Category: Popkultur (Page 1 of 25)

“Vapiano” – Grundhass’ Appell an die Menschlichkeit

Ich will nicht die hässliche Fresse seh’n, die mir mein Essen zubereitet.

Ich will nicht die hässliche Fresse seh’n, die das kocht, was ich wieder ausscheiße.

“Vapiano” von Grundhass

Der Notenblätterwald rauscht gewaltig seit der Nachwuchskünstler Grundhass Akustik-Punkrock mit der kommerziellen Strahlkraft einer Madonna zurückbrachte. Seine sozialkritischen Beobachtungen dringen in ungewohnte Tiefen der menschlichen Psyche und erlauben Hörern aller Bildungsschichten Zugang zu komplett fremden Lebenswelten. Kaum ein Song bringt die nachdenkliche Dichterader des Neuzeitbarden derartig präzise aud den Punkt wie „Vapiano“.

Was Grundhass in wenigen Sekunden und Worten erzählt, pressen gestandene Liedermacher im besten Fall auf einen gesamten Longplayer. Scheinbar mühelos legt Grundhass unsere Oberflächlichkeit gegenüber fremden Kulturen die eigene Vergänglichkeit als Entschuldigung für fehlende Moralität offen. Die „hässliche Fresse“ ist eine Darlegung der Reduktion auf die äußere Erscheinung. Das lyrische Ich verfällt dem Instinkt der sofortigen Kategorisierung des Anderen allein aufgrund der Äußerlichkeiten. Weitere, mögliche Qualitäten und Vorzüge des Gegenüber bleiben allein aufgrund des fehlenden Aussehens außen vor, eine Problematik, die uns auch in modernen Gesellschaften begegnet.

Die Erklärung für dieses amoralische Verhalten begründet Grundhass in der schließenden Zeile „die das kocht, was ich wieder ausscheiße“. Das Kochen ist Synonym für interpersonale Interaktionen, die heutzutage wie Dienstleistungen aufgefasst werden. Wir erwarten uns ein für uns produktives Ergebnis von einer Interaktion mit anderen, wobei die harte Wortwahl „ausscheißen“ die fehlende Wertschätzung der Interaktionen ausdrückt. Gleichzeitig steht das Ausscheißen für die Vergänglichkeit der interpersonalen Interaktionen. Grundhass prangert hiermit die Wegwerfattitüde der Gesellschaft an, die Menschen nach einem Blick abtut und vor lauter Auswahl an Informationen und Mehrwehrt letztlich alles vergisst und nichts wertschätzt.

Die nihilistische Ansicht und der geistlose Konsum materieller und geistiger Güter trifft Hörer des Stücks „Vapiano“ ins Mark und stimmt zum Nachdenken an. Beim nächsten Aufeinandertreffen mit Fremdem und Neuem bleibt zu hoffen, dass Grundhass’ Worte uns mit voller Wucht treffen und uns daran erinnern: hinter jedem Gesicht steckt ein Mensch, der uns unabhängig von Beruf, Hautfarbe, Geschlecht und Idealen im Grunde gänzlich gleich ist.

Featured Image mit Genehmigung von Grundhass via ihm sein Facebook

Gute(r) Dinge – My Brother, My Brother and Me

Podcasts. Igitt, igitt. Totes Medium, es sei denn, Jan Böhmermann und Olli Schulz setzen sich daran. Und selbst dann ist der Podcast voll die Nische, ey.

Für Radio- und Rundfunk-apasionados (Spanisch, google it!) wie Johannes und mich sind Audiospuren faszinierend wie eh und je. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich noch kein deutsches Podcast-Programm gefunden habe, welches ich regelmäßig höre. Zumindest im Unterhaltungsbereich konnte mich noch nichts überzeugen. An dieser Stelle oute ich mich schnell: Mit Jan Böhmermann kann ich leider wenig anfangen. Und wer gerade Annis Stimme zu hören meint, der weiß, dass meine Untertreibung aufgeflogen ist.

My Brother, My Brother and Me ist ein Podcast der amerikanischen McElroy-Brüder Justin, Travis and Griffin. Der kurz MBMBaM (“mah bim bam”) genannte Podcast ist vielleicht nicht das Flagschiff, aber der Ursprung eines kleinen Podcast-Imperiums innerhalb eines größeren Podcast Netzwerks, namens Maximum Fun. Ich bin per Zufall über einen anderen Podcast auf die Brüder gekommen, der als MBMBaM-Sprössling startete und auf den Namen The Adventure Zone hört. Inzwischen hört auch Johannes die Dungeons & Dragons inspirierten Abenteuer und wir planen euch in Zukunft etwas zum Podcast zu erzählen.

MBMBaM ist allerdings in einer ganz anderen Nische. Die Brüder lassen sich die verrücktesten Fragen von “Yahoo Answers”, das deutsche Äquivalent ist meiner Meinung nach gutefrage.net, zuschicken und beantworten diese, so unterhaltsam sie können. Der Reiz des Humors liegt oftmals schon darin, dass man sich als Hörer bewusst macht, dass irgendjemand im Internet diese bekloppten Fragen tatsächlich gestellt hat. Diese Fragen werden mit aktuellen Themen gemischt, die sich schon mal um die Veröffentlichung von abstrusen Fast-Food-Kreationen drehen.

Ein Höhepunkt wurde in meinen Ohren vor einigen Wochen, direkt nach dem Brexit erreicht, als die Brüder sich nach eigener Einschätzung sehr schwer getan haben, weil die Nachrichten durchgehend mit Downern gespickt waren. Das hat sich nicht großartig geändert, aber mit welcher Wucht und Inbrunst die Brüder gegen die schlechte Laune in Episode 309 ankämpfen, ist für mich zur Comic-Routine geworden, die ich inzwischen fast mitsprechen kann.

Es ist dieser Tage wichtiger als sonst, sich auch einmal ein paar Minuten zu gönnen, die zum herzhaften Lachen gebraucht werden können. MBMBaM ist nur eine von vielen Optionen dafür, die den Tag ein wenig besser macht, wenn ihr den imaginären Ray Donovan-Theme-Song mitsingt oder einen Mango-Kult anbetet. Das wirkt beim ersten Mal so, als ob drei dümmliche Amerikaner einfach so vor sich hinlabern, aber wer sich auf den Podcast einlässt, merkt ganz schnell, dass die Stärke der McElroys darin liegt, dass sie ihr Ego völlig außen vor lassen und ihr manchmal einfach erscheinender Charakter schlichtweg ein Ausdruck von Ehrlichkeit ist. Eine bessere Medizin für die anstrengenden Nachrichten dieser Tage kann ich mir gar nicht vorstellen.

Featured Image via wikimedia

Gute(r) Dinge – Post-Rock auf YouTube

Musikalische Genres sind schwierig. Sie sind in gewisser Weise, manchmal und auch nur vielleicht nötig, müssen zwangsweise aber sehr grob bleiben. Man nehme beispielsweise die Unterscheidung zwischen Jazz, Pop und Klassik, die drei gängigen Meta-Genres in der Musik. Dass es einen Unterschied zwischen klassischer und populärer Musik gibt, ist irgendwo noch einleuchtend – aber Jazz? Der wird zum Teil mit den gleichen Instrumenten gemacht wie Popmusik und, im engeren Sinne, auch manche klassischen Stücke (Blasinstrumente, Klavier etc.). Sobald wir aber in die Popmusik abtauchen, wird es gänzlich blöde: Da haben wir Rock, Pop im engeren Sinne, Hip-Hop (der ja mittlerweile auch viel Pop ist), wir haben Techno, vielleicht noch Indie oder Singer/Songwriter und schließlich Metal, mit seinen Myriaden an Untergenres. Kann mir jemand den signifikanten, musikalischen Unterschied zwischen Doom-, Death-, Thrash- oder Vampire- und Gothic-Metal erklären?

Das vorweg also zu Genregrenzen, bevor ich anfange über eine bestimmte Musikrichtung zu schreiben. Es geht um Post-Rock, diese mysteriöse Spielart der Instrumental-Musik. Wenn ich versuche, Leuten das Genre zu beschreiben, dann sage ich so etwas wie „Klassisches Rock-Ensemble, die lange Stücke spielen, ohne Gesang, mit Elektronik-Einflüssen“. Das beschreibt aber nur einen Teil des Spektrums der verschiedensten Bands. Gemeinsam haben aber alle Vertreter*innen von Post-Rock, dass sie eine Abwechslung vom so oft gehörten und klinisch durchproduziertem Mainstream-Pop bieten – und ich daher mehr und mehr Musik aus dieser Richtung höre, manche Alben sogar genieße. Und das schöne daran, so ein Genre entdecken zu dürfen, ist, immer wieder etwas Neues zu finden. Neue Variationen, neue Interpretationen von Bekanntem, abgefahrene Experimente, nervige Wiederholungen, ans Unhörbare grenzende Dissonanzen – all das findet sich in dieser riesigen Fundgrube des Genres. Es ist so, wie wenn man eine*n neue*n Autor*in entdeckt und vielleicht auch so, wie eine neue Beziehung zu beginnen: Am Anfang ist alles extrem aufregend und es stürzen die neuen Erfahrungen auf einen ein. Da freut man* sich, wenn es einzelne Orientierungspunkte in einem Meer aus Neuem gibt.

Deswegen finde ich es großartig, dass es YouTube-Kanäle wie den von Ahmet aus der Türkei gibt. Unter Worldhaspostrock veröffentlicht Ahmet regelmäßig Uploads von Bands aus dem Bereich Post-Rock. Meistens sind eine kleine, unbekannte Bands, die er auf Bandcamp oder per Reddit entdeckt hat. Jedes Video enthält Hinweise auf die Musiker*innen und den Aufruf, die Macher*innen zu unterstützen. Worldhaspostrock ist aber nicht der einzige Kanal, der Musik aus dem Bereich Post-Rock teilt. Da gibt es noch Wherepostrockdwells, In the woods, 9eCn3 und weitere, die sich zum Teil gegenseitig unterstützen und hochvoten. Es ist in diesen Zeiten einfach rührend und auch ganz wichtig zu sehen, wie Menschen zusammenfinden, sei es über das Internet, Musik oder beides. Ahmet bekommt in seinem Video, in der er auf Feedback seiner Hörer*innen hofft, ganz viel positive Rückmeldung und Unterstützung – eine Seltenheit in den bekanntermaßen toxischen Kommentaren bei YouTube. Ich selbst habe durch die verschiedenen Kanäle schon ein paar Bands und Musiker*innen entdeckt, die mein Leben seitdem mit viel schöner Musik angereichert haben.

Ich bin mir sicher, dass es für viele andere Genres ebenfalls entsprechende Kanäle gibt. Reddit und Bandcamp sind ebenfalls zwei wunderbare Anlaufpunkte für Leute, die sich nach neuem Ohr-Input sehnen. Und was gibt es schöneres, als eine neue Beziehung mit neuer Musik einzugehen?

Featured Image by Mikey G Ottawa

Kafvka und der Echo

Unser Johannes hat mal die weisen Worte gesprochen, dass sich Reviews und Kritiken nicht für uns lohnen. Dafür sind wir ein zu kleines Team, das mit dieser Webseite (zur Sicherheit: noch) kein Geld macht. Es gibt viele, tolle Seiten in den Weiten des Internets und wer der englischen Sprache mächtig ist, der kann sich vor Meinungen kaum retten. Das heißt aber natürlich nicht, dass wir keine Meinung haben oder diese in die Welt posaunen wollen. Schließlich betreiben wir diesen Blog zu unserem Vergnügen und um unsere Ängste und Sor-, ähm, Interessen zu teilen.

Eigentlich wollte ich schon zu Beginn der letzten Woche einen Artikel zur deutschen Crossover-Band Kafvka teilen, die ich kürzlich als Vorband von Turbostaat gesehen habe. Daraus wurde dann nichts, weil ich gemerkt habe, dass die Band am 08.04.2016 ihr Debüt-Album veröffentlicht. Es erschien mir halbgar über die gerade noch gekaufte “Probe – Raum – EP” zu schreiben, wenn “Hände Hoch!” vor der Tür steht. Und dann sind noch viele weitere Dinge dazwischen gekommen. Das jüngste Event war ein Adam Angst-Konzert in Berlin, die unter anderem auf die Vergabe eines Echo-Preises an eine bestimmte Band zu sprechen kamen.

Frei.Wild werden von irgendjemandem prämiert

Letztes Jahr war es soweit. Frei.Wild haben sich offen gegen Fremdenhass ausgesprochen. Hurra! Alles ist wieder gut! Das von der Band übertragene Weltbild ist damit von jetzt bis in alle Ewigkeit nicht zu hinterfragen! Ob wir tatsächlich soweit gehen sollten, ist zum Glück weiterhin dem Einzelnen überlassen. Ich selbst kenne auch ein paar Gestalten, die gerne ein paar Songs von Frei.Wild hören, ohne diverse Werte gleich auf ihren Alltag zu übernehmen. Um Heimatstolz und andere Formen des Dazugehörens geht es im Endeffekt meistens, aber ich kann verstehen, wie letzteres Hörer anspricht, ohne dass man gleich rechte Flaggen wehen lässt. Die Wirkung und Verbreitung der Band in der Breite ist allerdings mit im rechten Spektrum zu verorten. Dass sie sich letztes Jahr offen dagegen ausgesprochen haben, ist schön für mich zu hören, entlässt die Band allerdings nicht aus ihrer jahrelangen Verantwortung, die sie großzügig ausgeblendet haben. Trotzdem besser spät als nie.

Ob Leute Frei.Wild hören sollen oder dürfen, ist für mich dabei keine entscheidende Frage. Solcherlei Diskussionen führe ich seit hitzigen Debatten über die Böhsen Onkelz nicht mehr. Adam Angst haben die Band selbst auch gar nicht mit Namen benannt. Und das ist auch nicht wichtig. Viel wichtiger ist, wer diesen Preis verliehen hat. Es wird Zeit, sich zu fragen, welche gesondert denkenden Menschen überhaupt auf die Idee kommen Frei.Wild zur Wahl aufzustellen. Ähnlich wie die Oscars ist der Echo seit geraumer Zeit kein Qualitätspreis, sondern eine Mischung aus Popularitätswettbewerb und Öffentlichkeitsarbeit. Ach, und natürlich Selbstbeweihräucherung.
Deer

Wild in Freiheit – via Flickr by Mark Kent

Damit beantworte ich die Frage natürlich auch gleich selbst. Frei.Wild muss den Preis einfach erhalten, weil sie seit Jahren kommerziell erfolgreich sind. Seit “Gegengift” (2010) sind Frei.Wild ein Chartstürmer von denen ich immer noch kein einziges Lied wirklich kenne. Das liegt sehr wahrscheinlich an meinen Interessen und muss nichts heißen. Aber auch ein gewisser Herr Xavier Naidoo ist seit vielen Jahren erfolgreich. Er darf auch in vielen Fernsehsendungen mitwirken, die vernünftige Einschaltquoten vorweisen können. Und ursprünglich sollte er Deutschland bei Eurovision Song Contest (kurz: ESC) vertreten.

Dass er am Ende aufgrund von Beschwerden aus der Gesellschaft durfte, weil er sich durch ausländerfeindliche Aussagen selbst einen Shitstorm beschert hat, ist erneut nur Nebensache für mich. Stattdessen ist das Muster des Erfolgs für die politisch und gesellschaftlich blinden Entscheidungsträger transparenter denn je. Es sollte keinen wundern, werden bestimmt einige anmerken. Und das stimmt natürlich. Am Ende können sich die Musiker immer mit künstlerischer Freiheit und Redefreiheit rechtfertigen. Das ist auch richtig so. Es liegt aber an den Außenstehenden darauf zu reagieren. Xavier Naidoo darf sagen, was er möchte. Frei.Wild dürfen singen, was sie wollen und wenn sie Verantwortung übernehmen wollen: um so besser. Nur wenn sie selbst oder mit ihnen verbundene Parteien glauben, dass sie in einem Vakuum fern ihrer Handlungen und Produkte handeln können, dann hackt es wohl, um frei nach Judith Holofernes zu zitieren.

Kafvka, die doofen Gutmenschen

Und jetzt ist es natürlich ganz klar, was die Agenda des bösen Max ist. Erst auf konservativen Aussagen herumreiten und dann eine Band feiern, die im linken Spektrum angesiedelt ist. Damit wäre dann auch gleich geklärt, dass ich ein unbezahlter Diener der Lügenpresse bin. Bevor also einigen die Ader an der Schläfe platzt, könnt ihr beruhigt aufhören zu lesen. Ihr habt recht. Alles ist gut. Viel Spaß damit.

Ich werde hingegen noch eine Weile Spaß mit Kafvka haben. Und das kommt auch aus der Überraschung. Wenig überraschend waren wir Turbostaat wegen im Beatpol in Dresden. Bei der kurzen Vorrecherche musste ich nur lesen, dass es irgendwie Crossover-Rap sein soll. Nun, im Notfall hätte ich mir ein Bier geholt. Aber jede Band sollte eine Chance bekommen und obwohl Franz Kafka, der mit F und auf den Stickern der Band, ebenfalls nicht mein Liebling ist. Entgegen der Erwartungen sind Kafvka etwas ganz Anderes, als ich es erwartet habe.

kavka

Markus Kavka, der andere Namensvetter!? – via Flickr by Schröder+Schömbs PR_Brands

In meinen Augen sind sie eine Band, die sich einig ist, dass sie Rage Against The Machine richtig knorke finden, aber nicht ganz auf den Humor verzichten wollen. Interessanterweise heißt das allerdings nicht, dass die Band sich den Humor aufzwingt. Lieder wie “Lampedusa” und “Satt Geboren” sind nicht weniger wütend und engagiert als Adam Angsts “Splitter Von Granaten” und beziehen deutlich Position zu politischen und gesellschaftlichen Fragen. Da erlaubt kein Augenzwinkern Abschwächung oder wird sich mit ironischen Beleidigungen aufgehalten. Hier sind Vergleiche mit Rage Against The Machine absolut positiv gemeint. Von solcher Musik kann es nicht genug geben.

Das heißt aber nicht, dass die Späße in “Alles Außer Fans” und Co. ein laues Lüftchen erzeugen. Nicht-Hörern des Stils wie mir macht es die Band gleich ein ganzes Stück zugänglicher und man kommt sich nicht ausgeschlossen vor, nur weil man kein Hände-Schwinger ist. Das ist angenehm und für den guten Zweck habe ich nach einer halben Stunde gerne einen auf Checker gemacht. Die Schamesröte wollte dabei nicht wirklich aus dem Gesicht, aber das kann bei einem Konzert zum Glück eh keiner sehen. Lieber stelle ich mich ein wenig dumm dran, statt auf diese Band zu verzichten.

Featured Image via Flickr by Rafael Edwards

DARTH MAUL – Apprentice: Fanfilm-Verzweiflung

Ein deutscher Fanmade Film macht zur Zeit die Runde. Das besondere sind nicht nur die gut sechs Millionen Clicks, die der Film zurzeit auf Youtube hat, sondern auch die positive Presse, die er in Deutschland und anderen Teilen der Welt bekommt. Hier ziehen international Menschen ihren Hut, was vor allem dem fast schon professionellen Look des Films zuzuschreiben ist.

Und ja, vorweg möchte ich festhalten: Der Film ist visuell und technisch beeindruckend. Das Make-Up, die Stunts und die Visual Effects – obwohl es sich dabei um das Projekt eines Filmstudenten handelt, gibt es nur wenige Momente, in denen direkt auffällt, dass es sich nicht um einen professionellen Film handelt (klammert man* die Qualität des Schauspiels einmal aus). Um zu verdeutlichen wie schwer das ist, muss man* nur die Zahl der Leute erwähnen, die (in der Mehrheit ohne Bezahlung) ihre Energie in das Projekt gesteckt haben. Es sind um die 70.

Die Story des Kurzfilms ist schnell erzählt. Hauptsächlich handelt es sich um eine lange Actionszene auf einem Waldplaneten. Mehrere Jedi kämpfen mit dem Sith Darth Maul und sind heillos überfordert. Und hier zeigen sich sofort die Schwächen des Films. Letztendlich ist es nur die Schönheit der Bilder, die lobenswert ist. Geht man* auf die inhaltliche Ebene, sieht es ganz anders aus.

Stunts, Stunts, Stunts und mittelgutes Schauspiel

Die gezeigten Figuren sind eine einzige Ansammlung von Stereotypen. Der alte weise Jedi-Meister (Mathis Landwehr aka der Obi-Wan-Kenobi-Gedächtnis-Cast), die junge unerfahrene Padawan (Svenja Jung), drei Jedi, die hauptsächlich da sind, um cool zu kämpfen und eine Togruta, deren einzige Funktion es ist, ihr tolles Kostüm zu zeigen. Kein Wunder also, dass sie als erste stirbt. In so einem Cosplay-Kostüm lässt es sich schließlich nur schwer kämpfen.

Auch Darth Maul, der eigentliche (Anti-)Held des Films (wenn man dem Titel des Filmes folgt), macht keine Charakterentwicklung durch, die sich irgendwie nachvollziehen lässt. Hauptsächlich sieht er gut aus (im Sinne eines tollen Kostüms), guckt böse und kämpft viel.

Image by Sam-Cat

6875834228_9942e67193_z

Natürlich werden auch viele Lichtschwerter geschwungen.

Blendet man die schicken Effekte und das tolle Make-Up aus, dann bleibt am Ende eine furchtbar langweilige Geschichte übrig, die wir schon tausend Mal gesehen haben: Der*die überforderte und eingeschüchterte Schüler*in, die am Ende seine*ihre Angst überwindet. Das Problem ist  nur, dass diese Geschichte nur dann funktioniert, wenn die Figur am Ende ihren Mut zeigen kann. Leider funktioniert das aber nicht, wenn sie für ein paar Minuten kämpft, um dann einfach zu sterben. Der Story hilft zusätzlich nicht, dass die Kämpfe zwar toll aussehen, die schauspielerische Leistung aber zu wünschen übrig lässt.

Sicherlich ist das zum einen dem Genre des Kurzfilms zuzuschreiben, das generell weniger Zeit hat, Charaktere zu entwickeln. Zum anderen muss man* aber auch ganz eindeutig sagen, dass das Typecasting (z.B. bei Mathis Landwehr) es nicht besser macht. Die einzigen zwei Figuren, die der Film Protagonist*inn*en nennen kann, sind der Jedi-Meister und seine Padawan. Und die sind, ähnlich wie Konzeption der Actionszenen in erster Linie ziemlich 0815. Ich betone noch einmal, dass sie dennoch visuell schön umgesetzt und technisch aufwendig gestaltet sind, aber auf der inhaltlichen Ebene fehlt einiges, um dem Film wirklich “Größe” zu verleihen.

Ein Problem folgt dem anderen

Gerade bei der Figur der Padawan ergeben sich aber noch weitere Probleme. Denn auch wenn sie in erster Linie, dem schon genannten ängstlichen Held oder Heldinnen (gepaart mit dem Lehrlingsaspekt) entspricht, verbindet sich dieses noch mit negativen Erzähltraditionen von Frauenfiguren. Denn sie erfüllt alle Klischees, die es für weibliche Charaktere im (Action)film gibt. Sie ist diejenige, die den Kampf plötzlich unterbricht um Mitgefühl zu zeigen. Sie  muss mehrmals gerettet werden. Und die meiste Zeit ist sie einfach nur hilflos und überfordert. Ihre Schläge und Attacken gehen oft ins Leere. Sie wird oft zurückgeworfen und ist dann mehrere Momente gar nicht Teil des Kampfes. Viele diese Momente könnten durch eine Story erklärt werden, aber diese fehlt leider und dadurch werden sie zu bloßen Tropes.

In Ergänzung dazu werden auch visuelle Stereotype wiederholt, zum Beispiel sehen wir nur bei den Männern die tödlichen Wunden durch die sie sterben (wenn auch nicht bei allen). Das mag dem Budget des Films geschuldet sein – immerhin braucht man für den Tod durch Lichtschwert visuelle Nachbearbeitung – fügt sich aber leider in die Tendenz des Filmes ein.

Image by DAVID HOLT

24295799953_ff6f381127_z

In Deadpool wird das Thema Gewalt gegen Frauen (in Kampfszenen) ebenfalls thematisiert. Doch obwohl es explizit angesprochen wird, findet auch dieser Film keine ideale Lösung.

Auch wenn es sich bei der Figur um die Darstellung eines Padawan handelt, ist das keine Entschuldigung sie so inkompetent darzustellen, dass man* sich fragt, warum sie es überhaupt so weit geschafft hat. Im Gegensatz zu ihren Mitstreitern (die andere weibliche Figur ist durch ihren frühen Tod nicht wirklich nennenswert) wird sie eindeutig anders behandelt. Von Anfang an ist es klar, dass sie die Schutzbedürftige ist. Sie soll nah beim Meister bleiben und wird aufgefordert wegzurennen. Fairerweise muss gesagt werden, dass dies auch mit ihrer Funktion innerhalb der Jedi-Hirachie zu tun hat, aber Filme wie dieser verdeutlichen, dass es eben einen Unterschied macht, wenn es von Frauen oder Männern dargestellt wird. Das wird auch dann deutlich, wenn Darth Maul ihr eine Ohrfeige gibt (Minute 6:39, und wie die coolen Kids sagen: BITCH SLAP!). Auch wenn das nur ein minimales Detail darstellt, fügt es sich ein in die Tradition, in der mit Frauen anderes als mit Männern gekämpft wird.

Guter Grundgedanke, falsche Umsetzung?

Ich will Shawn Bu, dem Macher des Films, überhaupt nicht unterstellen, dass er einen schlechten Frauencharakter schreiben wollte. Aber ich werfe hier eine fehlende Tiefe der Story und eine mangelnde Sensibilität bei der Charakterentwicklung vor. Vielleicht war hier sogar die Intention eine starke Frauenfigur zu zeigen. Aber wie bereits erwähnt, funktioniert das nur, wenn man* der Figur die Möglichkeit zu wachsen gibt und sie nicht eine gefühlte Minute nach dem Beginn des entscheidenden Kampfes sterben lässt.

Am Rande sei außerdem erwähnt, dass die Darstellerin Sevenja Jung die einzige war, die Schwertunterricht nehmen musste. Was man ihrem Schauspiel leider ansieht. An dieser Stelle wäre es interessant gewesen zu wissen, ob es nicht eine weibliche Stuntfrau gegeben hätte, die diese Rolle besser besetzen hätte können. Denn mit Mathis Landwehr als Jedi sind auch durchaus bekanntere deutsche Stuntmänner in dem Film vertreten. Auch wenn das schauspielerische Niveau bei allen ungefähr gleich ist, ist es letztendlich der Qualitätsunterschied in den Kampfszenen, der die kritisierten negativen Aspekte unterstützt.

Image by P.O. Arnäs

6948506506_f592db1546_z

Ich könnte mich den ganzen Tag nur durch Fanart und -filme klicken.

All das zu sehen macht mich traurig. Traurig, weil ich als Star-Wars-Fan nichts lieber als gut gemachtes Fanmaterial sehe. Aber ich hab von langweiligen Aneinanderreihungen von Stereotypen so die Schnauze voll. Das alles haben wir schon hundert mal gesehen. Noch mehr gehen mir aber solche Frauenfiguren auf den Geist, die nur leere Hüllen und Trägerinnen billiger Emotionen sind. Dabei hat Star Wars VII gezeigt, wie man* es richtig machen kann.

Dennoch ist der Film visuell wirklich gut gemacht. Und wer ihn dafür loben möchte, dem werde ich keinen Vorwurf machen. Und auch ich ziehe den Hut vor so viel Engagement und Einsatz und dem technisch einwandfreien Endergebnis. Aber ich finde es wichtig das Medium Film immer als Ganzes zu bewerten. Denn es sind eben nicht nur bewegte Bilder. Es sind Bilder, die Geschichten erzählen wollen und sollen. Und als Filmfan bleibt mir deshalb nichts anderes übrig als auf dieser Ebene Kritik zu üben.

Featured Image by Ben Northern

Schneewittchen und Popelköpfe

Ich kam neulich wieder in den Genuss (und das ist nicht ironisch gemeint) meine dreijährige Nichte zu sitten. Da meine Nichte außer Toben am liebsten Bücher vorgelesen bekommt und sehr gerne “Kindermusik” (aka Geschichtenlieder) hört, werde ich gerade wieder regelmäßig mit Märchen konfrontiert. Wie jede*r Erwachsene, der*die sich ein bisschen mit den Gebrüdern Grimm und anderen Vertreter*inn*en der Märchenschreibekunst auseinander gesetzt hat, sollten mich die vermittelten Bilder nicht schocken. Wenn Hacken abgeschnitten, Kinder im Wald ausgesetzt und Tiere verschlungen werden, gibt es nicht selten Momente bei denen man* merkt: So ganz zeitgemäß ist das nicht mehr. Aber das ist natürlich alles kein Problem für den modernen Buchhandel. Märchenbücher gibt es in allen Formen und Größen; Für Einjährige und Erstleser genauso wie für Wissenschaftler*inn*en und Sammler*inn*en, die sich lieber mit den Originaltexten auseinandersetzen oder sich an den über die Jahrhunderte entstandenen Illustrationen erfreuen.

Doch auch wenn man* Grausamkeiten in den grimmschen Märchen (und um ein solches soll es heute gehen) zensieren kann, so bleiben traurigerweise viele Kritik würdige Sachen zurück. Als Feministin sind es natürlich vor allem die Geschlechterbilder, die mich sofort anspringen. Schon in den ersten Zeilen von Schneewittchen, wird einem fast übel. Denn hier kommen so ziemlich alle negativen Frauenklischees zusammen. Sei es die Stiefmutter, die ihre Adoptivtochter nicht liebt, sondern sie vielmehr um ihre Jugend beneidet oder das gute alte Prinzip Frauen auf ihre Schönheit zu reduzieren. Auch das Ende erscheint einem fast gruselig, wenn der Prinz zu den Zwergen sagt, dass er ihnen den Sarg abkaufen will (auch wenn die Zwerge das ablehnen). Ein Klassiker bleibt bis heute auch, dass Schneewittchen nur deshalb von den Zwergen aufgenommen wird, weil sie im Gegenzug den Haushalt schmeißt, nähen und kochen kann.

Image by Stefan Schubert

17163914576_6dd0573dd9_zDie perfekte Frau: schön und begabt im Haushalt (/irony)

Nun ist mein Anliegen nicht Schneewittchen zu verteufeln. Noch weniger, diejenigen, die noch immer zu den Gebrüder Grimm greifen und sie vorlesen. Denn selbst wenn man* sich als Einzelperson dagegen entscheidet, diese Art von Inhalten zu vermitteln, dann merkt man schnell wie fragil die Blase der eigenen politischen Überzeugung ist. Egal ob es Geschenke der Familie sind oder die Büchersammlung der Kita, ab einem gewissen Punkt kann man* sich dem gesellschaftlichen Gedächtnis nicht entziehen. Und was soll man* auch tun, wenn das Kind mit großen Augen vor einem*r steht und sagt: „Bitte vorlesen!“

Altes Format, neuer Inhalt?

Egal ob Prinzessinen- und Piratenbücher oder rosa und blaue Spielsachen – Jede*r, der*die mit Geschlechtersterotypen ein Problem hat, wird in seinem Rahmen das möglichste tun, um einen Gegenpol zu schaffen oder andere Geschlechterbilder anzubieten. Eine Variante ist zum Beispiel neue Geschichten zu erzählen, die diese Bilder vermeiden oder zumindest im Rahmen des Möglichen das Dargestellte zu kontextualisieren. Zum Beispiel eine Prinzessinnengeschichte ohne Glitzer und Rosa.

Einen solchen Versuch hat zum Beispiel Marc-Uwe Kling mit seiner Geschichte Prinzessin Popelkopf gewagt. Seine Kritik richtet sich allerdings nicht primär gegen Geschlechterbilder (obwohl er auch hier einen Beitrag leistet), sondern gegen die Glorifizierung des Adels. Obwohl ich großer Fan des Autors (und insbesondere seiner Känguru-Trilogie) bin, bleibt mir aber nur festzuhalten, dass ihn der Gedanke ehrt, aber die Ausführung verbesserungswürdig ist. Denn liest man* das Buch, dann bekommt man* den Eindruck, dass hauptsächlich die Erwachsenen Spaß mit dem Buch haben, denn es gibt keine wirkliche Identifikationsfigur für die kleinen Zuhörer*inn*en. Prinzessin Popelkopf ist der Inbegriff der dummen Adligen, die mehr auf Stand, Aussehen und Reichtum gibt, als auf innere Werte. Dabei gibt es keine klassische Moral. Am Ende wird sie Königin Grützkopf und es wird ein Bogen zu unserer heutigen Zeit geschlagen, in denen die Grützköpfe noch immer die Welt regieren.

Auch wenn das Buch auf einer Humorebene Kinder ansprechen mag (sie kommen ja alle in die Phase, in der ecklige Worte lustig sind), so fehlt der Geschichte eine wirklicher Ansatzpunkt für Kinder. Prinzessin Popelkopf bekommt keine Möglichkeit sich zu bessern, sondern muss sich einfach ihrem Schicksal ergeben. Am Ende bleiben Pipi-Kacka-Humor und der gehobene politische Zeigefinger. Das ist vor allem traurig, weil der Grundgedanke ein guter war.

Natürlich gibt es bereits verschiedene Projekte, die sich besonders mit Märchen beschäftigen. Aber was tun, wenn das Kind diese vielleicht nicht mag oder nicht so schön findet oder wenn die Mühlen der Geschlechterklischees bereits gut laufen? Für mich sind dies die Momente, in denen mir bewusst wird, was für eine Sisyphosarbeit der Feminismus ist, denn man* kämpft eben nicht gegen einzelne große Themen, sondern gegen ein kompliziertes Geflecht aus sich ineinander greifenden Problemen. An dieser Stelle weiter zu machen ist nicht immer leicht, aber wie eine Freundin von mir vor kurzem so schön gesagt hat: Wenn man einmal das Licht gesehen hat, dann will und kann man nicht mehr in der Dunkelheit leben.

An dieser Stelle also das erste Mal ein Artikel von mir mit offenem Ende: Wie macht ihr das und wie geht ihr mit diesem Problem um?

Featured image by Georgie Pauwels

D(r)umpf ist Trump(f)

Es ist soweit. Die scheinbar einzige Satire-Sendung, die die Menschen noch gucken, hat gesprochen. Seit Wochen und Monaten hat sich die in ihrer öffentlichen Wahrnehmung sehr erfolgreiche Sendung “Last Week Tonight (with John Oliver)” (LWT) gegen Berichterstattungen zu Donald Trump gewehrt. Letzten Herbst hat sich John Oliver bewusst zu diesem Thema geäußert. Bei Stephen Colberts damals noch brandfrischer “Late Show” sagte er, dass er sich einen Scheiß darum kümmert, weil es zu früh für solche Gespräche sei.

Das ist ein löbliches Vorhaben, da um die Personalie Trump in erster Linie Sensationsjournalismus herrscht. Aber es scheint nicht ratsam, einen Präsidentschaftskandidaten zu ignorieren. #MakeTrumpDrumpfAgain (Video folgt im Beitrag) ist eine nette Idee und gepaart mit HBOs finanziellem Spielraum und dem großartig arbeitenden Team von LWT ist ihnen ein starker Beitrag gelungen. Allerdings stellt sich so nah vorm oftmals entscheidenden Super Tuesday die Frage, ob “Nichtstun” tatsächlich ein guter Ansatz war. Als Deutscher sollten wir im letzten Jahrhundert Erfahrungen damit gemacht haben. Und wer meint, dass das Ewigkeiten her ist, der darf mich gerne in Dresden besuchen.

John Oliver bei CBS’ “The Late Show (with Stephen Colbert)”

Nun sind ein paar Monate ins Land gezogen und so ziemlich jeder amerikanische Nachrichtensender hat sich täglich das Maul über Donald Trump zerrissen. Dabei sind Trumps Aussagen so verfänglich, dass selbst die in Deutschland nur als “Bekloppten-Nachrichten” bekannten “Fox News” nie vorher wussten, ob sie heute auf Trumps Seite sind oder dieser ihnen eine fette Breitseite verpasst. Stephen Colbert hat in diesen Monaten nicht locker gelassen. Er hat unter anderem Jon Stewart eingeladen, der seine fantastische Trump-Imitation zum Besten gab, und krönte seine Berichterstattungen Ende Januar mit der Offenlegung von Trumps willkürlichen Aussagen (siehe folgendes Video). Und das obwohl Colberts Aufgabe als Late-Show-Host in Amerika traditionell darin liegt, den Leuten einen entspannten  Feierabend zu garantieren. Doch zwischen vielen Soft-Interviews mit Schauspielern und anderen Berühmtheiten hat sich Colbert immer wieder Zeit für Berichterstattung zu Trump genommen.

Donald vs Trump: #DUMP

Stephen Colbert hat sogar Bill Clinton dazu gebracht, nahezu ausschließlich über die größten Herausforderer seiner Frau Hillary zu sprechen, anstatt lediglich die Werbetrommel zu rühren. Den ganz großen Aufschrei wie bei #MakeDonaldDrumpfAgain konnte man aber nicht vernehmen. Und hier kommen wir zum springenden Punkt, der immer wieder weh tut: Es hat einfach nicht genug Leute gekümmert. Ich habe mich auch aus studientechnischen Gründen in den letzten Monaten stark mit satirischen Inhalten auseinandergesetzt und somit bin ich in Sachen Smalltalk geradezu unfähig geworden. Früher oder später komme ich zwanghaft auf solcherlei Themen zurück und nicht selten schüttelten die Leute entschuldigend den Kopf und gaben zu von diesem Stephen Colbert noch nie gehört zu haben (auch sein mexikanischer Korrespondent Esteban Colberto war kein Begriff).

LTW hingegen hat sich einen Platz geschaffen, der auch hier in Deutschland immer präsenter wird. Aber natürlich sind gerade nicht die Deutschen gefragt. “Wir” müssen schließlich nicht wählen und “wir” haben auch viel weniger Gründe, uns für diese Inhalte zu interessieren. 2012 sah ich Klaus Scherer an der Universität Trier, der Werbung für sein Buch “Wahnsinn Amerika” machte und sich einem Gespräch und einigen Fragen im Audimax der Universität stellte. Dabei fragte ein Student unter anderem, warum sich Amerikaner so wenig für Außenpolitik interessieren und auch wenn ich ansonsten nicht viel von Herrn Scherers Besuch mitnehmen konnte, imponierte mir seine sofortige Retour: “Das ist doch ganz normal. Was wissen Sie denn Genaueres über die amerikanische Politik?” Da verstummten selbst die meisten Politikwissenschaftler in spe.

Räumliche Nähe ist wichtig. Den meisten Leuten ist bereits egal, was im nächsten Bundesland, ach, im nächsten Landkreis vor sich geht. Wer derzeit den Wahl-O-Mat ausprobiert, wird garantiert wieder auf Fragen stoßen, die in den Bereich der Regionalpolitik fallen und die meisten werden dann wohl ehrlich “interessiert mich nicht” ankreuzen. Aber für die Leute, die es interessiert und die es interessieren sollte, sind solche Inhalte wichtig. Die Leute müssen aufgeklärt werden und auch wenn das im Bereich der Satire schwierig ist, weil sie in der Regel keinen Wahrheitsgehalt für sich in Anspruch nehmen, scheint Ignoranz der schlimmstmögliche Weg zu sein.

John Oliver ist zumindest mir in jener Hinsicht als Unikat aufgefallen, indem er die Maske des Humors oftmals sichtlich ablegt. “And that is horrible”, “that would be devastating”, “it is a desaster” sind Sound-Bites, die man als Zuschauer seiner Sendung regelmäßig zu hören bekommt. In diesen Momenten und im Verbund mit solcher Ernsthaftigkeit rückt die journalistische Arbeit einer Sendung wie “Last Week Tonight” in den Vordergrund. Ein großes Problem vieler Satire-Sendungen ist es, dass sie oftmals den Spaß über ihre Inhalte stellen. Als wir uns dieser Tage die neueste “Anstalt”-Folge angeguckt haben, habe ich vor dem Schauen einen Kommentar zur Ausgabe gelesen. Dieser Kommentar besagte, dass einem bei “guter” (über diesen Ausdruck kann, darf und soll gerne gestritten werden) Satire oftmals das Lachen im Hals stecken bleiben sollte und ich kann dieser Meinung nicht widersprechen.

Unterhaltsam und informativ? Leider wird uns hierzulande etwas Anderes als Infotainment verkauft.

Satire darf wehtun (und zwar jedem), Satire darf mit Fakten langweilen, Satire darf auch einfach mal bekloppt sein. Aber in meinen Augen darf Satire nicht weggucken. Ein Satiriker, der sich bewusst einem Thema entzieht, ist seiner Berufung in diesem Moment nicht nachgekommen. Menschlich ist es nachvollziehbar, dass ein John Oliver mit seinem Team beschließt, dass jemand wie Donald Trump mit Nichtachtung gestraft werden soll. Stattdessen kümmert man sich um Menschen bewegende Themen wie Abtreibung und Wahlgesetze, doch all diese Bemühungen drohen für die Katz zu sein. Denn sollte tatsächlich jemand wie Donald Trump Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika werden, dann rücken viele dieser Probleme weit in den Hintergrund.

Wie es nicht anders zu erwarten war, hat Trump die Vorwahlen der Republikaner am Super Tuesday dominiert. Die Gründe dafür sind vielfältig und ich würde ihnen nicht gerecht, wenn dieser Post nicht mehrere Seiten umfassen soll. Tatsache ist jedoch, dass der Präsidentschaftskandidat Trump von einer markanten Sparte nicht attackiert wurde. Das klingt nach einem heftigen Vorwurf, doch auch dieser ist eingeschränkt zu betrachten. Denn die meisten Trump-Befürworter werden in der Regel nicht Fans der als links gerichtet geltenden Satire-Sendungen sein (der “Liberal Media”-Vorwurf lässt grüßen). In Deutschland beobachten wir die gleichen Probleme. Wir können uns noch so sehr über das “Neo Magazin”, “die Anstalt” und Co. freuen, doch in erster Linie scheinen sie als Bestätigung bereits vorhandener Ansichten und nicht als Überzeugungsmittel zu wirken.

Ich möchte damit ausdrücken, dass das Teilen eines solchen Videos schön und gut ist, allerdings kaum jemanden von etwas Neuem überzeugen wird. Im Bestfall findet man wieder heraus, wen es aus der Facebook-Liste zu streichen gilt. Die Kraft eines Beitrags wie #makedonalddrumpfagain liegt darin, dass die Informationen aufgenommen und im Alltag angewendet werden. Die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen ihrem Nachbar oder ihrer Gemeinde, also Wesen ihres Alltags, glauben, ist vermutlich um einiges höher als “irgend so einem Medienfuzzi” zu vertrauen. Giovanni Di Lorenzo (Chefredakteur der ZEIT) war erst vor wenigen Tagen in Dresden und äußerte sich über das fehlende Vertrauen der Deutschen gegenüber der Presse. Diese (nicht neue) Entwicklung macht die Ablehnung von Fakten schlichtweg leichter.

Das Heilmittel gegen diese Entwicklung scheint derzeit nicht besserer Journalismus allein zu sein. Natürlich ist es frustrierend, wenn selbst gestandene Teile der Presse sich mit Schwachsinn der Marke “Schweinefleischpflicht” auseinandersetzen, doch die Reaktionen auf solch unwichtige Themen in den sozialen Netzwerken sind meist populärer als zu Themen, die unsere Gesellschaft tatsächlich bewegen sollten. Deswegen stehen wir als Bürger derzeit in der Pflicht dem Blödsinn Einhalt zu gebieten. Wir müssen die Werte, die wir vertreten wissen möchten, tatsächlich wieder leben. Das klingt nach Phrasen und Weltverbesserungsgequatsche, aber gleichzeitig ist es auch eine Wahrheit, die uns als Gewohnheitstiere oftmals kalt lässt. Es stehen Landtagswahlen an und viele Menschen werden weiterhin “ihre” Partei wählen, ohne sich damit auseinanderzusetzen, für welche Ideen die jeweilige Partei als Ganzes steht.

Was nicht getan werden darf, ist Trump nur mal wieder nebenbei zu betrachten, wenn man tatsächlich etwas an gesellschaftlichen Ansichten ändern möchte. Es reicht in meinen Augen nicht, dass sich alle paar Wochen und Monate jemand hinstellt und darauf hinweist, dass da ziemlich viel Käse geschwätzt wird. Es hilft auch nicht, “die Anderen” anzublöken, denn dass dies nicht Erfolg führt, zeigt der “Erfolg” eines Donald Trump. Man wird selbst schließlich auch nicht zum Ausländerfeind, wenn man drei Artikel mit ausländerfeindlichen Thesen liest.

Deswegen möchte ich, dass die geneigten Leser sich das folgende und auch die vorangegangenen Videos angucken und darüber nachdenken, welche Konsequenzen sie für sich daraus ziehen. Einfach etwas zu teilen, ändert in der Regel nicht viel und ist in Augen der Menschen mit anderen Ansichten ähnlich dumpf, wie es andersherum wahrgenommen wird. Entscheidend ist am Ende der gesellschaftliche Konsens und dieser muss gelebt werden, damit er mehr als nur ein “Gespinst” sein kann. In welche Richtung dieser Konsens ausschlägt, können wir zumindest versuchen mit zu entscheiden.

Das viel zitierte und hoffentlich nicht einfach nur geteilte Video

Featured Image via Flickr by Harold Navarro

Von Hamburg nach L.A. – Die Oscars 2016

Die Oscars sind vorbei und ich muss sagen: Hut ab. Nach vielen Jahren der Enttäuschungen, hat es sich endlich mal wieder gelohnt sonntags die Nacht durchzumachen. Nicht etwa, weil alle meine Favoriten gewonnen haben, sondern weil es die politischsten Oscars waren, die ich je gesehen habe.

Es ist nicht unbedingt neu, dass die Presiverleihung mit politischen Themen auffällt. Besonders bei Filmen wie Philadelphia oder Milk gehört es (zwingend) dazu, dass die Gewinner*inn*en den Moment nutzen, um die in den Filmen kritisierten Diskriminierungsstrukturen  zu kommentieren und damit zur Besserung aufrufen. Ein klassisches Beispiel dafür wäre z.B. die Rede der Produzenten von Spotlight dieses Jahr, die berechtigter Weise darauf hingewiesen haben, dass auch heute noch Kinder von Mitgliedern der katholischen Kirche missbraucht werden.

Das besondere dieser Verleihung war ohne Zweifel Chris Rock, der nicht nur in seinem Eröffnungsmonolog auf die #OscarsSoWhite-Debatte verwies, sondern das Thema über die gesamte Preisverleihung streckte. Unterstützt von präsentierenden Schauspieler*inn*en wie Kevin Hart, kann man ohne Widerspruch festhalten: NIEMANDEN konnte entgehen, dass die größten Filmpreisverleihung der Welt ein immenses Problem hat, wenn es um die Repräsentation von Diversity im Allgemeinen (dazu gehören z.B. auch Frauen* hinter der Kamera, genauso wie transsexuelle Kunstschaffende) und um People of Color im Speziellen geht. Fast jede Minute, in der nicht Filme vorgestellt oder Nominierte ausgerufen wurden, lebte von #BlackLivesMatter und #OscarsSoWhite.

Ich hatte dieses Jahr das Privileg die Verleihung in einem der schönsten Kinos Hamburgs zu sehen und es war eine tolle Erfahrung. Nicht nur weil das Team im Savoy (Vorsicht Werbung: wenn ihr jemals in Hamburg seid, geht ins Savoy!) unglaublich bemüht war und Kaffee aufs Haus angeboten hat, sondern auch weil ich das erste Mal in den Genuss kam die Oscars mit einer Gruppe von Menschen zu sehen, die nicht meine Freund*inn*en waren. Da es sich bestimmt um fünfzig oder mehr Personen handelte (ich bin unglaublich schlecht im Schätzen von diesen Dingen), kann ich davon ausgehen, dass nicht alle meine politische Überzeugung teilten. Es war interessant zu beobachten, wie die beiden amerikanischen (weißen) Männer vor mir immer weniger lachten, je mehr Witze Chris Rock über den Rassismus Hollywoods riss. Oder wie still sie wurden, als Lady Gaga sich für die Opfer von Vergewaltigungen stark machte. Auch als Sharmeen Obaid-Chinoy ihren Oscar gewann und Sisterhood zelebrierte wie kaum eine andere Frau in den letzten Jahren, schien nicht das komplette Publikum im Kinosaal diesen Moment genauso zu feiern wie ich.

Und hier zeigt sich das Problem, wenn Normen angegriffen werden. Viel zu oft, wenn die Kamera auf die vielen weißen Schauspielenden schwenkte, schien man den Eindruck zu haben, dass mehr für die Kameras gelächelt wurde. Insbesondere Silvester Stallones fast schon entnervtes Kopfschütteln bei Rocks Witz über die unrealistische Darstellung der Welt des Boxen im Rocky-Franchise zeigte, was der Host meinte als er sagte: Die Oscars sind sorority racist. Denn letztendlich musste sich das weiße, liberale Amerika die ganze Zeit gedanklich mit dem afro-amerikanischen Teil seiner Gesellschaft auseinander setzen und kam damit doch am aller Besten den Spiegel vorgehalten. Nur so kann Außenstehenden auch nur ansatzweise vermittelt werden, wie es sich anfühlen muss, ein*e nicht Weiße*r in den USA zu sein.

An dieser Stelle sei aber auch gesagt, dass es nicht nur der Inhalt war, der überzeugte, sondern genauso die Inszenierung der Veranstaltung. Die Kameraführung und das Setting haben viel dazu beigetragen, diesem Jahr ein besonderes Gefühl zu vermitteln. Hier und da blieb es dennoch etwas holprig: Die Musikauswahl war manchmal etwas fragwürdig, wenn die Präsentierenden in die Bühne betraten und auch das Einblenden von vorher eingereichten Dankeslisten der Gewinner funktionierte nicht wirklich. Dennoch gelang es den Menschen hinter der Kamera die Oscars klassisch aber nicht zu verstaubt zu präsentieren.

Sei es die starke und wichtige Laudation des Vize-Präsidenten der Vereinigten Staaten auf Lady Gagas Performance, in der er sich explizit gegen #slutshaming und #victimblaming ausgesprochen hat oder Leonardo DiCaprios Dankesrede, in der er auf die globale Erwärmung aufmerksam machte: Die Oscars 2016 haben gezeigt, dass selbst kommerzielle Veranstaltungen dazu genutzt werden können wichtige, gesellschaftliche Missstände ins Rampenlicht zu rücken. Natürlich war nicht alles perfekt. Rocks Witze über asiatische Kinderarbeit waren nicht wirklich zielsicher und es wäre schön gewesen, wenn er ab und zu versucht hätte deutlich zu machen, dass nicht nur Afroamerikaner*inn*en, sondern auch andere Minderheiten unterrepräsentiert sind. Auch was Sexismus betrifft, hat sich der Host nicht wirklich mit Ruhm bekleckert. Aber alles in Allem waren dies für mich die besten Oscars seit langer, langer Zeit (die einzige Show. die ich live gesehen habe und mir ähnlich im Gedächtnis blieb war das Jahr mit Hugh Jackmann). Dementsprechend sind die Erwartungshaltungen groß für das nächste Jahr, für die Nominierungen genauso wie für die Show selbst.

Featured Image by wegavision

Platten-Ping-Pong: Brasilianische Bossa-Nova-Rückhand

(Anm. d. Red.: Dieser Artikel wurde von Max verfasst) Till hat mir etwas voraus. Er hat oftmals die Ruhe weg. Klar hat er durch seine kolumbianischen Gene auch eine gute Portion Feuer im Blut, doch gegenüber meinen usbekischen Tobsuchtanfällen wirkt Tills Temperament eher wie der pralle Sonnenschein Südamerikas. Deswegen bringt es nichts direkt mit einem Asian-Kung-Fu-Generation-Schmetterball à la Mila Superstar zu beginnen. Dieses Spiel wird auf lange Sicht entschieden.

Los geht es deshalb mit einer gechillt gespielten Rückhand in Gestalt der Brasilianerin Vanessa da Mata, die in ihrer Heimat eine derart große Nummer war, dass ihr Album “SIM” auch hierzulande erschien. Grob darf die Dame als Pop-Künstlerin angesehen werden, doch ihre Liebe zu Dub und ihr Wissen um Bossa Nova machen sie in meinen Ohren interessanter und entspannter als die Standard-Varianten bei uns im Radio. Zurück zu Till ins mecanismo-Studio.


Vanessa De Mata & Ben Harper – “Boa Sorte (Good… von Discograph

Titelbild im Original von Solveig Osk, “it’s a tie

Page 1 of 25

Powered by WordPress & Theme by Anders Norén