Tag: Asian Kung-Fu Generation

Am Abgrund Links – Kein Cent für Sony und trotzdem japanische Musik

27 Wochen sind im Jahr 2015 schon vergangen, die Hälfte des Jahres ist rum, der Sommer hat begonnen. Weil wir gehört haben, dass Menschen im Sommer normalerweise raus gehen und so Sachen machen wie “in den Park legen”, “grillen” oder “die Sonne genießen”, versuchen wir euch mit unseren Links aktuell zu informieren. Es muss ja jemand zuhause bleiben und Nachrichten lesen. Hier nun die Dinge, die wir wichtig fanden und mit euch teilen wollen.

JOHANNES

  • Wir haben uns in den letzten Podcasts bereits ausführlich mit der Schwierigkeit von AAA-Kickstarter-Projekten beschäftigt. Besonders die Ankündigung des Kickstarter-Projektes Shenmue 3 auf der Sony-E3-Pressekonferenz hatte nicht nur für uns einen bitteren Beigeschmack. Deshalb bemüht sich Projektleiter Yu Suzuki auch um eine Beschwichtigung der Gemüter und versichert, dass Sony “keinen Cent” des Kickstartergeldes sehen werde. Was aber wiederum nicht den Umstand wett macht, dass ein Riesenkonzern wie Sony versuchen wird, einen Haufen Kohle mit einem Crowdfunding-Titel zu machen, den sie durchaus auch selbst hätten entwickeln können.
    In diesem Sinn lohnt es sich auch diesen längeren Artikel von Ars Technica zu lesen. Denn trotz des manchmal eher fragwürdigen Umgangs mit Kickstarter und den Schwierigkeiten mancher Projekte, doch noch zur Umsetzung zu gelangen, bleibt Crowdfunding eine sehr spannende Entwicklung für unabhängige Küstler*innen und Unternehmer*innen.
  • Die Nachwehen der E3 ebben langsam ab und nachdem vielen der (durch Übermüdung hervorgerufene) rote Schleier von den Augen abfällt, bleibt auch nach dieser großen Messe wieder Ernüchterung. So liefern die Damen und Herren von Superlevel die E3-übliche Beschwerde, dass es kaum neue Titel in Los Angeles zu sehen gab, sondern hauptsächlich Fortsetzungen. Recht haben sie, aber das wird leider bereits seit zwanzig Jahren bemängelt. Trotzdem mindert das nicht die berechtigte Kritik. Vielleicht ist jedoch die E3 der falsche Ort, um wirkliche Innovation von den AAA-Monstern zu erwarten.
    Was wir jedoch gesehen haben, sind jede Menge Aufforderungen, schon jetzt Spiele vorzubestellen, von denen wir allerhöchstens Szenen aus einer Alpha-Version gesehen haben. Dabei ist das PC-Umsetzungsdebakel des letzten Batman-Teils nochmals ein wunderbarer Beweis für den Preorder-Irrsinn. Es kann nicht oft genug gesagt werden.
  • Ah, Cyberpunk. Vielleicht könnte mensch attestieren, dass dies die letzte große Innovation in der Science-Fiction war. Wer in die 90er-Jahre und ihre Vorstellung vom Internet abtauchen will, der lasse sich von dieser umfangreichen Liste an Cyberpunk-Literatur inspirieren.
  • Bereits vor zwei Wochen hatte ich einen Text von Katherine Cross verlinkt, der auf die Problematik fehlender Diversität besonders in Fantasy-Werken (hier am Beispiel von The Witcher 3) hinwies. Die Diskussion geht weiter und in einem Artikel für Boing Boing demontiert Sidney Fussel die meist vom eigenen Privileg verblendeten Argumente vieler Diversitäts-Gegner.

MAX

Featured Image by Fulvio Spada

Am Abgrund Links – Indie-Spiele, Josh Duggar und Irland

22 Wochen sind im Jahr 2015 bereits vergangen. Die Menschheitsgeschichte hat viele Millionen Jahre auf dem Buckel. Trotzdem und gerade deswegen passiert jeden Tag etwas Besonderes. Hier die lesenswerten Dinge, die ihr hoffentlich noch nirgendwo sonst gelesen habt!

ANNI:

JOHANNES:

  • Die Indie-Spieleszenen in Europa und den USA blühen auf, auch dank alternativer Finanzierungsmodelle wie Kickstarter oder Early Access (auch wenn diese Modelle natürlich kritisch gesehen werden sollten). Nur im “Land der Videospiele”, Japan, trauen sich wenige unabhängige Entwickler*innen ins Rampenlicht des Marktes. Gut, dass es dafür das Tokyo Indie Fest gibt, ein Treffen, auf dem Indie-Entwickler*innen ihre Spiele vorstellen können. Für alle, die nicht vor Ort sein können, hat Rob Fahey für gamesindustry.bit einen langen und informativen Artikel geschrieben.
  • Diesen Sonntag waren in Spanien Kommunalwahlen, im Dezember stehen dann die Parlamentswahlen an. Auch wenn Kommunalwahlen nicht unbedingt ausschlaggebend sein müssen, ist es doch interessant, wie die kleinen und neuen (Protest-)Parteien in Spanien abschneiden. Schließlich sind diese – ähnlich wie in Griechenland – ein Ausdruck der anhaltenden Unzufriedenheit über die Sparpolitik ihrer Regierung. Telepolis hat eine Analyse der politischen Lage bereits am Freitag eine Analyse veröffentlicht.

MAX:

  • Wer hätte es gedacht und für möglich gehalten? Ein Amazon-Link wird geteilt. Für die zwei Seelen, die sich außer mir noch auf das baldige Erscheinen der neuen Asian Kung-Fu Generation Scheibe “Wonder Future” freuen. Die japanische Amazon-Präsenz hat die Clips zum Album schon parat. Grauenhafte Quali, aber mein Herz klopft, als wäre ich wieder ein Teenager.
  • Die Podquisition von Jim Sterling dürfte für viele Hörer wie Judge John Hodgman funktionieren. Wer nicht absoluter Fan der Hosts ist, der wird sich immer überlegen, ob er sich diese Podcasts in voller Länge antun möchte. Bei der Podquisition wurde letzte Woche nicht nur über “Witcher 3” gesprochen, sondern auch über die gleichgeschlechtliche Ehe in Irland. Zwar ist das Ergebnis schon durch, doch die kurz angeschnittenen Meinungen von Laura, Gavin und Jim haben mich trotzdem sehr glücklich gemacht. Gerade für alle, die unter Gamern immer gleich Spaggos verstehen, die Vergewaltigungsnachrichten auf Twitter hinterlassen, ist die Folge hörenswert. Und ja, die Folge heißt “Hot Unicorn Sex Coffee”.

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Am Abgrund Links – Videospielekapitalismus, Buffy und starke Frauen

Woche 14 des Jahres 2015. Die Menschheitsgeschichte hat viele Millionen Jahre auf dem Buckel. Trotzdem und gerade deswegen passiert jeden Tag etwas Besonderes. Hier die lesenswerten Dinge, die ihr hoffentlich noch nirgendwo sonst gelesen habt!

ANNI

  • Falls ihr schon immer mal jedes Argument, das das Internet über Buffy produziert hat, wissen wolltet, dann könnt ihr das jetzt hier nachlesen.

JOHANNES

  • Beim Thema Kapitalismus sind wir uns in der Zugrunde-Crew einig: Eher nicht so gut. Das denkt auch der Schöpfer von Abe’s Oddysee, Lorne Lanning, und wünscht sich, dass Entwickler mit dem ganzen AAA-Kram aufhören. Die Budgets der großen Titel schrauben sich in unglaubliche Höhen, während der gesamte Mittelbau der Spieleindustrie flöten geht. Statt also mit Millionenverkäufe zu planen, sollten die Enticklerstudios lieber auf Nachhaltigkeit setzen und sich freuen, wenn sie ihre Investition doppelt aus einem Spiel herausholen können, so Lanning. Diese Lösung wäre natürlich ganz schön, wenn da alle mitmachen würden. Ist nur leider beim Kapitalismus selten der Fall. Trotzdem sind Stimmen wie die von Lanning wichtig, um der Industrie einen Spiegel vorzuhalten.
  • Ätzend finden die Damen und Herren von Superlevel das ganze Exklusivität-Gezanke von Microsoft, Sony und Nintendo (wir von Mehr Spieler übrigens auch) und regen sich darüber auf. Um zu demonstrieren, wie sinnlos das alles ist, machen sie ihren Artikel nur für Nutzer*innen des Firefox-Browsers lesbar. Sagt nicht, wir hätten euch nicht gewarnt.
  • House of Cards ist eine erfolgreiche Serie und zeigt Videospiele als Teil einer Gegenwartskultur, als Normalität eines politischen Machtmenschen. Rainer Sigl von Videogametourism nimmt deshalb die Serie unter diesem Aspekt mal etwas genauer unter die Lupe.

MAX

  • Das neue Asian Kung-Fu Generation-Album hat ein Veröffentlichungsdatum! Am 27.Mai kommen wir, voraussichtlich weltweit, in den Genuss des neuen Albums. Support, damn you!
  • Wie sexy darf eine Frau sein? Dieser Streit allein ist schon komplex genug. Reduzieren wir die Debatte auf Videospiele wird sich weiterhin gestritten und Debatten und Diskurse sind auch gut, solange sie noch irgendwie produktiv sind. Ich hatte selbst lange Zeit Probleme mit “Bayonetta”. Ich mag sie vom Design immer noch nicht und halte ihre übersexualisierten Posen für überflüssig und unlustig, doch der Charakter an sich in seinem sonstigen Verhalten hat einen starken Grundcharakter wie Jim Sterling durchaus zurecht aufwirft. Mit diesem Hintergrund finde ich es wichtig bei weiblichen Charakteren darauf zu achten, ob sie reaktionär sind oder eben doch eine eigene Initiative haben. Über Kleidung kann, wie derzeit beispielsweise bei Cidney/Cindy aus Final Fantasy XV, gestritten werden. Verboten werden kann es allerdings nicht. Und wenn eine starke Frau sich wie eine starke Frau verhält, dann darf sie in meiner Welt tragen was sie will. “Natürlich blond” lässt grüßen.

Featured Image by Anne Marie Cunningham

Ist das noch der Neue Ton?

Früher war alles besser. Früher hatten wir noch Disziplin und waren nicht so zugeknöpft. Jetzt regen wir uns über Impfungen, unsachlichen Journalismus und meistens über Videospiele und Filme auf. Wir sind das Establishment, wir sind die Glasses, die euer Leben vollgooglen und nicht mehr der anarchische Schrecken, der die Nacht durchflattert. Und trotzdem erinnere ich mich gern daran zurück, wenn ich doppelte Arbeit in Musik gesteckt habe, die ich bereits an anderer Stelle unter die Lupe genommen habe. Irgendwann hat sich der Neue Ton wie ein leicht verändertes Amazon-User-Review angefühlt und nur das Sterne-System hat noch auf sich warten lassen.

Damit ist jetzt Schluss. Wenn Musik da draußen rumschwirrt und mich anmacht, dann mach ich euch damit folgerichtig wieder dumm von der Seite an. Ich will das geschriebene “Na, öfter hier” der deutschen Musikunterhaltungsjournalismusszene sein. Ich meine, guckt euch dieses Wort einfach an. Das muss man doch lieben. Allein dass der Journalismus darin so schön untergeht, ist eine Rechtfertigung dieses Worts. Mit dem Internet ist der Netz-Journalismus gekommen und der besteht aus Kuriositätenjägern und Meinungsmachern. Und ratet mal, was jetzt auf euch zukommt.

Alles alt macht der Max

Wenn innerhalb von einer Woche gleich zwei neue Lieder von eingeimpften Lieblingsbands erscheinen, dann überkommt es einen einfach. Zumindest wenn ich dieser Eine bin. Es handelt sich dabei natürlich um den gerade aufgekommenen Muse-Track “Psycho” sowie die in Japan offiziell am 18.03.2015 erscheinende Single “Easter” der Asian Kung-Fu Generation. Wer mich kennt, weiß dass ich mich da einfach freuen muss. Ja, wahrscheinlich sogar zum Freuen zwingen muss. Denn ob wir diese Bands tatsächlich noch brauchen ist immer so die Frage.

Man sehe sich die Landau-Crazy-Deutschland-Kann-Es-Noch-Kombo Sizarr an. Nach ihrem gefeierten “Psycho Boy Happy”, wie passend, haben sie unlängst “Nurture” auf den Markt gebracht und… meh. Die Scheibe ist gut, doch es wird gleich wieder gejammert, dass es nichts Neues mehr ist. Sizarr kannte man schließlich schon vom Debüt, also ist es scheinbar nicht mehr hip genug, dass eine deutsche Band tatsächlich ihr Niveau einigermaßen halten kann.

Via Flickr by coolibrimagazin

sizarr

Über die Musik können wir streiten, das Shirt nicht. Cool.

Wenn schon nach dem zweiten Album gejammert wird, dann kann man sich ja vorstellen, was bei Muse los ist. Inzwischen lässt sich eine regelrechte Chronik ablesen, die vom langsamen Verfall der Band gekennzeichnet ist. Ich selbst bin treudoof genug und habe die Band nie großartig hinterfragt. Ich denke selbst, dass sie nach “Black Holes & Revelations” den Fokus verloren haben. Aber seien wir einfach mal fair zu ihnen und kritisch zu uns selbst. Es gibt die Band jetzt seit über 20 Jahren. Dass sich irgendwann Verbrauchserscheinungen zeigen, war doch klar.

Es ist ein wenig das Coldplay-Syndrom, welches bei Muse vorherrscht. Ein Album erscheint, es wird gefeiert und nach einem knappen Jahr erinnere ich mich nicht mehr daran. Ich habe ungelogen seit Jahren nicht mehr in “The Resistance” reingehört. Warum auch? Das Album bot keine einzige Nummer, die die Band vorher nicht schon besser gemacht hat. Stattdessen haben Muse sich spätestens auf “The Resistance” völlig übernommen und auf “The 2nd Law” dann Stilen hinterher gejagt, die für sie recht überflüssig waren. Der DubStep lässt grüßen.

Da weiß man, was man hat

Und doch ist Muse immer erfolgreich gewesen und genauer genommen immer erfolgreicher geworden. Und das liegt in meinen Augen daran, dass sich hinter ihrer Musik immer ihr ursprünglicher Stil wiederfinden ließ. Sie sind keine Entdecker neuer Rockrichtungen. Diese Chance haben sie nach “Origins of Symmetry” aus dem metaphorischen Fenster geschmissen. Sie wollten eine Rockband sein und sie wollten groß sein. Und deswegen ist es auch okay, wenn sie sich darauf konzentrieren. Das jüngst erschienene “Psycho” ist ein erster Anhaltspunkt für diese Reise zurück in die Zukunft.

“Psycho” ist genaugenommen “Uprising” ohne Doctor-Who-Gedächtnis-Synthies. Es klingt immer noch bombastisch und nach vollen Stadien, doch es geht tatsächlich mal wieder um die vier Instrumente der Band, Matthew Bellamys Stimme ist dabei selbstredend Instrument Numero 4. Und in gewisser Weise ist dieser lange, stringente Track eine kleine Offenbarung oder zumindest ein Hoffnungsschimmer auf eine solche. Der Wille sich zu reduzieren fehlt dieser Tage vielen Bands. Wenn ich Verrücktes und Neues erleben will, dann haue ich mich an Mogwai und Spaceman Spiff oder dergleichen ran.

Via Flickr by Christian c

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Kleiner Schock für Fans der Cover. Die neue Single kommt ohne Zeichnung aus.

Das Gleiche gilt übrigens für die Asian Kung-Fu Generation Single. Und an dieser habe ich genau diese merkwürdigen Ansprüche von Fan-Seite her erlebt. Ich mag diese Band, weil sie einfach immer ein bisschen anders klingt. Spätestens seit “After Dark” waren immer diverse Spielereien in Sachen Rhythmus und Melodie vorzufinden, die der Musik, in meinen Ohren, einen gewissen Schliff gaben. Jetzt hat die Band sich scheinbar noch ein bisschen mehr amerikanisiert und im Studio der Foo Fighters den wahrscheinlich geradlinigsten Track ihrer Karriere aufgenommen. Ich war fast schon entsetzt nachdem ich “Easter” das erste mal vernommen habe.

“Das ist einfach nur ein dreiminütiger Wachmacher im Rockgewand”, lautete mein enttäuschter innerer Kommentar nach dem ersten Hören. Ich war dermaßen in diesem Mindset gefangen von einer Band immer wieder einen Schritt in die Gleiche Richtung zu erwarten, dass es ein paar Tage und Hördurchgänge dauerte bis ich realisierte: “Das ist einfach nur ein dreiminütiger Wachmacher im Rockgewand.” Dabei ist nicht wichtig, dass ich immer noch das Gleiche über den Song denke, sondern wie ich über das Lied denke. So wie “Psycho” gibt “Easter” in erster Linie einen Stil, eine Richtung vor. Und die muss nicht immer neu, sondern manchmal einfach nur konsequent sein.

Apropos Konsequenz

Zum Abschluss möchten wir natürlich völlig befangen noch auf ein wunderbares Release der jüngeren Vergangenheit hinweisen. Gleich vorneweg, ja, das ist Werbung. Aber wir haben davon nichts, außer dass wir ein paar Freunden und Bekannten unter die Arme greifen wollen. Ich bin auch gerne ganz ehrlich und stehe dazu, dass die Mucke von We Changed Our Name nicht meine Tasse Tee ist. Da bin ich einfach zu zart besaitet für. Trotzdem eine dicke, fette Gratulation aus dem Zugrunde-Hause an die Band, dass ihr Album vor popkulturellen Anspielungen strotzendes “November” den Weg in die Öffentlichkeit geschafft hat.

Die Demo der Band könnt ihr übrigens kostenlos herunterladen und falls ihr euch mit dem Album nicht sicher seid, bietet Spotify die Gelegenheit sich ein Hör-Bild von den Jungs zu machen. Zwingen kann ich euch nicht, doch um es mit den weisen Worten unseres ehemaligen Mitglieds Anne zu sagen, strotzt Trier nicht immer vor künstlerischem Output. Das hat sich dank We Changed Our Name spätestens, Achtung Befangenheit, mit der Schöpfung der Kunstfigur Mickey Toledo getan, der erst kürzlich den Job als neuer “Wetten dass…?”-Moderator ablehnte. Er war nach “Das Spiel beginnt” schlichtweg zu verstört und außerdem bekommt den Job wahrscheinlich sowieso Emma Schweiger.

In memoriam:

Featured Image via Flickr by mayeesherr.

Mehr Töne

Erinnert ihr euch an meine Probleme mit der Lokalisierungsgesellschaft 2.0? Der ganze Blödsinn, dass CDs erst Monate später auf den Markt geworfen werden, weil sich ja doch ein Gewinn ermöglichen könnte, anstatt die Gewinne über mp3-Downloads (legal!) einzuspielen. Ganz nebenbei hätten wir Hörer die Möglichkeit Musik zu hören, die tatsächlich aktuell ist und die nicht schon jeder kennt.

Nun, mir ist ein weiterer Punkt aufgestoßen. Auch dieses mal wird’s organisatorisch und ungemütlich. Die folgende These wird wohl auf nicht jedem bekommen und so entschuldige ich mich im Vornherein, wenn meine Gedankengänge auch euch eher wirken wie Magenbitter, als das angedachte Ambrosia. Die Idee ist so alt wie das Internet und Napster selbst.

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Es gibt doch nichts Schöneres als zu warten… Via Libertinus

Mehr als drei Jahre dauert es gerne mal bis ihr neue Töne eurer Lieblingsband zu Gehör bekommt. Die Namen aus dem letzten Jahr, die mir in diesem Kontext spontan einfallen sind Muse und Green Day. Da wartet man eine gefühlte Ewigkeit auf neue Lieder und wenn sie dann erstmal draußen sind, dann genießt man den Spaß doch nicht vorsichtig und genüsslich wie teure Pralinen, sondern schiebt sich den auditiven Schokoriegel gleich komplett rein.

So macht das neue Material für vielleicht ein paar Wochen oder Monate Freude, bevor man schon wieder ein neues Album herbeisehnt. Wenn es euch genauso geht, dann solltet ihr euch mit dem japanischen Musikmarkt vertraut machen. Dort (und bestimmt auch noch in anderen Ländern, von welchen ich wiederum nichts Genaueres weiß) kann man nahezu darauf setzen, dass Bands jedes Jahr mindestens eine neue Single auf den Markt werfen.

ASIAN KUNG-FU GENERATION – Ima wo Ikite PV from Ricardo Quintana on Vimeo.
Seit 2003 hat Ajikan jedes Jahr mindestens eine Single herausgebracht

Warum passiert das in Europa und Amerika nicht? Diese ganzen hochbezahlten Künstler können einem doch nicht erzählen, dass sie 360 Tage und mehr im Jahr keine einzige Idee hatten, geschweige denn Zeit einen neuen Song aufzunehmen. Das wäre wie Weihnachten, wenn man jedes Jahr einen oder auch zwei neue Titel seiner Band bekommt, bis das neue Album erscheint. Man vergisst nicht, warum man die Band eigentlich so liebt, wovon dann auch Band und Label profitieren würden.

Dass man durch eine solche Strategie an eine Band gebunden wird, ist unserer Hype-Gesellschaft wohl kaum zu befürchten. Wir schaffen es ja auch komplett auszuflippen, wenn AC/DC aus dem Altenheim ausbrechen und noch mal ein Album auflegen. Und von Alice Cooper will ich gar nicht anfangen… Wer solchen Qualitätsschwankungen vorausschauend entgegenwirken möchte und mehr als alle Jubeljahre Lebenszeichen seiner Favoriten erwünscht, der stimmt mir hoffentlich zu… muss aber nicht.

Der neue Ton schlägt zurück

Es waren einmal vor langer Zeit im weit, weit entfernten Jahr 2012 zehn Alben, die mir sehr viel Spaß bereitet haben. Der neue Ton schlägt in imperialen Ausmaßen zurück und stellt meine großen Gewinner 2012 vor. Ein frohes, neues Jahr im nachhinein und bestimmt viel, was es zu diskutieren gilt.

1. Asian Kung-Fu Generation – Landmark

Ich gestehe es mir selbst nicht oft ein, aber die “Asian Kung-Fu Generation” hat sich im Lauf der letzten Jahre zu meiner Lieblingsband entwickelt. Meine “Dredg”-Liebe ist keinesfalls abgeebbt, aber man will auch mal gute Laune haben und Optimismus steckt nur in Ansätzen in einigen Stücken der Bay-Area-Gruppe. Meine Japaner dagegen haben von einfachen Rocknummern und -balladen fürs Radio auch komplexe Stücke geschaffen, die sich erst nach Monaten im Gehörgang voll entfalten.

“Landmark” ist mit “World World World” das wahrscheinlich beste und ausgereifteste Album der Band. Eine ausführliche Betrachtung des Albums gibt es hier.

2. Muse – The 2nd Law

Ich hatte meine Zweifel, ob Muse sich nochmals finden oder wie schon auf ihrer letzten Platte in Experimenten versinken. Für einige war schon “Black Holes & Revelations” ein zu stückhafter Mix, der nichts mehr prägen wollte und konnte. “The 2nd Law” hat es trotz überbordenden Genre übergreifenden Ausflügen geschafft, genug Singles mit Sogkraft zu kreieren. Nahezu jeder Track hat sein eigenes Ohrwurmpotenzial zu bieten und allein das ausschweifende Ende der Platte (welches Live wettgemacht wurde) bremst eine wunderbare Mainstream-Platte mit Epos-Hauch leicht aus.

3. Die Ärzte – Auch

Ich war ungeheuer kritisch gegenüber der neuen Ärzte-Platte, da die Halbwertszeit des letzten Outputs “Jazz Ist Anders” sich in Grenzen hielt. Dazu kam, dass die vorab-Single “zeiDverschwÄndung”  nicht sofort bei mir zündete. Inzwischen hat mich das komplette Album überzeugt. Die Texte sind wie immer intelligent bis witzig und treffen weiterhin genau meinen Geschmack. “Freundschaft Ist Kunst” kann sich als Ausnahme immer noch nicht in meinem Kopf festsetzen, aber ansonsten stehe ich dazu, dass ich nichts Besseres zu tun hab, als die Ärzte zu hör’n.

4. Seeed – Seeed

In so ziemlich genau zwei Monaten ist es soweit. Seeed erfreut Trier – live! Ich kann es kaum abwarten, die alten Hits “Dickes B”, “Waterpumpee” und “What You Deserve Is What You Get” zu zelebrieren. Das Schönste ist allerdings, dass ich mich mindestens genauso sehr auf die neuen Tracks der Band freue. Ich bin einer der Menschen, bei denen die Pop-Single “Beautiful” funktioniert hat (auch wenn es sich nicht um mein Lieblingslied handelt). Dazu kommen Partymacher wie “Seeeds Haus” und “Augenbling” zu Zeitgeist-Hymnen wie “Deine Zeit”. Seeed haben es auch nach langer Pause wieder geschafft zu überzeugen. Und ich bin nicht der einzige, der noch Entwicklungs- und Wiederfindungspotenzial sieht! Genaueres zum Album hier!

5. Mick Flannery – Red To Blue

Mick Flannery war meine persönliche Überraschung des Jahres.Vorher noch nie von diesem Iren gehört, hat er mich mit Boss’esker Sicherheit gewonnen. Flannery bringt so viel Seele und Gefühl bei seiner Singer/Songwriter-Musik mit, dass man nicht anders als mitfühlen kann. Ran ans unsichtbare Mikrofon und mitleiden!

6. Gemma Ray – Island Fire

Ihr nächstes Album steht schon vor der Tür. Viel zu wenige Leute kennen sie hierzulande bis heute. Psychedelic-Retro-Pop der individuellen Sorte. Steht auf ihr Hipster und werbt und anti-werbt für die gute Frau!

7. Nerina Pallot – Year Of The Wolf

Neben Mick Flannery hat mich Frau Pallot wirklich überrascht. Bisher war ihr Singer/Songwriter-Pop bestenfalls durchschnittlich bis gut, aber auf “Year Of The Wolf” hat die Britin 11 eingägnige Nummern geschaffen, die jederzeit wieder ihren Weg in Pop-affine Gehörgänge finden. Allen voran der Opener “Put Your Hands Up”. Hören auf eigene Gefahr. Die Melodie geht einem nicht so schnell wieder aus dem Kopf.

Dies sind 7 (10 kann jeder) Namen, die sich im Jahr 2012 profilieren konnten. Natürlich gab es noch viel mehr zu entdecken. Durchstöbert den neuen Ton des letzten Jahres und findet noch weitere tolle Platten des letzten Jahres, bevor das neue Jahr uns hoffentlich abermals mit gelungenen Outputs beglückt. Ich freue mich auf das neue Jahr und auf eure Kritik und Mitmischung. Was hat euch 2012 von den Socken gehauen? Raus damit und rein in den Kommentarbereich. Wir brauchen neue Töne!

Das tri-akustische Turnier

Ziemlich billig eine Harry-Potter-Anspielung zu bringen, wenn man als Verfechter der Schlechtigkeit der Reihe gegen Ende bekannt ist.

Also: Bevor wir zum Tagesgeschäft übergehen muss klar gestellt werden, dass ich einfach immer viel zu viel über Dinge nachdenke und alles und jeden (erst recht mich) hinterfrage. Alles könnte besser sein. Hier fehlt was, da ist was. Meine Herren, ich hab ein Buch geschrieben und will mich täglich dafür häuten, was ich da hingekleckert habe. Warum? Weil ich immer was zum Mäkeln finde!

Harry Potter ist eine durchweg unterhaltende Fantasylektüre, die in Teil 5 ein schreckliches Pacing vorweist. Über Teil 6 und 7 kann ich nichts Genaueres sagen, da mich die Lust verlassen hat. Die ersten Teile habe ich wie jeder verschlungen und war unterhalten. Dafür ist Jugend-Unterhaltungs-Literatur auch da. Meine Fresse! Tut gut, mir das mal selber zu schreiben!

Jetzt aber zur versprochenen Musikpracht, derentwegen ihr alle den neuen Ton nachschlagt/anklickt/aufgezwungen bekommt (hallo? Liest überhaupt jemand diese Einträge? Nickt einfach stumm, wenn ihr das hier lest).

Letzte Woche habe ich jede Menge ausführliche CD-Beobachtungen versprochen, da recht viele – für mich – interessante Musiker neue LPs auf den Markt geschmissen haben und noch schmeißen werden. In braver Chronologie gibt es heute die ersten drei „Max’ Speziale“ unter der Lupe eines Fans, der sich bemüht objektiv zu bleiben.

 

Asian Kung-Fu Generation – Landmark (Japan Release: 12.09.2012; Deutschland Release: Nicht vorhanden)

Wer meine Tätigkeit beim Campusradio Trier verfolgt, der weiß, dass ich heißblütiger Verfechter einer J(apanese)-Rock-Band bin, die auf den stupiden Namen Asian Kung-Fu Generation hört. Und wie bin ich damals auch auf diese Band gekommen? Ein Anime-Intro! Na, das passt ja! Der Otaku (sowas wie ein Nerd) will wirklich noch von Objektivität sprechen?

Ja, auch wenn ich weiß, dass ich es in letzter Instanz gar nicht sein kann. Ich verstehe die japanische Sprache nicht (und höre sonst auch keine weitere japanische Band), aber der Klang der Sprache ist mir durch den ein oder anderen (auch NICHT animierten) Film inzwischen bekannt.

Diese Sprachbarriere ist es nämlich, die vielen Menschen zu schaffen macht. Die Lieder lassen sich im besten Fall mitsummen, aber das Unverständnis gegenüber der gesamten Artikulation dieser Sprache ist schon ein Brocken, den nicht jeder hinunter bekommt.


Aus frühen Tagen ihr erster Überhit! Warum war Rewrite so bekannt? Natürlich weil es ein Anime-Opening ist

Das ist schade, da Ajikan – so wird die Band kurz genannt – wirklich interessante und gute Rock-Arrangements zutage fördert. Selten hat mir eine Pop/Rock-Band so viele interessante Melodien geschenkt, die mich immer wieder mit ihrer Energie mitgerissen haben und inzwischen sind die vier Jungs von der japanischen Tankstelle meine meistgehörte Band, eben auch weil sie so abwechslungsreich sind.

Am 12. September kam das neueste Werk „Landmark“ in die japanischen Supermärkte (und was die da noch so alles haben) und das Ausland stellt sich wieder dumm. Leider sind bisher nur Importe um die 40€ möglich, wenn man sich nicht auf diversen japanischen und englischen Internetseiten einen Account einrichtet und den Spaß per Übersee zu sich kommen lässt (oder ihr spinnt enge Drähte zur Japanologie der Universität Trier und erkundigt euch bei den vielen Japan-Reisenden, ob sie nicht ein Herz, so groß wie die aufgehende Sonne, beweisen wollen).

Lohnt sich denn der ganze Aufwand überhaupt für das neue Ajikan-Album? Nach vielmaligem Hören in den letzten Tagen kann ich überzeugt sagen: Ja. Wenn euch ältere Tracks der Band ansprechen, dann tun sie genau das, was man von jeder Band erwarten sollte: Sie entwickeln sich stetig weiter. Immer weniger war in letzter Zeit von fettem Rock zu hören, weil aus den Jungs streng genommen längst Männer geworden sind. Da wird experimentiert und ausprobiert und immer neue Messlatten angesetzt.


Laut Experte Johannes H. ist dies der beste Track der Band

Die Band zaubert dabei ihre bisher schönste Melodie aus dem Hut („Kakato De Ai Wo Uchinarase“), fertigt ihren bis dato ambitioniertesten Song („A To Z“) und überschlägt sich in potenziellen Ohrwürmern („1. 2. 3. 4. 5. 6. Baby“, „Sore Dewa, Mata Ashita“, „1980“ und „All Right Part 2“). Dazu kommt eine warmherzige Note, wenn ruhigere Töne angeschlagen werden, die viele Bands im Schatten stehen lässt, ohne dass auf eine Tränendrüse und/oder Effekthascherei gesetzt werden muss („Bicycle Race“, „Machine Guns To Keiyoshi“).

Die hier nicht erwähnten Songs sind dabei keinesfalls schwach. Außer dem simplen „Taiyo Koro“ ohne Sogkraft schafft jeder Track die Hürde und rechtfertigt seine Aufstellung durch kurz knackiges Spiel („Railroad“) oder Ideenreichtum („N2“).

Alles in allem wird diese Scheibe mit dem Großteil ihrer Songs auch in Monaten noch unterhalten, wenn ihr nur endlich auf den Babelfisch im Ohr verzichten könnt. Gebt euch einen Ruck und greift zu, wenn ihr Landmark irgendwo preisgünstig ersteigern könnt.


Asian KungFu Generation – Kakato de Ai wo… von JankkoMizuki
Die wohl schönste Melodie, die diese Band bisher zustande gebracht hat

Mika – The Origin Of Love (Frankreich Release: 17. 09.2012; Deutschland Release: 02.10.2012)

Was habe ich geflucht und gezittert in den letzten Monaten. Nach dem letztjährigen Klasse-Track „Elle Me Dit“ hat man lange nichts gehört und die dann folgenden Tracks „Make You Happy“ und „Celebrate“ waren erst mal Schläge in die Magengrube. Der ganze Freddy-Retro-Charme der letzten Alben fiel weg und dafür versucht Mika scheinbar mit neuer Frisur und feschen Sounds zu den coolen Kids zu gehören. Da war Schlimmes zu befürchten, aber Mika wäre nicht Mika, wenn er nicht… ach machen wir uns nichts vor!

Ich hatte kurz Hoffnungen, da der Titel gebende Opener mit viel Verspieltheit alles das in ein neues Gewand hüllt, was man an Mika liebt (sofern man ihn denn liebt). Die Melodie flutscht schnell ins Ohr und bleibt im Kopf und in der zweiten Hälfte überschlagen sich Hintergrundgesänge auf englisch und (man glaubt es kaum) lateinisch mit Synthie-Spielereien. So macht Pop Spaß und man kauft dem Herren sein neues Image ab. „Lola“ verstärkt mit seiner Ruhe und Lässigkeit den positiven Ersteindruck, bevor die Achterbahn der Gefühle losgeht.

Man möchte „Stardust“ irgendwie schön reden, aber am Ende kann der Mika’eske Gesang das einfallslose Gerüst des Songs nicht verbergen. Im Gegensatz dazu ist – im Vergleich zur Version der Vorwoche – „Make You Happy“ richtig abwechslungsreich geworden und man verzeiht die unnötige Überlagerung viel zu vieler Effekte, die dem Song jegliche, individuelle Persönlichkeit nehmen. Für die Tanzfläche wird’s wohl reichen, wenn das jetzt der Anspruch ist.


Hier erklärt Mika, was er sich bei dem Album vorgestellt hat… komisch, dass es nicht so klingt

In platten Songs wie „Overrated“ und „Underwater“, die einen keinerlei Tiefe erfahren lassen, hält man sich an den wenigen schönen Momenten fest, die dargeboten werden. Zugegebenermaßen war Mikas Musik noch nie tief und hat immer durch seine Melodien und Lebensfreude bestochen.

Wer Pop in Richtung Gaga und Rihanna mag (es tut mir wirklich Leid, dass mir immer nur diese Beispiele einfallen), der wird hier Freude haben, aber es sind nicht die Dinge, für die man Mika mag und – ganz objektiv betrachtet – ist die neue Richtung auch nicht die Stärke des (immer noch) jungen Mannes. Da plätschert ein „Kids“ an uns vorbei und ist viel zu sehr in seine Elektro-Spielereien verliebt, um irgendwelche Gefühle im Hörer zu wecken.

„Love You When I’m Drunk“ ist eine der wenigen, witzigen Inseln an Freude, die Mika uns gelassen hatten. Ansonsten regiert König Elektronik und bringt das Chartprinzip in ansonsten eigentlich so schon schöne Songs wie „Step With Me“. Wie eine Strophe so romantisch ehrlich und ein Chorus so unglaublich gekünstelt wirken kann… das kann nicht jeder!

Das Ergebnis ist ein großer Haufen Glitzerstaub auf sehr normaler Massenware. Der Gipfel dabei ist übrigens die englische Version von „Elle Me Dit“ und klingt – wenn man das Original gehört – leider schlichtweg peinlich und alles Andere als harmonisch.

Aber jeder darf mal auf die Fresse fliegen und so verzeiht man gerne den Ausrutscher in die Mittelmäßigkeit, die bei uns zu Lande am 02.Oktober erscheinen wird. Lasst die Finger davon, pickt euch per Downloadportale wie musicload.de und amazon.de eure Perlen heraus. Das Album als solches hat es leider wirklich nicht verdient in Hochachtung gebadet zu werden, Punkt.


Hier die Sampler zum mauen Spaß. Dabei ist der Opener/Titeltrack einer der besten Mika-Sounds so far

Aimee Mann – Charmer (Deutschland Release: 21.09.2012)

Habt ihr noch (Lese-)Luft? Dann gibt es nämlich noch das erlösende Gegenprogramm zu Mikas Ausrutscher ins Nirvana elektronischer Töne. Aimee Mann klingt wie schon vor über zehn Jahren auf dem Soundtrack zur Filmperle „Magnolia“. Langweilig? Mag manch einer vielleicht denken und auf musikalischer Ebene hat er da auch irgendwie recht. Aber ähnlich wie ein Bruce Springsteen hat Aimee Mann immer etwas Neues zu erzählen und die begleitende Musik ist für sich zeitlos geworden und Teil der Erzählung. Ja, es geht bei ihr tatsächlich mal um die Texte (und schließt so den Kreis in Betracht auf die Asian Kung-Fu Generation, die ich bei Sonstwas nicht verstehen kann).

Wenn gute Geschichten mit dieser unglaublich schönen Frauenstimme und warmen Gitarren erzählt werden – ja, das geb’ ich zu – dann schmelze ich dahin. „Labrador“ ist ein treffendes Beispiel für ein tiefgründiges Lagerfeuerlied, wie es im Buche stehen sollte. Man hört genau zu, wird nicht von der Musik abgelenkt, sondern viel mehr von ihr getragen.

So erfährt man auf „Charmer“, was Mann so über Menschen mit Charme und Persönlichkeit denkt und was für Geschichten sie um solche gestrickt hat.

In ihrer Einfachheit sind die Melodien oft genau richtig und sorgen auch im Alleingang für gute Singer/Songwriter-Unterhaltung, sodass die Gitarren aus „Soon Enough“ genauso im Rücken kribbeln, wie „Red Flag Diver“ eine wohlige Wärme in die Magengegend bringt.


Wer “Magnolia” nicht geguckt hat, der hasst Kino. Haha! So einfach ist das!

La grande finale

Das war der etwas andere neue Ton für diese Woche. Hoffentlich konnten diese Näherbetrachtungen euch die Platten etwas näher bringen. Fragen, Kritik und übersehene Schätze dieser Woche? Kommentiert und vielleicht schaffe ich es, etwas nachzureichen. Bis dahin: rockt und wippt in welcher Sprache ihr auch immer wollt und bleibt offen für Neues.

 

Mit besten Grüßen,

Euer Mäxle

 

P.S. Die Harry-Potter-Filme find ich immer noch richtig, richtig schlecht!

Musicians I’d like to…

Die Deutschen sind super gut im Erinnern. Den Geburtstag von Mutti, die Öffnungszeiten der 24-Stunden-Tanke oder dass wir ganz allein und ausnahmslos an beiden Weltkriegen schuld sind. Deutsche vergessen nicht so schnell. Wer an einem 11. September allerdings nichts mehr von Leid und Memoriam hören kann, der ist hier genau richtig.

Musik ist schließlich eine fachlich (glaube ich zumindest) anerkannte Bewältigung von Trauer. 11 Jahre nach den tragischen Ereignissen rund um die Twin Towers habt ihr also hoffentlich den Kopf frei für Freude. Ja, ganz richtig. Den Musikweihnachten fällt dieses Jahr (fast) auf meinen Geburtstag. Die Größen der Tonträgergesellschaft haben sich anscheinend verbündet, um ihre Alben Mitte September rauszuhauen und Menschen mit meinem Musikgeschmack in den Ruin zu treiben. Diese Woche also eine große Vorschau auf das, was uns in den nächsten Wochen erwartet, obwohl auch letzten Freitag wieder erhitzter Dung in die Plattenregale gekommen ist.

 

Der Ton der Zukunft

Moneybrother und Aimee Mann stehen in den Startlöchern, Mika erscheint in Frankreich schon zwei Wochen vor offiziellem Release und im Oktober ziehen dann noch Muse hinterher. Meine Güte, was ist denn hier los? Dazu kommt noch, dass der Mainstream-Markt mit den Namen Green Day und The Killers noch ordentlich Futter bekommt und Deutsch-Spaß-Hop-Fans rammen mir wahrscheinlich den nächst besten Laternenpfahl ins linke Auge, wenn ich nicht Blumentopf erwähne. Was passiert, wenn ich Korns anstehendes Live-Album unter den Tisch kehre, will ich mir gar nicht vorstellen. Die Strafe wäre wahrscheinlich nochmal bei “Rock en Seine” in den vorderen Reihen zu stehen (die unverschämteste Konzertbesuchermasse, die ich je erleben musste!).


Warum, Mika? Diese Musik droht im Saft des Stroms unterzugehen. Mal schauen…

Warum man sich über Mika und Muse freuen sollte, muss ich wohl niemandem mehr erklären. Hier dürfte jeder seine Meinung haben. Entweder mögt ihr den Zuckerpop Mikas und die Falsettstimme und Queen-Referenzen aus dem Muse-Lager oder ihr seid schon brav angefeindet. Interessanter sind da Moneybrother und Aimee Mann.

Moneybrother hört eigentlich auf den Namen Anders Olof Wendin und kommt aus Schweden. Da ist er auch völlig zu Recht eine Größe der Rock-Szene, der nicht mit gebügelter Coolness aus der Konserve à la The Hives (ich HASSE The Hives) macht, sondern mit allen Instrumenten, die er so vorfindet vorantreibende, schöne Musik macht. Ich hatte in Eschwege das Glück den guten Mann mit seiner Live-Band sehen zu können und er hat richtig Laune gemacht. Für Festivalfreunde: Er hat eine Stimmung hinbekommen, die sonst den Ska-Bands vorbehalten ist. Wenn ihr Bock auf Rock habt, der leicht ins Ohr geht, aber nicht völlig austauschbar ist, der sollte UNBEDINGT ein paar Hör(kost)proben versuchen.

So. Tief durchatmen. Heute plaudere ich mal aus dem Nähkästchen. Wem die Seite cdstarts.de ein Begriff ist, der hat vielleicht mitbekommen, dass ich dort in regelmäßigen Abständen Kritiken beisteuere. Wenn das Genre einer zu behandelnden Platte grob Singer/Songwriter ist, dann fällt in gleicher Regelmäßigkeit ein Name: Aimee Mann. Diese Frau ist der gefühlte Standard, wenn ich jemandem im Ohr habe, der mit Akustikgitarre und emotionalem Gesang punkten will. Völlig unfair und subjektiv, aber das Leben ist bekanntermaßen nicht gerade die Fairness in Person.


Soll wohl einen tollen Twitter-Acc haben… ich beschränk mich auf ihre Stimme

Seit ich den (fantastischen) Film “Magnolia” gesehen habe, ist Aimee Mann mein Maß der Dinge. Es gab eine Zeit, in der ich Damien Rice vorziehen wollte, doch dann denke ich an die unvergleichlich guten Tracks aus “Magnolia” zurück und will dieser Frau die Füße küssen. Unglaublich amerikanisch (und das ist wie beim Boss nur positiv gemeint) ist ihre Musik erdig, hat einen festen Stil (böse Zungen würden behaupten: eingefahren) und lässt sich gerne mal mehr als vier Jahre Zeit, um endlich ein neues Album heraus zu bringen. Durch meine Nebenbeschäftigung hab ich Sack das Glück beim Schreiben dieser Zeilen schon das neue Album “Charmer” hören zu können und es ist wieder alles da. Gemütliche Gitarren, Aimees beruhigende Stimme und tiefgründige Texte. Das Album ist schnell und geradlinig und kein Konzeptalbum wie noch ihre letzten beiden Alben. Das Album wirkt dadurch weniger intim, hat aber wie schon Springsteens letztes Werk einen unglaublichen Drive. Ihr wollt Aimee Mann? Auf Charmer gibt es sie wieder pausenlos und alles was sie ausmacht ist Programm! Nach knapp zwanzig Jahren Mann’scher Fantastik ist das genau das, was wir wollen. Ja, Green Day-Fans dürfen dieses Argument gegen mich verwenden.

 

Der gute Ton

Anna Aaron? Noch nicht gehört? Machen wir es kurz: Wenn euch eine Aimee Mann nicht genug Experimente (mehr) liefert, dann ist die junge Baslerin die perfekte (aktuelle) Alternative. Ohne den ganz krassen Entdeckergeist einer Kate Bush bietet Aarons Album “Dogs In Spirit” von Pop-Rock bis Mystik-Hymne alles, was ihr euch wünschen könnt. Wer erstmal nur den großen Zeh in unbekannte Gewässer tunken will und nicht auf catchy Melodien verzichten möchte, der sollte sich dieses Album nicht entgehen lassen (wenn das Geld denn ausreicht).


Ziehen Sie sich warm an, Frau Mann… und klatschen gehört abgeschafft… SPACKEN!

Olympia hat uns zudem gelehrt, dass David Byrne noch lebt. Ich verbinde den Mann immer damit, dass eines seiner Stücke mal ein Beispielmusik-Track auf dem vorinstallierten Windowss XP war. Aber wenn man ein wenig objektiver an die Sache rangeht, dann hat Herr Byrne – ähnlich einer bereits genannten Frau Bush – viel für die Musik-Szene getan. Auf “Love This Giant” ballert der Altmeister zusammen mit St. Vincent ein paar echt – ich muss so schreiben – geile Pop-Songs (meiner Mutter sträuben sich die Haare bei diesem Wort). Wie da Töne aneinandergeklatscht werden und Gesamtkunstwerke entstehen, ist einfach nur beeindruckend. Es ist wie Björk in hörbar! Nicht falsch verstehen. Ich habe großen Respekt für die Isländerin, aber sie hat längst den Kontakt zum Boden verloren und verwöhnt unsere Ohren (meiner Meinung nach) einfach zu selten mit einer guten Melodie. David Byrne hingegen hat allein mit “Who” all seine schwächeren Werke der jüngeren Vergangenheit entschuldigt.


Chapeau, monsieur Byrne. Dass ich auf meine alten Tage noch ein Fan werde… wer hätt’s gedacht?

Über Stereolove, die einfach so klingen, wie U2 heutzutage klingen sollte (ich verweise dabei nur auf die Single “This Is It”), will ich gar nicht so viele Worte verlieren. Genau wie die guten Live-Aufnahmen Korns kann man die Empfehlung so stehen lassen. Da ist The XX schon interessanter. Und warum? Weil sie nichts gemacht haben. Im Gegensatz zu vielen anderen Bands, die beim Zweitalbum auf die Fresse fliegen, haben The XX “Coexist” geschaffen, um wahrlich mit ihrer Hörerschaft koexistieren zu können. Es gibt viel Emotion, viel Minimalismus und wunderbare Hooklines. Neu erfinden tun sich die Londoner keineswegs. Anstatt dessen verfeinern sie, was sie auf dem Debüt schon geboten haben. Same old, same old, aber für Album Nummer zwei mehr als nur beachtenswert. Die guten Tracks und Ideen sind ihnen noch nicht ausgegangen.


Kopfhörer auf und Gänsehaut bekommen

Und die Liste der Empfehlungen will einfach nicht enden. Wer allerdings auf keinen Fall übergangen werden darf, sind die Mol-Rocker von Woven Hand. Mit einer Schippe Folk drin werden wuchtige Klanglandschaften auf die Hörer losgelassen, die sich gewaschen haben. Wem die Auswahl also bisher zu poppig war, der findet hier zumindest Tonwände vor, die so mancher Prog-Band Ehre machen würden.


Jerusalem, Jehova, Abraham und Co. sind die berühmten Gaststars via Lyrics. Man kann die Band aber auch ohne religiöse Fanatik hören

Ton-Salat

Also Vorfreude plus eine fantastische Release-Woche ergeben eine Flut an Empfehlungen und nächste Woche wird es kaum weniger. Und ich habe diese Woche Namen wie Bob Dylan und Billy Talent unter den Tisch fallen lassen! Dagegen wird aber für alle Menschen mit weiterem Sprachhorizont auf das morgige Release von “Landmark” hingewiesen. So heißt das neue Album meiner japanischen Vorzeigerocker der Asian Kung-Fu Generation. Auch die letzte Hymne konnte sich hören lassen und stellt in Sachen Gefühl viele West-Bands in den Schatten. Eigentlich traurig, wenn ich bedenke, dass es bei Weitem nicht ihr bester Song ist.

Ich für meinen Teil kann nächste Woche also kaum erwarten und verabschiede mich hektisch mit den Worten von John F. Zoidberg: Woop woop woop woop… woop!

P.S. Ich bitte den exzessiven Gebrauch von CAPSLOCK zu entschuldigen.


Bin ich voreingenommen, wenn es um Ajikan geht? Sehr wahrscheinlich! Schlechter macht das ihre Songs aber nicht

Lieber japanisch als bayrisch

Es ist viel passiert in der letzten Woche. Deutschland ist nicht Europameister und hat auch nicht gegen den neuen (alten, neuen… was auch immer) Europameister Spanien verloren. Es ist gut jetzt. Es ist vorbei. Kein Grund Trübsal zu blasen oder sich an allem was italienisch scheint auszulassen. Tröstet es euch, wenn in der aktuellen Ausgabe des neuen Tons weder Spanier noch Italiener dabei sind? Ist das geschriebener Buchstabenbalsam auf eure Wunden? Super, dann mal los.

Oh! Und bevor ich es vergesse: Zwar (noch) kein neues Album aber ein neuer Output meiner Lieblings-Fernost-Band ist diese Woche der geheime Ton, bevor wir zum guten Ton kommen. Hört doch mal rein und lasst die olle Sprachbarriere im Vorurteilsbaukasten.

Die Auswahl fällt nicht immer leicht

(Quelle: http://www.flickr.com)

Der gute Ton

Im Namen Gallagher schwingt spätestens seit der Kultband Oasis immer ein Stück Wahnsinn mit. Zwar hat der mehr grunzende als singende Metaler John Gallagher außer seinem Namen nichts mit den extrovertierten Brüdern der Brit-Pop-Band gemein, aber Wahnsinn darf man dem Frontmann der Band mit dem luftig fröhlichen Namen Dying Fetus ebenfalls zuschreiben.

Blut, Gewalt und ganz viele böse Worte sind bei dieser Death Metal Band Programm. Wer jetzt schon abschalten will, der ist herzlich eingeladen, den guten Ton diese Woche zu überspringen. Aber akzeptiert es einfach, wenn eine Death Metal Band für ihr Genre richtig gute Musik abliefert.

Hochgeschwindigkeitsrhythmen und eine ordentliche Portion Groove bringen die Band nach elektronischen Spielereien zurück dahin, wo die meisten Bands sie haben wollen. Eine dreckige Metal-Band, die mit selbst gemachter Präzision Computer generierten Beats höflich den Finger zeigt und den Spaß am Musizieren in den Vordergrund stellt.

Von Midtempo bis zu aggressiven Berserkerbeats ist alles dabei, was die aufkochende Metal-Seele verlangt. Vorsicht: Das ist kein Stoff für Einsteiger und Zimperliche. Dying Fetus klatschen alles an die Wand und wer nicht genau diese Härte steht, die einen wiederholt nach Luft schnappen lässt, lässt lieber die Finger von dieser Ware.

Ansonsten gratuliert man weiterhin dem Metal-Genre, das nach Aborted, Asphyx, Cannibal Corpse und einigen weiteren Band auch Dying Fetus dazu gratulieren darf, dass man sich erfolgreich gesteigert und selbst übertroffen hat.

(Quelle: http://www.flickr.com)

Die Ton-Landschaft

Die Ton-Landschaft ist ein wenig ruhiger gestaltet. Außer Perzonal Wars „Captive Breeding“ sind keine überharten Vertreter unter den erfreulicheren Ergebnissen des 29. Junis. Manch einer möchte Vintersorg („Orkan“) noch als ungemütliche Vertreter darstellen, doch die Progressive Rock Band wird besonders dem Progressive in ihrer Genre-Bezeichnung gerecht und liefern skandinavisch kühle Prog-Kunst, die runter geht wie Butter und dabei die Gehörgänge vereist.

Nicht weniger Musik-Brocken, aber für viele leichter zu hören ist das schottische Konzeptalbum von The Magnetic North (NICHT verwechseln mit Edward Sharpe & The Magnetic Zeros). Da es auch bei Indie-Pop-Konzeptalben immer noch Konzeptalben sind, mit denen man sich herumschlagen muss, werde ich auch hier nicht auf einzelne Stücke eingehen. Ein abwechslungsreiche und sehr atmosphärische Stimmung ist für Pop-Freunde der nicht ganz so aufgeblasenen Sorte hier in guter Qualität auszumachen.

Wer es lieber einfach hat und tanzen will, der besorgt sich entweder das unglaublich eingängige Debüt der Kanadie Arkells „Jackson Square“ und erfreut sich an nicht ganz platt gewalztem Radio-Rock. Für elektrische Gemüter bietet sich da eher der neue Modeselektor an, der mit der „Modeselektion Vol. 2“ wieder jede Menge (un)bekannter Electro-Künstler in den Vordergrund stellt. Auf dieser Compilation ist nicht alles grün, aber die Auswahl lässt genug gute Argumente für den Erwerb zu.

(Quelle: http://www.flickr.com)

Ton-Kompost

Kompost gibt es natürlich auch wieder, wobei beide Ausrutscher der Woche auch viele Verfechter haben. Menowins „White Chocolate“ ist gewiss an manchen Ecken und Enden zu verteidigen, aber auch hier gibt es mehr Einheitsbrei als einheitliche Strukturen.

Die bayrischen Spaß-Folk-Rocker mit Mundart IRXN hingegen erfreuen sich bei vielen Folk-Fans großer Beliebtheit und ziehen ihr Programm auch auf „Ewig Uns“ wieder knallhart durch. Schlichte, leicht mitsingbare Refrains langweilen den objektiven Hörer schnell, liefern aber genau die Art von Unterhaltung, die sich das gemeine Festival-Folk-Volk wünscht (was ein Zungenbrecher).

 

Ton-Salat

Es wird weiterhin gewartet auf die ganz großen Überraschungen des Sommers, aber traditionell werden die großen Namen und Newcomer erst im Herbst und dem danach anlaufenden Weihnachtsgeschäft loslegen. Bis dahin freut man sich solidarisch für alle Metaler der Nation und nimmt angenehme Rockdebütanten (Arkells) und intelligenten Pop (The Magnetic North) mit.

Auf eine Woche voller neuer Musik für eure Ohren.

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