Tag: Aufreger der Woche

Aufreger der Woche – Es hackt

Eine Meinung haben und sie zu vertreten ist eine schwierige Sache. Schließlich wissen wir alle, dass unsere Meinung eben genau das ist, nämlich eine höchst subjektive Anschauung über einen Sachverhalt. Diese Meinung kann dadurch untermauert werden, dass mensch sich mehrere Meinungen über ein Problem einholt, womit gleichzeitig verschiedene Perspektiven eingenommen werden und somit der begrenzte subjektive Standpunkt zumindest ansatzweise einen größeren Horizont einnimmt. Das jedenfalls hat Hannah Arendt geschrieben und fügt hinzu, dass ein Urteil letztlich nur dadurch möglich ist, dass mensch einen Standpunkt einnehmen kann, der nicht der eigene ist und einen Sachverhalt aus eben diesem Standpunkt betrachtet.

Einfach ausgedrückt: Wir müssen uns in andere Menschen hineinversetzen, ihre Probleme verstehen, um schließlich zu einer Lösung zu kommen. Deshalb ist eine Meinung zu haben schwer, denn auch wenn mensch seine Meinung unter der Berücksichtigung anderer Standpunkte gebildet hat, so muss er oder sie diese Meinung doch so vertreten, als wäre sie die einzig richtige. Aber leider existiert so etwas wie objektive Wahrheit wahrscheinlich nicht und deshalb muss bei einer Diskussion immer der eine oder andere Standpunkt unter den Tisch fallen. Das wiederum lässt viele Menschen zu dem Schluss kommen, das mehr oder weniger kompromisslose Vertreten der eigenen Meinung wäre Arroganz. Dies ist aber nur dann der Fall, wenn da eine Art bewusster Ignoranz im Spiel ist, bestimmte Sichtweise also ganz bewusst ausgeschlossen werden, um die eigene Haltung nicht überdenken zu müssen.

Und diese Ignoranz wurde in der laufenden Debatte um Sexismus in Deutschland selten zuvor so offen demonstriert, wie in der zurückliegenden Sendung von Günther Jauch in der ARD. Zwei Studiogäste inklusive des Moderators waren so offensichtlich voller großkotziger Arroganz gegenüber all den Frauen, die sich sexuell belästigt fühlen oder die unter Sexismus leiden, dass es mir wirklich die Sprache verschlug. Und danach wollte ich den Bildschirm anschreien.

Wie kann mensch nur so völlig verständnislos für ein offensichtliches Problem sein? Aber ich wollte keine Sendungskritik schreiben. Denn hinzu kam dann dieser Artikel der Süddeutschen Zeitung, welcher eine weitere Episode aus dem deutschen Fernsehen schilderte: Ein Literaturkritiker namens Denis Scheck hat zur Diskussion um die Streichung des Begriffs „Neger“ aus den Kinderbüchern „Die kleine Hexe“ und „Pippi in Taka-Tuka-Land“ Stellung genommen und sich für den Erhalt des Wortes „Neger“ in diesen Büchern ausgesprochen, da Sprache im Wandel sei und Kinder das ruhig durch das Lesen des Wortes „Neger“ beigebracht bekommen dürften. Diese Meinung wäre nur dumm geblieben, hätte sich Herr Scheck auf seine Worte beschränkt, unerträglich wurde sie aber dadurch, dass diese Worte von ihm mit weißen Handschuhen und schwarzem Gesicht vorgetragen wurden. Herr Schenk bediente sich also vollen Bewusstseins hier der Technik des „Blackfacing“, einer rassistischen Spielart der Verkleidung, die vor allem in den USA populär war und rassistische Stereotype weiterverbreitete.

 
Das sah dann wieder so aus. Via Wikimedia Commons

Diesen beiden Themen konnte mensch in der letzten Woche kaum entkommen und nachdem ich die bereits viel gescholtene Jauch-Sendung sowie den Schenk-Ausschnitt gesehen habe, bleibe ich fassungslos zurück.

Ich glaube es hackt.

Gewaltig.

Wie kann es – verdammt nochmal – im Jahr 2013 angehen, dass wir tatsächlich darüber sprechen, ob mensch noch Neger sagen bzw. schreiben darf oder nicht? Wie kann es angehen, dass im Fernsehen ernsthaft gefragt wird, ob es ein Sexismus-Problem gibt? Wie kann es angehen, dass Menschen in wichtigen Positionen eine so selbstherrliche Position einnehmen können, dass sie Probleme einfach ignorieren können?

Es kann doch nicht sein, dass Menschen wirklich der Meinung sind, rassistische Wörter hätten in Kinderbüchern irgendeine Daseinsberechtigung, egal wie alt sie seien. Und es kann doch auch nicht sein, dass eine gestandene Ex-Moderatorin des öffentlich-rechtlichen Fernsehen in ebendiesem kolportiert, sechszigtausend Stimmen zu einem bestimmten Thema wären nicht ernstzunehmen. Es ist extrem frustrierend mitanzusehen, wie dieselben Diskussionen immer auf einem Punkt enden, im Falle von Rassismus und Sexismus nämlich der Tatsache, dass dies strukturelle Probleme sind. Probleme, die innerhalb einer Gesellschaft bestehen und nur durch ernsthafte Bemühungen seitens der Zivilgesellschaft und des Staates zu beheben sind. Wenn es am Ende immer wieder um diesen eine Punkt geht, dann muss die Botschaft doch langsam angekommen sein, dass es da was gibt, was nicht so unbedingt toll ist und was, gemessen an den Grundsätzen einer demokratischen Ordnung und damit der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz und der Gesellschaft, ziemlich dem entgegenstrebt, was wir alle eigentlich wollen.

Gerechtigkeit ist aber ein teures Gut, dass sich nur mit dem Verzicht von Privilegien erkaufen lässt und es macht mich aggressiv zu sehen und zu hören, wie viele Leute zwar um ihre Begünstigung Bescheid wissen und damit auch um die Benachteiligung anderer, aber nicht den letztlich mutigen Schritt gehen und ihre eigenen Privilegien abgeben, um ein gerechtes Leben für alle und damit auch sich selbst zu ermöglichen. Stattdessen krallen sich diese Menschen mit aller Kraft an ihren Status und bekämpfen andere Meinungen, die an ihrer Vormachtstellung rütteln würden. Nicht mit Argumenten, wohlgemerkt, sondern mit bloßer, feiger Ignoranz. Brächten sie Argumente hervor, schienen doch allzu deutlich ihre egoistischen Motive hervor: Es geht darum, dass diese Menschen ihre Macht und damit ihren materiellen Wohlstand sichern und alle anderen können sie mal am Arsch lecken.

Natürlich, Wohlstandssicherung ist kein verwerfliches Motiv, aber solange diese durch die Ausbeutung gesellschaftlicher Machtunterschiede oder auf materieller Abhängigkeiten basiert, dann ist kein Argument stark genug, um Ungerechtigkeit zu rechtfertigen. Und darum geht es doch letztlich: Wir leben keineswegs in einer gerechten Gesellschaft! Unser tägliches Leben ist geprägt von Sexismus und Rassismus und in den beiden Debatten um Alltagssexismus und das „Neger“wort bricht mal wieder die Strukturfrage hervor. Aber aus diesen Debatten werden natürlich kaum Taten folgen, weil diejenigen, die von den Zuständen profitieren, doch naturgemäß auch die Mittel haben um etwas zu verändern. Und keiner von diesen Menschen wird mutig genug sein den eigenen Ast abzusägen, um ihn etwas weiter unten am Baum wieder an den Stamm zu nageln.

 Ich sitze bei diesen Diskussionen wirklich fassungslos vor dem Monitor und muss lachen. Nicht, weil es tatsächlich lustig ist, sondern absurd. Absurd ist, wie scheinargumentiert wird, wie immer wieder dieselben Taktiken (die Annika in den Mythen des Anti-Feminismus glücklicherweise entlarvt) benutzt werden, wie verzweifelt letztlich gegen einen möglichen, wenn auch nur klitzekleinen Machtverlust angekämpft wird. Es ist absurd, wie Menschen die Möglichkeit haben, etwas zum positiven zu verändern, dies aus Feigheit und Angst aber nicht machen. Menschlich? Ja, vielleicht. Aber das ist keine Ausrede für Ungerechtigkeit.

 
ein völlig unironischer Gebrauch des Kotzbildes. Via corygrunk

Am Ende geht es doch nicht um eine Revolution. Es geht nicht um den Umsturz der Verhältnissen, nicht um die Einführung des Kommunismus oder der Anarchie, nicht um die Umkehrung der Geschlechterrollen. Es geht um ein respektvolles Miteinander nach dem Prinzip „Behandle andere so, wie du behandelt werden möchtest“. Und etwas anderes hat Hannah Arendt, jedenfalls meiner Meinung nach, auch nicht gesagt, als sie meinte, dass mensch sich ein Urteil nur dann erlauben kann, wenn mensch auch die Sichtweise der anderen kennt.

Aufreger der Woche – Filmpreise

Es ist immer wieder wunderschön, sich mit Freunden an Orten zu treffen, zu schwatzen und dabei das ein- oder andere alkoholische Getränk zu verzehren. Und das alles ohne Zwang, sondern rein aus Nächstenliebe und ehrlichem Interesse am Gegenüber. Umso schwerer zu verdauen ist es dann, wenn der vertraute Saufpartner mit einem anderen vertrauten Gesprächspartner plötzlich in eine Diskussion um ein Thema gerät, welches einem selbst am Arsch vorbei geht. Zurecht ist mensch dann ein wenig beleidigt und entwirft eine Abneigung gegen das völlig sinnlos so derart arg diskutierte Motiv und nutzt die Gelegenheit für zwei Dinge: Erstens der tiefgehenden Reflexion über die eigene Abneigung gegen besagtes Thema und die Verwertungsmöglichkeiten für einen Aufreger der Woche. Und zweitens die fröhliche Ignoranz der Tatsache, dass man zehn Minuten zuvor dasselbe gemacht hat, nur statt um die Academy Awards ging es um Dark Souls, welches im übrigen ein fantastisches und tiefgründiges Spiel ist.


Besser als 90% der hier gezeigten Spiele jedenfalls! Via Zorin Denu

Die Oscars stehen also vor der Tür und alle Welt hat sich bereits das Maul über die Nominierungen zerrissen. Warum? Warum bloß ist für jede*n selbsternannte*n Filmkritiker*in diese Veranstaltung so wichtig, vor allem, da hauptsächlich us-amerikanische Filme ausgezeichnet werden? Dies liegt übrigens an den Nominierungsvorgaben, die nicht-us-amerikanische Filmen zwar nicht ausschließen, allerdings müssen diese in einem bestimmten Zeitraum in einem Kino in Los Angeles für einen mindestens sieben Tage gegen Entgelt gezeigt werden, was aufgrund der stark kommerzialisierten Kinostruktur in den USA den Zutritt für ausländische Filme zumindest stark erschwert. Hinzu kommt die Zusammensetzung der Akademie (als der Jury), welche mittlerweile aus etwa 6000 Mitgliedern besteht. Dort sind Filmschaffende und -wirtschaftler*innen vertreten sowie eine erkleckliche Anzahl an Oscar-Gewinner*innen, die größtenteils US-Staatsbürger*innen sind, da diese ja auch meist mit besagtem Filmpreis bedacht werden. Wie können so viele Leute über so viele Filme entscheiden? Und warum wird die Zusammensetzung der Jury geheimgehalten, wo doch alle anderen Filmpreise und Festivals so transparent sind und ihre Mitglieder*innen veröffentlichen? Ist die Nominierung eines Films bei so vielen Stimmen nicht viel eher ein kakophonisches Rudelbummsen bei dem sich letztlich wahrscheinlich „nur“ ein kommerziell-künstlerischer Kompromiss durchsetzt, und nicht die filmische Qualität und die Relevanz einer Geschichte?

Und wie sinnvoll waren die Entscheidung der Jury in der Vergangenheit? Welchen Aufschrei gab es 2010, als der Anti-Kriegsfilm The Hurt Locker nach einem Aufruf eines Filmproduzenten, doch für diesen kleinen Film zu stimmen anstatt für den Mega-Blockbuster Avatar, welcher die meisten Nominierungen dieses Jahres auf sich vereinte. Schließlich gewann (glücklicherweise) zwar der Film von Kathryn Bigelow (einer Frau! Die Actionfilme macht!), aber allein die Tatsache, dass ein Film mit einer solch klischeebefüllten Kackhandlung wie Avatar als „bester Film“ nominiert war, lässt mich ganz persönlich an dem künstlerischen Verständnis der Jury zweifeln. Und warum zur Hölle hat Shakespeare in Love 1999 den Oscar bekommen, obwohl der grandiose The Thin Red Line von Terence Malick nominiert war, ein Film, der den Zweiten Weltkrieg wesentlich eindringlicher darstellt als der zeitgleich erschienene Saving Private Ryan, welcher zwar durch die realistisch und „schonungslos“ gezeigte Gewalt beeindruckte, sich selbst aber immer wieder so mit Pathos zukleisterte, dass einem spätestens am Ende leicht das Erbrechen in der Speiseröhre juckte.

Alles in allem sind die Oscars wohl kaum der tatsächliche Meilenstein des zeitgenössischen Kinos, zu dem sie so hoch stilisiert werden, und eigentlich kein Grund, mit irgendjemandem in hitzige Diskussionen ob der Nominierungen zu verfallen. Werden die Preisträger*innen von Cannes so kontrovers diskutiert? Oder der Goldene Bär der Berlinale? Wohl kaum. Und warum? Wahrscheinlich liegt’s mal wieder am schnöden Mammon. Durch das ganze Brimborium um die Verleihung der Academy Awards haben die Oscars soviel Aufmerksamkeit, dass man mit dieser Auszeichnung wesentlich mehr Kohle machen kann als mit einer schnöden Goldenen Palme; oder der sogenannten „Lola“, dem deutschen Filmpreis (ja, den gibt’s wirklich).


Fuck it! Wenn’s keine gemeinfreien Bilder vom Deutschen Filmpreis gibt, dann zeig ich halt Katzen! Via hubs

Wenn Filme aber Kunst sind, so ist die Maßgabe der Qualität eines Films doch nicht die pseudo-autoritäre Entscheidung einer Jury, sondern vielmehr die Relevanz, welche ein Film (oder Kunstwerk im allgemeinen) in der eigenen Vita einnimmt. Denn wie jede gute Kunst kann ein herausragender Film das Publikum auch mit unangenehmen Themen konfrontieren und so als Auslöser für die eigene Auseinandersetzung mit diesen Themen bis hin zu Selbstreflexion dienen. Dies aber passt nicht zusammen mit dem Bild vom Film als Unterhaltungsmedium und somit kollidiert das ganze auch mit der Gewinnabsicht der Produzenten*innen. Ein Werk nämlich, dass auch unangenehme Dinge darstellt, ist nicht für jeden zugänglich, schon gar nicht für die viel zu große Masse an Menschen, die an irgendeinem Punkt ihres Lebens beschlossen haben, sich wunderbare Scheuklappen zuzulegen, sie nett von innen anzumalen und fortan derart unbeschwert und mit Blick nur auf den eigenen Weg durchs Leben zu schreiten. Weil also die Qualität eines Films vom subjektiven Standpunkt abhängt, können Filme aus unterschiedlichen Gründen besonders wertvoll sein. Während die einen beispielsweise mit dem Werk David Lynchs aufgrund seiner kryptischen Darstellungs- und Erzählweise nicht viel anfangen können (und da gehöre ich wahrscheinlich dazu), ist Lynch für die anderen ein genialer Regisseur und Autor, der sich traut, mit seinen Filmen hintergründige und hochkomplizierte Kunstwerke zu schaffen, die eben nicht beim ersten Schauen zu entschlüsseln sind.

Wie dem auch sei, um einen Film gut zu finden, braucht man keine Filmpreise. Viel eher ist dafür ein bisschen Selbstbewusstsein und auch -reflexion gefragt. Und nicht zuletzt auch ein bisschen Einfühlungsvermögen in andere Menschen und die Geschichten, die sie erlebt haben und nun mit uns teilen wollen. Diese Tugend braucht man übrigens auch in zwischenmenschlichen Beziehungen und zwischen Anni und mir gibt es mittlerweile ein Einverständnis: Sie regt sich nicht über die Oscars auf und ich rede nicht stundenlang über Dark Souls (welches immer noch ein total tolles und fesselndes Spiel ist).

 

Aufreger der Woche – Bildungspolitik

Jede Woche passieren Dinge, über die man sich aufregen kann. Und jede Woche passieren Dinge, über die man sich aufregen muss.

Als passionierter Aufreger übernehme ich gerne diesen Part für euch! Katharsis! Ich rege mich auf, damit ihr in Ruhe schlafen könnt. Mit einem Lächeln auf den Lippen. Und viel Wut im Bauch.

Bildungspolitik

Thilo Sarrazin hat einen an der Klatsche. Ich glaube, da brauchen wir nicht drüber zu reden. Mit seinen neo-rassistischen Theorien hat er die Stimmung gegenüber Migranten in Deutschland, egal ob sie erst seit zwei Jahren oder schon zwei Generationen hier leben, nachhaltig beschädigt. Und er hat all jenen blinden Deutschtümlern, die allzu oft in offensichtlicher geistiger Umnachtung von einer deutschen Leitkultur delirieren, neues Futter für ihre Anti-Multikulti-Ausfälle gegeben. Traurig, dass sich dieses Land nach fast 70 Jahren noch immer mit leidigem, leicht bräunlichen Gedankengut herumschlagen muss.

Umso schmerzlicher ist es, wenn mir zum derzeitigen Stand der deutschen Bildungspolitik nichts weiter als der Titel von Sarrazins erstem Buch einfällt: Deutschland schafft sich ab. Natürlich, Sarrazin meinte das anders als ich. Im Gegensatz zu ihm schiebe ich die Schuld nicht auf eine marginalisierte Gruppe von Menschen, die in Deutschland etwas genauso hohes Ansehen genießt wie die Stinkmorchel. Obwohl, das könnte auch auf die Politiker zutreffen, denen ich die Schuld gebe. Was ich jedenfalls denke ist, dass Deutschland auf einem ohnehin schon morschen Ast sitzt, den es fröhlich und anscheinend nichtsahnend von der falschen Seite her absägt. Oder, um ein anderes Bild zu bemühen, dass Deutschland vor glücklicher Hysterie kreischend in eine Kreißsäge läuft.

Aber fangen wir von vorne an:
Welchen Aufgaben hat der Staat? Geht es nach klassischen Naturrechtlern wie Thomas Hobbes, John Locke oder Jean-Jacques Rousseau, dann ist Aufgabe des Staates der Schutz der physischen Existenz seiner Bürger (Hobbes), der Schutz des Eigentums (Locke) oder die Herstellung bürgerlicher Freiheiten, aus denen alle Nutzen ziehen können (Rousseau). Gemein ist allem vorgenannten großen Herren, dass der Staat dazu dient, seinen Bürger*innen bestimmte Rechte zu ermöglichen. Diese Rechte, sei es nun die Unversehrtheit des eigenen Lebens oder die Fähigkeit der Ausübung politischer Mitbestimmung, sind je nach Zeit und Ort unterschiedlich. Allgemein gesagt, ist der Staat dazu da, ein Gemeinwesen (friedlich) zu organisieren und zwar durch das Mittel der Politik. Um diese Organisation zu erreichen, muss ein Staat seinen Bürgern ein bestimmtes Lebensniveau ermöglichen, damit nicht der Hunger (oder die Wut) größer wird als der Wunsch nach Sicherheit. Wer nichts mehr zu verlieren hat, kann nur noch gewinnen, um eine schreckliche Phrase zu bemühen. Mit der Entwicklung einer post-industriellen Gesellschaft sind die Erwartungen, was dieses „bestimmte Niveau“ angeht, gestiegen. Für uns ist eine Grundversorgung mit Nahrung, Kleidung, Obdach, Strom und fließendem Wasser selbstverständlich. Und dann gibt es da noch die Grundversorgung, an welcher der Staat ein eigenes Interesse hat: Dazu gehört die Bereitstellung einer angemessenen Gesundheitsversorgung (kranke Menschen können nicht arbeiten und erwirtschaften deshalb keinen Gewinn) und einer angemessenen Bildung (denn dumme Menschen sind nicht so produktiv und sorgen auch nicht für Innovationen). Und genau diese Grundversorgung im Bildungsbereich wird von Deutschland torpediert.
(Die Gesundheitsversorgung übrigens auch, aber das ist ein Thema für einen anderen Aufreger…)

Symbolbild. via USP Hospitales

Man muss dazu wissen, dass in der BRD seit der Föderalismusreform von 2006 Bildung weitestgehend Ländersache ist, unter anderem auch der Posten Hochschulbau. Lediglich bei den Hochschulabschlüssen kann der Bund lenkend in die Länderpolitik eingreifen. Deswegen gibt es momentan auch (leider) keine bundesweiten Demonstrationen gegen Einsparungen im Bildungssektor, wie noch vor zwei Jahren, sondern die Unis sind im schlimmsten Fall alleine und auf sich selbst gestellt.

Bildung ist also Ländersache, das Problem ist nur, dass die Länder chronisch pleite sind und sich diese Situation auch nicht schnell ändern wird. Da die Länder pleite sind, ist auch die Bildung chronisch unterfinanziert, was nicht nur in den oft zitierten überfüllten Hörsälen, sondern auch in immer voller gepackten Stundenplänen in der Grund- und Sekundarschule. Kinder haben beispielsweise an einem Gymnasium in Nordrhein-Westfalen zwei verschiedene Stundenpläne, die sich von Woche zu Woche abwechseln. Das Motto war wohl: „Mist, wir müssen laut Curriculum Chemie in der siebten Klasse unterrichten, haben aber keine Möglichkeit, dass in den Stundenplan zu packen (verkürztes Abitur sei Dank!). Also machen wir einfach ZWEI Stundenpläne!“ Und so hetzen Schulkinder in jeder Woche durch unterschiedliche Fächer, haben kaum Möglichkeit, das gelernte ordentlich zu verarbeiten oder, was ganz schlimm wäre, mal zu fragen, was das ganze eigentlich soll. Nein, stattdessen werden die Kinder mit Inhalten erschlagen, und wehe sie können die Inhalte nicht alle bei der nächsten Klassenarbeit zu Papier bringen! Die gar nicht so weit hergeholte Erkenntnis, dass manche Kinder einfach ihre eigenes Lern- und Arbeitstempo haben wird trotz besseren Wissens von Seiten der Lehrer und einfach unter den Teppich gekehrt. Stattdessen wird fröhlich weiter gemacht, auch weil die meisten Lehrer das System, indem sie unterrichten (müssen), gar nicht mehr hinterfragen.

Japanische Bildungsfabrik. Wenigstens ist es nicht nur in Deutschland so schlimm. via A is for Angie

An der Uni ein ähnliches Bild: Der Bologna-Prozess hat zur Einführung der Bachelor/Master-Abschlüsse geführt, die das Studium verkürzen und die Inhalte besser an die wirtschaftliche Nachfrage anpassen sollen. Nachdem die ersten Versuchskaninchen-Jahrgänge sich das alles glücklicherweise nicht haben gefallen lassen, sind die größten Stürme vorbei und man beginnt, die Absurdität dieses ganzen, Verzeihung, Hirnfurzes namens Reform zu begreifen. Nach sechs Semestern sollen die ersten Studierenden schon auf den Arbeitsmarkt entlassen werden. Schön, aber was haben die Studis bis dahin gelernt, z.B. in Soziologie, in Geschichte, in Anglistik, in Psychologie, in Medienwissenschaften, in Politik? Kann man nach drei Jahren wirklich davon ausgehen, dass diese Menschen, die gerade mal das allernötigste Basiswissen gefüttert bekommen haben, die noch nicht einmal die Möglichkeit hatten, sich annähernd einen eigenen Überblick über die Themengebiete, inklusive dem Finden eigener Vorlieben und Spezialgebiete, dass diese Menschen also auch nur ein bisschen was produktives zur Volkswirtschaft beitragen können? Wer stellt denn solche Fachidioten, die notwendigerweise keinen Blick nach links oder rechts während ihres Studiums werfen konnten, ein? Ich will nicht bezweifeln, dass drei Jahre Ausbildung für bestimmte Fächer, die nichts weiter brauchen als ein Grundwissen (z.B. Architektur, wenn man auf die Kunst scheißt, Betriebswirtschaftslehre, wenn man auf nachhaltiges Wirtschaften scheißt, Ingenieurswissenschaften, wenn man auf neue Erfindungen scheißt), ausreicht. Aber was ist mit den Fächern, die auch wichtig sind, die zwar keinen direkten volkswirtschaftlichen Beitrag leisten (können), die aber umso wichtiger für den gesellschaftlichen Fortschritt sind?

Neben einer so beschissenen Ausbildung wird man auch noch unter beschissenen Umständen ausgebildet. Nicht nur überfüllte Hörsäle, sondern auch gesperrte Seminare, acht Klausuren in einer Woche, keine Toleranz für eine verhauene Prüfung, überteuerte Mietpreise und die Mensa wird auch nicht besser. Das Betreuungsverhältnis fällt in den Keller, die Dozierenden sind maßlos überlastet und unter all dem leidet nicht nur die Lehre, sondern auch die Forschung. Ich kann nicht vor Verzweiflung kotzen, ich muss lernen!

Das schöne humanistische Bildungsideal wurde im Klo runtergespült, was wir heute haben, ist ein funktionales Bildungsprinzip: Ich bekomme etwas beigebracht, damit ich später mehr verdienen kann. Dass Bildung auch immer Erweiterung des eigenen Horizonts bedeutet, das Erkennen von Zusammenhängen und die ständige Neugier zu wissen, warum etwas geschieht, das wird alles von Bund und Ländern vernachlässigt. Bildung hat eine Funktion zu erfüllen, nämlich möglichst bald Rendite für den Staat abzuwerfen. Scheiß auf die Menschen, scheiß auf die Grundversorgung. Der nächste Schritt ist die Privatisierung der Unis, denn die Grundversorgung ist in Form von Grund- und Sekundarschulen ja gegeben. Alles weitere ist Luxus. Danke, Deutschland!

Wilhelm von Humboldt, meine Damen und Herren. Aber den wird in 10 Jahren niemand mehr kennen (wollen). via Wikimedia Commons

Es fragt sich, warum dies alles geschieht. Warum Deutschland seine Zukunft als post-industrielle Wissens- und Innovationswirtschaft, also als stark von gut und breit ausgebildeten Bürger*innen abhängiger Staat, warum diese Chancen verspielt werden? Das traurige ist, und ich mag kaum diesen Umstand kaum glauben, dass die Politiker*innen, die verantwortlich sind, das alles ganz genau wissen. Die wissen, dass unter den Umständen, unter denen momentan unterrichtet wird, nicht wirklich etwas gutes herauskommen kann. Und sie tun nichts, aus zwei Gründen: Erstens wird es in 10 – 15 Jahren weniger Kinder geben, die man versorgen muss, und damit müssen auch weniger Lehrer*innen bezahlt werden. Man kann das Problem also aussitzen. Zweitens verpflichten sich die Politiker*innen heute nur noch dem „Möglichen“, dem „Pragmatischen“, sehen nur noch „Alternativlosigkeit“. All das ist aber nur eine Ausrede, um eine Politik zu rechtfertigen, von der Macher*innen selbst wissen, dass sie falsch ist. Warum machen die dann nichts anderes, warum wird die Ausflucht in einem vermeintlichen Pragmatismus (oh, wie ich dieses Wort verabscheue!) gesucht? Weil die Politiker*innen Angst haben. Weil sie Angst haben, eine kompromisslose Politik zu führen, die Teile ihrer Wähler*innenschaft vielleicht nicht passt und welche vor allem, man mag es sich kaum vorstellen, von der Wirtschaft nicht euphorisch begrüßt wird. Es ist mittlerweile so, dass fast die gesamte politische Klasse in Deutschland auf die ein oder andere Art von der Wirtschaft als Geisel genommen und mit Blick auf Export, Wettbewerb, Globalisierung und all den anderen Schreckgespenstern erpresst wird. Oder, was noch schlimmer, aber wahrscheinlicher ist, dass die Politik sich in vorauseilendem Gehorsam freiwillig dem Willen der Wirtschaft unterwirft. Bah, ich muss aufhören, sonst fang ich noch an, Steine zu schmeißen.

Im Übrigen: Bildung ist auch immer ein Selektionsfaktor. Wenn Deutschlands Bildung also nicht so stark selektiv wäre, hätte Thilo Sarrazin auch keinen Grund gehabt, sein dummes Buch zu schreiben.

Picard Facepalm. Ich bin beschämt. Und abgesehen davon sollte man alle Verantwortlichen mit Kot beschmeißen! via Halfshaft

PS: Der Fluter hat in seiner Sommerausgabe das Thema Bildung und berichtet wie immer sehr großartig und informativ. Gibt’s kostenlos zum runterladen oder als Gratis-Abo.

Aufreger der Woche – Sitcoms

Jede Woche passieren Dinge, über die man sich aufregen kann. Und jede Woche passieren Dinge, über die man sich aufregen muss.

Als passionierter Aufreger übernehme ich gerne diesen Part für euch! Katharsis! Ich rege mich auf, damit ihr in Ruhe schlafen könnt. Mit einem Lächeln auf den Lippen. Und viel Wut im Bauch.

Sitcoms

„Och nöööö!“ denkt sich der/die geneigte Leser*in, „Sitcoms? Ernsthaft? Was kann dieser traurige Mensch denn nur gegen Sitcoms haben?“ Naja, muss ich darauf antworten, ich habe nicht direkt etwas gegen Sitcoms. Wie bei vielen Sachen, über die ich mich aufrege (z.B. Bubble Tea), habe ich nichts gegen das Produkt an sich – okay, meistens irgendwie schon, aber das ist was anderes – sondern eher dagegen, wie die Menschen es benutzen. Man lasse mich bitte kurz ausholen…

 

Bei den Aufnahmen zu unserem ersten Kladderadatsch sind wir wie immer etwas abgeschwoffen (…) und redeten kurz (so ca. 15 Minuten) über Serien und Anne hat dabei ihre Abneigung gegen How I Met Your Mother (HIMYM, klingt wie Hymen… Absicht?) kundgetan. Ich bin mir nicht mehr sicher, ob das noch zu hören ist, oder ob das rausgeschnitten wurde. Wie dem auch sei, seitdem grüble ich ein wenig darüber nach, warum alle Menschen Sitcoms so toll und lustig finden und ich nicht. Wobei, letzteres stimmt nicht unbedingt, ich mag Sitcoms, ich mochte zum Beispiel Scrubs, habe sogar die ersten fünf Staffeln bei mir im Regal stehen. Und ich mag IT Crowd, mochte Stromberg, mag Black Books. Aber Serien wie HIMYM, King of Queens, Two and a Half Men und ja, auch Big Bang Theory (ich höre schon das „Och nööööö…“ wie bei der Halbfinalniederlage Deutschlands bei der EM 2012) sorgen dafür, dass ich mich etwas unbequem fühle. Schuld daran ist eine bestimmte Person. Die hat mir vor Jahren nämlich mal gesagt, dass die Beziehung zwischen ihr und mir so ein bisschen genauso sei wie die von JD und Elliot in Scrubs. Dass wir beide uns also eigentlich ganz toll fänden, wir aber irgendwie besser gute Freunde seien würden. Oder so ähnlich. Ich war damals nicht ganz bei Sinnen und habe sie leider nicht gefragt, wie genau sie das jetzt meint.

italienische clowns

via luvi

Nun gut. Seitdem fällt mir jedenfalls immer wieder auf, wie groß die Parallelen zum Teil sind, welche der/die durchschnittliche Sitcomzuschauer*in zwischen seinem/ihren eigenen Leben und den Figuren einer durchschnittlichen Sitcom zieht. Wer würde sich beispielsweise nicht gerne wünschen, dass man so gute Freunde hätte, inklusive Stammkneipe und lustig/verschrobenen Dauerjunggesellen, wie die Crew in HIMYM, oder wer wäre nicht gern mit den Über-Nerds aus Big Bang Theory befreundet und würde zusammen mit Sheldon „Bazinga!“ rufen? Wie oft habe ich gehört, dass Charlie Sheen sich bei Two and a half Men ja eigentlich nur selber spielt und alle fanden es irgendwie lustig. Und es gibt drei (in Zahlen: 3) (!) Bücher, die der natürlich nur latent frauenverachtende Barney Stinson (HIMYM, langsam kann ich’s…) verfasst hat, um seinen ebenfalls natürlich nur latent frauenverachtenden „Bro Code“ in die Welt zu setzen und die ohnehin schon mit den „Regeln des Spiels“ verpesteten Hirne von Männern und viel zu vielen Frauen dieser Welt noch weiter in die sexuelle Isolation zu treiben.

 

Ich finde es nicht lustig, wenn erwachsene Menschen ihr Leben mit einem fiktiven Stoff vergleichen und sich in eine Welt wünschen, mit Personen und Zusammenhängen, DIE ES NICHT GIBT UND NIE GEBEN WIRD. Das Problem gerade mit Sitcoms, vor allem us-amerikanischen, ist meiner Meinung nach nämlich, dass sie im Grunde zu real sind und damit zu viel Identifikationsmöglichkeiten bieten, um dem Publikum den gewünschte Eskapismus noch leichter zu gestalten. Scrubs, als Exponent der sogenannten „Dramedy“, bietet ein gutes Beispiel: Die Phantasiesequenzen, ein Markenzeichen der Serie, sind immer klar von der eigentlichen, realen Handlung abgegrenzt. Und wenn mal etwas phantastisches (also eindeutig fiktionales) in der realen Handlung passiert, sind dies meist Musicalabschnitte oder ähnliches, also auch direkt in einem unwirklichen Setting platziert. Bei HIMYM wird kaum über die Stränge geschlagen und alles spielt sich ein einem möglichst realen Rahmen ab. Und Charlie Sheen spielte sich ja eh selbst und knüpft damit direkt an seine eigene Realität an, um die ihn viele bestimmt ein kleines bisschen beneiden.

 

Natürlich, Humor entsteht zum größten Teil aus Überraschung und der Konfrontation aus Ordnung und Chaos. Und dies funktioniert am besten, wenn Menschen aus der Realtität die Regeln brechen, die wir mit eben dieser Realität verknüpfen. Dieses Prinzip steckt zum Beispiel hinter fast allen Witzen mit Sheldon aus Big Bang Theory. Das ist ja auch soweit in Ordnung, nur können diese Regeln nur im jeweiligen Serienuniversum gebrochen werden, nie in der Realität. Hatte jemand da draußen mal einen Fast-Asperger-Menschen wie Sheldon zum Freund? Oder einen Player wie Barney? Oder einen ständig angetrunkenen und misogynen großen Bruder wie Charlie? Kennt jemand jemanden, der bei UPS arbeitet und sich ein Haus mit seiner Frau und ihrem Vater leisten kann? Wer von euch verbringt die meiste Zeit in irgendwelchen Cafés, ohne etwas zu trinken oder betrunken zu werden?

Niemand. Denn das wäre ja irgendwie zu schön um wahr zu sein. Stattdessen sind diese geschilderten Personen entweder tierisch anstrengend, totale Kotzbrocken oder haben einen Arsch voller Schulden, weswegen ihnen bei der nächsten Bankenpleite das Haus unterm adipösen Hintern weggepfändet wird.

 

Stattdessen plädiere ich für mehr Blödsinn! Genau das schaffen nämlich Black Books und, ganz besonders, IT Crowd. In diesen Serien wird regelmäßig so überzogen die Realität verbogen, dass man laut lachend vor dem Bildschirm sitzt. Hier kommt der Humor vor dem Massenanspruch. Und das macht das ganze zum einen ehrlicher, um anderen auch lustiger als so manches Produkt aus der Kulturvernichtungsmaschine USA. Humor entsteht bei den oben genannten Serien aus dem Absurden, Unglaublichen heraus, aus der Kollision von Vernunft und sozialsuizidaler Blödheit, ohne darüber nachzudenken, ob das realistisch ist oder nicht. Das Publikum soll durch die Interaktion der Charaktere miteinander gefesselt werden, und nicht durch die Glaubwürdigkeit der Charaktere selbst. Deswegen quälen sich Black Books und IT Crowd auch nicht über 24 Folgen pro Jahr so lange es eben geht, sondern hören nach 10 Folgen (mal mehr, mal weniger) auf, erzählen eine Geschichte (wenn überhaupt) ordentlich zu Ende und geben einem das Gefühl, etwas wirklich Gutes gesehen zu haben.

 

„Och nöööö“, denkt sich der/die Leser*n vielleicht, „jetzt macht er Werbung“. Vielleicht, sage ich da. Aber vielleicht wollte ich auch mal mit etwas Positivem abschließen. Und Anne dazu anregen, sich, wenn sie Zeit hat, doch mal eine gute Sitcom anzuschauen.

 

 

Aufreger der Woche – Nationalhymnen

Jede Woche passieren Dinge, über die man sich aufregen kann. Und jede Woche passieren Dinge, über die man sich aufregen muss.

Als passionierter Aufreger übernehme ich gerne diesen Part für euch! Katharsis! Ich rege mich auf, damit ihr in Ruhe schlafen könnt. Mit einem Lächeln auf den Lippen. Und viel Wut im Bauch.

Nationalhymnen

 

Internationale Sportwettkämpfe. Es ist immer dieselbe Leier: Bevor irgendwas passiert, wird erst mal gesungen. Alle stehen auf, tun so, als ob sie singen könnten, vernuscheln die zweite Strophe, brüllen den Refrain fast und sind dann froh, wenn’s endlich losgeht. Im schlimmsten Fall singt jemand falsch und alle sind ein bisschen verwirrt. Warum geben sich Menschen das? Warum können wir nicht einfach ein bisschen Jazz spielen und dann ist gut? Wieso Nationalhymnen? Welchen Zweck erfüllt das? Die Spieler*innen patriotisch auf ihre Pflicht einzustimmen, den Gegner natürlich sportlich fair im Wettkampf zu besiegen um, ja, um was eigentlich? Den Sieg? Um zu beweisen, dass der/die ein*e Nationalsportler*in besser ist, als der/die andere? Und wenn das dann der Fall ist, war das nicht viel mehr der Verdienst der einzelnen Person bzw. der Mannschaft als der Nation, die letztlich nur genug Geld auf die Leute geworfen hat, die sich da jetzt abrackern? Aber vielleicht versteht ich das auch alles gar nicht, weil mir Sportwettkämpfe relativ am Arsch vorbei gehen. Was mir aber nicht am Arsch vorbei geht, dass ist die Qualität und der Inhalt von Nationalhymnen. Und hier versagt Deutschland phänomenal.

Hambacher Fest, wen's interessiert

via wikimedia commons

Weshalb, dazu weiter unten mehr. Erstmal kurz zur Funktion von Nationalhymnen: Diese Lieder entstammen oft dem Zeitalter der Nationalstaaten, also im Grunde seit dem 17. Jahrhundert. Viele Staaten haben ihre Hymne durch die nationalstaatlichen Revolutionen um die Mitte des 19. Jahrhunderts erhalten. So auch bekanntermaßen die deutsche Nationalhymne, gedichtet 1841, seit 1922 die Nationalhymne der verschiedenen deutschen Staatssysteme ausser der DDR. Aber zurück ins 19. Jahrhundert. Damals ging es ja darum, die von adligem Klein-Klein zerstrittenen Teile einer Nation, sei dies nun Deutschland oder auch Italien, in Form eines geschlossenen, im besten Fall halbwegs demokratischen Nationalstaates zu vereinen. Ein edles Ziel, an sich, und im Grunde nichts schlimmes. Problematisch allerdings ist, dass die stark nationale Einstellung vieler Lieder sich bis heute gehalten hat und angesichts der größten Katastrophe des zwanzigsten Jahrhunderts, natürlich dem Zweiten Weltkrieg, dieser mal verhaltene, mal offensichtliche nationale Chauvinismus einen, gelinde gesagt, schalen Beigeschmack bekommt. Ebenfalls nicht ohne gewisses Rumoren im ethischen Zentrum eines jeden Menschen sollte das singen von Hymnen ablaufen, die zu Zeiten von Kriegen entstanden sind. So beispielsweise die Hymne der USA, deren dritte und vierte Strophe heute nicht mehr aufgrund „starker anti-britischer“ (so zumindest Wikipedia, s.o.) Tendenzen gesungen werden. Oder die französische Marseillaise, in der es heißt „Das unreine Blut / tränke unserer Äcker Furchen!“ und „Was! Ausländische Kohorten / Würden über unsere Heime gebieten!!“ usw., wobei ich gestehen muss, dass ich ein großer Fan der Blut-Zeilen bin. Immerhin ging es damals gegen die Kack-Monarchen Europas. Aber, zugegeben, so ganz koscher ist das natürlich trotzdem nicht.

Der Sturm auf die Tuilerien. Geschichts 1x1

via Wikimedia Commons

Und nun: Die Deutsche Nationalhymne. Wir alle wissen, dass die ersten beiden Strophe eher nicht so toll sind und deswegen singen wir sie auch nicht und wollen allgemein damit nichts zu tun haben. Der gelernte Historiker wird dabei natürlich den oben angerissenen Kontext der deutschen Nationalbewegung bemühen und darauf verweisen, dass das unselige „Deutschland, Deutschland über alles, / über alles in der Welt“ keinen nationalen Chauvinismus (okay, vielleicht ein bisschen, aber hey, andere Zeiten und so…) sondern das bestreben, einen einigen Staat (Einigkeit, Recht und Freiheit etc.) über die damals bestehende Kleinstaaterei zu stellen. Und das mit den Ortsangaben („Von der Maas bis an die Memel, / vom Etsch bis an den Belt“)… naja, das ist heute natürlich quatsch. Vor allem, weil die meisten Leute eh nicht wissen, was der Etsch ist und der Belt ist. In Ordnung, von mir aus. Auch dass der erste demokratische Staat auf deutschem Boden, die Weimarer Republik, das Lied für sich auserkoren und inbrünstig intoniert hat, mag klargehen, immerhin hatte man gerade den Weltkrieg hinter sich und war ziemlich fertig und auch ein bisschen verzweifelt. Zumal die Kleinstaaterei noch immer nicht ganz aufgehört hatte damals. Aber dann, tja dann kamen blöderweise diese doofen Nazis. Ab 1933 wurde nur noch die erste Strophe gesungen (ja, genau die mit dem über alles und so, aber hey, andere Zeiten…) und anschließend das Horst-Wessel-Lied (Kampflied der SA) gegrölt.

Nachdem Weltkrieg, Tyrannei, eine, naja, unermessliche Anzahl an Morden und Gewalttaten, unzählige zerstörte Leben und schließlich diese Sache mit den Juden vorbei waren, stand die Bundesrepublik Deutschland 1949 vor dem Problem, zwar völkerrechtlich anerkannt zu sein, aber kein Lied zu haben, dass man eventuell bei internationalen Sportwettkämpfen spielen könnte. Deswegen verständigten sich Bundeskanzler Adenauer und Bundespräsident Heuss per Briefwechsel (Like a Sir!) darauf, demnächst doch wieder die „alte“ Hymne zu spielen, aber vielleicht ohne die ersten beiden Strophen. Die erschienen anscheinend nicht mehr so passend.

Aha.

Hallo?

Geht’s noch?

NAZIS!

FUCKING NAZIS!

Es ist mir scheißegal, ob die damals nur die erste Strophe gesungen haben, es ist mir scheißegal, dass der historische Kontext betrachtet werden muss, es ist mir scheißegal, ob man damals eine andere Alternative hatte oder nicht! Was mir nicht egal ist, dass man damals ein Lied zur Nationalhymne bestellt hat, dass verdammt nochmal von FUCKING SCHEIß NAZIS gesungen wurde!

via daveorotax / fickr

Der Verweis auf den historischen Kontext ist absolut hinfällig, denn immerhin hat es seinen verdammten Grund, dass man die ersten beiden Strophen nicht singt! Und wegen der ALTER, ECHT JETZT, NAZIS (!) dreht sich mir auch immer wieder der Magen um, wenn ich diese Melodie in einem offiziellen Anlass hören muss.

Zumal man damals einfach eine neue Hymne hätte schreiben können. So wie die DDR. Natürlich ist deren Nationalhymne ideologisch aufgeladen, sogar soweit, dass die Regierung der DDR seit den 1970ern darauf verzichtet hat, den Text von „Auferstanden aus Ruinen“ singen zu lassen. Angesichts von Textzeilen wie „Alle Welt sehnt sich nach Frieden, / Reicht den Völkern eure Hand.“ oder „Laßt das Licht des Friedens scheinen, / Daß nie eine Mutter mehr / Ihren Sohn beweint.“ muss ich einfach feststellen, dass die DDR zumindest textlich die bessere Nationalhymne hatte. In ihr wird nämlich deutlich, dass hier ein Staat besteht, der versucht aus seinen (ziemlich umfangreichen) Fehlern wenigstens offiziell zu lernen, zumindest so tut als ob. Aber die BRD, damals, hatte anscheinend nichts besseres zu tun als sich zu denken „Och, die Kontinuitäten zwischen einem Regime, dass Millionen von Menschen umgebracht und ein Land in den Abgrund gestürzt hat und unserer schönen, neuen Bundesrepublik sind sowieso so zahlreich, da können wir auch gleich die Nationalhymne von damals nehmen. Da müssen die Leute sich nicht umgewöhnen.“ Dankeschön.

Ich wäre ja dafür, dass die Bundesrepublik Deutschland langsam aber sicher mal eine neue Nationalhymne bekommt, wenn man schon nicht auf sowas verzichten kann. Mein Vorschlag als Komponisten: Rammstein. Dann würde auch ich internationale Sportwettkämpfe schauen. Zumindest, bis es losgeht.

 

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