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Mehr als nur ein Led-Zeppelin-Song

Unbezahlte Schleichwerbung ist immer noch die Beste! Da weiß man sofort, dass der Autor ein unreflektierter Fanboy mit einer Vielzahl von Allüren ist und sehr wahrscheinlich weinen wird, wenn ihr “seine” Band nicht auch toll findet. Und um wen geht es heute, wenn Max (also mir) Star Wars/Final Fantasy ähnliche Fan-Freude auf einem gedanklichen Einhorn reitend auf die Leser loslässt?

Kashmir ist der Name der Stunde. Eine Band aus Dänemark, die sich vor 20 Jahren aus denkbaren Gründen von ihrem Ursprungsnamen “Nirvana” gelöst haben und sich stattdessen nach einem Led-Zeppelin-Song benannt haben.  Bis 1999 hatten sich Kashmir in sämtliche dänische Hörerherzen gespielt und hätten wahrscheinlich sogar mit finnischer Volksmusik an die Spitze der Charts stürmen können.

Das war den Männern um Sänger Kasper Eistrup allerdings zu dumm und so zog man sich zurück, um erst vier Jahre später (von der zwischenzeitlich erschienenen EP “Home Dead” sehen wir mal ab) mit “Zitilites” ihr erstes Werk überlanger Pop/Rock-Musik zu veröffentlichen. Von da an gab es immer mehr Atmo-Rock (“Zitilites”, “Bodmin Pill”), der auf dem Nachfolgealbum u.a. mit Hilfe von David Bowie (“The Cynic”) um Noise erweitert wurde und das bis heute wohl ambitionierteste Prog-Stück der Band auf den Plan rief (“No Balance Palace”).


Das wohl bekannteste Stück des ersten Über-Albums “Zitilites”

So richtig zufrieden war man allerdings doch nicht, wenn man bedenkt, dass abermals knappe 5 Jahre ins dänische Königreich zogen, bevor mit “Trespassers” neues Material erschien. Von der poppigen Wärme auf “Zitilites” war nicht mehr viel zu spüren, doch die durchkonstruierte und auf den letzten Ton abgestimmte Kälte, die durch den Großteils des Albums fließt, ist auch drei Jahre später noch beeindruckend. Zum ersten Mal seit langer Zeit hat sich Kashmirs Stil wieder gewandelt. Sie klingen sauber und größer als je zuvor.

Jetzt kommt mit E.A.R. ein Album, das abermals auf seine Vorgänger pfeift und einen verzerrten Schritt in die Vergangenheit wagt. Anstatt glatter, kühler Produktion klingt ein “Piece Of The Sun” akustisch mit viel Hall aufgenommen. Dazu gesellen sich Harfentöne, die den Track in eine andere Sphäre heben und schon sind wir wieder bei auslagernder Popmusik, die sich Zeit lässt und Details in jeder Strophe versteckt. Mindestens fünf Minuten werden hier im Normalfall pro Song verbucht (“Peace In The Heart” ist knapp 7 Minuten lang, “Pedestals” sogar knappe 9 Minuten).


Akustisch mit weniger Grandeur, dafür mit noch mehr Gefühl

Ausschweifende instrumentale Anteile, neue Melodien innerhalb der Songs und viel atmosphärische Sounds sorgen für wenig leicht zugängliche Kost. Allein die Vorab-Single “Seraphina” ist ein dermaßen konzentrierter Song, dass er seine 5:34 problemlos ausfüllt und selbst einfachsten Pop-Fans Genüge tun wird. Ansonsten schlägt man sich schon mit fünf minütigem Geplänkel herum, bevor der Song selbst beginnt (“Pedestals”) oder muss sich in treibenden Strömen aus Klangexperimenten verlieren wollen (“Foe Or Friend”).

Kashmir stehen sich selbst dabei im Weg uns umzuhauen und experimentieren herum. Nach drei Nummer-1-Alben in ihrer Heimat haben sie diese Narrenfreiheit natürlich. Man nimmt die Geschenke in Form eines “Seraphina”, “Purple Heart” und “Peace In Our Time” gerne an und wird die Qualitäten weiterer Tracks nicht leugnen. Am Ende steht allerdings ein sehr sperriges Album, das nicht wirklich oft überrascht, sondern sich in seiner eigenen Größe verliert und im Verlauf einer Stunde nicht oft genug fesselt, um zu den ganz Großen zu gehören. Glücklicherweise bleibt das bei Kashmir nur Grund zum Jammern auf hohem Niveau.

Konservative Töne

Nachdem ich letzte Woche einem losen Gedanken vielleicht zu viel Aufmerksamkeit geschenkt habe, soll heute wieder ganz altmodisch für eine CD geworben werden, die vielleicht unter eurem Radar geflogen ist. Keine Kontroverse, außer vielleicht, dass ihr die Band nicht mögt. Da wird einem doch warm ums Herz und das ist meiner Meinung nach genau das Richtige, wenn es in Trier einfach nicht aufhören will zu schneien.

Angetan haben es mir diese Woche die Shout Out Louds aus Schweden, die mit “Optica” ihr bereits viertes Album veröffentlichen. Das Album kam vor vier Tagen erst heraus und ist jetzt schon das ein oder andere Mal in unserer Wohnung auf- und abgelaufen. Das bedeutet natürlich, dass so manch einer seine übliche Indie-Hipster-Scheiße erwarten darf, aber warum sollte das etwas Schlechtes sein?

Of Monsters And Men haben auf ihrer Platte zwar gefühlte zehn Mal denselben Track herausgegeben, aber ihre Lieder gehen trotzdem sofort in Kopf und Glieder über. Genau diese Qualität bringen auch die Skandinavier von Shout Out Louds mit. Nur hier sind die Versatzstücke klarer zu erkennen und erinnern an die letzten Jahre und Jahrzehnte. So ist der Urvater ihrer Pop-Musik wohl The Cure, auch wenn eher die Fröhlichkeit von Interpreten wie The Shins und Moneybrother das neue Album beherrscht

sunshine greeceDa wärmt es einem die Hörregion… By Guillaume Cattiaux

“Sugar” hätte problemlos an das 2007er Album der Shins “Wincing The Night Away” anknüpfen können, bevor “Illusions” als erste von vielen Nummern jede Indie-Party besser macht. Sonnenschein-Stimmung zu den ersten Frühlingstagen des Jahres ist garantiert, wenn “14th Of July” mit lebendigem Rhythmus und “Walking In Your Footsteps” mit 70er-Jahre-Gedächtnis-Flöte erklingt. So macht Indie-Pop ohne zu viel Anbiederung in irgendeine Sparte tatsächlich Spaß. À la Moneybrother eben…

Schwachpunkte kennt das Album dagegen kaum. “Burn” zündet als Ballade nicht ganz so emotional, wie man sich das vielleicht wünscht, obwohl die Band mit “Blue Ice” diese Qualitäten ganz klar zutage fördert. Auch die zweite Hälfte des sieben minütigen “Glasgow” wirkt wie eine gewollte Kreativpause und zu guter letzt ist “Circles” nicht viel mehr als ein stilistischer Kniefall vor The Cure, ohne selbst einen großen Mehrwert beizusteuern.

Die Vorab-Single “Blue Ice” ist gefühlvoll, aber nicht wirklich repräsentativ

Diese Punkte sind allerdings dem Charlie Brown seine Peanuts, wenn man die neun durchgehend gelungenen und einfach nur verdammt guten Indie-Perlen des Albums aufzählt und – viel wichtiger – anhört. Wer braucht schon Weltneuheiten, wenn er Musik haben kann, die die eigene Welt einfach nur ein bisschen farbenfroher erscheinen lassen kann.

Klingt unglaublich romantisiert und überspitzt, doch wer wer sich nicht einfach besser fühlt, wenn die ersten Töne auf “Optica” ertönen, der sollte sich auf grünes Fell überprüfen lassen und sicherstellen, dass er oder sie nicht der Grinch ist. Man hört sich nächste Woche mit mehr neuen Tönen.

Mehr Töne

Erinnert ihr euch an meine Probleme mit der Lokalisierungsgesellschaft 2.0? Der ganze Blödsinn, dass CDs erst Monate später auf den Markt geworfen werden, weil sich ja doch ein Gewinn ermöglichen könnte, anstatt die Gewinne über mp3-Downloads (legal!) einzuspielen. Ganz nebenbei hätten wir Hörer die Möglichkeit Musik zu hören, die tatsächlich aktuell ist und die nicht schon jeder kennt.

Nun, mir ist ein weiterer Punkt aufgestoßen. Auch dieses mal wird’s organisatorisch und ungemütlich. Die folgende These wird wohl auf nicht jedem bekommen und so entschuldige ich mich im Vornherein, wenn meine Gedankengänge auch euch eher wirken wie Magenbitter, als das angedachte Ambrosia. Die Idee ist so alt wie das Internet und Napster selbst.

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Es gibt doch nichts Schöneres als zu warten… Via Libertinus

Mehr als drei Jahre dauert es gerne mal bis ihr neue Töne eurer Lieblingsband zu Gehör bekommt. Die Namen aus dem letzten Jahr, die mir in diesem Kontext spontan einfallen sind Muse und Green Day. Da wartet man eine gefühlte Ewigkeit auf neue Lieder und wenn sie dann erstmal draußen sind, dann genießt man den Spaß doch nicht vorsichtig und genüsslich wie teure Pralinen, sondern schiebt sich den auditiven Schokoriegel gleich komplett rein.

So macht das neue Material für vielleicht ein paar Wochen oder Monate Freude, bevor man schon wieder ein neues Album herbeisehnt. Wenn es euch genauso geht, dann solltet ihr euch mit dem japanischen Musikmarkt vertraut machen. Dort (und bestimmt auch noch in anderen Ländern, von welchen ich wiederum nichts Genaueres weiß) kann man nahezu darauf setzen, dass Bands jedes Jahr mindestens eine neue Single auf den Markt werfen.

ASIAN KUNG-FU GENERATION – Ima wo Ikite PV from Ricardo Quintana on Vimeo.
Seit 2003 hat Ajikan jedes Jahr mindestens eine Single herausgebracht

Warum passiert das in Europa und Amerika nicht? Diese ganzen hochbezahlten Künstler können einem doch nicht erzählen, dass sie 360 Tage und mehr im Jahr keine einzige Idee hatten, geschweige denn Zeit einen neuen Song aufzunehmen. Das wäre wie Weihnachten, wenn man jedes Jahr einen oder auch zwei neue Titel seiner Band bekommt, bis das neue Album erscheint. Man vergisst nicht, warum man die Band eigentlich so liebt, wovon dann auch Band und Label profitieren würden.

Dass man durch eine solche Strategie an eine Band gebunden wird, ist unserer Hype-Gesellschaft wohl kaum zu befürchten. Wir schaffen es ja auch komplett auszuflippen, wenn AC/DC aus dem Altenheim ausbrechen und noch mal ein Album auflegen. Und von Alice Cooper will ich gar nicht anfangen… Wer solchen Qualitätsschwankungen vorausschauend entgegenwirken möchte und mehr als alle Jubeljahre Lebenszeichen seiner Favoriten erwünscht, der stimmt mir hoffentlich zu… muss aber nicht.

Nachgehört

Manchmal bleiben Alben auf der Strecke. Entweder weil man zum Zeitpunkt des Releases noch nicht wusste, was man für einen Schatz vor sich hat oder einfach weil man es vergessen hat. Es könnte auch gut sein, dass man in der Woche nach dem Release Geburtstag hatte und deswegen mit dem Kopf schon wieder ganz woanders war. Ich gebe einfach mal der Asian Kung-Fu Generation, Mika und Aimee Mann die Schuld, dass mein Hirn Mitte September musikalisch überladen schien.

Via flickr by Käthe deKoe
Sizarr
Sind sie nicht süß?

Die Leidtragenden sind Sizarr aus Landau. Ich kann mir selbst nicht erklären, warum ich DIE deutsche Popsensation des letzten Jahres nicht im neuen Ton verwurstet habe. Endlich versucht sich eine Band mal wieder an all den Experimenten und Tugenden, die ich seit den ersten beiden Polarkreis 18-Alben regelmäßig auch aus dem deutschsprachigen Raum fordere. Überfordert war mein Hirn von dem Overload, den ich erst eine Woche vorher seitens Anna Aaron erfahren durfte, die recht konventionellen Pop auf ihrer Scheibe “Dogs In Spirit” sehr schön mit experimenteller Frische angereichert hat.

Sizarr gehen auf ihrem Debüt noch einen Schritt weiter und dürfen sich in Sachen Einfallsreichtum ruhig mit Bands wie Radiohead messen. Mit ähnlich weiten Soundlandschaften wie Alex Clare in seinem Windows-Promo-Song “Too Close”, aber ohne den ausgenudelten DubStep zaubern sich Sizarr durch eine gute Dreiviertelstunde, die von ausladendem Gesang, preschenden Percussions und einer guten Prise Größenwahn lebt. Wenn man als anspruchsvoller Tanzflächenwischer schon auftrumpfen will, dann soll man doch gefälligst zu den wagnerischen Bläsern in “Boarding Time” zappeln und zur fernöstlich angehauchten Kuschelnummer “Tagedieb” schmusen.


Und das passiert, wenn man sich zu sehr zu Björk hingezogen fühlt…

Bei allem Respekt gegenüber den Klangprofessoren von Everything Everything muss man vor Sizarrs Angehensweise einfach den Hut ziehen. Wie der deutsche Dreier den Rhythmus zu den eigenen Gunsten einsetzt und vermeintliche World-Music einbindet, um hypnotische Pop-Musik zu schaffen, ist schlichtweg beeindruckend. Dass die Band dafür nicht vom Hocker reißt, wenn sie einen auf romantisch intim macht (“Icy Martini” und “P.B.E.W.”) ist zu verschmerzen, wenn larger-than-life Hymnen à la “Cat Mountaineer” und “Purple Fried” noch Wochen lang im Hirn herum schwirren.

Mindestens zwei Drittel des Debüts “Psycho Boy Happy” sollten das Potenzial haben in der Heavy Rotation von Pop-Liebhabern zu landen und das ist ein mehr als nur ordentliches Ergebnis für die Landauer. In Anbetracht mangelnder Lebenszeichen seitens Polarkreis 18 (die zusätzlich die Hypothek ihres mäßigen, dritten Albums wettmachen müssen), ist Sizarr zur zeit der Fixpunkt der modernen Popmusik aus Deutschland. Tut mir wirklich leid, Lena Meyer-Landrut.

Alle Jahre wieder

Alle Jahre wieder lässt die Qualität von Cd-Outputs um Weihnachten an Qualität nach. Die großen Renner kamen bereits im Oktober und November, um inzwischen genug Staub aufgewirbelt zu haben, dass auch der letzte, verzweifelte Geschenkjäger nach Bestsellern greift. Neuerscheinungen sind im Weihnachtsmarkt wie zerbrochene Muscheln am Strand. Es gibt zu viele davon und selbst wenn sie schöner sind, als die angebotenen Schätze auf dem Basar, stören die fehlenden Teile – in diesem Fall das Wissen um Qualität und/oder Erfolg.

So werden sich nur wenige nach der Heavy-Metal-Kombo Züül umdrehen, obwohl diese gleich zwei gute Alben auf den Markt werfen. Hat man dem Debüt der Band „Out Of Time“ wohl noch nicht den Durchbruch im Ausland zugetraut, kommt es jetzt separat im Doppelpack mit dem Nachfolger „To The Frontlines“ heraus. Der hohe Gesang, der schon auf typische Heavy-Metal-Epik hinweist paart sich mit krachendem und simplem Schlagzeug um zu höchst leckeren Gitarren für ordentlich Laune zu sorgen. Wer an Vorzeige-Metaller denkt, der wird diese zu dieser Art von Musik feiern sehen wollen. Besonders das Neu-Werk wirkt noch reifer und voller. So darf gerne in den Sonnenuntergang gerockt werden. Wer Schiss vor Death und Destruction hat, der darf mich beruhigt beim Wort nehmen, dass hier allein mit Kraft und Melodien Adrenalin getankt wird.


Zu solcher Musik beneide ich Menschen mit langen Haaren

Da liegt der Garagen-Leck-Mich-Am-Arsch-Rock von Die Nerven schon schwerer im Gehörgang. Verrotzter Gesang, der sich nicht so nennen dürfen sollte und jede Menge flotter Vorwärtsdrang zu blechernem Sound. Das mag so mancher, kann aber auch unglaublich auf die Nerven gehen (Wortwitz nicht gewollt). Die Band schafft es auf ganzer Linie, dass man sie nur lieben oder hassen kann. Die nerven können einem nicht egal sein. Entweder möchte man allein schon die Hörer dieser Sinnlos-Krach-Orgien verklagen oder feiernd Parolen (meist Politik frei) mitgrölen.

Ausnahmsweise werde ich auch eine „Deluxe Version“ eines Albums ins Programm nehmen, obwohl ich die ganze Best-Of-Chose („Schose“ gesprochen… kennt ihr das Wort nicht?) nicht ausstehen kann, die besonders zu Weihnachten gerne über uns Hörer herfällt. Aber Schmidt kann man durchaus nochmal in den Vordergrund rücken. Als musikalische Unterstützung des Tatorts im neuen Jahr wird schon viel PR getrieben, nachdem das Album ganz gut, aber eben nicht überragend eingeschlagen ist (ursprünglicher Release war am 18.05.2012). Wer die elegante Mischung aus Pop und Versatzstücken der 20er bis 60er Jahre verpasst hat und ansonsten jedoch voll auf Swing und Retro abfährt, bekommt jetzt vier weitere Tracks garniert und eben die Möglichkeit Schmidt überhaupt kennen zu lernen.


Hat sie Klasse oder ist der Kram alles außer authentisch? Eure Meinung!

Den Jahresabschluss habe ich mir weitgehend schlimmer vorgestellt, auch wenn ich abermals über verzögerte Releases auf dem CD-Weltmarkt wüten könnte. So möchte ich das Jahr friedlich ausklingen lassen und verabschiede mich mit dem neuen Ton für dieses Jahr. Auch unbezahlte Internet-Blog-Betreiber brauchen mal Pause. Kreativität tanken, endlich mal wieder Musik hören, die man selbst hören will oder sogar (man glaubt es kaum!) ein Buch lesen. Fröhliche Weihnachten und einen guten Rutsch. Ballert euch noch gut Weihnachtslieder um die Ohren. Denn auch wenn sie euch schon zum Hals raus hängen, werdet ihr sie spätestens Mitte Februar wieder vermissen, wenn immer noch Schnee fällt, aber nichts mehr im Weihnachtsglanz erstrahlt.

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via flickr by Reno Tahoe Window Cleaning & Christmas Lights
Weihnachten kann auch schön sein. Hört bloß nicht auf Johannes, den ollen Grinch

Andere Mütter schreiben auch gute Lieder

Alicia Keys ist gefühlt schon eine Ewigkeit im Business. Da ist es doch fast erstaunlich festzustellen, dass die R&B-Pianistin/Sängerin erst 31 Jahre alt ist. Im Geschäft darf man sie mit ihrem inzwischen 5. Studioalbum als Veteranin ansehen, die sich einen ansehnlichen Namen gemacht hat. Und jetzt ist sie auch noch Mutter. Wir sagen “mazel tov” und freuen uns artig für Frau Keys. Damit auch das Berufsleben so schön und erfolgreich gestaltet werden kann, dürfen Emeli Sandé, Frank Ocean, Bruno Mars und viele andere der Neu-Mutter unter die Arme greifen.

Gerade die helfende Hand eines Frank Ocean wirkt sich auf das neue Album “Girl On Fire” aus und sorgt dafür, dass Keys nicht den Anschluss verliert und die moderneren Ansätze der R&B-Szene nutzt. Das macht sie gut hörbar, hebt sie sie von jenen Interpreten ab, die (noch) in der Mitte des letzten Jahrzehnts feststecken und garantiert Erfolg und Anerkennung. Tatsache. Fürs Hören nebenbei hat Alicia Keys wieder eine hübsche Scheibe geschaffen, die jeden Fahrstuhl-Aufenthalt und morgendlichen Kaffee besser macht. Klingt böse? Nun, wirkliche Ohrwürmer hat die gute Frau Keys leider nicht auf die Platte bannen können. So tippt man immer im Rhythmus mit, denkt aber doch eher an “Fallin'” und “New York”, anstatt die neuen Arrangements im Hinterkopf zu behalten.

Aber worüber soll man denn sonst schreiben? Kelly Clarkson bringt ihr erstes (“Chapter One”… super! Da kommt also noch mehr aus der örtlichen Melkmaschine!) “Greatest Hits”-Album, Rage Against The Machine werden zwanzig Jahre alt (Yay und alles Gute!) und die Plattenfirma bringt natürlich eine Best-Of-Platte auf den Markt (Buh!) und zu guter letzt erinnert uns Michael Bublé mit “Christmas” daran, dass bald die Adventszeit beginnt. Mit der x-ten Wiederholung des dreifach wiedergekäuten Covers bekannter Weihnachtssongs. Ein großes Danke schön für GAR NICHTS!


“Es ist eine Falle”, schrien Admiral Ackbar und ich noch… doch die Metal-Oper begann bereits.

Aber es muss doch ein paar kleine Gründe dafür geben, warum man diese Woche wieder Geld auf den Musikmärkten der Welt lassen kann? Kommt ein Stück mit mir und ich kann euch die weniger verbrecherischen Outputs der Woche präsentieren. Da wäre für die (etwas) härteren Genossen etwas altbackener Power Metal aus Italien. Der wird wirklich gut gespielt von Trick Or Treat, aber der traumatisierende Bonus kommt erst noch! Das Album “Rabbit’s Hill Pt.1” nennt seine lose Interpretationsquelle Richard Adams’ “Unten Am Fluss” (“Watership Down”)! Wem die Nackenhaare jetzt nicht hochstehen, kann sich freuen auf eine behütete Kindheit zurückzublicken. Spätestens der blutige und moralisch brutale Animationsfilm dürfte einige Kinder (und Eltern!?) in die Falle gelockt haben. Die Mischung aus “Watership Down” und Power Metal aus Italien allein dürfte aber einige Ohren neugierig stimmen.

Wer dagegen in leichter Kost sein Heil sucht, der wird aus dem Herzen der Republik mit Kraftfutter versorgt. Die Berliner Kombo 1000 Gram zelebrieren auf “Ken Sent Me” eine knappe Stunde einfachen und stringenten Indie-Pop. Hier ist die einsame Maxime: Ohrwurm! Genau das bekommt ihr. Wer Tiefe erwartet, der wird beim metaphorischen Kopfsprung in den Sound-Ozean der Band eine Bruchlandung und wahrscheinlich auch eine (abermals metaphorische) Gehirnerschütterung erleiden. Pure Unterhaltung mit Geschenkpapier und Schnörkel, aber leicht verdaulichem Inhalt.


Feiner Zug. Die Single gibt es im Netz für lau – legal!

Durchaus komplexer gibt sich die Americana-Formation Dakota Suite. Diese ist für melancholische, ja manchmal sogar depressiv anmutende Kost bekannt. Wenn das Sein tatsächlich aus Yin und Yang besteht, dann übernahmen Dakota Suite bisher imme reindeutig Partei für jene Seite, welche die Dunkelheit repräsentiert. Auf der neuen Scheibe “An Almost Silent Life” probiert sich Frontmann Chris Hooson an neu entdecktem Optimismus. Wie üblich geht es gefühlvoll um Liebe, Sehnsucht und die unscheinbaren Dinge im Leben. Anstatt in sonstiger Melancholie zu zerfließen, geben Dakota Suite der Hoffnung diesmal allerdings eine Chance, was dem Sound glücklicherweise keine Tiefe nimmt. Viel mehr wird eine neue Dimension entdeckt, wenn auch noch nicht vollends ausgereizt. Als erster Schritt in eine leicht veränderte Richtung darf “An Almost Silent Life” allerdings angesehen werden.


Lachen und heulen gleichzeitig? Kein Ding! Dafür haben wir ja Chris Hooson und Konsorten

Zum Abschluss möchte ich mich in aller Form entschuldigen, dass ich vor zwei Wochen nicht auf das neu erschienene Deftones-Album hingewiesen habe. “Koi No Yokan” heißt die Scheibe und ist bei mir selbst erst ein oder zwei mal durchgelaufen. Der Ersteindruck ist mehr als positiv und besser als bei den letzten beiden Werken. Ob es ein neues “White Pony” ist, darf bezweifelt werden. Diese Messlatte ist allerdings ein wenig sehr hoch. Als Entschuldigung füge ich dem heutigen Beitrag ein Video Dredgs an. Warum? Weil ich es kann und das Video wunderschön ist. Hört euch die Ohren wund und bis nächste Woche!

NYC – Mindrelic Timelapse from Mindrelic on Vimeo.
Als Bonus diese Woche ein impressionistisches NY-Video mit musikalischer Untermalung der fantastischen Band Dredg

Der neue Ton – Live auf Platte

Es ist schön und simpel, wenn man über nur eine CD sprechen muss. Dabei ist der dieswöchige neue Ton alles andere als neu. Es handelt sich um die – endlich erschienene – Live-Aufnahme des 2007er Reunion-Konzerts Led Zeppelins. Was sind da Herzen hoch und runter gerutscht, als dieses Konzert damals bestätigt wurde. Und ist das schon wieder lange her. Fünf Jahre. Ich habe noch mit der Volljährigkeit gekämpft, als Led Zeppelin sich nochmals die Ehre gaben. Ehrlich gesagt, war ich fast zu jung und nicht im richtigen Musikmilieu daheim, um dieses Konzert – dieses EREIGNIS – richtig zu würdigen.


Amerikanische Vorwahlen 2007? Fuck it! Led Zeppelin spielen wieder ein Konzert!

20 Millionen Menschen haben 2007 versucht Led Zeppelin zu sehen. Umgerechnet jeder tausendste wurde mit einem Ticket belohnt. Man darf nur hoffen, dass niemand diesen Abend vergisst. Nicht wenige sprechen bei diesem Konzert Led Zeppelins vom größten Konzert seit Queens Konzert at Wembley aus dem Jahr 1986. Zu recht? Nun, eine hervorragende Setlist und eine Zeit bedingte Frischzellenkur des Live-Sounds dank besserer Möglichkeiten sorgt für ordentlich Herzflattern bei Fans und dürfte auch für Jung-Fans das zugänglichste Live-Werk der legendären Gruppe sein. Das freut mich als Kopfhörer-Freund ungemein, da schon die aufgebesserte Ziggy Stardust ein glatter (Vintage-Freunden wahrscheinlich zu glatt) Sound die Tracks in einem moderneren Licht widerspiegeln konnte. Das Schönste an diesem Album ist, dass es für alle Fans jeglicher Altersklassen etwas bietet. Alt-Fans, die das Konzert nicht sehen konnten, werden sich sehr über den Nachholbedarf freuen und als Konzertgänger ist es natürlich Pflicht sich sein Stück Geschichte einzurahmen. Wie bereits gesagt macht es diese Scheibe auch einfacher für junge Hörer.

Insgesamt ist es mir seit langem nicht mehr so schwer gefallen eine Scheibe zu kritisieren. Natürlich ist es keine Weltneuheit ein Reunionskonzert zu starten (besonders wenn AC/DC in der selben Woche ein Live-Album herausbringt). Aber Led Zeppelin machen auf zwei CDs und zwei DVDs einfach so unglaublich viel richtig, dass man „Celebration“ bedenkenlos in den Live-Olymp heben möchte.


Würde man diesen Menschen im Bus schon seinen Platz anbieten?

Nicht ganz in den Olymp, aber zumindest als Torwächter kann man zudem The Walkabouts einstellen. Ihr „Berlin“-Konzert ist aus dem Juli diesen Jahres auch durchaus aktueller datiert. Die Folk-Rock/Indie-Pop-Größen aus Seattle, die schon seit 1984 Bühnen rocken, haben nach knapp 30 Jahren eine Menge zu bieten. Ihr Potenzial rufen sie auch nach all dieser Zeit immer noch lebhaft und gekonnt ab und können sich durchaus auf ein musikalisches Armdrücken mit AC/DCs „Live At River Plate“ einlassen. Es ist einfach immer wieder schön Live-Bands zu sehen, die nach so unglaublich langer Zeit immer noch Spaß auf die Bühne bringen und aus einem Konzert mehr als nur die Darbietung ihrer Songs machen.

Show kann durch Interaktion, große Inszenierung und Freude entstehen. The Walkabouts haben sich in „Berlin“ bewusst für letztere Einlage entschieden und vielen Leuten ein Grinsen aufs Gesicht gezaubert. Viel mehr kann und sollte man von einem Konzert nicht erwarten, besonders wenn man nie weiß, wie lange solche Bands noch aktiv sind. Mal sehen, was der Markt die nächsten Wochen bringt und wann die Best-Of-Welle über uns einbrechen wird. Kommen noch ein paar Geheimtipps und Debütanten, die den Vorweihnachtsmarkt überraschen können? Habt ihr für 2012 noch etwas auf dem Radar. Teilt euer Wissen mit uns. Teilt diesen Artikel. Und geht mal wieder auf ein Konzert!

Der Singer/Songwriter-Ton

Kennt ihr das, wenn man überhaupt keine Lust verspürt über neue Musik zu schreiben. Nicht, dass ich der Musik plötzlich den Rücken gekehrt hätte. Aber in den letzten Tagen habe ich wieder Platten aus den letzten Jahren hervorgekramt. Zum Beispiel habe ich mir die letzte Kings Of Leon als MP3-Album besorgt (legal beim Online-Großanbieter meines Vertrauens). Ich hab schon wieder vergessen wie gediegen und ruhig dieses Album ist. Von den wunderschönen Hymnen „Pyro“ und „Mi Amigo“ über all die Stadionrocker der Marke „The Immortals“ habe ich wirklich Spaß mit dem Album. Warum also diese Woche wieder mühsam nach neuer Unterhaltung in Audioform suchen?

 
Wie wäre es denn hiermit, Max?

Caroline Keating: Silver Heart

Verflucht seist du, oh, Liebe zu Singer/Songwriter-Musik meinerseits. Allein nach diesem Video (siehe oben) von Caroline Keating kann ich gar nicht anders, als mich doch um die neuen Schätze der Musikwelt zu kümmern. Der Neuling aus Kanada macht sich großteils ganz allein mit dem Flügel daran die Hörerschaft zu verzaubern. Das macht die Gleichung für potenzielle Hörer aber nicht einfach. Auch wenn Keating scheinbar minimalistisch in der Ausstattung daherkommt, ist ihr Klavierspiel selbst so abwechslungsreich, dass sich nur wenige Tracks direkt miteinander vergleichen lassen. Manch einer wird vielleicht sogar von einer akustisch leichter zugänglicheren Kate Bush sprechen, ich will dagegen einfach nur, dass ihr euch den Namen CAROLINE KEATING dick und fett im Singer/Songwriter-Kalender notiert.

 
Hach ja! Sie werden so schnell erwachsen!

Taylor Swift: Red

Dagegen empfehle ich den nächsten Interpreten nur ganz vorsichtig und mit viel Respekt vor Hatern. Ich hätte selbst nie erwartet, dass ich den Namen Taylor Swift in dieser Rubrik erwähne. Ihr kennt Taylor Swift nicht? Nun, ich kenne sie auch nur über die mitgehörte Klatschpresse und dergleichen hier in der WG. Aber ich weiß sie ist Amerikas Darling, wenn es um „junge“ Country-Musik geht (Außerdem war da wohl mal was mit dem Taylor Dingsbums, der den Werwolf ohne Brusthaare spielt).

Das neue Album „Red“ ist von der Aufmachung ein Wink mit der gesamten dänischen Windkraftanlage, dass Taylor Swift bald 23 wird und eine erwachsene Frau ist. Mit dick aufgetragenem, rotem Lippenstift präsentiert sich Swift selbstbewusster mit ihrem Körper ohne dabei ihre Country-Gemeinde zu verärgern. Dass man hier auch ein wenig freier mit Gesellschaft und Sexualität umgehen kann ist auch ein Verdienst von Shania Twain. Ja, die Frau hat den Karren gewaltig vor besagte Windkraftanlage gefahren, aber auch sie hatte ihre Hochzeiten. Würde Shania heute noch aktuelle Musik bringen, würde sie Taylors „Red“ nicht allzu unähnlich sein.

 
Zurück mit ganz viel Gefühl: Martha Wainwright

Martha Wainwright: Come Home To Mama

Die nächsten beiden Namen muss ich für Genre-Kenner eigentlich auch nicht groß ankündigen. Ebenfalls am 26.10.2012 haben Martha Wainwright und Neil Young neue Alben herausgebracht. Die Schwester von Rufus Wainwright sollte dabei wirklich jedem ein Begriff sein. Wie in ihrer Vorab-Single „Proserpina“ hat sich Martha auf ihrem letzten Album noch mit dem Tod ihrer Mutter im Jahr 2010 auseinandergesetzt. Wer die Bammel bekommt, dass auch das neue Album „Come Home To Mama“ so niedergeschlagen wird, der hat sich von Frau Wainwright ordentlich in die Pfanne hauen lassen. Abgesehen vom Album-Vorreiter (der wirklich eine wunderschöne Melodie hat) ist das Album stürmisch und aufbegehrend und arbeitet mit einer guten Hand voll Gastmusikern. Leider will mir das Internet noch nicht die Gelegenheit geben euch noch andere Einblicke in das neue Album Martha Wainwrights zu gestatten.

Denkt einfach nur daran, dass auch wenn euch „Proserpina“ richtig gut gefällt, dies nicht der Tenor des neuen Albums „Come Home To Mama“ ist. Hörenswert ist die Scheibe trotzdem geworden, auch weil Wainwright nicht zu viel experimentiert, sondern ihr Heil in eingängigen Melodien sucht.

 
Noch länger als Stefan Raabs berüchtigtes “Wir Kiffen”

Neil Young: Psychedelic Pill

Der Kreis schließt sich dann aber auch wieder mit einem Kanadier. Wie schon angekündigt hat auch Neil Young (schon wieder) neue Musik zu präsentieren. Mit drei Outputs in den letzten 18 Monaten muss man sich fragen, ob Young seinen x-ten Frühling erlebt oder einfach noch mal sein Ruhestandskonto auffüllen möchte. Das Cover-Album Americana (aus dem Juni diesen Jahres!) hat manche einen schon unken lassen, aber was Neil Young auf dem Konzept-Folk-Album „Psychedelic Pill“ auf die Hörer loslässt hat Klasse.

Das 16-minütige „Ramada Inn“ allein ist schon ein Ausdruck Youngs neu gefundener Spielwut. Im Stile Wilcos werden gute Melodien hier bis zur endgültigen Entspannung ausgereizt. Die Rechnung von 88 Minuten, die sich auf zwei CDs mit jeweils nur vier Stücken verteilen, lasse ich euch übernehmen. Young zeigt Zwischendurch-Hörern den Mittelfinger indem er gut 10 Minuten pro Lied einplant und in bester amerikanischer Folkmanier eine hypnotische Melodie nach der anderen raus haut. Zugegebenermaßen wird er vielen die Lust an seiner Musik verderben, weil die Lieder einfach so unglaublich lang sind. Für Autofahrten und beim morgendlichen Kaffee/Tee/Kakao/Glas Milch ist diese Oase aus kernigen Americana-Klängen ein echter Geheimtipp!

Das war’s dann auch schon wieder mit den Tipps dieser Woche. Neue Töne gab es natürlich noch viel mehr und wenn ihr noch ein paar Perlen ausgemacht habt, dann schreibt, kommentiert und lasst die Hölle los! Ansonsten hoffe ich besonders Singer/Songwriter-Freunden ein wenig Futter gegeben zu haben. Zum Abschluss noch ein Bonus weit ab vom Schuss mit der heute veröffentlichten Single von My Chemical Romance, deren letztes Album „Danger Days“ mir sehr gut gefallen hat. Ihre neue, alte Musik scheint zurück zu ihren Wurzeln zu gehen. Bei Interesse: Hört rein!

 
Oft als Emo-Band betitelt, passt das Label heute nicht mehr so astrein

Wunschkonzert auf geteilte Aufmerksamkeit

Das Internet sollte eigentlich Berthold Brechts großen Traum des Radios wahrmachen. Die Rezipienten werden Mitspieler und greifen in das Geschehen ein. Das passiert durch Kommentare und Vorschläge von eurer Seite, die dann allerdings auch konstruktiv sein müssten. Eine Sandburg kaputtzutreten ist keine Kunst, sie wetterfest zu gestalten dagegen schon.

Aus eigenem Hause hat sich Anne endlich mal eingeschaltet und nutzt mein Geschreibsel als Werbequelle für die eigenen Wünsche. Ja, Vorstellungen werden wahr oder erst richtig schlimm, wenn der böse, böse Max seine subjektive Meinung loslässt.

Heute gibt es Lobhudeleien oder eben fest aufs Fressbrett für Love A und Frau Potz, bevor ich noch den ein oder anderen Tipp des letzten Releasetages in Deutschland abgebe.

Der deutsche Ton: Frau Potz und Love A – Zusammen geteilt!

Am 12. Oktober haben die Rookie Records zwei ihrer Pferde zusammen aus dem Stall gelassen. Nicht etwa mit Alben, sondern mit einer Split-Single. Es handelt sich um jeweils eine neue Single der beiden Deutschpunkgruppen, die beide um die zwei Minutengrenze herum für kurzweiligen Spaß sorgen wollen und im besten Fall Appetit auf mehr machen sollen.

Mit ihrem letztjährigen Album „Eigentlich“ haben Love A ein textlich sehr kritisches Album abgeliefert. Weniger auf Härte ausgelegt, sondern auf Alltagsprobleme ausgerichtet ist „Eigentlich“ ein im Garage-Sound aufgenommenes Kurzwerk, welches den Einblick in ein paar junge, unzufriedene Köpfe lieferte. Damit sind sie mit Bands wie den Goldenen Zitronen und Turbostaat in guter Gesellschaft. Besonders mit der neuen Split-Single „Entweder“ gibt es genug Parallelen zu letzteren Turbostaat. Der Sound auf „Entweder“ wurde ordentlich aufgebessert. Das wird Pogo-Punker nerven, tut dem musikalischen Gesamtbild jedoch gut. Der Gesang ist immer noch clever auf Hall gepolt und regt zum Aufbäumen an, wogegen die restlichen Musiker jetzt richtig gehört werden dürfen und der teils sehr verwaschene Sound auf „Eigentlich“ zunichte gemacht wurde.

Ob die Texte beim Hörer zünden, ist letztendlich natürlich die entscheidende Frage, doch zumindest auf musikalischer Ebene reißt Love A mit „Entweder“ gut mit und ist für alle die auch schon Trubostaat mochten eine klasse Alternative.


Für Schreihälse: Keine Sorge! Mit dem Chorus wird auf die Kacke gehauen!

Frau Potz haben sowieso noch viel weniger Grund sich zu verstecken. Mit mehr Gitarrenwänden und Geschrei im Gesang und – ja, das klingt jetzt negativ für Love A – nicht ganz so anschmiegsam. Frau Potz wissen genau, dass sie einem im Zweiminutentakt die Ohren zuballern wollen mit ebenfalls kritischen Texten, aber eben auf musikalischem Wumms dahinter. Da sind Love A im Vergleich fast schon künstlerisch und zurückhaltend. Aber es ist ja auch eine Kunst heute noch den Punk auf den Punkt zu bringen. Und dieser setzt sich dann eben mit Alltag, Kultur und wenn wir Glück haben auch mit Politik auseinander. Für die ersten beiden Kategorien bewerben sich Love A und Frau Potz in einer Weise, die zumindest meine Daumen nach oben schnellen lässt.

Der große Ton: Turbostaat und Trail Of Dead

Da lassen sich jetzt natürlich noch wunderbar Referenzen verwursten. Da wäre eben die deutsche Alternative Turbostaat, die man auf dem Zettel behalten sollte. Die neue Platte ist laut Band bereits fertig aufgenommen und bearbeitet. Jetzt heißt es Warten auf das grüne Licht seitens der Plattenfirma. Warum mülle ich euch jetzt damit zu, wenn ich sowieso in der (hoffentlich) nahen Zukunft ihr neues Album (hoffentlich) in höchsten Tönen loben werde? Nun, es passt gerade unglaublich gut in den Kram dieser Punk zentrierten Ausgabe.

Frau Potz und Love A sind weitere Belege dafür, wohin sich der Punk in Deutschland entwickelt und entwickelt hat. Gerade der Punk ist schließlich ein Genre, welcher unter einer großen Identitätskrise leidet. War früher blankes vor den Kopf stoßen noch ein probates Mittel zur Gesellschaftskritik nimmt man solche Kindereien heute nur noch selten ernst. Destruktiven Punk will heute in der Musikszene (eigentlich) keiner mehr. Ideen und Kritik werden einfach anders wiedergegeben als noch zu Zeiten der Sex Pistols und das darf man durchaus als positiv bewerten, wenn man die bisher genannten Vorbilder betrachtet. Sich den Frust und die Wut von der Seele singen geht bei Turbostaat und Konsorten aber auch heute noch genau so gut wie vor 40 Jahren.


Turbostaat-Fans gibt es in allen Formen und Farben. Sehr schön!

In Amerika hat der Punk zur Zeit eigentlich sogar Revivalpflicht! Schließlich gibt es wieder quietschbunte Schlammschlachten im TV, die den besten Streithahn an die Spitze eines der mächtigsten Länder der Welt setzen soll. Neben Propaganda at it’s finest zeigen sich komischerweise in diesem Vierjahresrhythmus die unsagbarsten menschlichen Abgründe, die man sich so vorstellen kann. So wissen wir jetzt – dank den größten der amerikanischen Denkern – dass Frauen durch Vergewaltigungen gar nicht schwanger werden können und nur weil man letzte Woche eine Meinung hatte, man Konkurrenten später für eben diese Einstellung nicht angreifen kann. Freedom of Speech beinhaltet scheinbar auch die Freiheit so viel gequirlte Exkremente aus seinem Mund tropfen zu lassen, wie man möchte.

Dementsprechend haben sich And You Will Know Us By The Trail of Dead in ihrem neuen Video über übliche Weisheiten aus der Politik ausgelassen und ziehen stereotypisch über ihre politischen Feindbilder her. Das schließt auf ihrem neu erschienenen Allbum „Lost Songs“ auch Russland und den Pussy-Riot-Fall ein und ist seit ihrem schroffen Album „Madonna“ ihr erstes Werk, das auf Kunstgriffe großteils verzichtet und wieder auf hallendes Geschrei und viele, schnelle und laute Gitarren setzt. Ehe wir es uns versehen wird Punk wieder Mainstream!


Ungewohnt laut und politisch

Der flexible Ton

Wer so gar keine Böcke auf Punk hat, der wird erleichtert sein, dass natürlich auch in anderen Sparten wieder gute Musik aufkommt. Seit langer Zeit nehme ich es mir mal wieder heraus ein wenig Metal zu empfehelen, auch wenn mein Metal-Horizont nicht der Weiteste ist. Man bemüht sich eben. Mehr als nur bemühen tun sich Mob Rules mit „Cannibal Nation“, die nach 13 Jahren noch immer nicht genug haben. Vielleicht sind sie einigen mit ihrem Melodic-Einschlag auch gar nicht mehr hart und schroff genug und nur deswegen kann auch ich etwas mit ihnen anfangen.

Noch viel mehr in Richtung Melodie gehen Menomena, die nach ihrem schwächeren Album „Mines“ auf „Moms“ wieder größer, besser, schneller und weiter in Sachen Musikhorizont wirken und so vielschichtig ihren Rock mit Hilfe vieler verschiedener Stile zu einem nahezu unbeschreiblichen Rock-Erlebnis machen. Wer Hang zu leichterer Prog- und tieferer Indie-Musik aufweist, sollte sich Hörproben antun.

Zum Abschluss soll noch Ryan Bingham mit „Tomorrowland“ erwähnt werden, damit ich ein wenig Americana-Feeling und Singer/Songwriter-Musik im Programm habe. Da bleibe ich mir treu, da das bestimmt auch irgendwo Punk ist. Aber Schluss mit den Späßen und dem neuen Ton für diese Woche. Hört schön rein und bei Wünschen, Kritik und Sonstigem ist die Kommentarfunktion schon jetzt ganz heiß auf euch!


Die Kunst einen Beitrag mit einem Ohrwurm zu beenden

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