Tag: immer wieder Ubisoft

Pub-Parcours: Das Assassinen-Anspielevent von Ubisoft

Oft kritisieren wir ja genau diejenigen sehr scharf, die wir eigentlich mögen. Ein schweres Schicksal für Kinder mit strengen Eltern, Musiker*innen mit dem frisch erschienen zweiten Album sowie für Videospieleentwickler*innen und -Publisher*innen. Beispiel Ubisoft: Manchmal fühle ich mich fast schlecht, wenn wir mal wieder in einem Podcast den französischen Spieleriesen aufs Korn nehmen. Aber dann muss ich nur an spektakuläre Fehlschläge wie Assassin’s Creed: Unity, die Verjüngung und Casualisierung von Splinter Cell oder auch den genialen, unheimlich nützlichen (/Ironie) Kopierschutz Online-Client Uplay denken.

Dann weiß ich: Kritik ist absolut berechtigt. Vor allem blutet mein Herz immer dann, wenn es um Assassin’s Creed geht, eine Reihe, deren ersten Teil ich trotz seiner Wiederholungen immer verteidige, deren zweiten Teil ich sogar mit Begeisterung spielte. Mit Brotherhood und Revelations war klar: Die Serie wird gnadenlos gemolken, was mich allerdings nicht davon abhielt, auch den dritten Teil zu spielen. Und weil Black Flag von vielen Kritiker*innen nach dem eher mäßigen AC3  gelobt wurde, gab ich auch dem Piratensetting eine Chance. Nur leider entpuppte sich dieses Spiel als eine leidlich unterhaltsame Tretmühle, in der ich nur selten das Gefühl bekam, etwas irgendwie Sinnvolles zu tun.

Via Flickr, by Baldwin Saintilus

assassins_bench_baldwin saintiliusHuch, das sind ja Assassinen auf dieser Bank. Das wäre mir so gar nicht aufgefallen. Sehr unauffällig, diese Leute

Als wollten sie Zweifler wie mich überzeugen, die Serie noch nicht völlig aufzugeben, veranstaltete Ubisoft letzte Woche ein Anspiel-Event für das am 23. Oktober 2015 für die Konsolen erscheinende Assassin’s Creed Doppelpunkt Syndicate. Stilgemäß (und vom PR-Team wahrscheinlich völlig uneigenützig vorgeschlagen) sollten diese Events in Irish Pubs stattfinden, dem Setting des Spieles entsprechend. Obwohl Deutschland viele Pubs hat, waren im Budget wohl nur drei Städte drin: Berlin, Hamburg und Köln. Da ich mir gerade in Berlin die Zeit vertreibe, bin ich also mal vorbeigefahren.

Ich war dabei sogar positiv gestimmt, denn zum einen fand (und finde) ich die Idee eines solchen Events sehr schön, zum anderen mag ich Cider und freue mich über jede Gelegenheit, 0,4l des Apfelschaumweins in mich zu kippen. Als erstes wurde mir vor Ort ein Getränkegutschein in die Hand gedrückt, zum Glück nur in eine, denn in der anderen hielt ich bereits mein erstes Ciderglas. Ubisoft’s PR-Abteilung hat für diese Veranstaltungen eine Event-Agentur gebucht, welche die sogenannten Walking-Acts stellte: Semiprofessionelle Schausteller, die in Kostümen umhergehen und für die nötige Atmosphäre sorgen. Mit einem massigen Kerl im langen Mantel konnten Mutige Fingerhakeln oder Armdrücken. Und kurz nach meinem Eintreffen wurde eine Tombola abgehalten, bei der es kleine und große Gimmicks zu gewinnen gab. Das alles sollte aber nur das Rahmenprogramm für den Abend sein, im Mittelpunkt standen die vier Konsolen, auf denen der neueste Assassin’s-Creed-Teil lief.

Das schöne war, dass jede*r der Anwesenden selbst eine Runde zocken konnte. Normalerweise bleibt dies ja meist entweder ausgesuchten Journalist*innen oder Messebesuchern vorbehalten, hier konnten aber “ganz normale” Leute, ohne Presseausweis und jenseits von Drei-Stunden-Warteschlangen den Controller in die Hände nehmen. Wer die Berichterstattung um den neuen Teil verfolgte, kannte den demonstrierten Ausschnitt jedoch: Es handelt sich um die sogenannte “Black-Box-Mission”, welche die weibliche Heldin Evie in den Tower of London führt. Eine bekannte Demo, die auch schon auf der Gamescom angespielt werden konnte. Ubisofts Community-Zuständiger und Social-Media-Mensch Chris Geissler, der geduldig meine völlig unvorbereiteten Fragen beantwortete, erklärte mir, dass es darum ginge, Evies Gameplay und Geschichte näher zu beleuchten. Ich hätte ehrlicher gefunden zu sagen, dass Ubisoft für dieses Event keine eigene Demo programmieren wollte. Denn vergangenen Freitag war bei 1080Nerdscope (zu denen eigentlich ein kleiner Rant fällig wäre, aber die Zeit! Sie verinnt!) zu sehen, dass bei einem Anspielevent von Ubisoft die anwesenden Journalist*innen einen anderen Ausschnitt des Spiels, vielleicht sogar ganz London erspielen konnten. Vielleicht hätte Ubisoft da mehr Vertrauen in ihr eigenes Spiel und ihr Publikum haben können.

Via Flickr, by Victor Vic

assassin_cat_victor vicZumindest soviel Vertrauen, wie diese Katze in einen Auftragskiller hat. Sch, Sch, alles wird  gut…

Denn, wie mir Chris auch bestätigte, ging es bei diesem Event darum, dass durch Assassins’s Creed Doppelpunkt Unity zerstörte Vertrauen wieder herzustellen. Das ist zunächst ein wirklich lobenswertes vorhaben. Denn Ubisoft sieht sich beständig Kritik ausgesetzt, nicht immer wegen der Qualität ihrer Spiele, sondern oft aufgrund des Drumherums. Kontrovers wurde der “Große Ressourcenmangel” im letzten Jahr aufgenommen, als angeblich nicht genug Zeit und Geld da war, um statt mit Klonen des Unity-Protagonisten auch mit einer weiblichen Assassinin wenigstens im Co-Op-Modus zu agieren. Und auch die Werbung von FarCry 4 wurde thematisiert, manche empfanden sie als rassistisch. Schließlich wurde während und nach der EGX 2015 gerätselt, ob nicht auch The Division ein Grafikdowngrade gegenüber der ersten Präsentation erfahren habe. Statt sich still zu verhalten oder alles wie wild zu dementieren, geht Ubisoft mit offenen Armen (in deren Ärmeln Getränkegutscheine stecken) auf seine Kund*innen zu und versucht Zweifel zu beseitigen. Ein Verhalten, wie ich es mir von mehr großen Entwicklern bzw. Publishern wünschen würde.

Ach ja, da war ja noch etwas: Das Spiel, Assassin’s Creed Doppelpunkt Syndicate. Naja. Es ist halt Assassin’s Creed. Chris versprach mir ein erzählerisch etwas dichteres Spiel und mehr Möglichkeiten, meinen eigenen Spielstil zu gestalten. Mit Evie könne ich eher schleichen, Jacob sei eher auf actionlastiges Spiel ausgelegt. Zumindest den Teil über Evie kann ich ansatzweise bestätigen. Auch wenn Assassin’s Creed nie ein gutes Stealth-Spiel wird, waren zumindest die Ansätze nun da. Die Spielmechanik wird durch den neuen Greifhaken etwas flüssiger gestaltet, die Meuchler*innen können sich nun ohne große Fehlnavigation durch das Gelände bewegen. Mir persönlich aber gestaltet sich der Umgang mit dem Greifhaken als zu einfach, der Parcours-Part des Spiels tritt dadurch zu sehr in den Hintergrund. Die Black-Box-Mission gefällt mir dagegen sehr gut, sie sind ein Brückenschlag zu den etwas freieren Aufträgen des ersten Teils. Statt also in einer linearen Mission am Ende der oder dem Unterarmklingenempfänger*in gegenüberzustehen, darf ich mir selbst aussuchen, wie und auf welche Weise ich an die Zielperson herankomme und ihr das Fährgeld für Charon mitgebe. Chris hat mich noch auf die Möglichkeit hingewiesen, mich beispielsweise festnehmen zu lassen, um an das Opfer heranzukommen. Eine schöne Idee, fand ich, bis mir Chris erzählte, dass diese Möglichkeit auch bei anderen Black-Box-Missionen bestände, was meinen Enthusiasmus etwas dämpft. Denn nun erscheint mir das ganze als zu, nun ja, mechanisch.

Trotzdem: Fast schwebte zuhause mein Finger wieder über dem “Installieren”-Knopf für Black Flag. Aber eben nur fast. Für mich ist Assassin’s Creed Doppelpunkt Syndicate definitv kein Must-buy. Vielleicht später. Immerhin darf ich in Syndicate Aufträge für Karl Marx erledigen. Der hat ja Erfahrung im Austeilen und Einstecken von Kritik.

Mehr Spieler – Noch ein DLC gefällig?

“Einer geht noch, einer geht noch rein! Einer geht noch, einer geht noch rein!”, schallt es finster fröhlich aus den Untiefen so mancher Publisher-Konferenzräume. Wir regen uns ein über die meist wenig gehaltvollen DLC-Brotkrumen auf, wenn wir doch vorher dachten ein komplettes Brot (also: Game) gekauft zu haben… um es mit Johannes’ Worten zu sagen: “The fuck, Mann!? Ehrlich!”

 

Featured Image via Valve Steam

Mehr Spieler – Volldampf Valve

Wenn am Arbeitsplatz die Ideen ausgehen, dann lästert man halt über die Kollegen. Nun, unsere Kollegen sind Entwickler zwar nicht, aber wir spielen einfach ein wenig mit Größenwahn. Zwischen Kaffee, Kuchen, Busverkehr und Flugschneisen unterhalten Johannes und ich uns über den Mythos Valve. Half-Life 3 (ja, klar), VR-Brillen und Gottkönig Steam. Was wir über Valve so denken und was man alles wissen sollte. Und sagte ich bereits “Half-Life 3”?

Das Valve-Mitarbeiter-Handbuch, das Johannes jedem ans Herz legt, findet ihr übrigens auf der Seite von Valve.

Featured Image by G =]

Mehr Spieler – Q4: Rise of the Re-Releases

Ihr wollt knackige Fakten, warum dies die besten 36 Minuten eures Lebens sein könnten?

  • Johannes spricht Hessisch
  • Max wohnt über’m Puff… oder so
  • Das Intro rockt immer noch gewaltig
  • Das Outro ist mindestens genauso gut (ist ja auch derselbe Song, gespielt von den wunderbaren Glory of Joann)
  • AssCreed in 3 Minuten! (inklusive Gong ohne Aufpreis)
  • Flashbacks, da früher alles besser war
  • MORDOR!
  • Potenzieller Klingelton als Bonus nach dem Abspann
  • Außerdem ein Querverweis auf Johannes’ Verzweiflung über “Dragon Age: Origins”

Das alles ist wie immer kostenlos und die restlichen Meinungen, werden mit unseren ehrlichen Meinungen zu den vergangenen drei Games-Monaten einem Christbaum gleich geschmückt. Wir wünschen euch eine ganze Menge Spaß und auf dass wir euch von dem ein oder anderen Weihnachtsfehlkauf abhalten können.

Mehr Aufreger – Ubisoft, die Frauenversteher

Ubisoft. Ubi-fucking-soft. Zumindest wissen sie, wie sie ihren eigenen Blödsinn durchziehen können. Sie sind da ja auch nicht alleine mit. Wir erinnern uns nur allzu gerne an die getätigten Aussagen, dass weibliche Charaktere so viel schwerer zu animieren sind, weil… uff, es gibt viele Gründe. Sie haben einerseits zu viele Emotionen, wie Lino DiSalvo im Kontext zu „Frozen“ sagte. Nun, dann bin ich ja beruhigt, dass all diese Arbeit mit einem Oscar belohnt wurde, denn meine Fresse, ich hatte ja keine Ahnung. Ein Glück, dass alle Männer wie Conan der Barbar sind und eine emotionale Reichweite von Hartweizengrieß aufweisen. Halle-verficktnochmal-lujah (Entschuldigung bitte, falls sich Menschen aus Halle jetzt auf die Füße getreten fühlen, auch wenn mir all meine Leipziger Freunde immer sagen, wie hässlich die Stadt doch sei… wenn wir schon bei Stereotypen und Vorurteilen sind)! Wenn Disney das darf, dann dürfen das bekanntlich alle.

Aber wo waren wir eigentlich? Ja, Frauen, diese schrecklichen, rasierten Biester. Immer so emotional. Und das sieht man. Scheinbar nicht nur in ihrer Mimik und Körpersprache. Nein. Bei der Frau wabbelt jede einzelne Emotion mit. „Those wobbly things“, wie Stephen Moffat wahrscheinlich liebevoll über Frauen oder zumindest ihre Körper schreiben würde. Und wenn man über all diesen nervigen Scheiß reden und schreiben muss, dann darf Ubisoft nicht fehlen. Dabei gibt es gute Gründe, warum Charaktere manchmal als Frau und leider viel zu oft als Mann geschrieben werden. Austauschbare Protagonisten nach Geschlecht sind dagegen nur selten gut geschriebene Charaktere, sondern meist schlichtweg Avatare für den Spieler selbst. Man nehme selbst so hochgelobte Titel wie die „Mass Effect“-Reihe und „Persona 3 Portable“, um diesen Effekt aufzudecken.

Via Flickr By Sergey Galyonkin

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Diese “Age-of-Conan”-Gamebabes verdeutlichen das komplexe Bild, welches einige Developer von Frauen zu haben scheinen. Eine schwierige und höchstwahrscheinlich geile Angelegenheit.

Da „Assassin’s Creed: Unity“ allerdings für seine Ko-op-Funktionen beweihräuchert wurde und die Story, wie immer, nur ein Fragment am Rande darstellt, ist es wenig überraschend, dass sozial engagierte Spieler aller Geschlechter fragen: Warum dann keine Frau? Wenn es darum geht, dass ich mit meinen Freunden (Schock: diese müssen nicht meinem Geschlecht entsprechen!) fröhlich zocken möchte und ich oder sie sich mit ihren Avataren identifizieren sollen, dann ist ein Franko-Wurstfest vielleicht nicht unbedingt eine breite Palette.

Wenn eine Story sich darauf konzentrieren möchte, wie eine gewisse Konstellation von Menschen miteinander interagiert, dann ist es absolut nachvollziehbar, wenn man Charaktere dementsprechend erschafft. Wenn die Story jedoch sowieso kurz beim Käsebrot in der Mittagspause geschrieben wurde und die erste Ausrede ist, dass Frauen so viel schwerer zu animieren sind, dann muss man damit rechnen, dass einem aus allen Richtungen Kotzfontänen entgegenschießen.

„Aber Max“, werdet ihr euch (hoffentlich) fragen, „Das klang am Anfang eher so, als gäbe es mal wieder ein Gender-Problem bei Ubisoft.“ Richtig. Der eigentliche Anstoß dieses Textes ist zwar ein weiterer Genie-Streich aus dem Hause Ubisoft, aber das Problem ist eben umfassend, wie ihr hoffentlich bereits herauslesen konntet. Das aktuelle Problem ist Shao Jun. Nein, nicht die Assassine selbst ist das Problem, sondern wie mit ihr umgegangen wird. Uh, guckt mal. Wir haben jetzt eine Frau. Wow, sie hatten sie sogar schon in einem animierten Kurzfilm 2011. Es war also alles von vornherein geplant. Es war von vornherein geplant ein Spiel mit ihr in einer hübschhässlichen 2,5-D-Welt anzulegen, welche von einem fremden Studio entwickelt wird. Und das Beste. Da die Grafik so minimalistisch im Vergleich zu den vollwertigen AC-Teilen ist, fällt das ganze Gewackel an den Körpern weg und muss nicht extra animiert werden. Und, fette Sache, bei 2,5-D-Spielen stört es bestimmt auch niemanden, wenn der Charakter nicht vertont wird. All die Kosten, die man damit einsparen kann. Ihr seid schon ein paar gerissen Füchse bei Ubisoft. Ich ziehe meinen Hut.

 Via Flickr By Musgo Dumio_Momio2902786795_c48a7051b8_zNur Männer haben eben echte Tiefe!

Ich muss für den letzten Absatz hoffentlich nicht noch solche Dinge wie Sarkasmus erklären. „Assassin’s Creed Chronicles: China“ fühlt sich schon jetzt wie eine Entschuldigung für all die schlechte PR im Sommer an. Aber was reden wir da. Da das Ganze im Season Pass (für 30 Tacken) enthalten ist, gewinnt wieder jeder. Also eigentlich nur Ubisoft… Sarkasmus und so. Wenn es tatsächlich eine Herzensangelegenheit wäre, dann hätte man mit der wunderbaren UbiArt-Engine und einigen Kennern der Prince-Of-Persia-Reihe dieses Projekt aufgelegt. Vielleicht sollte Ubisoft es einfach lassen. Probiert doch gar nicht erst so zu tun, als wolltet ihr irgendetwas revolutionieren. Wie viele Kenner der Branche richtig bemerken geschieht so etwas nämlich nicht in AAA-Titeln. Dafür sind kleine Experimente nötig, die noch nicht durchformuliert sein müssen. Werft einfach, wie zum Beispiel Apple, ohne irgendwelche Rechtfertigungen einen Keks in die Mitte der Messehalle und seht zu was passiert.

Wir Männer sind eben fuckmothering deep!

Ach, und beim nächsten Spiel könnte ja eine Spendenaktion ausgerufen werden, damit sich Ubisoft zumindest eine weibliche Sprecherin auf Vollzeit leisten kann. Und bei den Brüsten verzichten wir schweren Herzens einfach mal darauf, dass sie fröhlich vor sich hin wackeln. Dass das bei vernünftiger Ausrüstung, wie Shao Jun sie zumindest im wunderschönen Artwork trägt, sowieso kein Problem ist, können die Verantwortlichen bestimmt noch lernen. Spoiler: Das kommt irgendwann nach der Sache mit den Bienen und den Blüten.

Wenn dumme Hypes sinnlos walten….

Was ist denn hier los? Ist das etwa der lang befürchtete Hiatus? Jetzt gibt es “Mehr Spieler” und “daran geht die Welt zugrunde” und alles soll einfach so vorbei sein? Pustekuchen! Getreu der von uns behandelten Branche sind die Entwicklungszeiten eben nicht immer die kürzesten. Dazu kommen jede Menge Sidequests, die sich für uns Schreiberlinge und Podcaster ergeben.

Walde und meine Wenigkeit “feiern” unser dreijähriges Jubiläum in Trier mit der obligatorischen Bachelor-Arbeit und Johannes hat all das geistige Leiden eines Akademikers bereits hinter sich und kann sich endlich in die Wonnen des 16-Stunden-Arbeitstages stürzen. Da bleibt nicht allzu viel Zeit, um die ganz großen Analysen und Meinungen zu verfassen. Und nach dem wahren Infromationstornado der E3, dem fast schon olympischen Rückrudern Microsofts auf allen Ebenen, des verpatzten Ouya-Starts und Ryan Davis’ unerwartetem Tod ist uns ein wenig die Puste ausgegangen.

Was bietet sich jetzt aber auch noch an? Seit der Ankündigung der neuen Konsolengeneration ist es still um die jetzige geworden. Dass “The Last of Us” hohe Wellen schlagen konnte, war fast schon Voraussetzung des neuen Naughty Dog Titels und “The Walking Dead: 400 Days” ist genau das tolle, aber eben durch die kurze Dauer nicht so emotional berührende Bonbon, das die Spieler vom Lückenfüller zu Staffel 2 erwartet haben. Die anstehende Generation wirft jetzt schon ihre Schatten. Allein GTA V könnte genug Zugkraft aufweisen, um noch mal für ehrliche Euphorie zu sorgen, besonders weil es sich um keinen Exklusiv- sondern einen Multiplattformtitel handelt.

 
Die Frauenstimme aus den Hitman-Trailern war stimmungsvoller, aber das sind doch mal Neuerungen!

Aber ein Hühnchen haben wir immer zu rupfen. Und zwar mit der großen Hype-Maschine aus den USA. Wir wären nicht die Gamer, die wir heute sind, wenn es nicht Kotaku, Rock, Paper, Shotgun, IGN und Co. gäbe, aber abgesehen von oft wirklich peinlichen Standards was Sexualität in Videospielen angeht (Ich spreche auch von euch, Jungs bei Bioware!), ist es in Amerika Brauch alles zu hypen, was Oma schon gezockt hat.

Ja, die ollen Kamellen wieder. 2/3 der Mehr Spieler Jungs sind nur mäßig am Jubeln, wenn die xte-Fortsetzung angekündigt wird. Aber es sind nicht nur Fortsetzungen. Es sind auch Spiele, die sich offensichtlich als etwas Neues verkleiden wollen, dabei ihr Gewand aber aus bereits vorhandenen Kleidern zusammenschneidern. Der Angeklagte der heutigen Sitzung ist Ubisofts Jetzt-Schon-Dank-Vorbestellern-Auf-Der-Ganzen-Welt-KASSENSCHLAGER “Watch Dogs”.

Woher unsere Skepsis, wenn es um “Watch Dogs” geht? Vorneweg sollte klargestellt werden, dass “Watch Dogs” hier nicht als Flop hingestellt werden soll. Das Spiel hat eine sehr schöne Grafik (für Open-World-Standards bisher spitze, doch GTA V könnte da noch in die Parade fahren), utopische Überwachungsszenarien sind spätestens seit der Komplettverkabelung Londons total in (schon das britische Studio Ninja Theory gab ja DEZENTE Hinweise auf die Überwachungsstadt London) und wenn man solides Third-Person-Cover-Shooting à la GTA IV mit vielen Gadgets verbindet, dann scheint die Grundlage für ein wirklich gutes, großes Open-World-Erlebnis gelegt zu sein.

Was ist das Problem? Die Ankündigung “Watch Dogs” 2012 war für viele umwerfend, was aber rückblickend nur daran lag, dass das Spiel gut geheim gehalten wurde. Gleiches gilt für diesjähriges “The Division”. Spätestens nächstes Jahr wird man die jährliche Überraschung aus dem Hause Ubisoft erwarten und fest einplanen. Das ist natürlich auch ein Zeichen für Produktivität. Und hier soll deutlich werden, dass die Kritik in erster Linie an die Presse und nicht an Ubisoft geht.

Via flickr by Karan J

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Es ist zum aus der Haut fahren: RrrrRrRRaAAAaaaGGgGeeeeeEE!

Natürlich will der Publisher/Entwickler sein Spiel anpreisen. Aber die Presse sollte ein Interesse gegenüber dem Rezipienten haben. Blindes Gesabber über eine inzwischen absolut entfremdete Franchise (Assassin’s Creed IV: Black Flag heißt nur noch Assassin’s Creed, weil die Marke die Sucht und das damit verbundene Geld reintreibt) regt schon genug auf. Dass man dagegen komplett ignoriert, dass die sogenannten Eigenheiten, die “Watch Dogs” von GTA abheben sollen, nichts Anderes als Jetztzeit-Assassin’s-Creed-Mechaniken sind, die Parcour und Stealth in einer Stadt der nahen Zukunft verfrachten, hat mit ernsthaftem Gamesjournalismus nichts mehr zu tun.

Vom Interface und Design der meisten Anzeigen (z.B. wenn ihr euch die persönlichen Daten eines Bürgers zeigen lasst), sowie dem Gefühl, dass die Verfolgungsjagden vermitteln, schreit das Spiel seine Wurzeln in den Spielmechaniken Assassin’s Creeds lauthals heraus. Allein dass Protagonist Aiden nicht geschwind an Häuserfassaden hochkrabbelt fehlt neben dem coolen Assassinen-Hoodie in diesem Bild.

Ubisoft. Ernsthaft. Die Spiele haben keine eigene Identität mehr. Man spürt geradezu, wie eure Fokus-Gruppen reagieren und euch diktieren. Ihr wollt ein Piratenspiel machen, das bisher keinerlei ursprüngliche Stärken der Asassin-Reihe in sich vereint. Dann nennt es einfach “Black Flag” oder wie auch immer. Und “Watch Dogs” könntet ihr ehrlicherweise “Assassin’s Creed IV” nennen. Aber utopische Überwachsungsszenarien sind wahrscheinlich schon so bei der Zielgruppe en mode, dass ihr eine neue und “innovative” IP starten könnt, wogegen die letzten drei “Fluch der Karibik”-Filme dem Piraten-Genre (erneut) das Blut ausgesaugt haben und man ohne die Assassinen-Lizenz Angst ums eigene Portemonnaie haben müsste.

Und ich werde mich weiter aufregen. Der jährliche Hype um Abzock-Titel wie sämtliche Titel der EA-Sports-Reihe und der heiligen Dreieinigkeit der Shooter Call of Duty/Battlefield/Medal of Honor ist ein Beispiel dafür, dass es vielen Menschen viel zu gut geht. Selbst die DLC-Könige von Capcom bieten ihr “Ultra Street Fighter IV” als 20€ Upgrade-Version oder für “nur” 40€ an, anstatt für das im Grunde gleiche Spiel abermals mindestens 60€ zu verlangen. Das ganze Internet macht sich lustig darüber, dass Call of Duty jetzt Hunde als einzige Neuerung zu bieten scheint. Die vielen Millionen Vorbesteller sorgen dafür, dass solch schlechte Scherze auch in der Zukunft weiterhin bestehen werden.


Das sieht gut aus… aber revolutionär? Ein wenig professionelle Distanz wäre nett

Ein abschließender Satz zu “Watch Dogs”. Ich hoffe, dass das Spiel gut wird. Ja, ich meckere viel, aber ich hoffe immer, dass wir – die Gamer – am Ende ein weiteres, tolles Spiel erhalten. Ich wünschte mir nur, dass Ubisoft seinen Spielen eine Identität verleiht. Das hat im eigenen Hause bisher nur Rayman geschafft. Dagegen hat man aus Assassin’s Creed eine Legehenne gemacht und der Prinz aus Persien hat inzwischen so viele neue Gesichter, dass er verständlicherweise in der Identitätskrise steckt. Zumindest hat Ubisoft noch keinen Shooter mit ihm geplant.

Also, liebe Kollegen der Branche. Sagt uns endlich, was ihr an “Watch Dogs” so toll findet. Was sind die Gadgets und wie wirken sie sich aufs Spiel aus? Stehe ich nur herum und hacke etwas oder bin ich tatsächlich gefordert? Wie vereinbart sich Stealth und Hacken mit den Schusswechseln? Ihr müsst beschreiben, wie sich ein Spiel anfühlt, anstatt nur ein milchiges Bild von einem ach so geilen Spiel wiederzugeben. Wer den Fan und Amateur aus der Freizeit nicht vom Beruf trennen kann, der ist genau der Grund dafür, dass Gamesjournalismus auch weiterhin nicht über den Status der Apothekenzeitschrift hinausgeht.

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