein männlicher Lehrer ausschließlich um seine weiblichen Schülerinnen besorgt ist, die von ausschließlich männlichen Muslimen verführt werden könnten. Zum anderen, weil dieser Artikel auch zeigt, welch antiquierten und rassistischen Vorstellungen noch in weiten (und gut gebildeten) Kreisen Deutschlands vorherrschen. Das Bild der barbarischen Horden die unschuldige Frauen und Töchter schänden, ist buchstäblich antik! Und kein anderes Bild malt der Leitartikel! Zum Glück hat ein sehr erboster offener Brief/Blogbeitrag einen Kontrapunkt gesetzt.
    Es ist zudem wunderbar, wie sehr der Text das Täter-Opfer-Verhältnis umkehrt: Die Flüchtenden sind Kriegsopfer (nicht zuletzt, weil die deutsche Außenpolitik inklusive der Waffenexporte an der Destabiliserung der Region beigetragen hat) und fliehen nun nach Deutschland. Hier werden diese Opfer nun zu potentiellen Tätern gemacht, da sie “unsere” Regeln nicht akzeptieren können oder wollen, und nebenbei auch noch unsere Frauen und Töchter bedrohen. Wo leben wir eigentlich?
    Vielleicht sei hier mal eine gängige Rassismusdefinition vorgestellt:
    Der Rassismus ist die verallgemeinerte und verabsolutierte Wertung tatsächlicher oder fiktiver Unterschiede zum Nutzen des Anklägers und zum Schaden seines Opfers, mit der seine Privilegien oder seine Aggressionen gerechtfertigt werden sollen (Nach Albert Memmi)
    Zu beachten ist hierbei: Es geht nicht vordergründig um ethnische Zugehörigkeit, sondern um Diskriminierungsmechanismen. Das sollte jede*r verstehen, der*die Sätze beginnt mit “Ich bin kein Rassist, aber…” Und von denen gibt es leider noch immer zuviele.
  • In other News: ActivisionBlizzard hat King Entertainment gekauft, die mit Candy Crush einen der beliebtesten Free-2-Play-Titel erschaffen haben. Für das Team von Superlevel ist dies allerdings nicht der Höhepunkt des F2P-Booms, sondern eher der Anfang vom Ende.

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Am Abgrund Links – Rechte Jugend und… Fußball?

Kaffee, Tee, Guarana – egal, hauptsache es macht wach und ist warm. Und wenn euer Hirn sich dann auf Betriebstemperatur erwärmt hat, bekommt es auch gleich neuen Input. Von uns, mit den Links aus dieser Woche.

Johannes:

  • In seinem 1941 verfassten Stück “Der unaufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui” schrieb Berthold Brecht: “Es ist der Schoß fruchtbar noch, aus dem das kroch” und meinte damit Nazi-Deutschland. Schaue ich heute (mit Grauen) nach Deutschland, so muss ich feststellen: Dieser Schoß ist nie ausgetrocknet! Die Anschläge auf Flüchtlingsunterkünfte häufen sich derzeit wieder und ein AfD-Politiker beschwört Goebbels-Rhetorik herauf, indem er von tausendjähriger Geschichte schwafelt – er könnte genauso gut vom tausendjährigen Reich palavern, die Leute merkten’s nicht und applaudierten trotzdem. Wen wundert es bei einem offensichtlich rechtslastigen Geheimdienst, dass Neonazis seit Beginn der Bundesrepublik im Geheimen, aber auch Öffentlichen, ihre sogenannte Politik betreiben konnten. Und dass sie sich mehr oder weniger ungehindert seit der Wende in Ostdeutschland ausbreiten und die Provinzen infiltrieren konnten. Und nun haben wir eine braune Generation, die in Lagern mit militärischen und rassitischen Drill herangezogen wurde.
    Die Zeit hat in einer ausführlichen Reportage mit einer Aussteigerin aus der modernen Neonazi-Szene gesprochen. Für viele ist es wahrscheinlich erschreckend, wie gut vernetzt der braune Mob in Deutschland und Europa ist. Und welche wahnwitzigen Ideen diese kranken Geister verfolgen (“Wir besiedeln Ostpreußen neu!”). Ein sehr langer, aber sehr aufschlussreicher Text.
  • In die ähnliche Kerbe schlägt Dunya Hayalis Ausflug zur AfD-Demo in Erfurt. Nach dem unvermeidlichen Vorwurf der Manipulation hat das ZDF das gesamte Interviewmaterial veröffentlicht. Wenig überraschend: Die Leute faseln alle von Überfremdung, drogendealenden Balkan-Migranten und – natürlich – einem Herz für Kriegsflüchtlinge. Angesichts dieses Materials und zudem noch vieler weiterer, offen zugänglichen Zeugnisse über die Fremdenfeindlichkeit und den unverhohlenen Rassismus weiter Teile der deutschen Gesellschaft, stellt sich die Frage: Wann lernen die Menschen in diesem Land endlich, was Rassismus wirklich bedeutet? Wann wird niemand mehr sagen: “Ich hab nichts gegen Ausländer, aber…”, sondern lieber schweigen?
  • Das Team von Superlevel glänzt wieder mit einem hervorragenden Essay über die zunehmende Diversität auch in Sportspielen, dem althergebrachten Metier des Gamebro-Archetypen. Denn die werden plötzlich mit ethnischer Vielfalt und – oh Schreck! – Frauenfußball konfrontiert, auch wenn solche Kleinigkeiten eher ein nettes Gimmick als Spielinhalt sind. Trotzdem: Ein Schritt nach vorn geht in die richtige Richtung und es wird interessant werden, wie sich diese Entwicklung in Zukunft vollzieht.
  • Und dann noch etwas Netzpolitik: Kaum hat das Europäische Parlament in einem bemerkenswerten Akt unbeabsichtigter Dialektik gleichzeitig FÜR und GEGEN Netzneutralität gestimmt, da haut der Telekom-Chef gleich mal ein Statement raus, wie er die neue Regelung zu Nutzen gedenkt: Für mehr als “Normalgeschwindigkeit” sollen die Kunden doch bitte auch mehr zahlen. Vor allem Start-Ups seien auf seine “Spezialdienste” angewiesen und könnten ja eine Umsatzbeteiligung locker machen. Was ein Scheißverein! Vodafone ist übrigens wenig besser. Die sagen sinngemäß: Wir planen momentan nichts dergleichen, finden den Vorstoß der Telekom klasse! Selten zuvor wurden alle Befürchtungen, die im Vorfeld in den Raum geworfen wurden, so schnell bestätigt. Herzallerliebst!

Max

  • Fußball. Ja, wirklich: Fußball. Am Anfang war der “Kaffeeklatsch mit Eierschegge und en Schälschen Heesn” nur der Off-Topic-Bereich des Unterforums für Dynamo Dresden Anhänger auf Transfermarkt.de. Wer sich allerdings tatsächlich mit Dresden beschäftigt und vielleicht auch noch im “Elbflorenz” wohnt, an dem geht auch die Außendarstellung der Stadt und des Vereins sowie die politische Situation nicht vorbei. Inzwischen gibt es sehr erbauliche, interessante und auch spannende Einträge, wie die Fans ihre Situation neben dem Platz einschätzen. Und manchmal hat es zur Erleichterung von Menschen wie Johannes auch gar nichts mit Fußball zu tun. Findet ihr auch ein paar Idioten, wenn ihr lange genug sucht? Das ist wohl eher eine rhetorische Frage, wenn man sich im Internet nach Meinungen umschaut. Mich hat der Thread die letzten Tage und Wochen immer wieder in verschiedener Hinsicht unterhalten. Ein freundliches “DY! NA! MO!” an den Tabellenführer der 3.Liga und eine Erinnerung daran, dass nicht gleich jeder Fußballfreund auch ein gewaltbereiter Depp ist. An alle Fans, die an der Rekord-Choreo mitgearbeitet haben: “RESCHBÄGGT!”
  • Full Disclosure: Aus Respekt und Höflichkeit verlinke ich meine Arbeit außerhalb des Blogs normalerweise nicht, aber es lohnt sich nun mal wirklich. Ja, den Artikel habe ich geschrieben. Nein, ich habe von niemandem Geld dafür bekommen. Es ist schlichtweg leichter und fairer gegenüber den Seitenbetreibern die es mir ermöglichen über all diese Musik zu schreiben, dass ich einen Artikel hier verlinke. Will Varley ist ein sehr spannender Liedermacher (wir coolen Menschen sagen heutzutage aus irgendeinem Grund “Singer/Songwriter”), der sehr nachdenklich und sehr politisch mit “Postcards From Ursa Minor” ein wirklich fantastisches Album veröffentlicht hat. Wer es genauer wissen will, der liest meine Kritik. Es liegt mir einfach nur am Herzen, dass mehr Menschen von Will Varley wissen, weil ich nicht einfach nur aus Spaß an der Freude Höchstbewertungen vergebe. Aber wenn wir schon beim Thema sind: Bitte, bitte, bitte lest Kritiken, anstatt euch nur auf irgendwelche Zahlen/Noten/Bewertungen zu verlassen. Vielen Dank, ein Schreiberling.

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Am Abgrund Links – Populismus und “Alles Steht Kopf”

Also, wir versuchen hier ja immer gute Laune zu verbreiten. Auch und vor allem am Montag. Aber manchmal, ja, manchmal fällt das echt schwer. Die Kunst ist, aus all den erdrückenden Nachrichten Kraft zu schöpfen und sich zu sagen: jetzt erst recht! Denn die Erde ist zu schön, um sie den Deppen und Arschlöchern zu überlassen.

Johannes

  • Puh. So langsam wird es wirklich ungemütlich in diesem Deutschland. Für Menschen mit Migrationshintergrund und nicht zuletzt Flüchtende ist es ja schöön länger so, aber angesichts der zunehmenden rechten Gewalt möchte ich mich kaum noch mit Politik beschäftigen. Vor allem, weil diese völlig falsch und widersprüchlich agiert. So warnt Innenminister De Maizière angesichts des Jahrestages der PEGIDA-Demos vor den neuen “Nazis” und brandmarkt die Demonstrat*innen somit. Das heizt die Stimmung wiederum zusätzlich an. Aber De Maizière trägt selbst dazu bei, wenn er beispielsweise noch vor vier Tagen Öl ins Feuer goß, als er sagte, die Anzahl an Flüchtenden sei “einfach zu hoch”. Übrigens äußerte sich der Innenminister derart am selben Tag, als das neue, weiter verschärfte Asylrecht verabschiedet wurde. Und noch ein paar Tage zuvor verlangte De Maizière, die EU-Aussengrenzen besser zu schützen. Das ist nur ein Beispiel aus der Kakophonie der Widersprüchlichkeiten, die aus den Mündern der Politiker*innen dieses Landes tönen. Machen wir uns nichts vor: PEGIDA, die AfD und die CSU haben dazu beigetragen, dass Deutschland ein Stück weit nach rechts gerückt ist und sich auch nun hier der Populismus Bahn bricht, wie es in anderen EU-Ländern wie den Niederlanden, Frankreich, Österreich, Dänemark und Schweden bereits der Fall ist. Und übrigens auch in der Schweiz (siehe unten). Die richtige Reaktion wäre es, sich angemessen mit den alltäglichen Rassismen in Deutschland auseinanderzusetzen und sich bewusst zu machen: Es reicht nicht, diese Menschen als “Nazis” abzustempeln und sie damit sprachlich ausserhalb der Gesellschaft zu stellen, sondern ganz klar benennen muss, dass sie nur ein Produkt des Rassismus, der Fremdenfeindlichkeit und fehlenden politischen Bildung in diesem Land, in dieser Gesellschaft sind. Dieses Problem schafft man* nicht durch Transitzonen weg, sondern nur durch harte Arbeit, Argumente und vor allem einem Rechtsstaat und einer Polizei die nicht auf dem rechten Auge blind ist. Aber auch jede*r Einzelne kann etwas tun: Nämlich im eigenen Bekanntenkreis, auf Arbeit und in der Kneipe, im Sportverein, einfach überall, wo tumbe Äusserungen über “Ausländer” oder “Flüchtlinge” nicht sofort zu akutem Brechreiz führen, die eigene Stimme erheben und sagen: Nö. Du hast Unrecht und deine Meinung ist nicht “legitim”, sondern scheiße. Weil sie menschenverachtend ist.
  • Die Schweiz hat schon lange in Problem mit den Populisten der SVP, seit den Wahlen am Sonntag soger noch mehr. Bereits seit Jahren dominiert die SVP das Parlament, nun hat sie noch mehr Abgeordnete als zuvor. Durch das schweizerische Konsenssystem sind die Konsequenzen nicht so drastisch, wahrscheinlich wird die SVP eine* weitere*n Minister*in stellen dürfen. Es sagt aber viel über die Stimmung im Land gegenüber Ausländern aus, und dazu, das sollte man vielleicht an dieser Stelle erwähnen (siehe oben), gehören in der Schweiz auch Deutsche. Die Dominanz der SVP wird oft auf ihren Populismus geschoben, viel aber auch auf ihr gutes finanzielles Polster. Allein der SVP-Chef Christoph Blocher könnte mit seinen Milliarden den Wahlkampf aus der Portokasse finanzieren. Aber auch die Medien springen immer wieder auf den Empörungszug der SVP auf und spielen ihr Spiel mit. Zum Glück sind viele Medien da Selbstkritisch, viel hilft dies allerdings nicht.
  • Weg von der Politik: Steam macht Ernst mit seinen Steammachines und liefert erste Exemplare für das Streaming vom PC auf den Fernseher bereits an Vorbesteller aus. Die Technik-Experten von Ars Technica haben das Starter-Set ausprobiert und sind eher unterwältigt, aber guter  Hoffnung. Mich freut es einfach, dass das SteamOS auf Linux läuft und so – hoffentlich – eine freie Alternative als Spieleplattform zum Windows-PC heranwächst.

Max

  • Ich wollte mich eigentlich zu den Vorfällen in Köln äußern, doch meine Laune lässt es nicht wirklich zu. Ich kann nur appellieren, dass man sich damit auseinandersetzt und so etwas weder als Normalität, noch als bloßen Einzelfall abtut. Um etwas für die bessere Laune zu tun, kann ich nur mein persönliches Okay für “Alles Steht Kopf” geben. Der Film ist ein wunderbares Werk für junge Erwachsene geworden, die sich einmal reflektiert, aber trotzdem unterhaltsam mit ihrer Kindheit auseinandersetzen wollen. Aber auch für alle offenen Zuschauer birgt der Film einen netten Einstieg sich darüber klar zu werden, was uns antreibt, wenn wir auf unsere Umwelt reagieren. Außerdem schafft der Film es trotz einer “Erklärung” für unser Verhalten den Zufall und damit auch das Wunder des Lebens aufrecht zu erhalten. Wenn ihr dann schon komplett im Thema drin seid, kann ich nur “Das Orangenmädchen” von Jostein Gaarder sowie “Set This House In Order” von Matt Ruff als künftige Lektüre vorschlagen.

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Am Abgrund links – Fremdenhass, Kapitalismuskritik und Hoffnungsschimmer

Eine neue Woche ist wie ein neues Leben… na na na na na naaah! Für euren viel zu heißen Wochenstart sind wir hoffentlich nicht verantwortlich. Neben ein paar interessanten und ausnahmsweise nicht nur nieder schmetternden Links gibt es ein paar Tipps: Eincremen nicht vergessen, viel Trinken und gute Musik dabei haben. Ich verrate lieber nicht, was Max derzeit hört. Sonst kommt der Mob an und jagt ihn einmal quer durchs Land.

Anni

Johannes

  • Angeblich hat sich das Team von Resident Evil für die Gestaltung seiner Zombies durch Fotos von Unfallopfern inspirieren lassen. Stellt euch mal vor: Ihr klickt euch auch nur ein paar Stunden durch Bilder von (verstümmelten) Toten. Was für einen Effekt hat das auf euch? Diese Frage hat sich auch Gamasutra gestellt und drei Designer interviewt. Spurlos sind diese Erfahrungen nicht an ihnen vorbeigegangen.
  • Da sich ja der Bundespräsident zu dieser schrecklichen Bezeichnung “Dunkeldeutschland” hat hinreißen lassen (der Depp!), sei an dieser Stelle daran erinnert, dass die Ausfälle und Anschläge gegen Flüchtlinge in ganz Deutschland stattfinden, nicht nur im Osten. Deshalb ist es doppelt schön, dass am Samstag knapp 5 000 Menschen in Dresden gegen die Flüchtlings(un)politik der Landesregierung und für mehr Offenheit und Toleranz in unserer Gesellschaft demonstriert haben. Denn was leider in den Berichten über die ekelhaften Ausschreitungen von Rassisten und Nationalisten untergeht, ist die große Solidarität, die Flüchtlinge teilweise erfahren.
  • Schließlich sei hier noch auf die neue Ausgabe der Zeitschrift “Aus Politik und Zeitgeschichte” (APuZ) hingewiesen. Dieses mal thematisiert das Heft ein ganz besonders interessantes und wichtiges Gebiet: Kapitalismus und seine Alternativen. Auch wenn die Autoren keine revolutionären Thesen vertreten, ist es doch ganz wunderbar, dass dieses Thema von der bpb behandelt wird. Alle Ausgaben der APuZ gibt es übrigens, ganz anti-kapitalistisch, umsonst.

Max

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Die Extreme der Mitte

Ich habe schon länger nichts mehr geschrieben. Die Gründe sind vielfältig. Abschlussarbeiten mussten geschrieben werden und Lebensabschnitte sind dabei zu Ende zu gehen. Zu großen Teilen liegt es aber auch darin begründet, dass sich Resignation bei mir breit gemacht hat. Von da ist es leider nicht mehr weit bis zum Zynismus und dieser kann zu oft und zu schnell Aktivismus blockieren. Denn wie kann man* weiterkämpfen, wenn der Kampf hoffnungslos erscheint? Ein überraschendes Gegenmittel gegen dieses Dilemma ist nicht selten die Wut.

Doch „Wut […] ist eine sehr heftige Emotion und häufig eine impulsive und aggressive Reaktion (Affekt), ausgelöst durch eine als unangenehm empfundene Situation oder Bemerkung.“ (Wikipedia)

Die positive Folge dieses Gefühls kann ein Aufrütteln sein – der Anstoß dafür, die Dinge nicht mehr hinzunehmen. Die negative Konsequenz wiederum kann schreckliche Formen annehmen. Ob Gewalt gegen Einzelne oder gegen Gruppen, zurzeit sehen wir in Deutschland sehr konkret was Wut zusammen mit einer ideologischen Filterblase und rechtem Fanatismus hervorbringt.

Jede*r, der*die von diesen Entwicklungen überrascht ist, hat lange Zeit weggesehen. Denn die schrecklichen Terroraktionen der Neonazis in Sachsen, in Baden-Württemberg und Brandenburg, sind das Ergebnis von Prozessen, die lange ignoriert wurden. Sicherlich gehören dazu die sozialen Probleme des Ostens und damit der Neuen Bundesländer, aber wer es auf dieses Thema reduzieren möchte, ist zu kurzsichtig.

Auch wenn mit den Vorfällen der letzten Tage in Heidenau ein neuer Höhepunkt des Fremdenhasses erreicht ist, muss festgehalten werden, dass Sachsen kein isoliertes Problem darstellt. Auch in Baden-Württemberg und Bayern steigt die Anzahl der Übergriffe – darüber reden nur leider viel zu wenige; Vielmehr noch, es wird nicht in einen gemeinsamen Kontext gesetzt.

An dieser Stelle scheitert die Politik genauso wie die sogenannten Leitmedien. Die etablierten Parteien nehmen politische Strömungen wie die AfD nicht wirklich ernst, die entschieden dazubetragen, dass rechtes Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft ankommt und als normal gillt. Die Medien wiederum ziehen die AfD und Pegida ins Lächerliche, geben ihr aber gleichzeitig so viel mediale Präsenz, dass sich etablierte konservative Parteien genötigt sehen, die rechten Wähler auf ihre Seite zu ziehen. Gleichzeitig werden die rechten Äußerungen und Aktionen lediglich auf konkrete Probleme des Ostens geschoben, anstatt das Gesamtbild zu betrachten.

Überraschend sind diese Mechanismen nicht. Denn auch wenn wir alle mittlerweile in einer “glücklich vereinten” Bundesrepublik leben, so sind die Zeiten des Ost-West-Konflikts noch nicht so lange her. Und im Zweifelsfall ist es immer leichter den Anderen die Schuld zu geben. Das “Andere” ist dabei austauschbar, für die einen sind es die Flüchtlinge, für die anderen der Osten, aber letztendlich greift hier das gleiche Prinzip. Solange die Anderen Schuld sind, kann man* sich selbst einreden: An uns liegt es nicht, dass wir Probleme haben.

Doch dass wir eine der schlimmsten Konzentrationen von rechter Gewalt seit den 1990er Jahren erleben, kommt nicht von ungefähr. Nicht erst die AfD und Pegida haben aber rechtes Gedankengut gesellschaftfähig gemacht. Vielmehr stelten sie einen Katalysator für das dar, was schon länger in der Mitte brodelt. Sicherlich werden diese Themen von öffentlicher Kritik begleitet, aber zu oft versteckt sich hinter einem vermeintlich objektiven journalistischen Anspruch – auf dessen Grundlage auch Flüchtlingskritiker*inn*en ein medialer Raum gegeben wird – eine Verharmlosungsstrategie, die dazu führt, dass sich Rassist*inn*en unbescholten Asylkritikerinn*en nennen können.

Zudem wird seit Jahrzehnten die Extremismustheorie bemüht, die den rechten und den linken radikalen Rand gleichzusetzen versucht, auch wenn sich die politischen Überzeugungen grundlegend unterscheiden. Ein weiteres Erbe deutsch-deutscher Geschichte, denn zu Zeiten von DDR und BRD war eins klar: Linke Ideen sind gefährlich, denn von ihnen ist es nicht weit bis zum Sozialismus und der Sowjetunion. Zugleich glorifiziert die Theorie die vermeintliche politische Mitte der Gesellschaft, welche von den radikalen Rändern abgegrenzt wird. Dabei entsteht eine gefährliches Gefühl der Sicherheit. Doch am Ende des Tages macht es einen gewaltigen Unterschied, ob Steine auf Menschen oder auf Autos geworfen werden. Wie tiefgreifend und subjektiv die unterschiedliche Bewertung von Linken und Rechten in Deutschland noch immer ist, zeigt uns gerade Heidenau, wenn die Antifa versucht die Polizist*inn*en zu unterstützen und sich am Ende gegen die Rechten und die Staatsdiener verteidigen muss.

Doch wenn fremdenfeindliche “besorgte” Bürger sich unbescholten als “Asylkritiker” bezeichnen können, sollte mehr als eine Alarmglocke läuten. Besonders in Deutschland. Denn die Geschichte hat in einer grausamen Lektion bewiesen, welch explosive Mischung Verzweiflung, Wut und rechte Ideologie sein kann. Spätestens seit Heidenau sollte klar sein, dass wir es mit einem gesamtgesellschaftlichen Problem zu tun haben, welches bei der Diffamierung von “Wirtschaftflüchtlingen” beginnt und bei gewalttätigen Übergriffen endet. Fakt bleibt: Die Medien, die jetzt die Übergriffe auf Flüchtlinge verteufeln, haben mit ihrer Berichterstattung über Flüchtlingswellen, Wirtschaftflüchtlinge und selektiven Informationen zu deutschen Steuerausgaben (Stichworte: Waffenexporte und Hermesbürgschaften) dazu beigetragen, eine Stimmung der Angst vor Überfremdung zu erzeugen. Das macht sie in erster Linie zu schlechten Journalisten, die jeglichen Anspruch von Objektivität vermissen lassen. Sicherlich kann niemand rein objektiv Berichten, aber indem das Klischee des Wirtschaftflüchtlings und des Migrationsschmarotzers bemüht wird – sei es noch so intellektuell verpackt – kann eine Mitverantwortung für die sich zuspitzenden Ereignisse nicht komplett abgesprochen werden.

Diese Mitverantwortung trifft aber nicht nur die Medien, sondern auch die Politiker*inn*en und vor allem die deutschen Bürger*inn*en. Nicht die Menschen, die bei uns Hilfe suchen, sind das Problem, sondern Menschen, denen jegliche Emphatie abhanden gekommen zu sein scheint und die in ihrer Blase von Wohlstand und selektiver Information nicht über den eigenen Tellerrand schauen wollen. Wir leben in einer globalisierten, kapitalistischen Welt von der die Deutschen in erster Linie profitieren. Natürlich sollen hier nicht die Armutsprobleme Deutschlands negiert werden, aber im Vergleich zu so vielen Ländern dieser Erde, können die Deutschen von einem funktionierenden Sozialstaat zehren.

Der Luxus unseres Alltags aber – Obst und Gemüse aus aller Welt, zu jeder Zeit oder auch billige Klamotten – sind die Früchte eines globalen Kapitalismus auf die Kosten anderer. Doch nicht nur bei Nahrungsmitteln und Bekleidung greifen kapitalistische Mechanismen.

Krieg war und ist immer ein Geschäft – ein grausames Geschäft, durch das Hunderte, Tausende oder Millionen sterben und von dem andere profitieren. Und Deutschland profitiert nicht nur mit den steigenden Rüstungsexporten. Die traurige Wahrheit ist, dass es leichter ist ein Land auszubeuten, wenn es politisch instabil ist und innenpolitisch aufgewühlt, denn wie kann sich die Wirtschaft behaupten wenn sie am Boden liegt, weil Krieg oder vom Westen finanzierte Terrorregime das Land in ihrer Hand haben? Können wir es also Menschen vorwerfen, wenn sie diese vom Krieg gezeichneten Gebiete verlassen wollen und sich ein besseres Leben in Europa erhoffen, wenn doch unsere Politik diejenige ist, die Kriesensituationen zu selten bekämpft?

Spätestens mit dem Erfolg des Internets und den immer neuen Kommunikationswegen des 21. Jahrhunderts lösen sich die statischen Grenzen der letzten Jahrhunderte auf. Es wird Zeit, dass wir aufhören diese Entwicklungen als Problem zu begreifen und sie als Fakt akzeptieren. Flüchtlinge dürfen nicht als Bedrohung verstanden oder als Problem behandelt werden. Vielmehr stellen sie eine Chance dar – eine Chance Menschlichkeit zu beweisen und unserer Zeit gerecht zu werden. Statt Hass und Angst zu schüren und damit den Rechten in die Hände zu spielen, gilt es, Rassismus und Fremdenhass als das zu benennen was es ist und ihren Vertreter*inn*en keinen Raum zu geben. Dafür muss das Gesamtbild erkannt und über den deutschen Osten hinaus diskutiert werden. Nur dann haben wir eine realistische Chance  Übergriffe wie in Heidenau als ein Relikt der Vergangenheit benennen zu können.

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Am Abgrund Links – Feministische Promis, Terry Pratchett und Titanen

17 Wochen ist das Jahr 2015 alt, noch kein Ende in Sicht. Die Menschheitsgeschichte hat viele Millionen Jahre auf dem Buckel. Trotzdem und gerade deswegen passiert jeden Tag etwas Besonderes. Hier die lesenswerten Dinge, die ihr hoffentlich noch nirgendwo sonst gelesen habt!

ANNI:

  • Auch wenn ich selber kein Fan der Game-of-Thrones-Reihe bin, muss ich sagen, dass mir George R. R. Martin immer mehr ans Herz wächst. Nicht nur, weil er den Anspruch hat gute Frauencharatere zu schreiben, sondern weil er sich jetzt auch zu Gamergate und Ausschlussmechanismen geäußert hat. Und… es gibt so etwas wie Puppygate. Das Internet, Mensch, das Internet.
  • Brauchen wir feministische Promis? Ja? Nein? Vielleicht?
  • Rassismus ist vorbei? Nicht wirklich, zeigt dieser Artikel mit Zahlen zu unserer heutigen Generation, die immer noch weit davon entfernt ist, den Rassismus hinter sich zu lassen.

JOHANNES

  • Abteilung “Buntes & Vermischtes”: Zwei Männer haben sich in den USA darüber gestritten, ob ein iPhone oder ein Android-Handy das bessere Smartphone sei. Inklusive abgebrochener Bierflaschen als Waffe, blutige Schnittwunden und ein Autodiebstahl. Hurra für die Technik!
  • Thema Videospiele: Ein kurzer, aber interessanter Bericht über die spanische Indie-Szene. Ich hatte die bisher vor allem für Adventures wie Runaway auf dem Schirm, aber vor allem in letzter Zeit kamen einige Indie-Spiele aus Spanien, beispielsweise Gods Will Be Watching. Spanien sollte mensch in Europa also im Auge behalten.
  • Stefan Gärtner ist ein wortgewaltiger Kolumnist und einer der entscheidenden Gründe, regelmäßig die Titanic zu kaufen. Ich verlinke ihn hier immer gerne. Besonders, wenn er auf bedenkliche Tendenzen der Geschichtsvergessenheit hinweist, wie zuletzt anlässlich der Befreiung des KZ Buchenwald.
  • Attack on Titan hat mich traumatisiert. Ein spannender Anime, fraglos, aber – verdammte Hacke! – manche Episoden sind absolute Füller-Episoden ohne die Story wirklich voranzubringen Das Resultat: Man erwartet spannende Enthüllungen, bekommt stattdessen 25 Minuten inhaltsleeres Gelaber. Es werden Fragen und Plotstränge aufgeworfen, ohne diese zu beantworten oder weiterzuführen. Argh! Und jetzt gibt es davon auch noch einen Live-Action-Film! Brauchen wir das? Ja? Nein? Vielleicht?

MAX:

  • Ja, nein, vielleicht? Auch ich stelle diese Frage diese Woche. Allerdings geht es mir um die ausbleibende Bestätigung der Fortsetzung von “Ni No Kuni”. Ich würde mich freuen, auch wenn der niedrige Preis für das Spiel im PSN darauf hinweist, dass viel zu viele von euch dieses wunderschöne Spiel NICHT gekauft haben. #schlechtemenschen
  • Wer sich ein paar Insider-Infos zu Terry Pratchett anhören möchte, dem kann ich nur dieses Interview mit Neil Gaiman empfehlen. Geführt wird es von seinem guten Freund Michael Chabon (woooooo, Michael!).
  • Ich bin ein wenig enttäuscht, dass die Visual Novel immer noch nicht hardcore für Tablets im Westen programmiert wird. Liebesromane zum Mitbestimmen sollten sich doch verkaufen wie geschnitten Brot! Sie sind für den Nutzer sehr leicht zu bedienen und der anhaltende Boom seichter “Liebes”-Romane lädt geradezu dazu ein. Nicht spannend für Core-Gamer, doch der Casual-Markt könnte das interaktive Buch mit Gefallen aufnehmen.

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