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Es grüßt Onkel Oscar – Die Entdeckung der Unendlichkeit

Die Oscars haben immer wieder gerne den Beigeschmack eines sich politisch und geschichtlich zu wichtig nehmenden Ereignisses. Unglaublich gerne werden Preise an Filme vergeben, welche von der „Realität“ erzählen. Zumindest Nominierungen solcher Filme sind eher Regel als Ausnahme. „Captain Phillips“, „The Wolf Of Wall Street“, „Philomena“, „Dallas Buyers Club“ und „12 Years A Slave“ sind allesamt basierend auf wahren Geschichten. Eine langzeitige Wirkung hat kaum einer dieser Filme, die jeweils eher durch Thematik und Schauspiel auffielen.

Überhaupt geben sich die Oscars gerne unpolitisch und existieren in ihrem kleinen Biotop. Man erinnere sich nur an Michael Moores „Shame on you, Bush“-Rede und die dazugehörigen Buh-Rufe. Hollywood tut gerne so, als würden sie über den Dingen stehen. Gleichzeitig beharren sie auf ihre Relevanz durch die zahlreichen Nominierungen solcherlei Filme. Es ist nur eine weitere, kleine Anekdote über den Schwachsinn Hollywood und eine hübsche Erinnerung, dass man das alles nicht zu ernst nehmen kann. Gleichzeitig müssen wir Außenstehenden uns bewusst machen, dass wir über einen Berufsstand reden, der aus professionellen Lügnern besteht.

Und wie viel Wahrheit in einem Film wie „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ tatsächlich steckt, ist am Ende des Tages leider auch völlig wurscht. Es geht einzig und allein darum, ob der Film gut gemacht ist. Dass ein Stephen Hawking ein außergewöhnlicher Mensch mit einem außergewöhnlichen Leben ist, ist schließlich keine Neuigkeit. Den Weg dahin kennen wir jedoch nicht alle. Und so reiht sich Hawking in diese lange Reihe von Filmen, die allesamt hübsch anzuschauen sind, als Film jedoch meistens nicht so viel zu bieten haben. Nicht so viel zu bieten was eine besondere Bemerkung in Sachen Oscars angeht. Ohne Rücksicht auf den Vergleichswahnsinn dieser Preise ist „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ ein gelungener Film, den sich jeder Drama-Freund ohne Bedenken antun darf.

Via Flickr by Johnson Cameraface

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Physiker, Vater und Freizeit-Dalek: Stephen Hawking

Ein Film, ein “guter” Film

Die großen Gewinner dieses Films sind, wie so oft, die Hauptdarsteller. Eddie Redmayne (Stephen Hawking) darf nach „Les Misérables“ auch in Sachen Schauspiel glänzen und aufgrund der nahezu nicht vorhandenen Frauenhauptrollen in Filmen des letzten Jahres darf sich auch Felicity Jones (Jane Hawking) über eine Oscarnominierung freuen. Der Grund dafür, dass ich Redmayne mehr lobe, liegt dabei nicht einmal zwingend am Schauspieltalent, sondern schlichtweg an den Rollen im Film. Ja, Jane Hawking bürdet sich ein unendlich zehrendes Leben als Partnerin des stark eingeschränkten, brillanten und sozial nicht immer auf der Höhe seienden Stephen Hawking auf, doch im Vergleich mit einem der wichtigsten Physiker unserer Zeit verblasst ihre Suche nach Glück im Film ein wenig.

Der Film selbst geht die Erzählung sehr konservativ an. Emotionale Szenen werden mit typischer Streichermusik unterlegt, dass auch ja die Krokodilstränen fließen und hier und da muss eine Montage eine Entwicklung über einen längeren Zeitraum beschreiben. Es gibt viel zu erzählen und so verfolgen Zuschauer in chronologischer Abfolge den Aufstieg, Fall, erneuten Aufstieg, erneuten Fall und das Arrangement mit dem Leben des Stephen Hawking und seiner Frau Jane mit.

Nur selten nutzt der Film seine Eigenheiten und sein breites Zielpublikum, um etwas Stephen Hawking in uns zu wecken. Wenn Hawking mit seiner späteren Ehefrau auf einem Tanzabend ist und er eine weltliche Beobachtung zur Vermittlung von physikalischen Theorien nutzt, fühlt man sich als Zuschauer gleich ein wenig schlauer. Es sind diese Momente, die an „A Beautiful Mind“ erinnern, jedoch nie an die Darstellung des Oscar-Films mit Russell Crowe heranreichen.

Via Flickr by Jason Vaughan

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Let it Float, let it float! Glücklicherweise war nicht alles in Hawkings schlecht

Noch so ein Bio-Flick

„Die Entdeckung der Unendlichkeit“ fühlt sich schlichtweg weniger wie eine Erzählung an, sondern mehr die Erklärung eines Lebens. Große Höhen, Tiefen und Spannungsmomente bleiben aus. Selten fiebert man mit den Charakteren, auch wenn sich ihre Beweggründe immer gut nachvollziehen lassen. Was den Film letztlich über einfaches Mittelmaß hebt, ist eben der Charakter des Stephen Hawking. Wie von Außen und von ihm mit seiner Krankheit umgegangen wird, ist das Zentrum des Films (Ach, was du nicht sagst!). In Gesprächen und Interaktionen mit Stephen Hawking kommt es zu einprägsamen Zitaten, Konfrontationen mit einer unangenehmen Wirklichkeit und vielem mehr. Hier punktet der Film, doch ähnlich schon wie ein „Milk“ ist „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ als Einblick in das Leben der Hawkings weitaus interessanter als als Film.

Der Film „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ ist eine schöne Liebesgeschichte, die sich mit biographischen Momenten jedoch das Herz manchmal verbaut und gleichzeitig ist es eine oberflächlich erscheinende Biographie, weil zu viel Liebesgeschichte hineinfällt. In den zwei Stunden Laufzeit wird einem nicht langweilig und entweder ist das Interesse an dem Physiker Hawking oder seinem (und ihrem) Leben geweckt. Doch zu selten wird dies durch den Film zusammengeführt. So nickt man gerne zum Abspann voller Achtung gegenüber eines gut gemachten Porträts, doch zu Ovationen für einen fantastischen Film wird niemand aufspringen.

Featured Image via Flickr by Herbalizer

In den Abgrund geschaut – Das Hässliche im Schönen

Die Jahreszeit der Awardshows hat auf ein Neues begonnen. Die Golden Globes sind schon verliehen, die Oscar Nominierungen sind gerade raus und wieder einmal beschäftigt sich Hollywood damit sich selbst zu feiern.

Wie jedes Jahr gibt es Filme, die zurecht gewürdigt werden und andere, bei denen man* es nicht versteht. Und wie all die Jahre davor fragt man* sich, warum Drama-Kassenschlager auch noch einen Oscar oder Golden Globe ins Maul geschoben bekommen, wenn es doch viele kleine Projekte, mit wenig Budget gab, die einen Preis verdient hätten. Achja und Fincher geht abermals leer aus – Max weint ein bisschen.

Via flickr by Joe Shlabotnik

golden globesOne down, one to go.

Der große Unterschied

Doch neben all diesen Sachen ist es vor allem die Zeit der Preisverleihungen, die uns vor Augen führt, wie  komisch und vor allem heuchlerisch Hollywood oft ist. Denn fast jedes Jahr gibt es ein*n Schauspieler*in, der*die für seine*ihre Rolle vor allem deswegen gefeiert wird, weil er*sie sich hässlich gemacht hat. Vor allem Schauspielerinnen applaudiert man dann für ihren Mut zur Hässlichkeit (man* erinnere sich an Monster mit Charlize Theron, die für diese Rolle schließlich auch den Oscar gewann).

Während bei Männern hauptsächlich über den Gewichtverlust oder die Veränderbarkeit eines Schauspielers gesprochen wird, feiern wir Frauen dafür, dass sie sich von ihrer hochstilisierten, aufpolierten und vielleicht auch bearbeiteten Schönheit auf ein ‘normales’ Niveau herablassen oder gar Hässlichkeit darstellen. Ähnliche Lobeshymnen finden wir eigentlich nur dann, wenn ein heterosexueller Mensch einen Homo-, Trans- oder Intersexuellen darstellt.

Dieser erste Impuls des Respekt für eine*n Künstler*in, der*die eine schwierige Rolle darstellt ist verständlich. Denn am Ende des Tages geht es beim Schauspielern um das Verändern. Nicht ohne Grund finden sich auf den diversen Preisverleihungen regelmäßig Künstler*inn*en, die zu Recht für ihr Talent und ihre Wandelbarkeit gefeiert werden, weil es ihnen gelingt jeden Tag aufs Neue in eine andere Rolle zu schlüpfen.

Aber schauen wir uns doch die Realität an. Die traurige Wahrheit ist: Die Mehrheit Hollywoods ist schlank, ‘schön’ (zumindest nach den Idealen, die uns beherrschen) und vor allem weiß. Sicherlich gibt es Ausnahmen und sicherlich befinden wir uns im Zeitalter von Melissa McCarthy, Viola Davis und Adele an einem Punkt an dem sich das vielleicht ändert. Aber der Backlash den dicke Schauspielerinnen noch immer erfahren (aber nicht ihre männlichen Kollegen, vor allem wenn sie Comedy machen), ganz zu Schweigen von den wenigen Rollen die es für nicht-weiße Schauspielende im Mainstreamkino gibt, macht deutlich: Wir haben noch einen weiten Weg zu gehen.

Rollen für Transexuelle?

Ähnlich wie bei der Diskussion um die Besetzung von Jared Leto in Dallas Buyers Club, muss man* sich zurecht fragen, warum gebt ihr die Rolle einer Transexuellen nicht einer der unzähligen transsexuellen Schauspieler*inn*en? Es ist nicht so, als würde das mit dem Verändern auch umgekehrt so super funktionieren. Wann wird schon mal einer transexuelle Frau die Rolle einer heterosexuellen Frau z.B. in einer RomCom geben? Fehlt euch ein Bespiel ein? Jap, mir auch nicht.

Zwar haben wir mit Laverne Cox endlich eine bekannte transexuelle Schauspielerin, die mit ihrem Talent oder auch dem Times Cover letztes Jahr für Sichtbarkeit sorgt, aber das reicht bei weitem nicht. Denn gerade für die Rolle in Dallas Buyers Club hätte es eine große Auswahl an transexuellen Künstler*inn*en gegeben.

Die ‘hässlichen’ Normalen

Es gibt dort draußen talentierte Künstlerinnen* (und ich verwende hier bewusst nur die weibliche Form), die ‘hässlich’ sind. Oder sagen wir: So aussehen wie du und ich. Aber erst wenn diese sich runtergehungert, unters Messer gelegt und/oder rundum aufpoliert haben, haben sie in der Regel die Chance zum Star aufzusteigen. Noch immer können durchschnittliche Männer leichter erfolgreiche (Kino-)Schauspieler werden, genauso wie sie im Schnitt auch noch immer mehr verdienen als ihre weiblichen Kolleginnen.

Via flickr by Greg Hernandez

Monster_movieWenn man* nicht ins weiße, aufpolierte Hollywoodbild passt.

Manchmal gibt es Ausnahmen. Man* denke nur an Precious und die Hauptdarstellerin Gabourey Sidibe, die es bis zu einer Oscarnominierung gebracht hat. Aber auch hier ist die Realität weit trauriger, als sie auf den ersten Blick erscheint. Denn obwohl sich alle einig waren, dass Sidibe hier eine schauspielerische Glanzleistung vollbracht hat, wer wurde ein Jahr später zu Hollywoods Liebling? Lupita Nyong’o. Zwar hat auch diese ohne Zweifel schauspielerisch überzeugt (und den Oscar gewonnen), aber geliebt wurde sie vor allem auch für ihre Schönheit.

Natürlich gibt es rationale Gründe warum am Ende eine Charlize Theron gecastet wird. Das gute alte Geld, Hand in Hand mit Kommerz und Kapitalismus, führt die Menschen hinter der Kamera zu diesen Entscheidungen. Und auch die Schauspieler*inn*en haben Interesse an solchen Rollen. Garantiert doch Häßlichkeit genauso wie Nacktheit in einem einermaßen guten Film gerade Frauen fast den Oscar. Ach, und nicht heterosexuelle Männer zu spielen war auch bei den Männern nie die schlechteste Entscheidung.

Die politische Message ist nicht genug

Es ist toll, das Filme wie Philadelphia oder Milk Preise gewinnen. Und es ist toll, dass Geschichten über normale, komplizierte, furchteinflößende und hässliche Frauen erzählt und gewürdigt werden. Aber das ist eben nur der erste Schritt.

Mehr Diversität heißt eben auch mehr Geschichten über ‘normale’ Menschen zu erzählen,  über Leben und Erfahrungen von Menschen jeder Hautfarbe, über den Alltag von Leuten aller Gewichtsklassen, über das Lieben und Leiden von Partner*inn*en jeder Sexualität und jeden Geschlechts. Vor allem müssen sie von den Menschen erzählt werden, die es erlebt haben. Und es wäre schön dann auch jemanden zu sehen, der nicht in einen Fatsuit gesteckt wurde, um die Geschichte darzustellen. Dünn sein macht niemanden zu einer*m besseren*m Schauspieler*in, genauso wenig wie ein paar Kilos mehr.

Onkel Oscar teilt aus (2014)

Die Oscars. Endlich. Die Tortur hat ein Ende. In einer prall gefüllten Stunde lassen Anni und ich uns über die diesjährige, aufgeblasene Auswahl aus. 9 Filme sind mindestens zwei zu viel und so verliert man gänzlich den Überblick, was einen sogenannten “Oscar-Film” eigentlich ausmachen soll. Gefühle, Politik oder doch in Wirklichkeit Effekte? Manch einer hätte den zweiten Hobbit-Teil wohl weniger kontrovers als so manchen Film auf der Liste gefunden, doch sei es drum. Es ist endlich vorbei. 2014 wird mit einer hoffentlich besseren Auswahl auftrumpfen können. Zumindest streiten konnte man gut über 2013… oder resignieren.

Via Flickr by ebbandflowphotography

Oscars

Die Oscars 2014… da legst di nieder

  • 00:00 – 22:09 = Bester Film: „Nach einer wahren Geschichte…“
  • 22:09 – 31:38 = Beste Regie: Vision oder keine Vision… die brennende Frage
  • 31:38 – 41:16 = Beste Hauptrolle: Es hustlet gewaltig… in Space!
  • 41:16 – 52:13 = Beste Nebenrolle: Jared Leto und dann ganz lange nichts?
  • 52:13 – 58:36 = Beste Drehbücher: Her American Hustle happened just Before Midnight!
  • 58:36 – 1:03:07 = Mach’s gut 2013 und danke für wenig

“Saving Mr. Banks” oder Oscar-Halbzeit

Noch bis Anfang März müssen wir auf die Königin der amerikanischen Preisverleihungen warten. Als kleine Verschnaufpause zwischen all den anspruchsvollen und dramatischen Filmen, die dieses Jahr nominiert sind, gibt es jetzt eine kleines Bonbon von uns. Alles Wissenswerte zu Saving Mr. Banks, warum wir bisher noch nicht zufrieden sind mit den Oscarnominierten und was den Filmen 2013 gefehlt hat, könnt ihr hier jetzt nachhören. Und die Sahnehaube? Max summt!

Via flickr by Katharinaa

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Vielleicht sollten wir Max einmal bei Reden wir über… featuren, dann kann er mit uns mauzen. Das wäre herrlich!

Es grüßt Onkel Oscar – Liebe

Morgen ist es soweit, die Preisverleihungssaison erreicht mit den Academy Awards ihren vorläufigen Höhepunkt. Wenn ich auf die letzten drei Wochen Filmfieber zurückblicke, dann fällt mir vor allem auf, dass ich zufälliger Weise genau die richtige Reihenfolge für das Anschauenden der Filme gewählt habe. Denn nachdem ich mit Bildspektakeln wie Django Unchained eingestiegen bin, habe ich mich langsam aber sicher immer mehr auf die anspruchsvolleren Werke des vergangenen Jahres hingearbeitet. Mit Beasts of the Southern Wild waren wir endgültig in der Kategorie Drama und damit bei künstlerisch anspruchsvollen Produktionen angekommen. Aber seien wir ehrlich, keine*r meistert diese Kategorie (seit Jahrzehnten) so sehr wie der Österreicher Micheal Haneke.

Sein neustes Werk Liebe zeigt dabei nicht nur ein unglaubliches Gespür für Bilder und Emotionen, sondern präsentiert alle Charakteristika deutschsprachiger Filmkunst. Das liegt ganz klar daran, dass sich Haneke nicht scheut große und komplizierte Themen in den Blick zu nehmen. Kammerspielartig wirft der Film elementare Fragen über Liebe und das Alter auf und schreckt auch nicht vor sensiblen Thematiken wie Sterbehilfe zurück. Angenehm ist, dass der Regisseur und Drehbuchautor weiterhin seinem Stil treu bleibt. So lässt sich beispielsweise Musik (wie schon beim Das Weiße Band) fast gar nicht finden und erklingt nur dann, wenn sie in der Geschichte selbst zum Einsatz kommt.

Ähnlich wie bei Beasts of the Southern Wild wirkt die erzählte Geschichte auf den ersten Blick sehr schlicht und kann in einem Satz zusammengefasst werden: Wir sehen ein altes Ehepaar (Anne und Georges), das mit der Krankheit der Ehefrau kämpft. Dabei ist Liebe nicht nur der ruhigste aller nominierten Filme, sondern hat auch den reduziertesten Cast. Dieser Umstand ermöglicht dem Zuschauenden sich voll und ganz auf die Emotionen und Abgründe der erzählten Geschichte einzulassen und gibt nicht nur dem Drehbuch, sondern auch den beiden Hauptdarsteller*innen den Raum zu glänzen.

Neben dem bewussten (Nicht-)Einsatz von Musik und der eindringlichen schauspielerischen Leistung von Jean-Louis Trintignant und Emmanuelle Riva sind es aber die Einstellungen selbst, die das Werk stark machen. Ohne Furcht zeigt uns der Film Menschlichkeit in all ihren Facetten, scheut nicht vor emotionalen Abgründen zurück und verliert sich nie in Oberflächlichkeit. Am beeindruckensten ist es zu sehen, wie es Haneke gelingt seine übliche filmerische Herangehensweise auf die in Liebe gezeigten emotionalen Themen zu transformieren. So hat er schon vor Das Weiße Band in Funny Games gezeigt, dass es ihm gelingt Gewalt in all ihrer Schrecklichkeit zu thematisieren. Der*die Zuschauende sieht nie die Gewalt selbst, sondern nur ihr Ergebnis und die emotionalen Spuren, die sie hinterlässt. In gleicher Art nährt er sich hier dem Thema Liebe. Obwohl Anne und Georges nur ganz selten zärtlichen körperlichen Kontakt haben, spürt der*die Zuschauende stetig die unerschöpflich wirkende Verbundenheit der Beiden. Doch so sehr wie die Liebe in den Augen der beiden zu sehen ist, so sehr wird uns mit Unbarmherzigkeit der zunehmende Verfall Annes und das Leid der beiden gezeigt. Wir sehen in Georges‘ Wille Anne bis zum Schluss zu pflegen, wie sehr Liebe Selbstaufopferung ist. Im selben Atemzug wird uns dann vorgeführt, dass das gleiche Gefühl den Ehemann langsam in die Verzweiflung treibt. Und das sind letztendlich die zentralen Fragen dieses Werks: Was bist du bereit für deine*n Liebste*n zu tun und aus welchen Gründen?

Haneke zeigt (wie andere deutschsprachige, aber auch europäische Filmemacher*innen), dass es sich auszahlt Einstellungen die Möglichkeit zum Wirken zu geben. Immer dann wenn mensch denkt, dass er*sie es nicht mehr aushält und das Leid Georges oder Annes in jeder Faser seines*ihres Körpers spürt, hält er noch eine Minute länger drauf. Der Mut diese langen, ruhigen Bilder zu zeigen zeichnet Liebe aus. Dabei gelingt es Haneke die Tiefen des Zuschauers zu erreichen. Der Film rührt zu Tränen ohne das der Akt des Weinens befreiend ist. Die Hoffnungslosigkeit, die sich im Film aufbaut, sitzt noch immer in meinen Knochen und ich habe lange nicht so eine anrührende und bedrückende Szene gesehen, wie die, in der Georges in der verzweifelten Suche nach Nähe eine gefangene Taube umarmt.

via flickr by Denis Defreyne

2575813534_61085fc796_bWartet auf die Taube! Spätestens dann heult ihr so jämmerlich wie ich.

Liebe ist ein einmaliges Beispiel einfühlsamer und schonungsloser Filmkunst und hat seine Nominierungen in allen Kategorien mehr als verdient. Leider ist es aber in seiner Art ein zutiefst europäischer Film, der wahrscheinlich neben den amerikanischen Größen (Argo und Lincoln) untergehen wird. Haneke liefert nicht nur ein Drama, das mir nicht mehr aus dem Kopf gehen wird und dessen ausgelöste Emotionen ich noch in Monaten spüren werde, er zeigt auch, dass er in seinem hohen Alter noch wandlungsfähig ist. Egal, was morgen Abend passiert: Seht diesen Film! Denn das ist Kunst, wie sie sein sollte – visuelle schön, aufwühlend und bereichernd.

Es grüßt Onkel Oscar – Beasts of the Southern Wild

Neben dem ganzen Brimborium der Oscars, der Aufregung um Ben Affleck, der Hysterie um Lincoln und den Diskussionen um Django tummelt sich dieses Jahr ein Film unter den Nominierten, der so gar nicht in das Potpourri dieser Preisverleihung passt. Nicht weil er ungerechtfertigt einen Platz in der Kategorie Bester Film bekommen hat, sondern weil es sich um eine waschechte Indieproduktion handelt. Weder kannten wir den Regisseur, noch die Schauspieler*innen vorher und mit seiner reduzierten Geschichte und seinen starken Bildern sticht Beasts of the Southern Wild aus der Masse der Hochglanzproduktionen heraus. Es ist zwar nicht das erste Mal, dass es ein Film dieser Art soweit schafft, aber trotzdem sind es doch eher Filme wie Silver Linings, die wir bei der Königin der Filmpreisverleihungen finden – Filme, die wie kleine Produktionen anmuten, die auch mit deutlich weniger Geld als der gemeine Sommerblockbuster produziert wurden, die aber allein durch ihre Besetzung zeigen, dass es sich hier nicht um einen Überraschungshit handelt.

Beasts of the Southern Wild unterscheidet sich dabei in vielerlei Hinsicht zu dem oben genannten. Am stärksten fällt aber der bescheidene und sehr stark auf Bilder setzende Erzählstil auf. Es ist ein Film, der es schafft allein durch Bilder zu vermitteln, was geschieht und nur in wenigen Szenen durch Dialoge angetrieben wird. Dabei sticht vor allem heraus, dass die Protagonistin ein kleines Kind ist und wir somit die gezeigte Welt durch ihre Augen wahrnehmen. Die Story ist im Verhältnis zu den anderen Filmen schlicht und dreht sich um eine Gemeinde in den Tiefen Louisianas, die von einem Sturm heimgesucht wird. Im Zentrum steht die 6-jährigen Hushpuppy und ihrer Beziehung zu ihrem kranken Vater. Angereichert ist diese auf den ersten Blick traurige Geschichte durch fantastische Elemente, die die Geschichte von einem einfachen Drama unterscheiden.

Faszinierend ist, wie es dem Regisseur Benh Zeitlin dabei gelingt, Ereignisse des Films zu kommunizieren ohne in eine (dialogverseuchte) Erklärwut zu verfallen: So ist dem*der Zuschauenden bereits recht früh klar, dass der Vater Hushpuppy’s schwer krank ist, ohne das die Protagonistin diese Beobachtung schon selbst eingeordnet hat. Dieser Trend, die Bilder sprechen zu lassen, zieht sich durch den Film und zeigt gegenüber Silver Linings das andere Extrem exzellenter Filmkunst. So sehr Silver Linings durch seine Dialoge lebt und sich auf diese konzentriert, so sehr reduzierte Zeitlin das gesprochene Wort auf ein Minimum und arbeitet mit Symbolik und der Mimik und Gestik der Schauspielenden. Allein das wiederkehrende Voice-over Hushpuppys bildet dabei einen gesprochenen roten Faden.

Interessant ist durchaus, wie sich Hushpuppys Naturverbundenheit und Phantasie mit der Geschichte vermischt. So verbindet sich der kommende Sturm mit den Erzählungen der Lehrerin über die Eiszeit, die schmelzenden Polkappen und eingefrorenen Auerochsen. Diese drei Elemente bilden den Grundstock der bildlich aufgegriffenen Symbolik im Film. Gelingt es so auf der einen Seite gut die Bedrohung des Sturms und der Naturgewalten zu vermitteln, ist sie an anderen Stellen nicht überzeugend genug. Gerade der Handlungsstrang um die Auerochsen und dessen Auflösung am Ende des Films sind nicht konsequent und wirken so ein wenig wahllos. Dies ist der einzige Punkt, an dem der Film für mich scheitert, es gelingt ihm nicht die allgemein angestoßenen Fragen oder Probleme mit der eigentlichen Geschichte zu verbinden.

via Wikimedia Commons by DFoidl

Aurochs_reconstructionSo oder so ähnlich haben diese Auerochsen übrigens ausgesehen, auch wenn sie im Film an Schweine erinnern.

Beindruckend ist aber ohne Zweifel die schauspielerische Leistung der Hauptdarstellerin Quvenzhané Wallis, die mit ihren sechs Jahren so manch einen Profi an die Wand spielt. Ihre Darstellung der Hushpuppy ist authentisch, ehrlich und lebt von innerer Stärke. Vor allem gegen Ende des Films, wenn sie im Angesicht des drohenden Todes ihres Vaters Kraft beweisen muss, entwickelt ihre Darstellung die stärkste Durchschlagkraft und emotionale Dichte. Zusammen mit Dwight Henry gelingt es ihr in Beasts of the Southern Wild eine schwierige Vater-Tochter-Beziehung zu zeichnen, die zwar durch Liebe geprägt ist, aber gleichzeitig eine Rohheit innehat, die eine*n nicht vergessen lässt unter welchen Bedingung die beiden ihr Leben leben. Und gerade diese emotionale und intensive Dynamik lassen mich über den oben angesprochenen Kritikpunkt hinweg sehen.

Beasts of the Southern Wild ist ohne Frage einer der interessantesten Filme der diesjährigen Oscarverleihung. Allein der Umstand, dass es der Film soweit gebracht hat und sich zu den Nominierten zählen lassen kann, ist an dieser Stelle ein Wahnsinnserfolg. Allerdings ist es unwahrscheinlich, dass er in der Kategorie Bester Film gewinnt. Die Realität ist leider, dass so ein künstlerisch anspruchsvoller und verhältnismäßig leiser Film neben emotional und politisch aufgeladenen Produktionen wie Lincoln und Argo nicht bestehen kann. Das hat nichts mit seiner Qualität zu tun, sondern mit den Menschen, die die Abstimmungen treffen. Es ist aber auch nicht der Oscar für den Besten Film, der meiner Meinung nach an dieses kleine Indiejuwel gehen sollte. Benh Zeitlin steht mit Beasts of the Southern Wild für eine junge und neue Generation von Regisseur*innen. Neben ihm sind Größen nominiert, die schon gefühlte Tausend Oscars haben und genau deshalb, weil Zeitlin hier brilliert und Ben Affleck nicht mitnominiert ist, sollte er für dieses Werk die begehrte Trophäe als Regisseur bekommen. Leider, leider musste Spielberg aber Lincoln machen und deswegen bereite ich mich jetzt schon darauf vor am Sonntag nicht das Weinglas in den Fernseher zu schmeißen.

Es grüßt Onkel Oscar – Silver Linings

Mein Grundproblem mit Preisverleihungen ist nicht, dass sie zu kommerziell, politisch korrumpiert oder ungerechtfertigt medial gepusht sind. Denn selbst wenn der Idealfall eintreten sollte, nur künstlerisch großartige Filme nominiert sind und alle Beteiligten einen exzellenten Job gemacht haben, läuft es am Ende darauf hinaus, dass die Nominierten verglichen werden müssen. Und da fängt der Salat an, denn wie soll man Les Mis mit Argo und Life of Pi vergleichen? Das eine ist ein Musical, das andere ein politisches Drama und das letzte ein bildgewaltiges Moralstück. Die Genres selbst sind so unterschiedlich, dass es kaum möglich erscheint ein ‚besser‘ oder ‚schlechter‘ auszusprechen. Vor allem bei den Oscars fällt dieses Problem öfter auf, da es hier nur eine Kategorie für den Besten Film gibt. Das ist bei den Golden Globes deutlich besser gelöst, denn dort lässt sich Silver Linings nicht in der gleichen Kategorie wie Argo oder Life of Pi  finden, obwohl es mit diesen zweien zu den stärksten Filmen des Jahres 2012 gehört.

Einen großartigen Film hat mensch dann gesehen, wenn Bild, Geschichte und Ton perfekt harmonieren. Bei Filmen wie A Good Day to Die Hard weiß mensch sofort warum er*sie frustriert aus dem Kino geht – eine unterirdische Story mit einer durchschnittlichen visuellen Umsetzung (auch wenn die Kulissen und Einstellungen hier und da ganz nett waren) machen eben noch kein großes Kinoerlebnis. Aber dann gibt es ja – dem Universum sei Dank – Filme wie Silver Linings, die uns erinnern, warum Kino so viel Spaß machen kann. Dabei gehört das Werk von David O. Russell über die aufkeimende Beziehung zwischen zwei psychisch angeschlagenen Menschen zu den Filmen, bei denen es schwer ist, den Finger auf den eigentlichen Grund zu legen, der sie so gut macht. Es ist nicht so, dass ich im Kino saß und dachte: ‚Wow, was nen guter Schnitt‘ oder ‚Was ne krasse Einstellung‘ und trotzdem war ich hingerissen. Und letztendlich ist das das größt mögliche Kompliment, denn es zeigt, dass hier alle Rädchen so überzeugend in einander gegriffen haben, dass sich die einzelnen Zutaten zu einem wohlschmeckenden Gesamtkunstwerk vereinen konnten.

Wenn es aber eine Sache gibt, die hervorgehoben werden muss, dann sind es die herausragenden Schauspieler*innen. Der Fokus des Films liegt auf der Charakteren, ihren Entwicklungen und somit auch den Dynamiken zwischen denselben. Dabei gibt der Regisseur den Schauspielenden den Raum, den sie brauchen um ihren Figuren Menschlichkeit einzuhauchen. So können alle Figuren, selbst kleine Nebenrollen, einen Eindruck hinterlassen und bleiben im Gedächtnis. Und daher ist es auch keine Überraschung, dass hier ein sorgfältig ausgewählter Cast glänzen kann.

Bradley Cooper ist als der vor kurzem aus der Psychatrie entlassene Pat sicherlich die größte Überraschung, was aber hauptsächlich daran liegt, dass wir ihn bisher nicht aus anspruchsvollen Filmen kennen. Der Kontrast zu seinen bisherigen Filmen (wie The Hangover 1 und 2) sorgt letztendlich dafür, warum alle über ihn reden. Cooper kann wirklich und in echt schauspielern (!) und hat von Anfang an die Sympathien des Publikums. Und selbst wenn er keinen einzigen Preis für diese Rolle bekommen wird, hat er damit eine Tür geöffnet, von der jede*r Zuschauer*in profitieren wird, denn Silver Linings macht Hunger auf mehr.

Neben ihm ist es aber Jennifer Lawrence, die einem*r den Atem verschlägt. Lawrence hat schon in den Hunger Games bewiesen, dass sie auch einem Blockbuster Tiefe geben kann (wobei das sicherlich auch mit dem guten Drehbuch zusammenhing) und setzt hier ihren Siegeszug in einem weiteren ‚richtigen‘ Film fort. Dabei schafft sie es mit ihren Anfang Zwanzig die Rolle einer jungen Witwe auszufüllen, ohne dabei sonderlich jung zu wirken. Ihre Interpretation der Tiffany ist von einer Reife und Zeitlosigkeit geprägt, die nicht dem jungen Alter der Schauspielerin entspricht und endgültig offenlegt, dass wir hier eine der neuen Größen Hollywoods sehen. Letztendlich ist es aber die Chemie zwischen den beiden Hauptdarsteller*innen, die dem Film seine Seele gibt. Dabei gelingt es beiden ihre Krankheit so sympathisch und normal rüber zu bringen, dass mensch sie zu keiner Zeit als krank empfindet.

Getragen wird die sich langsam entwickelnde Liebesgeschichte von starken Nebencharakteren, die von Größen wie Robert De Niro zum Leben erweckt werden. Ich könnte mich jeder dieser Figuren ausführlich widmen, das würde aber leider den Rahmen sprengen, deswegen gebe ich euch mein Wort: Auch hier überzeugen alle bis in die letzte Minute und vor allem die Darstellerin der Mutter Pats, Jacki Weaver, sei hier noch mal hervorgehoben. Auch wenn sie im Vergleich zu De Niro weniger Text hat, berührt Weaver umso mehr mit ihrer Mimik und Gestik.

via Flickr by kylir

8196330713_3fcd3e2149_kDer Silberstreifen am Horizont, the silver lining – danach sehnen sich nicht nur Pat und Tiffany!

Silver Linings ist ein Film, der verhältnismäßig viel Dialog hat und zu keiner Zeit Langeweile aufkommen lässt. Gerahmt werden diese mono- und dialoglastigen Szenen von musikalisch untermalten Zeitraffern, die neben dem sonst sparsamen Einsatz von Musik hervorstechen. Letztendlich zeigt dieser Film, dass es keine gezwungen philosophische Diskussionen, künstlich aufgeblähte Bilder oder CGI in all seiner Vielfältigkeit braucht um eine berührende, menschliche und bewegende Geschichte zu erzählen. Eine gute Story, tolle Schauspieler*innen und eine Kamera ist alles, was da sein muss um einen großartigen Film zu machen. Auch wenn der Oscar wahrscheinlich an Argo gehen wird, ist es allein die erfrischend menschliche Inszenierung der finalen Tanzszene (die ohne zu Zögern in die gleiche Kategorie wie John Travoltas und Uma Thurmans Tanz in Pulp Fiction gehört), die mich dankbar auf das Jahr 2012 zurückblicken lässt.

Es grüßt Onkel Oscar – Zero Dark Thirty

Man merkt, dass man bei weitem nicht mehr als Filmfanatiker gelten darf, wenn man die großen, kontroversen Filme nicht gesehen hat. Es ist ja schön, dass ich euch zu „Breakfast On Pluto“ einen vorhusten kann, doch richtige Diskussionen kann man nur mit Filmen starten, die auch jeder kennt.

Einer dieser Filme sollte in der jüngeren Vergangenheit „The Hurt Locker“ gewesen sein. Über den anscheinend erstaunlich harten und im Vergleich ehrlichen Kriegsfilm wurde viel geredet und ich habe bis heute keine gute Ausrede, warum ich als Fan von Filmen wie „Apocalypse Now Redux“ und „Full Metal Jacket“ „The Hurt Locker“ nicht gesehen habe.

Vielleicht ist das aber – ähnlich wie bei „Les Misérables“ – ganz gut, dass ich erneut Abstand zum etwaigen (Anti-)Hype gegenüber Regisseurin Kathryn Bigelow und ihrem neuen Film „Zero Dark Thirty“ aufbauen konnte. Die zehnjährige Suche nach Osama Bin Laden ist schließlich ein ziemlicher Akt, der erst mal filmisch vernünftig dargestellt werden will.


Die Arschlöcher, die den Trailer gemacht haben, geben den Film völlig falsch wieder

Die Geschichte soll dabei auch der Star sein. Es ist das Interesse an den einzelnen Etappen der Suche nach Bin Laden, die den Film am Laufen hält. Und ich behaupte gleich zu Beginn, dass dieses Interesse nur zieht, wenn man an der Suche nach Bin Laden selbst interessiert war. „Zero Dark Thirty“ versucht nicht zu unterhalten, sondern uns möglichst alle Puzzleteile vor die Füße zu werfen.

Man nehme 15 Minuten Foltermethoden, 10 Minuten Zwischenmenschliches, 5 bis 10 Minuten pro neuer Schritt innerhalb der Untersuchungen (Bombe in London, Bombe in amerikanischer Base, Bombe im Islamabad Mariott Hotel… ihr versteht den Spannungsbogen), dann noch eine Viertelstunde Querelen zwischen CIA und dem weißen Haus, um uns eine knappe halbe Stunde in der tiefsten Nacht zu geben, wenn Osama Bin Laden in Pakistan getötet wird.

So wie ich das gerade aufgezählt habe, klingt das Muster nicht unbedingt spannend (und die Zeitangaben sind über den Daumen gebrochen), aber der Film stellt die Suche nach Bin Laden vom Verlauf her im Stile eines Dokumentarfilms dar. Keine unnötigen Highlights und (bis zum letzten Drittel) kaum Zitate und Dialoge, die einen tatsächlich in Filmstimmung bringen.

Bitte versteht das nicht falsch. Wenngleich einige Teile des Films arg abgehackt wirken und dafür die fast schon zu lange, Titel gebende Nacht-und-Nebel-Aktion zum Abschluss hätte kürzer ausfallen dürfen, sorgt die Story selbst dafür, dass Interessierte (und emotional an das Thema gebundene) kaum eine Sekunde verpassen wollen.

Via flickr by AaronBerkovich
Osama Celebration
Ich behaupte mal, dass diese Menschen sich mehr von Bin Ladens Tod
beeinträchtigt gefühlt haben, als wir in Deutschland

Die Schauspieler sind beim ganzen Projekt nur Mittel zum Zweck. Natürlich wird jetzt viel von Jessica Chastain geredet und sie macht ihre Sache wirklich gut. An ihrem Charakter der Maya soll man die mal trostlose, dann wieder besessene Suche nach dem amerikanischen Staatsfeindnummer Eins nachvollziehen können. Das funktioniert auch gut, doch sobald Zwischenmenschliches oder etwas über den Charakter selbst angedeutet werden soll (z.B. Verzweiflung, wenn ein Kamerad stirbt), fühlt man als Zuschauer kaum etwas.

Die Bindung zum Cast fehlt komplett und das trennt „Zero Dark Thirty“ als gute Geschichte meiner Meinung nach von einem guten Film. Ein Film, der ausschließlich über seine Geschichte funktioniert, der verschenkt Potenzial in den Dimensionen der Bilder, des Wortes und des Schauspiels (um nur einige Punkte zu nennen). Warum der Film für den besten Schnitt nominiert ist, verstehe ich an dieser Stelle übrigens auch nicht.

Am liebsten möchte ich „Zero Dark Thirty“ mit David Finchers „Zodiac“ vergleichen. Auch Fincher hat sich einen echten Fall – wenngleich von kleinerer Tragweite – herausgesucht, der über Jahre und Jahrzehnte spielt. „Zodiacs“ Geschichte selbst ist auch der Knackpunkt des sauber erzählten Films, der den Stil für den folgenden Film „The Social Network“ vorbereitet hat. Doch „Zodiac“ verstand sich mehr als Film und setzte auf Spannung durch das Schauspiel der Akteure, durch Kamerafahrten und einen dichten Soundtrack.

Via flickr by Artifex creation
Black OPs Imperial Gunship signature 1
Das Schlachtschiff der eigentlichen amerikanischen “Helden”… aus Lego!

„Zero Dark Thirty“ versucht dagegen krampfhaft nicht wie ein Film zu wirken, was viele „filmtypische“ Szenen im letzten Drittel (z.B. Maya, die ihrem Chef verstrichene Tage an die Fensterscheibe klatscht und pathetische Dialoge) wie Fremdkörper erscheinen lässt. Wie man ein solches Thema filmischer und auch unterhaltender (womit ich nicht „lustig“ meine) darstellt, zeigt die amerikanische Serie „Homeland“.

„Zero Dark Thirty“ ist ein interessantes Erlebnis für einen konzentrierten DVD-Abend, doch Unterhaltung und Gefühle werdet ihr vergeblich suchen. Gerade für uns Deutsche, die von Terror-Katastrophen bisher verschont geblieben sind, weckt das Thema keine Erfahrungen und Erinnerungen, die sich über eine Dekade wie eine hässliche, immer noch schmerzende Narbe durch unser Gedankengewebe gezogen haben.

Als Film selbst sehe ich Kathryn Bigelows neuen Streifen als keinen großen Wurf an und finde die Thematik zu hektisch auf den Markt geworfen. Mit mehr erzählerischer Dichte, anstatt den Ereignissen selbst zu viel Freilauf zu geben, hätte auch „Zero Dark Thirty“ als einer der großen Hybride aus Journalismus und Fiktion gelten können. Wer Truman Capotes „In Cold Blood“ gelesen hat, sollte verstehen was ich meine.

Es grüßt Onkel Oscar – Argo

Es ist immer schwer eine Kritik über einen guten Film zu schreiben. Denn niemand will lesen, dass alles toll war, Spaß gemacht hat und sowieso irgendwie auch das letzte Bisschen gestimmt hat. Nichtsdestotrotz läuft einem hin und wieder ein Film über den Weg, der genau das ist – einfach gut. Auch wenn mensch meinen würde, dass sich dieses Gefühl bei allen Filmen, die für wichtige Awards nominiert sind, einstellen sollte, ist die Realität doch meist eine andere. Oft sind es andere Gründe, die einem*r eine glückliche Nominierung einbringen. Geld, Politik, Prestige oder einfach nur der Umstand, dass bekannte und geschätzte Filmschaffende nicht rechtzeitig für ihre entscheidende Werke ausgezeichnet worden sind – Sucht euch einen der Gründe aus. Doch zwischen diesen Produktionen, die sich jedes Jahr bei den Oscars finden lassen, gibt es genauso regelmäßig Glanzlichter, die mit einer Leuchtkraft strahlen, dass sie schwer zu übersehen sind. Nicht immer gewinnen sie, was frustrierend ist, aber in anderen Jahren werden sie nicht übersehen. Und wenn mensch sich die bisherigen Filmpreisverleihungen ansieht, dann stehen die Sterne gut für einen solchen Film.

Argo gehört in diese Kategorie und ist ein Thriller, der von vornherein eine eindringliche Dramatik entwickelt, denn schließlich beruht er auf einer wahren Begebenheit. Die Geschichte spielt in den 70ern und dreht sich um den Canadian Caper. Während der Geiselnahme von mehr als 60 Menschen in der US-amerikanischen Botschaft in Teheran gelingt es sechs Angestellten zu fliehen und Unterschlupf im Haus des kanadischen Botschafters zu finden. Nachdem absehbar ist, dass sich der Konflikt nicht innerhalb von wenigen Tagen lösen wird, schmiedet die CIA einen Plan die Geflohenen zu evakuieren. Im Zentrum des Ganzen steht die Figur des Tony Mendez, der als Spezialist für Extraction oder Exfil durch Zufall die Idee entwickelt die Produktion eines Science-Fiction-Films als Coverstory zu nehmen und den Geiseln so neue, kanadische Identitäten zu geben um sie über den Flughafen aus dem Land zu schaffen.

Das Dilemma mit der Verfilmung einer ‚wahren‘ Geschichte ist immer das gleiche. Egal wie authentisch und akribisch die Umsetzung stattfindet, letztendlich ist der Spielfilm selbst ein fiktives Gebilde. Selbst bei Dokumentationen, die auf die üblichen Elemente des Spielfilms verzichten, ist das eine ständig wiederkehrende Debatte. Schließlich zeigen die Macher*innen durch die Kamera das, was sie selbst für sehenswert befinden und produzieren letztendlich ihre eigene Abbildung der Wirklichkeit. Ein Film wie Argo liebäugelt mit diesem Drang zur Authentizität, muss aber letztendlich auch das abliefern, was von einem Thriller erwartet wird – Eine in sich geschlossene Geschichte und einen sich zuspitzenden Spannungsbogen. Diese Elemente meistert der Film mit Bravour, aber es ist der Bezug zu den realen Ereignissen, der dem Film seine Durchschlagkraft gibt. Das soll nicht heißen, dass wir hier eine ‚objektive‘ Darstellung der Ereignisse vorfinden, aber wie Ben Affleck selbst gesagt hat, allein die Tatsache, dass diese absurde Geschichte wirklich passiert ist, macht das Dargestellte so unglaublich interessant.

Das Alles wäre aber bedeutungslos, wenn Affleck hier nicht ein Regiemeisterstück abgeliefert hätte. Argo spricht unglaublich viel über seine Bilder. Er räumt den Einstellungen und Farben Zeit ein zu wirken und nutzt sie so exzellent um mit ihnen zu kommunizieren. Zu keiner Zeit kommen beispielsweise Untertitel (Ort XY oder so und so viel Tage später) zum Einsatz. Allein durch die Kamera und den sehr bewussten und oft zurückhaltenden Einsatz von Musik wird deutlich, ob wir uns im Iran oder Hollywood befinden. Genauso machen mehrmals Schnitte auf alte Nachrichtensendungen oder die Einbindung von alten Talkshows in einzelne Szenen den Bezug zum Realen deutlich und rufen ins Gedächtnis, dass das Gezeigte Wirklichkeit war. Nun ist das alles nicht unbedingt etwas Neues, aber trotzdem ist es nicht selbstverständlich, dass es so wunderschön und rund umgesetzt wird. Argo lebt von seiner dichten Atmosphäre und den Spannungen zwischen der bedrückenden Realität in Teheran, der rationalen Geschäftigkeit in Washington und dem bunten, weltfernen Glamour Hollywoods. Und auch wenn der*die Zuschauende vorher weiß, dass die Geschichte gut ausgehen wird, so rollen sich einem*r in den letzten 15 Minuten fast die Zehnnägel hoch, weil die Spannung unerträglich ist.

Das Alles geschieht ohne unnötige Actionszenen oder Verfolgungsjagten. Es gibt keine dramatischen Explosionen oder rasante Kamerafahrten. Der Film ist gezeichnet von einer inneren Ruhe und Gesetztheit, die schließlich dafür sorgt, dass es einem*r an die Nieren geht, wenn die Protagonisten am Flughafen um ihr Leben fürchten. Und filmerisch lenkt nichts von der Tatsache ab, dass hier nur einige Menschen mit einer guten Idee, Kreativität und verbaler Überzeugungskraft das Überleben der Gruppe sichern. Doch trotz der bedrückenden Schwere der Story gelingt es den Macher*innen hin und wieder Leichtigkeit zu erzeugen und bewusst zu machen wie hirnrissig der entwickelte Plan eigentlich ist. Vor allem zum Beginn der Geschichte profitiert der Film hier von John Goodman und Alan Arkin, die mit Zynismus aber auch Leidenschaft diesen ersten, nahezu lustigen Teil mit Leben erfüllen, als es darum geht, der Welt vorzugaukeln, dass ein SiFi-Film produziert werden soll.

Doch letztendlich ist es auch im Schauspielerischen Ben Affleck, der am meisten Eindruck hinterlässt. Nicht weil er eine besonders beeindruckende Rolle hat oder eine über alles herausragende Leistung abliefert, sondern weil er sich komplett zurück nimmt und den Vordergrund meidet, aber gleichzeitig seine Präsenz immer spürbar ist. Wie der Film selbst strahlt er eine kraftvolle Ruhe aus und ist so das Fundament, auf dem der Rest des überzeugenden Casts aufbauen kann.

via iheartstockings

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Ben hätte die kleine Variante verdient!

Umso überraschter war die Filmgemeinschaft, als die Nominierungen für die Oscars verkündet wurden und Argo zwar als Bester Film, aber Affleck nicht als Regisseur nominiert wurde. Und so ist er bisher der einzige, der sowohl einen Golden Globe als auch den Award der Directors Guild of America gewonnen hat und nicht gleichzeitig Aussichten auf einen Oscar hatte. Sicher ist auf alle Fälle, dass sich Argo bei mir auf den ersten Platz meiner Top 7 katapultiert hat und sowohl einen Preis für das Drehbuch, als auch den Besten Film verdient hätte. Bisher stehen die Sterne gut für Afflecks Werk, doch selbst wenn diese Preise an ihn gehen, wird es nicht darüber hinwegtäuschen können, dass die Academy abermals den Favoriten für die Beste Regie schlicht und einfach übersehen hat.

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