Tag: Allerlei (Page 1 of 2)

Krieg und Frieden und Schießspiele

Wir starren tief in der Abgrund und der Abgrund starrt zurück. Es ist immer interessant, wenn ein (ungescripteter) Podcast in eine gänzlich andere Richtung geht, als wir vorher gedacht haben. Wir wollten über die Verantwortung von Videospielen reden, weswegen Johannes auch gleich in “Reden Wir Über…”-Stimmung ist. Tatsächlich merken wir beide jedoch, dass wir viel grundsätzlichere Probleme mit Scheinheiligkeit, Doppelmoral, Freiheit von Kunst und der Unterscheidung von Hoffnung und Erwartung haben. Dass ich dabei der weitaus knatschigere Zeitgenosse bin, können sich die meisten Hörer bestimmt denken.

 

 

Am Abgrund Links – Natürlich mit der AfD, dem deutschen Wissenschaftsbetrieb und ein bisschen Humor

28 Wochen sind im Jahr 2015 schon vergangen, die Hälfte des Jahres ist rum, der Sommer hat begonnen. Weil wir gehört haben, dass Menschen im Sommer normalerweise raus gehen und so Sachen machen wie “in den Park legen”, “grillen” oder “die Sonne genießen”, versuchen wir euch mit unseren Links aktuell zu informieren. Es muss ja jemand zuhause bleiben und Nachrichten lesen. Hier nun die Dinge, die wir wichtig fanden und mit euch teilen wollen.

ANNI

  • Im deutschen Wissenschaftsbetrieb läuft schon länger etwas schief. Der Mittelbau besteht fast nur noch aus befristeten Stellen und steht damit einer qualitativen Lehre, aber auch der individuellen Planungssicherheit der Arbeitnehmer*inn*en im Weg. Mittlerweile betrifft diese Situation mehr als 80 % aller wissenschaftlichen  Angestellten, schreibt der Freitag und geht der Ursache für diese Lage auf den Grund.
  • Kunst ist noch immer männlich konnotiert. Das sieht man* nicht nur daran, dass mehr männliche Künstler in den Museen hängen, sondern auch daran wie die Kunst von Frauen* noch immer Männern zugeschrieben wird. Der jüngste Fall dazu spielte sich in New York ab und offenbarte,  wie tief das Problem sitzt.

JOHANNES

  • In Frankfurt am Main beherbergt das dortige Deutsche Filmmuseum gerade eine Ausstellung zur Beziehung zwischen Filmen und Videospielen. Auch wir von Mehr Spieler haben uns immer wieder mit dem Thema auseinandergesetzt, in beide Richtungen. Hört mal rein und wer gerade in Frankfurt a. M. ist, kann sich die Ausstellung mal anschauen. Oder ihr zieht euch den den Beitrag von 3Sat rein, der sagt auch genau das, was wir in unseren Podcasts gesagt haben: Der Knackpunkt bei der Unterscheidung zwischen Film und Spiel ist die Interaktivität. Filme sind lineare Geschichten, beim Videospiel haben die Spieler*innen die Möglichkeit – zumindest ganz prinzipiell – in die Handlung einzugreifen.
  • Und um aktuell zu sein, hier noch ein kurzer Kommentar zur Wahl der AfD-Vorsitzenden Frauke Petry. Im Übrigen wäre ich dafür, dass die AfD nicht nur als Partei der alten, weißen Männer bezeichnet wird, sondern statt konservativ eher als anti-modernistisch. Selbst die CDU tut sich mit dem gesellschaftlichen Wandel der letzten Jahre leichter.

MAX

  • Podcast der Stunde: International Waters! Der Comedy Podcast von MaximumFun.org (aka The Jesse Thorniverse) lädt jeweils zwei Komiker aus Großbritannien und Amerika ein, um triviale Wissensfragen und jede Menge Improvisation durch die Boxen zu hauen. Toller Nebeneffekt: man lernt eine Menge neuer Komiker kennen und die jeweiligen Empfehlungen zum Abschluss der Sendungen bergen auch immer mal wieder ein paar tolle Erlebnisse: jüngst der “High Song” bei Conan.

Featured Image by catnipstudio

Mehr Spieler – Deutscher Computerspielpreis

Was soll man da noch großartig sagen? Viel gibt es in Deutschland über Videospiele auch weiterhin nicht zu sagen. Johannes und ich nehmen die diesjährige Verleihung und den Preis an und für sich unter die Lupe und toben uns in knackiger Kürze aus.

Für Interessierte: Auch die Gamestar-Redakteure Andre Peschke und Heiko Klinge haben ihre Gründe den Preis in gewisser Weise zu boykottieren.

Außerdem der “legendäre Etienne’sche Konter”

Das Titelbild kommt via Flickr by FrankBoyd

Am Abgrund Links – 17.02.2014

Jede Woche verbringen wir viel zu viel Zeit im Internet. Doch egal wie oft wir alle durch die Weiten des Netzes surfen, man kann nicht immer alles wahrnehmen.

Deswegen gibt es von uns für euch eine Linksammlung zu den Themen, die uns in der letzten Woche fasziniert haben. Ob Filme oder Games, ob Feminismus oder Politik unser Blog ist so unterschiedlich, wie die Menschen die ihn betreiben – Hier erfahrt ihr, was uns im Kopf geblieben ist.

Via flickr by Mr.Child

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Wenn man* von Schnee nur träumen kann…

ANNI:

  • Letzte Woche kursierte dieses Video im Internet, dass durch den Geschlechtertausch zeigen sollte, wie real Alltagssexismus noch immer ist. Auch wenn es toll ist, dass dieses Video so viele Menschen erreicht (und ich unterstütze jedes Engagement, dass Sexismus als das benennt was es ist), habe ich so meine Probleme mit dem Video. Diese Bedenken hat das Missy Magazine sehr gut in Worte gefasst. Zusätzlich wurde in einem Beitrag von Being Feminist darauf hingewiesen, dass das Video männliche Vergewaltigungsopfer marginalisiert, eine traurige Konsequenz des Umdrehens der Geschlechter.
  • Wie frustrierend es sein kann Feminist*in im Netz zu sein, wird jede*r, der*die einen Blog hat, nachempfinden können. Ein Dank an die Mädchenmannschaft, die aus diesem Frust im Feminist Fun Friday ein Entertainmentprogramm gemacht hat.
  • Dieser Link hier wird wahrscheinlich für Leute, die sich schon länger mit Feminismus beschäftigen nichts Neues zeigen, dennoch ist es schön mal so eine Zusammenstellung von feministischer Kunst zu sehen.

JOHANNES:

MAX:

Aufreger der Woche – Karl-Marx-Gartenzwerge

Ein kleiner Blick hinter die Kulissen eures Nummer-1-Weblogs über Popkultur, Videospiele, hippes Fotographenzeug und Magengeschwüre: Als Blog mit der Tagline “Ein Blog aus, über, für und zeitweilig auch gegen Trier” haben wir natürlich einen direkten Lokalbezug. Für mich war aber klar, dass meine Beiträge diesen Lokalbezug nicht wirklich hergeben und ein Einzwängen in dieses enge Korsett Triers stand für mich damals ausser Frage und wäre ein harscher Eingriff in meine künstlerische Freiheit. Im Geiste Kasimir S. Malewitsch (über den es, sollte das mit der Filmkarriere klappen, einen coolen Agentenfilm im Leipzig der 1970er Jahre geben wird) schrieb ich also meine Texte, nur um festzustellen, dass sich Trier mehr oder weniger unabsichtlich in meine Werke geschlichen hat. Und auch heute, siehe Überschrift, komme ich nicht um unseren Wohnort herum.

roman trier_pilar torresIch wollte auf ein Bild der Porta verzichten. Stattdessen: ein Modell des römischen Trier! By Pilar Torres, via Flickr.com

Schließlich ist die Moselmetropole Trier nicht nur die Geburtsstadt Karl Marx’, sondern auch Ort einer künstlerischen Open-Air-Installation von 500 rotschattierten Karl-Marx-Kunststofffiguren, aufgestellt quasi vor meiner Tür bei der Porta Nigra. Nun kann mensch über Kunst extrem gut, wenn auch sinnlos und am Ende meist mit viel Geschrei verbunden, streiten, aber für mich sind die Figuren ein weiterer Beweis dafür, wie verkrampft das Verhältnis Deutschlands zu Karl Marx ist. Abgesehen davon erinnern die Figuren frappierend an Gartenzwerge, wie auch Spiegel Online herausfand. Verkrampft deshalb, weil beispielsweise Trier viel Geld mit Karl Marx macht und eine Straße nach ihm benennt, letztere aber  im Rotlicht-Viertel liegt und mensch zwar das Geburtshaus von K. M. finanziell fördert, im eigentlich wichtigeren Wohnhaus aber einen Ein-Euro-Shop einquartiert hat. Und nichts zeugt eigentlich von einer größeren Paradoxität als die Tatsache, dass ein solches Fanal der kapitalistischen Logik (ein Produkt zum kleinstmöglichen Preis mit der geringsten Qualität herstellen und zum höchstmöglichen Preis verkaufen) gerade im Wohnhaus desjenigen liegt, welcher ebendiese Logik und ihre Implikationen dekonstruiert hat.

Am schwersten tun sich natürlich konservative Kräfte mit Karl Marx, rütteln dessen Theorien doch an deren Grundüberzeugung, dass unser Wirtschaftssystem im Großen und Ganzen gerecht sei und uns überwiegend Wohlstand beschere. Feiert mensch dann auch noch besagten deutschen Denker und Philosophen, so können diese Konservativen nicht umhin, auch Kritik an der Figur zu üben. Kritik an Marx und seinen Ideen zu üben ist mehr als legitim, sogar sehr nötig. Wenn sie aber so extrem platt daherkommt wie von Bernhard Kaster und Ulrich Dempfle (beide CDU Trier), dann möchte ich mich spontan erbrechen. Die beiden verweisen darauf, dass in Marx’ Namen viel Unheil verrichtet worden sei. Dankeschön. Mit demselben Argument können wir dann bitteschön auch das Christentum verbieten und alle Muslime ausweisen, soviel Unheil wie im Namen ihrer jeweiligen Religion (Kreuzzüge, Attentate, Massaker an sogenannten „Heiden“) verübt wurde (ein Vorwurf, den sich übrigens alle Religionen machen müssen). Vielleicht sollte man auch darauf hinweisen, dass in den letzten zwölf Jahren zwei Kriege explizit im Namen der Demokratie und Freiheit geführt wurden. Wie hoch ist da der Bodycount? Sollten wir deshalb besser nicht zu viel Gutes über die Demokratie sagen? Immerhin wurde in ihrem Namen auch viel Unheil angerichtet.

occupy_sterneckZum Beispiel ziviler Ungehorsam, welcher uns auf unbequeme Art und Weise zu sagen versucht: Es ist vielleicht doch nicht alles gut. By Sterneck, via Flickr.com

Zudem: Was kann die Person von Karl Marx dafür, wenn bestimmte Leute zu blöd oder verblendet waren, um seine Theorien richtig zu verstehen oder überhaupt vernünftig zu lesen? Aber der Vorwurf an Marx, implizit Schuld an jeglicher Form von Autokratie in Russland, China, der DDR oder sonstwo verantwortlich zu sein, wird auf irgendeine Art, siehe oben, ja immer wieder gebracht. Im Zusammenhang mit der Eröffnung der Installation entblödeten sich die JuLis, auch sonst ja Meister*innen in herrlich unpassender Öffentlichkeitsarbeit, eine “Online-Kampagne” zu starten, welche mit Plakaten von autoritären Herrschern wie Stalin oder Mao, inklusive der durch sie verursachten Toten, so etwas wie die dunkle Seite des Marxismus zeigen wollen. Aber diese Penner*innen sagen selbst, dass dort Personen gezeigt werden, die Karl Marx (ZITAT!) “wissentlich oder willentlich missinterpretiert und zum eigenen Zwecke instrumentalisiert” (ZITAT ENDE!) haben. Und wollen somit gleichzeitig gegen die “Glorifizierung” von Karl Marx vorgehen. JA WIE BLÖD SEID IHR DENN! Es ist doch immer die selbe Scheiße mit den selben Kackargumenten (s. o.), welche von den Restopfern des Kalten Krieges da herbeigeschleift wird. An eine Stringenz der Sachargumente wird sich da nicht gehalten, sondern gleich mit den “Opfern  des Marxismus” gewunken. Aber wie verdammt pietätlos es ist, einen Bodycount Sozialismus vs. Kapitalismus oder ähnliches aufzumachen, davon haben diese Leute (alle, welche solche Argumente bringen!) keine Ahnung. Geschweige denn von einer ordentlichen Diskussion. MANN EY!

Wann legt (West-)Deutschland endlich seine antikommunistische Konditionierung, die es noch aus Zeiten des Kalten Krieges mit sich herumschleppt, ab? Wann erkennen die Menschen hier, dass Kommunismus eine mehr oder weniger gleichberechtigte politische Ansicht ist zu Liberalismus, Sozialdemokratie, grüner Demokratie und allen sonstigen Schattierungen, welche die pluralistische Politik so hergibt? Ich selbst würde nie sagen, dass ich Kommunist bin, auch weil ich solche Schubladen für veraltet und obendrein gefährlich halte. Hier aber geht es um Toleranz von anderen Meinungen, um Diskussion und Austausch, um eine Vielfalt von Ideen, welche unser Leben, politisch wie zivil, im Grunde bereichern. Außer Nazis. Die sind scheiße.

Ganz klar: Ich will keine Menschenrechtsverletzung von kommunistischen Regimen verteidigen (auch wenn ich mich dazu hinreißen lassen muss festzuhalten, dass diese Regime selten irgendwas ernsthaft mit dem eigentlichen Kommunismus zu tun haben). Der Zweck, so gut er auch sein mag, heiligt nie die Mittel, wenn die Mittel selbst nicht „gut“ sind, also Menschen schaden. Da hält Mensch es am einfachsten mit dem guten alten Immanuel Kant, der in seiner “Metaphysik der Sitten” folgenden alternativen kategorischen Imperativ vorschlug:

“Handle so, dass du die Menschheit sowohl in deiner Person, als auch in der Person eines jeden anderen jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.” – Menschheitszweckformel, in: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten (1785), BA 67

Nach diesem großen Klugschiss wieder zurück zum Thema. Statt sich beständig vor Marx zu fürchten, sollte mensch viel eher dazu übergehen, ein positives Verhältnis zu diesem Mann zu entwickeln. Immerhin sind seine Überlegungen mehr oder weniger der Ursprung so wichtiger politischer Gruppen wie der Arbeiterbewegung, ohne die der auch von Konservativen so hoch verteidigte Sozialstaat nie das Licht der politischen Bühne betreten hätte. Zu Schade, dass das Licht des Sozialstaats heutzutage nicht mehr so hell scheint wie noch vor knapp sechzig Jahren (um eine westdeutsche Sicht einzunehmen, denn für viele Ostdeutsche stellte sich nie Frage nach einem Sozialstaat: der war einfach Fakt). Besonders in Zeiten der politisch erklärten „Alternativlosigkeit“ von Entscheidungen sollten wir auf Marx’ Analyse unseres Wirtschaftssystems immer wieder zurückgreifen. Sie ist quasi das Gewissen, welches uns immer wieder fragt, ob wir den Scheiß, den wir da kaufen, wirklich brauchen oder ob dieser nicht wieder nur ein Fetischobjekt für unser gesellschaftliches Sein darstellt.

Marx_oldEs ist mir herzlich egal, ob so ein Bart nun ein Fetischobjekt der kapitalistischen Marktlogik ist oder nicht: Ich will auch so einen Rauschebart! Via Wikimedia Commons

Weil Marx bis heute wichtig ist, wichtiger als Goethe und Schiller, wichtiger als Bach und Beethoven, wichtiger als Bismarck und Adenauer, genau deswegen sollten wir uns mehr mit Marx auseinander setzen und zu dieser Person und seinem Denken eine Meinung entwickeln, anstatt eine unbegründete, weil gesellschaftlich geförderte Angst empfinden. Mensch muss Marx ja nicht mögen, aber mensch sollte wenigstens wissen, was Marx so geschrieben hat. Ob Karl-Marx-Gartenzwerge dazu führen, da habe ich allerdings meine Zweifel dran.

Shelfmade

Ich bin eine große Freundin von Ästhetik. Dinge, die mich ästhetisch ansprechen, machen mich glücklich. Das führt leider auch oft dazu, dass ich Dinge besitzen möchte, die nicht unbedingt sinnvoll sind, aber allein durch ihre Anwesenheit meinen Tag verschönern. So wie der Teewagen, den ich letzte Woche gekauft habe. Auch wenn ich keinen Platz in meinem Zimmer habe, meine Mitbewohnerin mich zurecht unermütlich darauf hinweist, dass ich doch bitte nicht immer diesen Flohmarktkram anschleppen soll (weil auch im Rest der Wohnung der Stauraum rar wird) und ich sowieso zu viel Zeugs habe; Das Teewägelchen war von solcher Schönheit, dass ich es besitzen musste, in dem Wissen, dass ich irgendwann Platz haben werde (oder Platz dafür mache… oder so)!

Regale und RaumteilerMit Parasit zeigte Inge Armbruster in der Austellung Shelfmade wie sich einfache Formen zu einem verspielten und ästhetischen Ganzen zusammenfügen. ©Dirk Mentrop

Ich bin eine große Freundin von Funktionalität. Nichts ist befriedigender als ein Möbelstück, das wenig Platz wegnimmt und trotzdem unglaublich viele Dinge in sich aufnehmen kann. Gerade als Studentin (oder eine Person in einer vergleichbaren finanziellen Situation) ist es von Vorteil Aufbewahrungssysteme zu haben, die auch einen Raum von 11 m² optimal ausnutzen können. Egal ob clevere Ideen zum Aufhängen von Tassen, Schränke, die sich perfekt in kleine Nischen schmiegen, oder Tische, die mensch in der Wand verschwinden lassen kann, nichts erleichtert das Aufräumen und ordentlich Halten so sehr wie funktionale Möbel.

Regale und RaumteilerLego mal ganz anderes –  mit W/Mood gibt Natalie Heinz der Einfachheit ein neues Gesicht. Leicht zu transportieren und jedem Raum anpassbar, was will mensch mehr? ©Dirk Mentrop

Aber wenn ich ganz ehrlich bin – und das kommt natürlich total unerwartet (note the irony) – bin ich eine Freundin davon, wenn sich diese beiden Aspekte zusammenfügen. Denn was kann es besseres geben, als ein Gerät oder Möbelstück, das diese beiden Extreme verbindet?

Regale und RaumteilerWer kennt sie nicht, die leidige Suche nach einem schönen Schuhreagl? Falter 3.0 von Anja Knodel hat alles, was zu einem guten Möbelstück dazu gehört: Funktionalität, schlichtes Design und tolle Materialien! ©Dirk Mentrop

Nun erzähle ich hier niemandem etwas Neues und nicht erst seit den Geburtsstunden von IKEA streben Produktdesigner*innen und Innenarchitekt*innen die Verschmelzung dieser beiden Elemente an. Wie andere große Fragen, die die Menschheit bewegt haben, kommt sie aber nie aus der Mode, da die Antwort eben keine einfache, sondern eine komplexe ist.

Regale und RaumteilerEinem ganz anderen Thema widmet sich Timo Knauer mit mOld, indem er es schafft raue Materialien und minimalitische Schlichtheit in ein Möbelstück zu gießen. ©Dirk Mentrop

Es sollte also niemand vor Überraschung aus allen Wolken fallen, dass sich die Studierenden der FH Trier in einem Projektseminar diesem fast schon philosophisch anmutenden Problem angenommen haben. In der Ausstellung Shelfmade, die mensch letzte Woche Mittwoch besuchen konnte, näherten sie sich am Beispiel des Regals der Gretchenfrage: Praktisch oder Schön?

Regale und RaumteilerNach dem Teewagen-Vorfall bin ich ziemlich sicher, dass das Pendel bei mir in Richtung ‘schön’ schwingt, weswegen mir NOduS von Swantje Reinke sofort ans Herz gewachsen ist. Der Mut zum etwas anderen Material hat sich gelohnt! ©Dirk Mentrop

Die Ergebnisse könnten nicht unterschiedlicher sein, genauso wie die Qualität der ausgestellten Stücke. Wandelte mensch durch die Aula am Paulusplatz, dann konnte mensch eine abwechslungsreiche Fahrt durch die unterschiedlichsten Eindrücke erleben. Von ‘Das hab ich doch gestern im Ikea-Katalog gesehen’ über ‘Wow, so einfach und so genial’ bis zu ‘wie wunderherrlichst, ich will es haben’ ist alles dabei gewesen. Besonders interessant waren aber nicht nur die einzelnen Stücke, sondern die individuelle Präsentationen. Denn jedes Möbelstück hatte einen eigenen Flyer, der am Ende mit anderen zu einer Broschüre zusammen geklippt werden konnte. So ist es den Besuchenden möglich gewesen sich einen individuellen Ausstellungskatalog zusammenzustellen. Es blieb also jedem*r selbst überlassen, ob er*sie nur seine Lieblingsstücke in Text und Bildform mit nach Hause genommen hat oder auch die weniger gefälligen für sich dokumentierte.

Neben diesem praktischen Aspekt verdeutlichte diese Werbeentscheidung aber auch, wie wichtig eine gute Präsentation ist. So sehr sich die Möbel selbst unterschieden, so sehr taten sich Lücken in der Qualität der Beschreibungstexte auf. So sind es die Konzeptstücke – die durch den ‘Werbetext’ noch leichter als solche zu identifizieren sind – die mich am meisten beeindruckt haben.

Regale und Raumteiler“Dabei hält sich die vergleichbare Nutzbarkeit in Grenzen, was den parasitären Chakater des Regals unterstreicht.” Bei keinem anderen Regal verbinden sich Text und Ausstellungsstück zu so einem vollkommenen Ganzen wie bei Parasit. ©Dirk Mentrop

Trotz dieser leisen Kritik ist es bemerkenswert, was die Studierenden im mittlerweile 4. Semester hier geleistet haben. In der MItte ihres Studiums zeigen sie, was alles möglich ist. Diese Erfahrung bekam aber eine ganz neue Dimension, wenn mensch sich beim Besuchen der Ausstellung bewusst machte, dass die Möbel zu großen Teilen aus Eigenmitteln der Studierenden finanziert wurden. Auch wenn es in allen Studiengängen, egal ob Kunst, BWL oder den Geisteswissenschaften der unterschiedlichsten Couleur, Voraussetzung ist, dass Studienmittel selbst gekauft werden, wird einem*r deutlich, wie groß die Unterschiede zwischen den Studienrichtungen sind. Während ich als Studentin der Geschichte meine Kosten reduzieren kann, indem ich Bücher nicht kaufe, sondern in die Bibliothek gehe, ist die Studienrealiät hier eine andere. Und auch wenn es bestimmt viele Möglichkeiten gibt mit Sperrmöbeln oder preiswerten Produkten toll neue Dinge zu schaffen, gibt es sicherlich nicht wenige Studierende der Innenarchitektur in Deutschland, die schon manches Projekt fallen lassen mussten, weil sie sich bestimmte Materialien nicht leisten konnte. An der Qualität dieser Projekte hängt aber in diesem Fall der Erfolg des Studiums, während es meinen Lehrenden am vom-Lesen-gekrümmten Rücken vorbei geht, ob ich meine Fachliteratur in der Bib kostensparend klein kopiert oder neu gekauft gelesen habe.

Bin ich die einzige oder finden das noch mehr Menschen ein bisschen schade?

Regale und RaumteilerSo vielfältig wie die deutsche Studienlandschaft ist das Regal standART 827 von Leonie Steinfelder. Von zwei Seiten benutzbar ist es der ideale Raumtrenner, der, egal ob Tasse oder Hausarbeitenordner, allen Dingen individuellen PLatz bietet. ©Dirk Mentrop

Diesen Exkurs in die Poiltik beiseite war das Besuchen der Ausstellung durchaus ein Genuss. Auch wenn nicht alle ausgestellten Stücke das Rad neu erfunden haben, sind genug interessante und mutige Möbel dabei gewesen, die sowohl in Konzeption, als auch Material variiert haben. Mensch ging mit dem Wunsch nach Hause eins der Regale besitzen zu können oder selber ein cooles Regal zu bauen. Da mein Durchhaltevermögen im Heimwerken beim Häkeln und Stricken aufhört, werde ich wohl weiter alte Teewägelchen kaufen, aber jetzt weiß ich immerhin, welches Regal perfekt dazu passen würde.

Regale und RaumteilerEin Regal aus Stoff? Alles ist möglich. RollIt  von Bernadette Wilbs ist nicht nur leicht, sondern auch felxibel und gehört damit zu einem der interessantesten Stücke der Ausstellung. ©Dirk Mentrop

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(CC-BY-NC Anne Schaaf)

Auf ein Bierchen mit den Kollegen vom Volksfreund

Der erste Schnee hat irgendwie ganz schön viel aufgewirbelt.

Erstens bin ich so erkältet, dass ich endlich bei Bauchklang mit einsteigen könnte, um mich gemeinsam mit Alex Boeck um die Human Bass Parts zu kümmern.

Zweitens kann man die Stimmung, die bei der Podiumsdiskussion über die Tarifreform der Gema am vergangen Montag herrschte, definitiv nicht als friedlich bezeichnen.

Und zu guter Letzt kam´s dann heute noch zu einigen Reibungen wegen eines Volksfreund-Artikels, der leider zeigt, dass das mit dem Senden und dem Empfangen von Botschaften manchmal gar nicht so einfach ist.

Zu dieser kalten Jahreszeit komme ich in Anbetracht dieser ungemütlichen Diskussionen  nicht umhin, Spaceman Spiff zu zitieren und zu sagen: “Wir bewerfen uns mit Schnee von gestern“.

Dass Kunst und Medien sich des öfteren beissen, also dementsprechend auch Künstler und Journalisten sich manchmal nicht ganz koscher sind, ist kein Geheimnis.

Ich kann derzeit nicht klar sagen, ob die Tatsache, dass ich einige Kunst-Projekte und Kulturveranstaktungen (mit)organisiert hab, aber gleichzeitig seit 10 Jahren als freie Journalistin arbeite, mich meiner Neutralität beraubt oder es mir erlaubt zu behaupten, dass ich meine Pappenheimer auf beiden Seiten kenne.

Was ich jedoch im Moment ohne Zweifel äußern darf ist, dass der Artikel über Automatic Painting, sowie die darauf folgende Diskussion mit dem Veranstalter, einigen Besuchern der Veranstaltung und einem Mitarbeiter des Mediums in dem der Artikel veröffentlicht wurde, mir Bauchschmerzen bereitet hat.

Ich war am vergangenen Samstag pünktlich um 18:00 Uhr vor Ort und wollte mir eigentlich nur in Ruhe die Zeichenmaschinen anschauen, an denen die Macher und Organisatoren Mario Schmidt und Veronika Batzdorfer sich innerhalb der kurzen Vorbereitungszeit ernsthaft abgemüht hatten. Ich bekam, wie alle anderen Anwesenden in dem kleinen Raum,  die Gespräche zwischen der Journalistin und den beiden Organisatoren mit und musste mir schon ein Räuspern verkneifen, als ich von der  Dame  selbst hörte, dass sie vor dem Betreten des Raumes nicht wirklich gewusst habe, um was es ginge.

Da ich jegliche Unsachlichkeit meinerseits verhindern möchte, habe ich mich rückversichert und geschaut, was man bei der schlichten Eingabe des Suchbegriffes “Automatic Painting” bei Google so finden kann. Der erste Eintrag verweist auf einen, wenn auch nicht mit Referenzen, dann doch mit informativen Angaben versehenen Wikipedia-Artikel zum Thema. Der Link zu der Seite von Papergirl Trier und dem benannten Event steht sogar schon an vierter Stelle und enthält wiederum Verweise auf das Projekt “We Convert Our Mind To Creativity”.

Nicht alle Personen, die an diesem Projekt mitarbeiten haben Erfahrungen mit der Presse, aber man darf die vorliegenden Texte als verständliche Grundlage für die Konzeption eines Fragegerüstes ansehen. Zudem kann ich aus persönlicher Erfahrung sagen, dass Leute, welche noch nicht so oft mit der Presse in Kontakt gekommen sind, oft, logischerweise ehrlicher auf Fragen antworten und des öfteren auch Journalisten nicht darauf hinweisen, dass die eben gestellte Frage eigentlich relativ sinnfrei, zu generell oder ähnliches war. In solchen Situationen stellt sich also die Frage, ob man sich gezielt aneinander herantastet oder ob man es bleiben lässt.

Ich habe in diesen Sommer gemeinsam mit Michel einen Talk auf der Haxogreen  in Luxemburg gehalten, in dem es uns wichtig war, zu vermitteln, wie schnell es innerhalb der Berichterstattung trotz teils sogar gut gemeinter, aber dumm gelaufener Kommunikation zu unerwünschten und vor allem nicht informativen Resultaten kommen kann. Und es hat leider in eben diesem Kontext etwas (Traurig-) Ironisches, zu merken, dass Menschen oftmals verschiedene Sprachen sprechen ohne es zu merken.

Ich hatte innerhalb der heutigen Diskussion unter anderem angemerkt, dass ich Kopfschmerzen bekomme, wenn ne Journalistin im Rahmen der durch das MaKey MaKey-System generierten Geräusche von “DJ-tauglichem Scratch-Sound” spricht. Abgesehen davon, dass der Vergleich in doppelter Hinsicht jeglicher Logik und Sachkenntnis entbehrt, können sich (vor allem die Volksfreund-) Leser nix darunter vorstellen.

Und eben dieser Punkt stört mich am meisten. Warum, für wen und was wird wie berichtet?

Der Kollege vom Volksfreund merkte an, er könne außer dem nun benannten, sonst keine inhaltlichen Fehler feststellen. Und eben hier liegt das Problem: Auch wenn es inhaltlich nicht falsch ist, wage ich zu bezweifeln, dass die Leser sich zum Beispiel dafür interessieren, wo Mario Schmidt arbeitet (ausser vielleicht sein Chef, der sich sicherlich darüber freuen wird zu lesen, dass der Arbeitnehmer nen Ausgleich von der Arbeit braucht) oder dass die Leser nicht von alleine merken, dass der DJ, mit dem Namen Nicolas Waters nicht unbedingt aus dem Saarland stammt.

Ich muss zudem schmunzeln, wenn ich sehe, dass in dem doch recht kurzen Artikel unbedingt angemerkt werden muss, dass die Roboter nicht alle gleichzeitig auf Anhieb ne riesen Show boten. Die werte Dame behauptet in ihrem Artikel: “das Projekt hakt etwas daran, dass die meisten Maschinen nicht funktionieren”. Tut es das wirklich? Schafft diese Info nen Mehrwert für den Leser? Hat die Journalistin den Sinn der Veranstaltung wirklich verstanden oder vor allem verstehen wollen?

Ich lasse diese Fragen bewusst offen und merke nur an, dass es sich bei den Konstruktionselementen (wie ihr es auf den Bildern sehen könnt) augenscheinig um gezielt zweckentfremdete Gegenstände handelte und dass alle, aber wirklich alle Roboter nach kurzer Betreuung kleine Kunstwerke schufen.

Wir haben den größten Teil der Veranstaltung mit einer 9-Jährigen verbracht, die nun unter anderem weiß, dass auch Bananen Strom leiten können und ich sprach mit einem angehenden Grafiker, der bewundernd vor den einzelnen Maschinen stand und sich, seiner eigenen Aussage nach, darüber freute, zu sehen, wie es ausserhalb seines Tätigkeitsbereiches zugehen kann, wenn die Rahmenbedingungen für ein zu schaffendes Werk nicht zu eng geschnürt sind.

Meiner ganz persönlichen Meinung nach, sind solche Projekte, gerade wenn sie von Menschen organisiert werden, die nicht in in der eigenen künstlerischen Profilneurose ersticken, sehr wertvoll, da sie wirklich niemanden (und dementsprechend auch keine Volksfreund-Leser) ausschließen und für jeden (auf seine eigene Art) ne kleine Horizonterweiterung bieten.

Gerade deswegen kann ich dann Reaktionen auf die Kritik am Artikel, wie “Eure Statements  sind eine richtige Ermutigung für alle, die versuchen, im TV mehr “neue Kulturszene” unterzubringen. – (Ironie-Modus aus)” oder “Ein großer, alter Tanker wie der TV muss sich an neue Kunst-Formen ja auch erstmal rantasten” nicht nachvollziehen und verkneife mir leider auch ein müdes Lachen über diese Haltung nicht.

Viele oder fast die meisten Themen in diesem Bereich sind so “sperrig” (O-Ton Volksfreund-Journalist) wie man sich sie selbst macht. Und der TV kann sich gerne selbst als veraltetes Gefährt bezeichnen (denn das hat keiner der Diskutanten gemacht), aber das entbindet ihn nicht von der Tatsache, dass die Gewässer auf denen er so schippert, fließen und nicht eingefroren sind.

Wir schreiben das Jahr 2012! Die Pflicht ein Mindestmaß an vorheriger Recherche zu praktizieren ist für jeden, der sich Journalist schimpft, verbindlich und wenn man Menschen , die nicht vom Fach sind, Bilder für Artikel schießen lässt, dann sollte man (und vor allem die freien Mitarbeiter, sich selbst) über die Standards und die Gesetzeslage zu Bildrechten* informieren.

Medienbashing ist unglaublich out und zeugt eher von einem nicht vorhandenen Verständnis der Sachlage und der Arbeit, die ne anständige Berichterstattung bereiten kann, aber knappe humane Ressourcen etc. sprechen einen nun mal nicht von journalistischer Qualität frei.

Ich wohne seit fast 3 Jahren in diesem kleinen Städtchen und werde so bald nicht aufhören, mich für das was hier passiert zu interessieren und zu begeistern. Es gibt eine hohe Anzahl an motivierten Menschen und damit meine ich längst nicht nur die “neue Kulturszene” (die gar nicht so neu ist). Es geht eben gerade nicht um abgeschottete Personenkreise, sondern um Menschen, die die Möglichkeit zur sinnstiftenden Interaktion immer mehr öffnen. Man muss der Omma aus Pallien, das Thema nicht gekünstelt schmackhaft machen, sondern selbst verstehen, warum die ältere Dame eventuell richtig Spaß gehabt hätte, wenn sie unter anderem die Veranstaltung am Samstag besucht hätte.

Die l´art pour l´art – Attitüde soll und kann heutzutage überhaupt nicht mehr aufgehen und genau deswegen sind spielen sowohl Kulturveranstalter, als auch die Medien eine wichtige Rolle und sollten daher auch mal in die Pötte kommen und schauen, dass sie so miteinander reden, dass sie sich sogar ansatzweise verstehen und der Leser/Zuhörer/etc auch noch was davon hat.

Ressentiments und die Überwindung eben dieser beiden Elemente ist nun mal Teil des Jobs.

Take it or leave it.

(* Ich musste die Journalisten darauf aufmerksam machen, dass die Minderjährige, die sie gerade ablichten wollte und die sie ohnehin nicht mal selbst gefragt hatte, kein Einwilligungsrecht inne hat.)

Indiespiele und die Kunst

Im letzten Podcast hatten Max, Walde und ich versucht, möglichst knapp aber mit angemessener Ausführlichkeit das weite Feld der Indiespiele zu beackern. Inwiefern dieses Unterfangen fruchtbar war, davon könnt ihr euch hier selbst überzeugen. Mir persönlich ist dabei leider ein Aspekt etwas zu kurz gekommen, dem ich diesen Blogeintrag widmen möchte: Dem Verhältnis von Indiespielen und der Debatte ob Videospiele Kunst sein können oder nicht.

Diese Katze kontempliert gerade die Stellung von Arcadeautomaten der frühen 1980er in der populären postmodernen Kunst der frühen 2000er und deren Rückbezug auf die antike Vasenmalerei der attischen Halbinsel zwischen 500 und 300 v. Chr. Via jenbooks

 Zunächst muss ich vorher aber natürlich auf Max’ Blogeintrag verweisen, in dem er besagte Debatte für euch etwas aufrollt. Der Kernpunkt dieses Streits um Kunst oder Nicht-Kunst lässt sich darauf reduzieren, dass Kunst letztlich im Auge der Betrachtenden liegt und grobe Generalisierungen (Film ist Kunst! Malerei auch! Comics nicht! Warum? Keine Ahnung! Weil, halt!) eher zu vermeiden sind. Vielleicht lässt sich Kunst auch erst im Nachhinein feststellen. Niemand geht in einen Film oder schaut sich ein Bild an und weiß von vorneherein „Aha, nun konfrontiere ich mich mit Kunst!“ Viel eher entsteht doch Kunst durch die bewusste Reflexion über das Werk und die Frage, welche Auswirkungen dieses Dingsbums auf unser Leben, Denken oder Fühlen hat. Kunst entsteht letztlich also (vielleicht) durch die Interaktion mit dem Werk, sei sie nun aktiv, passiv oder rein intellektuell.

Soviel meine Gedanken zum Thema Kunst und bevor ich mich jetzt anhöre wie ein Kulturwissenschaftler kehre ich mal schleunigst zum eigentlichen Thema zurück: Indiespiele. Wenn man über Kunst redet, fallen den meisten Menschen wahrscheinlich direkt Bilder ein, seien sie die „alten Schinken“ wie von Rembrandt oder Da Vinci, oder die neueren Werken von Miro, Warhol oder Malewitsch. Auch Videospiele machen vor diesem Primat des Visuellen nicht halt: Betrachtet man die erfolgreichen Indiespiele, dann fällt auf, dass sie alle einen eigenen, bestimmten Grafikstil verfolgen. Minecraft hat den reduzierten Retro-Look im Mainstream verankert, Limbo auf einen starken Licht/Schatten-Kontrast gesetzt, Super Meat Boy schlug in die gleiche „Old School“-Kerbe wie Mojangs Millionenhit und weckte wohlige Erinnerungen an die Zeit der 8- und 16-bit Plattformer. Jüngere Beispiele wie Rock of Ages orientieren sich an den Zeichentricktechniken der Monthy Python-Animationen, Botanicula und Machinarium sind in einem ähnlichen Zeichenstil entworfen, welcher irgendwo zwischen Neugier, Faszination (Botanicula) und fröhlicher Melancholie (Machinarium) liegt. Defcon und sein Nachfolger präsentieren die absurd hohen Opferzahlen eines nuklearen Krieges in der klinischen Form einer NATO-Übung und Trine nimmt der geneigten Spielerin und dem geneigten Spieler fast den Atem vor lauter grafischen 2½D-Opulenz. Es ist also das visuell in sich stimmige Design, welches diese Spielen, die alle nur Vertreter des Meta-Genres „Indiespiele“ sind, letztlich von den AAA-Titeln des Massenmarktes abhebt.
Denn die großen Marken versuchen immer stärker auf Photorealismus und grafischen Bombast zu setzen (z.B. Crysis oder die Damen und Herren von Rockstar), einem Ziel, das sie wohl nie erreichen können. Im Falle von Ego-Shootern, zumindest den aktuellen „Modern Warfare“-Clones wie Medal of Honor, Battlefield 3 usw. hat dies zu einer gewissen „realistischen“ Farblosigkeit geführt, dominiert von Grau, Oliv und Beige. Zwar mag dies dem gewünschten Grad an Realismus entsprechen, der visuellen Stärke des Mediums Videospiele gereicht dies aber nur schwerlich zur Güte. Da haben Spiele mit phantastischem Hintergrund, wie Painkiller oder jetzt Halo 4, bessere Karten.

 Aber Indiespiele heben sich auch jenseits der Grafik von der restlichen Masse an Titeln ab. Auch mechanisch überzeugen sie oft. Denn meist konzentrieren sich die genannten Titel auf einen bestimmten Aspekt, welcher mit allen Facetten und dem ganzen Können der Crew zur Blüte gebracht wird. Bei Trine sind es die Physik-Rätsel, ähnlich wie in Braid und Limbo. Super Meat Boy ist Jump ‘n Run par excellence, To The Moon ist eigentlich eine pseudo-interaktive Geschichte und Amnesia erzeugt eine Stimmung, welche so dicht und schnittfest ist, dass empfindliche Gemüter wie ich es nicht länger als eine Stunde aushalten. Die hochbudgetierten Massenspiele müssen dagegen im besten Falle mehrere Spieler*innentypen gleichzeitig ansprechen: Hier brauchen wir was für den Rollenspieler, dort für die Actionspielerin, hier eine Prise Taktik und Strategie, dort bitte noch eine Schleicheinlage einfügen und kriegen wir hier hinten noch mal etwas Horror hinein? Bestes Beispiel hierfür ist die Assassin’s Creed-Reihe, welche in ihren Sequels immer neue Aspekte aus anderen Genres mehr oder weniger halbherzig eingeführt hatte, um auch jedes noch so kleine Marktsegment zu befriedigen und für maximale Abwechslung zu sorgen. Herausgekommen ist dabei aber eine ab dem zweiten Teil etwas fade schmeckende Brühe, die nach ein paar Spielstunden anfängt, sauer zu riechen.
Indiespiele hingegen verfolgen eine bestimmte, fast künstlerische Hingabe an ein bestimmtes Ziel und können deshalb so fesseln. Sie unterliegen nicht dem Zwang, Kompromisse in ihrem Spieldesign eingehen zu müssen und können sich deshalb auf ihre Stärken konzentrieren und ihre Schwächen in Kauf nehmen. Aber diese Schwächen werden sehr oft von der brillanten Umsetzung der Mechaniken oder Konzepte überstrahlt und fallen deshalb weniger auf.

Außer Spore. Spore hatte immense Schwächen. Aber deshalb war’s ja auch kein Indiespiel. via anitakhart

 Nicht zuletzt ist Kunst auch immer zuerst solides Handwerk: Kein Maler, der nicht ordentlich malen, kein Musiker der nicht ordentlich sein Instrument beherrscht, kann hohe Kunst schaffen. Das Entwerfen von Spielen ist ebenfalls ein Handwerk und wenn alle Teile stimmen und ein solches Spiel, egal ob nun Independent oder Triple A, in sich ein stimmiges Bild abgibt, dann, ja dann können auch so eigentlich alberne Dinge wie Videospiele Kunst sein. Aber meiner Meinung nach geht die ganze Debatte um Kunst oder Nicht-Kunst am Kernpunkt von Videospielen vorbei. Die eigentliche Frage lautet doch: Macht es Spaß? Denn darum geht es doch letztlich beim Spielen: Spaß zu haben und, in Anlehnung an Friedrich Schiller, im Spiel ganz Mensch zu sein.

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