Category: Aufreger der Woche (Page 1 of 6)

Ein langer Aufreger über Millionengehälter

Vorbemerkung: Das Thema “Hohe Gehälter” beschäftigt mich schon lange und ich habe eine sich bietende Gelegenheit genutzt, meine Gedanken dazu nieder zu schreiben. Der Komplexität dieses Themas wird auch mein Text nicht gerecht, aber ich habe versucht in lesbarer Kürze darzulegen, warum Millionengehälter keinen Sinn machen. Gerne können wir in den Kommentaren dazu zivilisiert (unter Betrachtung unserer Nettiquette) diskutieren und noch weitere Argumente für oder gegen hohe Gehälter finden.

Gehalt in Deutschland ist eine seltsame Sache. “Über Geld redet man nicht” und “Bei Geld hört die Freundschaft auf”, so lauten die landläufigen Weisheiten zu diesem Thema. Nicht unüblich sind zudem diverse Klauseln in Arbeitsverträgen, die das Diskutieren des eigenen Gehalts mit dem der Arbeitskolleg*innen verboten wird. Aber darum soll es heute nicht gehen, sondern um die Höhe von Gehältern und die Paradoxien, die sich daraus ergeben.

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Aufreger: Hamilton, Pence und Sprachgefühl

Bestimmt steckt keine böse Absicht hinter der Überschrift der Süddeutschen Zeitung “Broadway-Musical Hamilton Schauspieler belehren Mike Pence”, aber der Effekt ist nicht zu unterschätzen. “Jetzt reg’ dich doch nicht wegen eines kleinen Worts auf, Max”, ist eventuell ein Einwand. Dieser Einwand war schon immer und ist jetzt im Besonderen fahrlässig. In Amerika verfolgen wir eine aktive Spaltung von Bevölkerungsgruppen, die oft in “Arbeiterklasse gegen Elite” ihre Bezeichnung findet. Die Elite weiß alles besser. Die Elite beherrscht. Die Elite unterdrückt. Das ist das Verständnis jener, die nichts mit der Elite anfangen können.

Von einer “Belehrung” zu sprechen, ist nicht nur inhaltlich mehr als fragwürdig, sondern verstärkt das typische Bild. In den Augen der erzkonservativen Wähler sind die Schauspieler des Musicals natürlich linke Elite. Mit ihrer geschnörkelten Sprache, den hübschen Kostümen und extravaganten Gesten sind sie aufgrund der aktuellen (Fehl-)Kommunikation zwischen den Bevölkerungsteilen eine Personifizierung der linken Elite, der Social Justice Warrior, der Gutmenschen. Und diese Menschen “belehren” den demokratisch gewählten, zukünftigen Vize-Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika? Natürlich geht Menschen da der Hut hoch. Der zukünftige Präsident Donald Trump hat bereits per Twitter verlauten lassen, dass der Cast sich für den respektlosen Umgang mit Mike Pence entschuldigen soll. Wahrscheinlich, weil Donald Trump so wenig Geduld und Auffassungsgabe wie die meisten von uns mitbringt und lediglich Überschriften wie “Broadway-Musical Hamilton Schauspieler belehren Mike Pence” liest.

Das Problem ist, dass die Schauspieler des Hamilton-Musicals Mike Pence in keiner Weise belehren. Hier versammeln sich Künstler, die sich für Diversität einsetzen. Menschen, die anhand der Aussagen von Donald Trump ernsthaft besorgt sind, was die Präsidentschaft dieses Mannes für ihre und die Rechte ihrer Freunde bedeutet. Für Schwule, Lesben, Schwarze, Latinos, Transgenders, Frauen und weitere Bevölkerungsgruppen, die sich vor Trumps Aussagen und angekündigten Policen fürchten. Lest die Aussage selbst, die ich auf die Schnelle transkribiert habe. Wer eine grobe Übersetzung wünscht, guckt das Video beispielsweise bei der Süddeutschen.

You know we had a guest in the audience this evening. Vice-President elect Mike Pence, I see you walking out, but I hope you will hear us just a few more moments. There is nothing to boo here, ladies and gentlemen, nothing to boo. We are all here sharing a story of love. We have a message to you, sir, and we hope that you will hear us out. And I approach everyone to put out your phones and tweet and post so this message is being spread far and wide, okay? Vice-President elect Pence, we welcome you and we truly thank you for joining us here at ‘Hamilton – an American Musical”, we really do. We, sir, we are the diverse America who are alarmed and anxious that your new administration will not protect us, our planet, our children, our parents or defend us and uphold our inalienable rights, sir. But we truly hope our show has inspired you to uphold our American values and work on behalf of all of us, all of us. We thank you truly for [inaudible] this show. This wonderful American Story told by a diverse group of men and women of different colors creeds and orientations…

Habt ihr euch die Zeit genommen, den kompletten Ausschnitt zu lesen? Vielen Dank. Das ist nicht ironisch gemeint. Das ist bitter nötig, denn nur so ist ersichtlich, dass hier eine Gruppe von Menschen den angesprochenen Mike Pence bitten, ihren Lebensweg zu akzeptieren. Mehr als alles andere ist diese Ansprache ein “plea”, eine Bitte. Eine Bitte, zu akzeptieren, dass jeder Mensch ein produktiver und gewinnbringender Teil der Gesellschaft sein kann. Eine Bitte, zu versprechen, dass alle Menschen, die in Amerika leben, den Schutz der Regierung genießen. Die Aussagen Trumps lassen die Schauspieler zweifeln und deswegen bitten sie im Namen ihrer Gleichgesinnten, dass Mike Pence eine weltoffene und progressive Gesellschaft duldet und stärkt.

Du musst etwas Anderes tun. Du bist dumm und naiv, wenn du nicht machst, was wir dir sagen. Das sind Belehrungen. Jemanden zu sagen, dass zwei plus zwei vier sind, ist durchaus eine Belehrung, aber diese bezieht sich auf Fakten. Der Streit um Menschenrechte ist in Amerika und in nahezu allen Ländern der Erde aber eine Glaubenssache, weswegen Fakten oft außen vor bleiben. Unsere Bundeskanzlerin “tut sich schwer [mit der rechtlichen Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare bei der Adoption von Kindern]”, weil Sie, aus welchen Gründen auch immer, es nicht für richtig hält. Das sei ein “kontroverses” Thema und ist am Ende ein Themenfeld, das bei Entscheidungen weitestgehend frei von Fakten bleibt. Der Hamilton-Cast belehrt nicht, sondern setzt sich für die Gleichheit gewisser Gruppen ein.

Der Journalismus steht in der besonderen Pflicht, dass Inhalte vernünftig, reflektiert und verständlich wiedergegeben werden. Wir haben in Deutschland genug Blätter, die sich aus offensichtlichen Gründen dagegen wehren. Der kommerzielle Erfolg gibt diesen Verlagen und Blättern recht, auch darüber müssen wir im Bilde sein. Wer glaubt, dass Überschriften wie “Broadway-Musical Hamilton Schauspieler belehren Mike Pence” keine Auswirkung auf die Außendarstellung haben, hat den berüchtigten Schuss nicht gehört. Dass die gebildete und meist als links bezeichnete Elite auf konservative Werte herabschaut, ist ein fest bestehendes Vorurteil. Ein Vorurteil, dass auch die weise gewählten Worte des Hamilton-Casts nicht umkehren, wenn wir schreiben, sie “belehren”.

Ich hingegen stehe dazu, dass ich mit diesem Beitrag belehren möchte. Ich versuche darauf hinzuweisen, dass die Wortwahl durchaus eine Rolle spielt. Ich streite oft und leidenschaftlich über die Entwicklung von Sprache und auch intern im Team herrschen große Differenzen. Das liegt bei mir daran, dass ich das Gefühl habe, dass viele Menschen ihre eigene Muttersprache in den Grundfesten nicht verstehen und unabsichtlich schaden anrichten. Während wir sprechen, passiert das. Uns fehlen die Worte, wir verhaspeln und versprechen uns. Das ist menschlich. Doch wer seine Gedanken in Schriftform zum Ausdruck bringt, hat eine besondere Verpflichtung. Journalisten verdienen ihren Unterhalt mit dem geschriebenen Wort und bei all ihrer Übung ist es wichtig, dass sie ihre Erfahrung mit dem Umgang mit der Sprache Lesern zur Verfügung stellen.

Allein die Überschrift “Broadway-Musical Hamilton Schauspieler belehren Mike Pence” ist eine völlige Verfehlung dieses Qualitätsanspruchs. Wir lesen eine Überschrift, die an eine Falschaussage grenzt. Wir versagen mit solchen Botschaften auf den einfachsten Ebenen der Kommunikation. Wenn der nächste Konservative ruft, dass die vermeintlichen Linken und die vermeintliche Elite und die vermeintlichen Besserwisser, weiß wieder keiner, woran das liegt. Niemand ist perfekt, auch ich hätte mich eloquenter ausdrücken können, hätte effektiver zum Punkt kommen können. Ich möchte das versuchen. Ich möchte meine Fehler minimieren. Die Frage ist, Süddeutsche Zeitung, macht ihr mit? Die Frage ist, Journalisten, macht ihr mit? Die Frage ist, lieber Leser, machst du mit?

Featured Image via Flickr by Tina Saey

 

Der Aufreger – Die Bio-Industrie

Initiationsriten sind wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst. In Stammeskulturen – von damals bis heute – dienen sie dazu Jugendlichen den Übergang vom Kindesdasein in das Erwachsenenalter zu verdeutlichen. Den Luxus der (vermeintlich) klaren Grenzen zwischen Kind und Erwachsenem haben wir in den Industrie- und Postindustrie-Ländern nicht mehr. Unsere Kindheit und Jugend sind lang gestreckt, durchziehen mindestens zwei Jahrzehnte und uns ist selbst nicht immer klar, wie “weit” wir jetzt in unserer Entwicklung eigentlich sind. Deshalb schaffen wir uns eigene Rituale.

Als ich das erste Mal mit meinem Auto zur Schule gefahren bin, hatte ich auch so ein Ritual. Ich bin in der Freistunde mit meinem neuen alten VW Golf zu McDonalds gefahren und habe einen BigMac gegessen. Gedacht war das ganze als Demonstration meiner neu gewonnenen Freiheit. Doof nur: ich war alleine, und eine der wichtigsten Sachen bei Ritualen ist, dass sie von anderen Menschen anerkannt werden müssen. So hockte ich da bei meinem BigMac und kam mir ziemlich blöde vor, denn was ist schon besonders daran, zu McDonalds zu gehen? Zumal meine Stufe irgendwann einen Holdienst für den Fast-Food-Laden im Ort eingerichtet hatte. Der exzessive Konsum von eher mittelmäßig mundenden Burgern und latent labbrigen Pommes Frites hat mich damals so angeekelt, dass ich beschloss, nie wieder “einfach so” beim großen M zu essen.

Via Flickr, by Jennifer

vegan Burger_JenniferEs muss ja auch niemand zu McDonalds gehen. Schon gar nicht, wenn es so leckere, vegane Alternativen gibt! (Der Burger ist vegan. Wirklich.)

Und ganz ehrlich: Der Konzern macht es mir auch recht einfach. Denn wenn ich nun überall die Werbung für den neuesten Streich des Quickservice-Systemgastronomen sehe, wird mir ein bisschen schlecht. McDonalds verkauft jetzt einen Bürger mit Bio-Rindfleisch. Keinen Bio-Burger, wohlgemerkt, denn nur das Fleisch ist Bio, Brötchen, Salat, “Käse”, all das bleibt weiterhin, nun ja, schmutziger Standard. Aber welchen Sinn macht es bitte, dass eine riesige Fast-Food-Kette mit 1.477 Filialen in Deutschland (Stand 2013) überhaupt ein Gericht anbietet, das irgendwie “Bio” ist? McDonalds ist Teil der Gastronomie-Industrie, da herrschen Standardisierung und Kosteneffizienz vor, weswegen eben nach industriellen Standards gearbeitet und verkauft wird. “Bio” passt da nicht so wirklich rein, oder?

Doch, eigentlich schon. Wenn “Bio” eben nicht mehr so wirklich ernst genommen wird. Mittlerweile hat jeder Discounter eine eigene Bio-Marke: Netto hat das wunderbar holzerhammermäßig benannte BioBio (damit es jede*r versteht), Aldi verkauft GutBio (diese Namen!) und Lidl präsentiert das “Biotrend”-Sortiment. Von denen hat jeder mehr Fillialen als McDonalds, irgendwas zwischen 2.168 (Penny) und 4.246 (Aldi). Die “Bio-Verräter” finden sich also nicht am Bahnhof, sondern in der Discounterfilliale zwei Straßen weiter.

Via Flickr, by Walmart

Bio im Supermarkt, oder “organic” bei Walmart: Wieviel Sinn macht eine Bio-Industrie?

“Bio” ist nun zu dem geworden, für das es eigentlich als Gegenentwurf diente: Die Agrarindustrie. Das Ziel war es, weg von Pestiziden und Saatgutwahnsinn, hin zu Naturverbundenheit und gesunder Ernährung zu gelangen. Bei einem Vergleich der verschiedenen Bio-Siegel mit dem “Meta-Siegel” der Europäischen Union fällt aber auf: Die EU sieht Bio etwas lockerer als beispielsweise Demeter oder Naturland. Vor allem in der Viehzucht fallen die Stallgrößen auf: Schweinen reicht laut EU 0,8 – 1,5 m² Stallfläche, Kühe dürfen schon 6m ² haben, bei Hühner passen nach EU-Recht 16 Tiere auf einen Quadratmeter. Ich stelle mir das irgendwie eng vor. Und zudem bleibt auch das schöne Zitat vom veganen Koch Björn Moschinski: “Auch der Biobauer streichelt sein Vieh nicht zu Tode”.

Den blödsinnigen Höhepunkt aber erreicht ein Artikel von Meedia: Dort wird die Werbekampagne zum McB. gelobt, die kritischen Stimmen kleingeredet. Während Kritik an der Kritik generell wenig kritisch ist, lässt einem die gezwungen positive Schlussfolgerung des Autors leicht den Mund ungläubig offenstehen. Denn dort heißt es, dass es doch gut sei, wenn McDonalds für die zeitweise größte Nachfrage nach Bio-Rindfleisch gesorgt hätte, was ja auch dazu führen würde, Bio “aus der Nische in den Mainstream zu bringen”. Ja, wo kauft der Mann denn ein? Hat der keine Augen im Schädel? Bio ist sowas von Mainstream, dagegen ist Helene Fischer ja Underground!

Via Flickr by Zachary de Gorgue

MountainssVielleicht hätte Helene Fischer als Punkerin mehr Pailletten?

Gerade weil massenhaft Bio-Produkte zur Auslage stehen, da Bio eben industriell produziert wird, taugt das Bio-Zertifikat nicht mehr wirklich. Das Bio-Siegel der EU mag zwar ein feiner erster Schritt sein, aber wirklich nachhaltig ist auch dieser Aufkleber nicht. Denn Bio-Paprika aus spanischen Gewächshäusern haben eine CO2-Bilanz, die so tief im Keller liegt, dass sie mit Helene Fischers Punk-Band in Untergrundklubs auftreten könnte. Viel sinnvoller ist es da, vor allem auf regionale Produkte zu setzen und nicht bei den großen Discountern mit ihren langen Vertriebsketten einzukaufen. Da lohnt es sich nach Frankreich zu schauen, dort werden nämlich verstärkt regionale Produkte in Supermärkten angeboten. Ausserdem sollten wir auf das Feigenblatt-Siegel der EU verzichten und stattdessen eher die “richtigen” Bio-Produkte von Demeter, Bioland oder Naturland zu kaufen.

Aber dabei fällt auf: Bio, also wirklich ökologisch nachhaltige, biologische Landwirtschaft ist teuer. Das sieht jede*r an den Preisen von “richtigen” Bioläden wie Alnatura, Denn’s und dergleichen. McDonalds-Bio, Discounter-Bio, das ist alles ein ausgelutschtes Ritual. Für, wie auch die Damen und Herren des großen M so treffend formulieren, ein paar “Spuren von gutem Gewissen”.

Kein Bock auf Superhelden

Batman tut es, Spiderman macht praktisch nichts anderes, Superman kann sich auch nur selten zurückhalten, sogar Iron Man und Thor tun es bisweilen. Nur Flash, der bleibt meisten auf dem Boden der Tatsachen. Alle anderen und noch viele Superheld*innen mehr hocken und fliegen über Hochhausdächer, lümmeln auf denen herum oder schwingen sich von Dach zu Dach. Als Superheld*in muss mensch wohl schwindelfrei sein.

Ich bin definitiv kein Superheld. Nach meinem Abitur habe ich im Zivildienst als Hausmeister in einem Krankenhaus gearbeitet. Dabei musste ich hin und wieder auf das Dach des fünfstöckigen Gebäudes hoch. Und stellte fest: Im Angesicht des steilen und tiefen Weges nach unten bin ich wohl nicht ganz schwindelfrei. Warum aber sind Dächer so anziehend für Superheld*innen und nicht zuletzt für die Bilderwelten von Filmen und Comics?

Natürlich hocken die da oben, weil es einfach ein schönes Bild ergibt. Comics und Filme sind ja auch nichts weiter als visuelle Medien, die von guten Bildern leben. Da wird die Realität schon mal hingebogen, um eine tolle Einstellung zu bekommen: Niemand muss sich ernsthaft fragen, was diese*r Held*in jetzt dort oben zu suchen hat. Trotzdem werden Held*innen immer wieder mit der Realität abgeglichen.

Das Präfix als Wesenskern

Dabei sollte mensch das möglichst vermeiden. Denn Superheld*innen leben von ihrem Präfix der Übertreibung, der völligen Abkopplung von der Realität und nicht zuletzt: vom Hype. Batman, Superman, Flash, Wonderwoman, Aquaman, Thor, Hulk, Spiderman, Black Widow – alle bilden sie Möglichkeiten der Realitätsflucht für Kinder und Erwachsene. Die funktioniert nur, wenn die Welten, in denen sie spielen, Fantastisches beinhalten.

Gänzlich fantastisch dürfen diese Welten allerdings nie sein, denn ein weiterer Reiz jener Figuren besteht in der Grenzüberschreitung. Nicht nur der menschlichen, körperlichen Grenzen, sondern auch der gesellschaftlichen und teilweise gesetzlichen Bestimmungen. Denn letztlich üben unsere Superheld*innen Selbstjustiz aus, bekämpfen ihre Gegner*innen im Alleingang und liefern sie – im besten Fall – höchstens mal bei der Polizei ab. Die Kollateralschäden, die dabei bisweilen entstehen, werden oft genug mehr oder weniger explizit ignoriert und damit der Allgemeinheit überlassen. Superman hat nun mal keine Haftpflicht.

Via Flickr by T K

superman arrestet_ T K“Das tut mir ja sehr leid, Herr Superman, aber dieses Hochhaus, dass sie gerade zerstört haben, kostete 800 Millionen Dollar. Wir müssen Sie leider mitnehmen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob wir eine Kaution für sie beantragen können.”

Superheld*innen dürfen tun, was uns Alltäglichen versagt bleibt. Der Grund: Sie sind per Definition Avatare des Guten, setzen ihre Macht für das “Richtige” ein – zumindest sobald sie in ihr Kostüm geschlüpft sind – und sollten sie einmal Fehler machen, dann wird ihnen verziehen. Sie meinten es ja nicht böse. Ist ein*e Held*in mal moralisch fragwürdig, so wird sich darum bemüht, diesen Konflikt (teilweise ziemlich kompliziert und haarsträubend) wieder aufzulösen, damit am Ende einer Storyline wieder der Status quo ante herrscht. Sonst wäre das Publikum um sein Happy End betrogen.

Und genau das macht Superheld*innen für mich eher langweilig. Sie gewinnen immer, können gar nicht anders. All die Auswirkungen ihrer Handlungen sind immer temporär, am Kern des/der Held*in ändert sich nichts. Das entspricht natürlich auch den Wünschen der Rechtinhaber. Denn Superheld*innen sind nicht anderes als Marken ihrer jeweiligen Verlage. Und die haben ein Interesse daran, ihre Marken aufrecht zu erhalten und so möglichst lange möglichst viel Umsatz damit zu machen.

Wolverine ist tot – Es lebe Wolverine!

Max hat mal als Link dieses Interview von Glen Weldon empfohlen, in dem genau der Spagat zwischen erzählerischem Anspruch und wirtschaftlichem Interesse beschrieben wird. Letztlich sind Superheld*innen natürlich nur ein Unterhaltungsprodukt, wenn auch eines, das stark in die Popkultur eingedrungen ist und dank der Kulturindustrie um Film und Comics auf viele Leute einwirkt. Aber gerade diese Breitenwirkung würde Superheld*innen für tolle, gesellschaftlich relevante Diskussionen zu einem wunderbaren Objekt machen. Immerhin versuchen viele Comic- und Filmplots aktuelle Gesellschaftsthemen abzudecken, wie die Debatten um Sexismus oder Homophobie im Comicbereich zeigen.

Aber ausgenommen vom Sexismus müssen diese Diskussionen allerdings ins Leere laufen. Denn kein Rechteinhaber würde seine Hauptsuperheld*innen beispielsweise als homosexuell präsentieren. Zu groß wäre die Gefahr, dass sich Fans plötzlich vor den Kopf gestoßen fühlen würden. Deshalb sind auch nur zwei weniger wichtige X-Men in einer homosexuellen Beziehung, oder eine Grüne Laterne, die in einer anderen Zeitlinie existiert. Da ist der Mut von Marvel, Thor zu einer Frau umzuschreiben, schon wirklich bemerkenswert. Allerdings bleibt bei allen Diversifizierungsbemühungen immer der Verdacht, dass dies nur passiert, um neue Zielgruppen zu erschließen, also aus wirtschaftlichem Interesse.

Via Flickr, by amanda

cat money_amandaDenn jede*r CEO ist im Grunde eine geldgeile Katze.

Superheld*innen bleiben langweilig. Der beste Beweis dafür sind Geschichten wie Watchmen oder Kick-Ass, die Superheld*innen aus ihrer Übertreibungswelt herausholen und mit unserer Reallität konfrontieren. Das Resultat ist Kick-Ass’ Plot über die Unvereinbarkeit von übermenschlicher Selbstjustiz mit der gesellschaftlichen Existenz von Individuen. Watchmens “Comedian” ist ein Kommentar zur Machtfülle, welche Superheld*innen im Prinzip genießen und wie diese – im wahren Leben – korrumpieren würde. Und Dr. Manhattan beweist, dass Superkräfte dazu führen können, dass die Held*innen sich irgendwann gar nicht mehr für menschliche Belange interessieren.

Und vielleicht schauen Batman, Wonder Woman, Spiderman und Konsorten noch immer von Hochhausdächern auf die Normalsterblichen hinab. Wegen der Aussicht, der guten Bilder, die daraus entstehen und der Distanz zwischen ihnen und unserer Realität. Ist Schwindelfreiheit eigentlich eine Superkraft?

Die Disposition der Dialoger – Selbstausbeutung für das Gute?

Ich schäme mich ein kleines bisschen. Weil ich damals auf der Straße angesprochen wurde. “Hey”, meinte das Mädel, “du hast doch gerade bestimmt Zeit für Kinder!” stellte sie fest und sich mir in den Weg. Oh nein, rollte ich mit den Augen, wieder so ein Spendeneintreibegedöns, diesmal für die – ein Blick auf den Stand – aha, Malteser. Da ich immer irgendwie Mitleid mit diesen jungen Menschen habe, die auf der Straße Leute ansprechen müssen, ließ ich mich auf ein Gespräch ein. Es lief auch alles ganz gut, es ging um arme Kinder (natürlich!) in Afrika (wo auch sonst?) und ich konnte alle ihre Fragen souverän beantworten, Armut war schließlich mein Magisterarbeitsthema. Tja, nachdem wir uns lange unterhielten habe ich dann tatsächlich diesen Spendenschein unterschrieben. Szenenapplaus der Mitarbeiter. Und am Ende das blöde Gefühl, nicht Nein sagen zu können. Zum Glück war ich nicht der einzige, wie mir später meine Mitbewohnerin eröffnete, die sich auch von einem der Mitarbeiter hat überreden lassen. Zusammen haben wir dann ein wenig später doch noch Nein gesagt, und zwar zu den Maltestern: Wir haben ihnen unsere Einzugsermächtigung entzogen. Trotzdem bleibt der Makel, auf eine Verkaufsmasche hereingefallen zu sein.

“Dialoger” (meist exklusiv in der männlichen Form) ist die selbstgewählte Berufsbezeichnung der Straßenarbeiter, die mal mit Stand, mal mit Tablet in der  Hand, Spenden für gemeinnützige Organisationen eintreiben. Zu den Organisationen gehören Unicef, der WWF, Amnesty International, die Malteser, das Deutsche Rote Kreuz und noch einige mehr. Die Dialoger sprechen eine eigene Sprache: haben sie eine gesprächsbereite Person getroffen, dann versuchen sie diese zum “Schreiben”, also zum unterschreiben einer Einzugsermächtigung zu bringen. Flirten die Dialoger mit jemanden und bringen sie/ihn zum “schreiben”, dann ist das “Sexualschreiben”. Durchschnittlich erflogreiche Dialoger haben einen “Fünferschnitt”, besonders erfolgreiche einen “Zehnerschnitt”. Sie lassen also fünf oder sogar zehn Menschen pro Tag schreiben. Das ist wichtig, weil oft genug die jungen, kommunikativen Menschen im vermeintlichen Kampf für das Gute nach der Zahl ihrer Abschlüsse bezahlt werden. Weniger “Schreiber”, weniger Geld.

Die Dialoger, zum Reden genötigt – von mir

Mittlerweile rede ich mit den Dialogern über ihren Job, wenn ich angesprochen werde. Dann sagt mensch mir immer, dass diese Akkordarbeit ja nur gerechtfertigt sei. Greenpeace hätte die Leute mal nach Stunden bezahlt und die hätten den Verein im Endeffekt mehr gekostet als sie eingebracht hätten. Da wäre es sinnvoller, wenn die Menschen nach Leistung bezahlt würden. Was ich nicht so wirklich verstehen kann, weil die Leistung, da bis zu zehn Stunden auf der Straße zu stehen und Passant*inn*en anzusprechen – diese Leistung erbringen die Dialoger ja unabhängig von ihrem Erfolg. So seien die Regeln nunmal, entgegnet mensch da mir und viele würden ja auch etwas mitnehmen, über sich selbst lernen und Menschenkenntnis bekommen.

Wohlgemerkt: Meist kommen diese Argumente in der gleichen Form daher. Man lerne immer viel für sich, der Job sei schon anstregend und nicht für jeden, aber das Team immer super und man würde am Ende echt viel Geld verdienen. Ausserdem gehe es ja um eine gute Sache. Das Greenpeace-Argument habe ich in der Version übrigens schon bestimmt zweimal gehört, wenn nicht öfter. Ich habe daher den Verdacht, dass die Dialoger nicht nur im Verkaufen der “guten Sache” geschult werden, sondern auch in der Rechtfertigung ihrer Arbeit. Es gibt zwei interessante Artikel zum Komplex “Fundraising durch Dialoger”, einmal aus der Zeit (von 2012) und dann von der taz (aus dem Jahr 2013). Liest man sich, vor allem in der taz, die Kommentare durch, entdeckt man auch hier dieselben Argumentationsmuster. Darauf weist auch ein Zeit-Kommentator hin. Bemerkenswert ist bei der taz, wie massiv hier dem Artikel widersprochen wird.

Via Flickr by Shawn Hoke

street in snow_shawn hoke_kleinWie Schneematsch fielen die Kommentare auf den Artikel, Salz oder gar eine Räummaschine war leider nicht in Sicht. Armes Deutschland.

Und dann gibt es da noch die Seite “fundraising-erfahrungen.com” (übrigens ein wunderbarer Name für die Suchmaschinenoptimierung). Hier berichten angeblich ehemalige Dialoger über ihre Erfahrungen im Spendensammeln. Auch hier ist der Tenor positiv und die Erfahrungen einheitlich. Klar, die Seite gehört der Face2Face Fundraising GmbH in Wien, natürlich findet mensch dort nur positive Eindrücke. Schaut mensch aber auf neutrale Frageportale wie gutefrage.net, könnte man glauben, die selben Menschen, die bei fundraising-erfahrungen.com berichten, wären auch unheimlich aktiv auf diesen Seiten. Für mich steht fest: Da hat jemand Angst um seinen Ruf und deswegen ein aktives Social-Media-Team geschaffen. Und beeinflusst mit wahrscheinlich falschen oder zumindest manipulierten Kommentaren das Bild von sich selbst.

Die Gleichförmigkeit der “Erfahrungen” ist mir unheimlich. Vor allem das Argument “Ich lerne dabei auch unheimlich viel, über mich und andere Menschen.” Denn scheinheiliger kann man eine beschissene Arbeitssituation nicht schönreden. Laut den oben genannten Zeitungsreportagen und auch den Erfahrungen der Kommentatoren ist man bis zu 6 Tage unterwegs, steht von 10 bis 20 Uhr in großen Städten herum und spricht Leute an. Sonntags ist meist Reisetag zum nächsten Zielort. Geschlafen wird in “Unterkünften”, von denen ich bisher nur gelesen habe, diese seien “gewöhnungsbedürftig”. Und dann schwebt einem immer das Unheil über dem Kopf: Finde ich keine Leute, die “schreiben”, kriege ich kein Geld. Oder zumindest wesentlich weniger. Ganz zu schweigen davon, dass manche Fundraising-Agenturen mit Sicherheit Tester auf die Dialoger loslassen, weshalb diese ihre Texte mit beeindruckender Schnelligkeit herunterbeten können. Hier werden junge, idealistische Leute ausgebeutet. Damit die Dialoger das nicht mitbekommen, werden sie eben mit anderen zusammengesteckt, um sich selbst gegenseitig zu versichern, dass sie einen tollen Job machen. Die Möglichkeit, in Deutschland herumzureisen, wird zusätzlich als Erlebnis verkauft. Dass man nach 10 Stunden Leute anquatschen vielleicht keinen Bock mehr hat, weg zu gehen, um diese Stadt tatsächlich zu erkunden – das wird verschwiegen. Museen haben um diese Zeit eh nicht mehr auf. Am Ende gibt es Geld und so das Gefühl, die entbehrungsreiche Zeit hätte sich gelohnt.

Selbstbetrug – Was bleibt dem Menschen denn sonst noch?

Falls trotzdem Zweifeln am eigenen Tun und der Tatsache der eigenen Ausbeutung bestehen, so bleibt noch immer die letzte Bastion des Selbstbetrugs: “Ich habe ja auch was dabei gelernt.” Na toll. In welchem Job lernt ein Mensch, der wenigstens einen Hauch Selbstkritik besitzt, denn nichts über sich? Das ist kein Grund, sondern eine Selbstverständlichkeit. Die Tatsache bleibt: Dialoger wirtschaften nicht in die eigene Tasche, sondern in die Tasche der Agentur. Dialoger setzen sich nicht für eine gute Sache ein, sondern für ihre Agentur. Dialoger lernen viel über sich selbst, aber anscheinend nicht, dass sie – verdammt nochmal – nach Strich und Faden verarscht und belogen werden. Dass die Gründe, für die sie auf die Straße gehen, nur Vorwände sind.

Ich werde mich auch weiterhin von Dialogern ansprechen lassen und mit ihnen über ihren Job reden. Weil ich weiß, wie es ist auf der Straße Leute für eine bestimmte Sache zutexten zu müssen. Weil ich weiß, wie demotivierend das sein kann. Und weil ein entspanntes Gespräch jenseits von armen Kindern und ausbeutenden Agenturen auch mal angenehm ist. Aber ich will mich nie wieder schämen, weil ich auf eine Verkaufsmasche hereingefallen bin. Das zumindest habe ich dabei gelernt.

Featured image by Pedro Szekely

Aufreger der Woche – Clickbait

Facebook. Twitter. 9gag. Der Feed ist vermutlich die Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle unserer Zeit. Das Besondere an diesen Feeds ist oft, dass sie personalisiert sind. Gerade Facebook und Twitter sind, als soziale Netzwerke, höchst individuell. Das habe ich zuletzt erst wieder gemerkt, als die Biernominierungen beim größten sozialen Netzwerk grassierten. Anscheinend tauchten die bei allen anderen Menschen im Feed auf, nur bei mir nicht. Meine Güte, war ich darüber froh.

Wenn du diesen Abschnitt liest, wirst du für’s Leben lernen

Der neueste Schrei sind “bewegende” oder “lustige” Posts von diversen Webseiten, die einen für den Klick mit ganz emotionalen Videos oder wahnsinnig witzigen Listenartikeln und animierten GIFs belohnen. Herausragendes Merkmal sind dabei die Überschriften, oft gestaltet nach bestimmten Prinzipien, welche auf dem niedrigsten Niveau die menschliche Neugier ansprechen, nur um die Ahnungslosen auf ihre Seiten zu locken. Mein Feed hat die erste Welle – in Form von Buzzfeed und Upworthy – davon mitbekommen, aber noch ganz gut überstanden. Auf dem Kamm der zweiten Welle reitet momentan ein Name: Heftig.co. Es ist aber nicht nur diese Webseite mit kolloquialem Namen (übrigens angemeldet in Kolumbien, aber bestückt aus Potsdam), sonder auch Likemag oder Storyfilter, die mit Clickbait ihr Geschäftsmodell gefunden haben. Denn diese Seiten haben einen unglaublichen Erfolg in sozialen Netzwerken, wo ihre “Inhalte” millionenfach geteilt werden. Ausser von meinem Freunden im Facebook-Feed, wofür ich ihnen übrigens sehr dankbar bin.

By moirabot, via Flickr.com

thank you_moirabotDa Anni irgendwie auf Schilder mit Aufschriften zu stehen scheint. Bitte. Danke.

Diese Welle aber hat eingeschlagen. Der Tumblr-Blog heftigstyle dokumentiert eindrücklich, dass es mittlerweile nicht mehr die üblichen Verdächtigen sind, sonder auch “etablierte” Medien bereits zu den Bullshit-Kolportierern gehören. Damit springen jene gerade auf den Güterwaggon auf, welcher die Säue regelmäßig in den zahllosen Dörfern abliefert, um sie durch selbige zu treiben.

Also, Clickbait-Schlagzeilen sind der neue heiße Scheiß. Aber warum die Aufregung? Sind doch nur nette Geschichten…

Ja. Genau. Nette Geschichten. Inhaltsleere Hüllen, von denen aber suggeriert wird, dass sie die Welt, zumindest aber unser Leben verändern. Der suggerierte Eindruck auf unser Leben/die Welt ist riesig, der tatsächliche existiert nicht. Denn dieser Bullshit versinkt genauso schnell in der Versenkung wie die Wegwerf-Memes auf 9gag. Zugegeben: Die Nicht-Inhalte dieser Webseiten sind die perfekte Ablenkung für eine Gesellschaft mit Kollektiv-ADHS, die sich zwar nach Waldeinsamkeit sehnt, dafür aber leider keine Zeit hat. Romantik kostet schließlich Geld. Stattdessen konsumiert diese Gesellschaft lieber Fast-Food-Unterhaltung, die nach drei Mal Wischen mit dem Daumen wieder nutzlos geworden ist.

Diese Überschrift hat mich wirklich tief bewegt. Vor allem der zweite Teil.

Betrachten wir einmal, was da eigentlich geschieht durch so eine Überschrift. Da wird ein Hype aufgebaut, der am Ende ohnehin nicht eintritt. Der vermeintliche Inhalt wird derart überhöht, dass das Versprechen der Schlagzeile gar nicht eingelöst werden kann. Aber das ist ja auch das perverse Prinzip dahinter. Es geht schlichtweg nicht um den Inhalt. Der ist nur Mittel zum Zweck des Klicks. Denn dieser generiert Reichweite, Reichweite bedeutet höhere Werbeeinnahme, was wiederum mehr Gewinn für die Betreiber bedeutet. Wir, die wir uns nach einer etwas besseren Welt sehnen, werden durch Schlagzeilen-Prophezeiungen von Upworthy und Co. zum Klick geködert, nur um genau die Maschine am Leben zu erhalten, die für unsere Misere sorgt.

Eine Seite wie Heftig.co ist dabei selbst auch nur Mittel zum Zweck. Denn Werbung wird dort nicht geschaltet. Was verdienen als die beiden Potsdamer Unternehmer dahinter? Nichts. Noch nicht. Denn der riesige Medienrummel um diese Seite hat für genug Aufmerksamkeit gesorgt, dass sich das Portal ziemlich schnell ziemlich weit nach vorne in den Social-Media-Charts katapultiert hat. Wollen die beiden nun ihr Konzept zu Geld machen, brauchen sie sich nicht mehr allzu sehr anzustrengen. Geniale PR, das muss man den Leuten lassen.

By Winefolly.com, via Flickr.com

greedy waiter_WineFolly.comSo in etwa stellen ich mir die beiden Herren hinter Heftig.co vor.

Nun, mag mensch einwenden, ist doch alles nicht so schlimm. Die Aufregung ist umsonst, denn irgendwann haben sich die Leute sattgesehen an diesen Hypemonstern und sind quasi immunisiert gegen die Effekthascherei der Bullshit-Fabriken. Auch ich hoffe, dass dieser Moment eintritt. Vielleicht ist das alles irgendwann vorbei. Aber welche Menschen klicken sich dann noch durchs Netz? Emotionslose Hüllen, die an nichts mehr glauben und kein Vertrauen in irgendwas besitzen, weil sie gelernt haben, dass kein Hype es jemals ernst gemeint hat? Dass es beim Internet nicht mehr um Ideale wie Freiheit für alle, Transparenz, Vernetzung, Revolution geht, sondern nur noch um kalten Profit für die wenigen, die keine Skrupel haben, uns, ihre Mitmenschen, lediglich als Mittel zu ihrem eigenen egoistischen Zweck zu gebrauchen? Menschen, die letztlich von allem und dem Leben im speziellen enttäuscht sind?

Mag sein, dass ich die Wirkung von Clickbait-Webseiten in dieser Hinsicht überschätze. Aber für mich ist der „Erfolg“ dieser Seiten das beste Indiz dafür, dass wir Gefahr laufen, gänzlich verschluckt zu werden. Verschluckt nämlich von einer Wirtschaft, die uns mit personalisierten Feeds so etwas wie Individualität vorgaukelt, es ihr aber eigentlich nur um unsere monetäre Verwertbarkeit geht.

Aufreger des Monats – Meinungsfreiheit

Ich fürchte, ich kann nicht sonderlich gut diskutieren. Wahrscheinlich bin ich einer von diesen Typen, denen die besten Argumente zwei Tage später abends beim Zähneputzen einfallen. Trotzdem schreibe ich echt gerne den Aufreger, weil ich mich im Zuge dessen intensiv mit einigen Sachen auseinandersetzen kann. Und das beste ist: niemand kann mir wirklich widersprechen.

Der fehlende Widerspruch ändert aber leider nichts zum Positiven. Denn gerade erst in der Konfrontation mit anderen Meinungen können sich die eigenen Argumente beweisen und im besten Fall an Stärke gewinnen. Potentiell bergen solche Auseinandersetzungen aber eine Gefahr: Es könnte klar werden, dass der eigene Standpunkt ein bisschen scheiße ist. Das ist so ein Problem, dass sich gerade in Deutschland ganz gut beobachten lässt.

Populisten-Parade

Nehmen wir Thilo Sarrazin, der Anfang diesen Jahres ein neues Buch herausgebracht hat: „Der neue Tugendterror. Über die Grenzen der Meinungsfreiheit in Deutschland“. Oder nehmen wir Akif Pirinçci, der neulich ganz unkritisch seine durchaus zu kritisierende Haltung im ZDF kundtun durfte. Der einen oder dem anderen ist vielleicht noch Sybille Lewitscharoff mit ihrer, sagen wir, kuriosen Rede im Dresdner Schauspielhaus im Gedächtnis. Denken wir auch an Bernd Lucke, Vorsitzender der sogenannten „Alternative für Deutschland“, dessen Partei und auch er selbst immer wieder mit erschreckend blödsinnigen Stellungnahmen auf sich aufmerksam macht bzw. machen. Speziell beim Thema Rassismus.

 By Fake is the new real, via Flickr.comracism_1_fake is the new real“Ich finde das nicht rassistisch, das war damals eben so”. Macht es aber nicht besser, vielen Dank.

Alle diese Personen, und alle anderen ihres Schlages, reklamieren für sich das Recht der Meinungsfreiheit, sobald jemand ein Argument gegen ihre Thesen bringt. Sarrazin hat darüber ja sogar ein Buch geschrieben. Er glaubt anscheinend, dass seine Meinungsfreiheit durch eine Art Internet-Mob, durch „radikal Demonstranten“ oder die „linke Medienmacht“ eingeschränkt werde. Ich habe da den Eindruck, dass er und alle anderen nicht wirklich verstanden haben, worum es bei Meinungsfreiheit eigentlich geht.

Meinungsfreiheit ist keine Einbahnstraße

Folgt mensch Wikipedia, so ist Meinungsfreiheit das subjektive Recht auf freie Rede und öffentliche Verbreitung einer Meinung. Dieses Recht wird einem vom Grundgesetz in Artikel 5 gewährt. Dort heißt es: „Jeder hat das Recht, seine Meinung in Wort, Schrift und Bild frei zu äußern und zu verbreiten […]. Eine Zensur findet nicht statt.“ Schön und gut. Allerdings heißt es im zweiten Absatz: „Diese Rechte finden ihre Schranken in den Vorschriften der allgemeinen Gesetze, den gesetzlichen Bestimmungen zum Schutze der Jugend und in dem Recht der persönlichen Ehre.“ Also: Meinungsfreiheit ja, aber nur solange sie keine Rechte verletzt, zum Beispiel zum Jugendschutz, zum Urheberrecht oder Volksverhetzung. Eine uneingeschränkte Meinungsfreiheit herrscht in der BRD also nicht. Auch wenn mensch da in manchen Sachen uneins sein kann, im Grunde ist das nicht schlecht.

By Damon !, via Flickr.com

thumbs up_damon !Daumen hoch für die Verfassung und so Zeug!

Nun haben Menschen heute dank des Internets wesentlich mehr Möglichkeiten als früher, ihre Meinung zu verbreiten. Gleichzeitig haben immer mehr Menschen die Möglichkeit, sich über diese Meinung zu informieren und dazu Stellung zu beziehen. Ergo: Meinungsfreiheit wirkt in beide Richtungen. Wenn Sarrazin also der Meinung ist, dass Armutszuwanderung existiert und die meisten Ausländer es nur auf die deutsche Sozialkasse abgesehen haben, so darf er diese Meinung vertreten. Genauso darf ich aber auch sagen, dass Armutszuwanderung ein Kampfbegriff der Konservativen ist, um den Leuten Angst zu machen und Ausländer*innen dieses Land wahrscheinlich weiter bringen als der bräsige deutsche Stammtisch. Und ganz nebenbei darf ich das auch Sarrazin ins Gesicht sagen. Meinungsfreiheit ist keine Einbahnstraße. Sie gilt für alle.

Konsequenzlosigkeit für alle!

Meinungsfreiheit ist auch keine Konsequenzfreiheit. Wer eine Meinung vertritt, zumal öffentlich, die oder der muss mit Widerspruch rechnen, in heutigen Zeit so wunderbar Shitstorm genannt. Wenn Lucke und Co. lauthals krakeelen, dass Ausländer doch bitte in ihren eigenen Ländern bleiben sollen, da sie in Deutschland ohnehin nicht produktiv sein könnten, dann darf sich die AfD nicht darüber wundern, dass sie von einigen Teilen der Bevölkerung hart gedisst wird. Und Sarrazin darf sich auch nicht darüber beschweren, dass immer wieder Protestierende seine Veranstaltungen stören. Denn Protest ist das gute Recht eines jeden Menschen.

Das wirklich perverse aber an den Klagen dieser deutschen Version von Ultra-Konservativen ist ihre vermeintliche Opferrolle. Sarrazin & Co stilisieren sich immer wieder zu Opfern eines wütenden Mobs an „Gutmenschen“ hoch, welche die von den Populisten herbeigeredeten Fakten einfach nicht hören möchten. Man geriert sich in den Kreisen der „Achse des Guten“ so, als sei mensch ja nur Überbringer*in der Nachricht, nicht ihre Urheber*in. Die Botin oder der Bote verdiene doch nicht diese geballte Ladung an Pappschildern, die sie unfreundlich zum Schweigen auffordern. „Das wird man ja noch sagen dürfen“ ist das Mantra der Rückwärtsgewandten.

 By Jan Kraus, via Flickr.comoktoberfest_Jan KrausSymbolbild: Das Oktoberfest.

Aber gerade diese Äußerung ist ziemlich dreist. Denn durch die Opferrolle kehren die Verbalaggressoren das Verhältnis von Opfern und Tätern um. Dabei sind diese sogenannten Konservativen aber eben nicht die Opfer, sondern ziemlich sicher diejenigen, die mit ihren Aussagen bestimmten Gruppen gewisse Rechte (Adoption, Teilnahme am Sozialstaat, Einwanderung, Asyl etc.) vorenthalten wollen. Sie sind die Täter in einem zum Glück bisher nur verbal geführten Konflikt. Ich kann mir diese Heulerei von ein paar privilegierten Arschlöchern echt nicht mehr anhören.

 Die Illusion der Mitte

Was besonders deutlich wird in der ganzen Sache: Die „Mitte“ in Deutschland ist bisweilen genauso extrem wie die „Extremisten“ an den Rändern des politischen Spektrums. Seiten wie „Lookismus gegen rechts“ demonstrieren doch hervorragend, wie tief rassistische, homophobe und sexistische Haltungen in der angeblichen „gesellschaftlichen Mitte“ vertreten sind. Das die Mitte eigentlich immer nur herbeigeredet wird, hat man nicht nur bereits Ende der 1950er Jahre festgestellt, sondern vor ein paar Jahren durch eine Studie mal wieder bestätigt. Insofern ist es eine ziemlich gute Sache, dass aus der Gesellschaft heraus Widerstand gegen die Äußerungen von Sarrazin, Lucke und Konsorten entsteht. Ich freue mich, dass diesen Menschen gezeigt wird, dass sie keine Vertreter einer „schweigenden Mehrheit“ sind.

By Sun Pictures, via Flickr.com

tribal protest india_sun PicturesSymbolbild: Fackeln und Mistgabeln (ohne Fackeln und Mistgabeln, aber hey, eine Sense!)

Problematisch allerdings ist es, wenn Protest dazu führt, dass sich die Protestierenden nicht mehr mit den Positionen und Argumenten der Gegenseite beschäftigen. Wenn es nur noch um Widerstand und nicht mehr um Diskurs geht. Natürlich ist es vielleicht vergeblich, mit Rassisten zu argumentieren. Aber letztlich geht es auch um eine moralische Hoheit über stumpfe Thesen. Es geht darum zu beweisen, dass nur Inklusion zu menschlicher Größe führt, nicht Exklusion. Eine Demokratie lebt davon, dass ihre Mitglieder diskutieren und nicht, dass sie sich gegenseitig den Mund verbieten.

Ob wir es wollen oder nicht: In einer freien Gesellschaft müssen wir auch Meinungen aus der „Achse des Guten“ tolerieren. Tröstlich ist nur der Gedanke, dass Meinungen eben genau nur das sind: subjektive Empfindungen. Wahre Urteile aber lassen sich nur durch das Anhören verschiedener Meinungen und damit der Einnahme unterschiedlicher Standpunkte fällen. Das schrieb übrigens Hannah Arendt in ihrem posthum veröffentlichtem Fragment „Das Urteilen. Texte zu Kants politischer Philosophie“. Möchte man ihre Ausführungen auf das niedrigste Niveau herunterbrechen, so bleibt eine beruhigende Erkenntnis: Eine Meinung ist nunmal wie ein Arschloch. Jede*r hat eine.

Aufreger des Monats – Migration

Direkt in meinem ersten Semester an der Uni Trier habe ich das Seminar „Methoden der Politikwissenschaft“ besucht. Im Grunde war das ein Kurs in Statistik für Politikwissenschaftler, der obendrein nicht sonderlich spannend war. Aber ohne diesen Kurs hätte ich nie gelernt, wie großartig und doch ziemlich nutzlos Statistiken sein können. Schlaumeier kommen jetzt wahrscheinlich mit dem wahrscheinlich fälschlich Winston Churchill zugetragenen Spruch „Ich glaube keiner Statistik, die ich nicht selbst gefälscht habe“. Ja-ha, lustig, lustig, erwidere ich da schmerzhaft grinsend, aber so einfach ist das leider nicht. Statistiken müssen oft einfach nur ordentlich gelesen werden.

Als ich beispielsweise nach meinem Auslandsjahr in der Schweiz wieder zurück nach Deutschland zog, würde ich in der deutschen Migrationsstatistik als Zugezogener gelten, allerdings nicht als Ausländer, da ich ja den deutschen Pass besitze. Ich würde also zu den 8.370 Menschen gehören, die, wir bleiben im Beispielhaften, im ersten Halbjahr 2013 von der Schweiz nach Deutschland gezogen sind. Wer sich jetzt darüber freut, dass so viele Schweizerinnen und Schweizer in die BRD ziehen, die oder den muss ich leider enttäuschen: Von den 8.370 Menschen zählt das Statistische Bundesamt nur 2.681 als „Ausländer“, also diejenigen, die keinen deutschen Pass haben. Und dann stellt sich die Frage, wie viele davon wiederum überhaupt einen schweizerischen Pass besitzen.

Via Flickr.com, by vinylmeister

swiss mercenaries_vynilmeisterSchweizer Grenzwachen auf Patrouille (Symbolfoto)

Kontext ist bei Statistiken genauso wichtig. Zum Beispiel veröffentlichte Spiegel Online eine Meldung der Süddeutschen Zeitung, wonach 51 Prozent mehr Rumänen und Bulgaren im Jahr 2013 ALG II (Hartz IV) bezogen als 2012. Der oder die Populist*in freut sich, ist dies doch ein wunderbarer Beweis für die vielbeschworene „Armutseinwanderung“ aus dem europäischen Osten. Um wirksam mit dieser Zahl zu argumentieren muss nur der Rest verschwiegen werden. Dieser Rest besteht nämlich aus der Tatsache, dass unglaubliche 44.000 (in Worten vierundvierzigtausend) „Rumänen und Bulgaren“ in Deutschland ALG II beziehen. Eine wahnsinnig große Zahl angesichts von knapp 80,5 Millionen Einwohner*inne*n in Deutschland. Oder der ungefähr 3,14 Millionen Arbeitslosen im Februar 2014. Das wären 0,014 Prozent. Demnach entlarvt sich diese Meldung ziemlich schnell als Nicht-Nachricht, da der Anteil der „Rumänen und Bulgaren“ an den Arbeitslosen einen lächerlich geringen Teil aller Arbeitslosen ausmacht. Angesichts dieser Zahlen sollte auch der oder die paranoideste Migrationsphobiker*in argumentatorisch ins Straucheln geraten.

Rechtspopulisten und Krypto-Rassisten

Leider tingeln Sie aber noch immer und immer wieder durch die Talkshows und Kommentarspalten der deutschen Medien. Die Populist*inn*en und Xenophobiker*innen, die Krypto-Rassist*inn*en und Nationalist*inn*en, alle diejenigen, die Angst und Zwietracht schüren zwischen einem vermeintlichen „uns“ und einem undefinierten „denen“. Und das in letzter Zeit immer stärker, angespornt durch die Zustimmung, ausgedrückt in Wählerstimmen, die Rechtspopulisten in Frankreich, den Niederlanden oder eben der Schweiz erhalten. Zum Glück gibt es in Deutschland einen historisch bedingten Vorbehalt gegen diejenigen, welche zu stark gegen Menschen aus anderen Ländern hetzen. Aber je weiter wir uns von 1933 und den Jahren danach entfernen, desto eher wird darauf verwiesen, dass das doch alles so lang her sei und man gewissen Dinge ja wohl noch sagen dürfen wird. Was da als „Meinung“ verkauft wird, ist oft nichts weiter als Rassismus, egal ob reflektiert oder nicht.

Via Flickr.com, by Fifth Business Photography

sihks holding hands_Fifth Business PhotographyWer würde diese lieben alten Menschen denn ausweisen wollen? Schaut, sie halten sogar Händchen!

Es ist zum wirklich zum Kotzen wie über Migration in Deutschland geredet wird. Da sind zunächst die „Ausländer“, ein Wort, mit dem allzu oft nur eine bestimmte Gruppe Menschen gemeint wird: nämlich meist aus Südeuropa, aus dem Balkan oder Osteuropa kommend. Fürchtet jemand, dass Franzosen oder Französinnen uns die Geschlechtspartner*innen ausspannen? Oder dass Schwed*inn*en uns die Arbeitsplätze wegnehmen? Dass Holländer*innen zu uns einwandern, nur um in der „sozialen Hängematte“ zu schaukeln? Nein, es sind Polen, Tschechen, Türken oder eben „Rumänen und Bulgaren“, gegen die sich die Empörung richtet.

Falsche Empörung

Empörung worüber eigentlich? Darüber, dass diese Menschen genug Mut aufbringen, ihre Familie, ihre Freunde, ihre Heimat zurücklassen, in der Hoffnung, in Deutschland eine bessere Zukunft zu haben als daheim? Dass sie in ihren durch Privatisierungen zerfressenen Ländern keine Perspektive mehr sehen, weil der Strukturwandel, durchgeführt, um endlich in die Europäische Union aufgenommen zu werden, alles zerstört hat, was einmal eine „Gesellschaft“ ausmachte? Allen Migrantinnen und Migranten gebührt zunächst eigentlich unser Respekt angesichts ihres Mutes den Schritt ins Ungewisse zu wagen und ein neues Leben in einer fremden Kultur zu beginnen.

Diese Mutigen erwartet in Deutschland nun ein vergiftetes Klima, in welchem ihnen vorgeworfen wird in die Sozialsysteme einzuwandern. Dass sie in ihrer Hoffnung gerade nach Deutschland kommen, sollte die hiesige Bevölkerung eigentlich eher Stolz machen, als Angst einzuflößen. Aber warum gibt es diese Angst? Weshalb wird gegen die Einwanderung gehetzt, obwohl der Fachkräftemangel und die niedrige Geburtenrate Migration vermutlich unabdingbar machen?

Via Flickr.com, by Taraji Blue

Sharing The MealWir teilen. Immer. Überall. Jeden Tag.

Es ist wohl die Angst vor dem Teilen. Die Angst, dass der geschaffene Wohlstand auf Dauer wohl nicht allen zur Verfügung stehen kann. Ja, dass es sogar fatal für die ganze Menschheit und die Erde wäre, hätte jeder den Reichtum der westlichen post-industriellen Nationen. Natürlich macht es Angst, dass wir alle irgendwann „weniger“ haben könnten. Aber es gibt keine Rechtfertigung dafür, warum es Menschen aus Spanien, Serbien oder Senegal nicht auch so gut gehen soll, wie Menschen in Deutschland, Dänemark oder anderen reichen Demokratien (leider gibt es nicht genug reiche Staaten mit „D“ am Anfang. Schade um die Alliteration).

Immer derselbe Mist

Und schließlich profitieren wir als Bürger Deutschlands von der Armut anderer Menschen in entfernten Ländern. Dort wird unser Kakao geerntet (aber nicht verarbeitet), werden unsere Hosen genäht (aber nicht verkauft), unsere Smartphones zusammengebaut (aber nicht vermarktet). Ohne die systematische Ausbeutung der Armen in Bangladesch, Haiti oder Ghana müsste man uns hier in Deutschland wesentlich höhere Löhne zu zahlen, damit wir uns Essen, Kleidung oder Unterkunft leisten könnten. Und das würde die Unternehmen viel mehr Geld kosten, als sie zu zahlen bereit sind.

Mit Dank an Julia für die ungefragt erteilte Erlaubnis, ihr Bild zu nutzen.

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Shiny happy people. Sangen schon REM. (Eigene Darstellung)

Letztlich ist es also mal wieder das wirtschaftliche System, der Kapitalismus, der den Menschen gegen den Menschen aufhetzt. Wir dürfen dabei aber nie vergessen, dass wir diejenigen sind, die Teil dieses Systems sind. Dass dieses System nicht unabhängig von uns existiert. Dass wir nicht Opfer einer manipulierenden Macht sind. Wir müssen uns klar machen, dass wir Täter sind, wenn wir zulassen, dass Menschen wegen ihrer Herkunft verurteilt werden. Es ist schließlich „unsere“ Demokratie, in denen Schreihälse behaupten können, sie seien zwar keine Rassisten, aber man müsse schon darauf achten, dass nicht zu viele Fremde zu „uns“ kommen. Gegen diese Giftspritzen hilft keine Immunisierung, sondern nur ein Gegenmittel: Aus Toleranz. Offenheit. Vertrauen.

Aufreger des Monats – Große Koalition

Ich behaupte: Alle Menschen, die  einmal ehrenamtlich gearbeitet haben oder zumindest im weitesten Sinne in diesem Bereich tätig waren, kennten  ihn. Den Abkürzungsfimmel. Kurz: Aküfi. Ich weiß nicht warum genau, aber gerade in diesem Bereich werden unheimlich viele Sachen abgekürzt. Mitarbeiter*innen werden zu MA’s, Teilnehmer*innen zu TN’s, Ferienspielaktionen sind FSA’s und so weiter. Das setzt sich natürlich gerade dort fort, wo Zeit bekanntlich Geld ist – in der Wirtschaft. Dort präferiert man so komplizierte Begriffe wie Supply Chain Management nicht nur fragwürdigerweise auf englisch (vermutlich weil es etwas „flashiger“ klingt), sondern kürzt sie auch mit SCM ab. Dass die meisten diese Begriffe eh kurz im Internet nachschlagen müssen und somit letztlich wieder Zeit (und Geld!) verloren geht, diese Rechnung scheinen die wenigsten zu machen.

Via Flickr, by mag3737

Die Rechnung ohne GrokoZum nachrechnen: ein riesiger Abakus.

Besonders Twitter, mit seiner scheinbar willkürlichen Begrenzung auf 140 Zeichen, ist eine Monstermaschine, die Abkürzungen nur so raushaut. Der Hashtag ist ja sowas wie die Buschtrommel Twitters und damit möglichst viele Leute den Hash taggen, muss dieser kurz aber prägnant sein. Eine Abkürzung hat sich im vergangenen Jahr besonders hervorgetan und wurde von der „Gesellschaft für deutsche Sprache“ sogar zum Wort des Jahres gekürt: GroKo, also Große Koalition.

Wer sich erinnert: Statt ihre Wahlversprechen zusammen mit den Grünen und der Linken mehr oder weniger vollständig in einer hauchdünnen Mehrheit umzusetzen, entschloss sich die SPD nach der BuTaWahl 2013 lieber ein paar faule Kompromisse einzugehen, damit ihr eigenes Grab zu schaufeln und unsinnigerweise mit der CDU die 2005er Groko zu wiederholen. Klar, wahrscheinlich hatte die SPD Angst, dass eine Koa mit der Linken aufgrund der hauchdünnen Mehrheit und der Tendenz der Linken zum Ungehorsam (also der Vorwurf „mangelnder Fraktionsdisziplin“ (FraDi!) oder – Achtung Populismus! – dass diese Abgeordneten womöglich eher nach ihrem Gewissen abstimmen) bald auseinanderbrechen würde. Fraglos, die Große Koalition ist politisch stabiler, aber nicht unbedingt spannender.

Nicht zuletzt ist mein Problem mit dieser GroKo ein wenig prinzipieller. Denn SPD und CDU sind zwei Volksparteien, nicht nur nach ihrer eigenen Zuschreibung, sondern auch laut M. Schmidts „Wörterbuch zur Politik“. Dort heißt es unter anderem, dass sie „… eine ideologisch relativ diffuse, für verschiedene Wählergruppen offene politische Programmatik…” vertreten sowie eine „… Orientierung der materiellen und der symbolischen Parteipolitik am Ziel der Werbung einer möglichst großen Wählerschaft, bisweilen unter Hintanstellung der Parteiprogrammatik und traditioneller sachbezogener Ziele…“ (Schmidt 2004, S. 769f)* besäßen. Ergo wollen beide VoPas die meisten Wähler*innen ansprechen. Da mensch sich dazu am besten auf halben Weg trifft, sind beide Parteien im Prinzip auch die zwei konsensfähigsten Elemente des deutschen Parteiensystems. Das heißt aber auch, dass beide Parteien diejenigen sind, die am wenigsten politisch verändern werden. Denn sowohl SPD als auch CDU wollen ja niemanden verärgern, schließlich könnte das Wähler*innen kosten. Deshalb machen die VoPas auch immer nur kleine Schritte, um nur ja niemandem auf die Füße zu treten.

Via Flickr, by Rev. Bombasticos

Katzen gegen die GrokoDenn Politiker haben selten so Samtpfötchen wie Katzen. 

Trotz der beschriebenen Kompromissfähigkeit von CDU und SPD ist es aber so, dass beide Parteien aufgrund ihrer Status (mit langem “u”) miteinander konkurrieren müssen. Die GroKo eliminiert diese Situation auf künstliche Weise mit dem Koalitionsvertrag. Nun muss also die Konkurrenz miteinander arbeiten. Ergo versucht mensch den „politischen Gegner“ möglichst zu sabotieren oder mehr Medienpräsenz zu bekommen als dieser, um besser als die anderen dazustehen. Speziell vor einer Wahl. Wie sollen diese Menschen also ordentlich zusammenarbeiten, die wissen: in vier Jahren müssen wir einander fertig machen? Wie kann man ernsthaft erwarten, dass dabei eine gute Politik herauskommt? Denn im Zweifel konzentrieren sich die meisten Menschen doch lieber auf ihren persönlichen Vorteil als, ganz altruistisch, sich ihrer Verantwortung für das Große und Ganze bewusst zu sein.

Ausserdem: Konsens. Konsens ist gut und wichtig. Konsens im großen, politischen, demokratischen Sinne wird aber nie zu großen Veränderungen führen. Das ist zum einen gut, zum anderen schlecht. Denn Konsens verhindert im schlimmsten Fall, dass ein Problem tatsächlich gelöst wird, sondern bewirkt stattdessen, dass nur die Symptome behandelt werden. Denn wolle mensch ein Problem tatsächlich lösen, müsste mensch dabei eventuell einige grundlegende Dinge ändern, gegen deren Änderung wiederum diejenigen Menschen sich wehren, die vom besagten Problem vielleicht profitieren. Oder anders ausgedrückt: Ein Konsens versucht ein Omelett zu machen, ohne dabei Eier zu zerschlagen.

Via Flickr, by brtsergio

"Eier, wir brauchen Eier!" - Oliver KahnIch wollte niemandem Hunger machen, deswegen habe ich auf Symbolfotos von extrem appetitlichen Omeletts verzichtet.

Im besten Fall gibt ein Konsens die Möglichkeit, die Verhältnisse grundlegend zu ändern, denn diese Änderung würde dann zumindest auf einer breiten, weil mehrheitlichen Basis stehen. Dafür müsste man sich aber der defizitären Aspekte der Verhältnisse bewusst sein und diese tatsächlich ändern wollen. In Zeiten wie unseren aber, profitieren viele Menschen nicht nur von den defizitären Aspekten des – ich sag’s jetzt mal – Kapitalismus, sondern haben gleichzeitig auch die Macht inne, diese Aspekte zu verändern. Wie also soll dieser Konsens aussehen, bei welchem die Profiteure des Schlechten das Schlechte beseitigen müssen? Nein, die Mächtigen werden immer nur beschwichtigen, nie ein Problem tatsächlich lösen, egal wie toll dieser Konsens nun ist. Solange Macht und Wohlstand aneinander gekoppelt sind, wird all das Schlechte, welches aus Armut und damit einem gesellschaftlichen Ungleichgewicht erwächst, nicht bekämpft werden werden können. Denn das Schlechte am Kapitalismus sitzt ziemlich tief. Das Schlechte am Kapitalismus ist ja leider der Kapitalismus selbst.

Dabei hätte eine GroKo die Möglichkeiten, etwas zu bewegen. Aber Koalitionen zwischen zwei VoPas, wie die von SPD und CDU, schaffen meist nicht die großen Sprünge, zu denen sie eigentlich fähig wären. Denn mit einer so großen Mehrheit ließen sich einige Dinge ändern. Dies würde aber eventuell bedeuten, einigen Profiteuren des Ungleichgewichts vor den Kopf zu stoßen. Damit, so die Befürchtung der VoPas, besteht aber die Gefahr des Stimmenverlustes bei der nächsten Wahl und somit das Ende der politischen Ämter vieler Politiker*innen. Oft haben diese Politiker*innen aber kaum noch etwas anderes als ihre politische Karriere, sie stehen somit bei einem Mandatsverlust mehr oder weniger vor demselben Abgrund vor dem auch alle anderen Menschen stehen die ihren Job verlieren. Nur, dass bei manchen Politiker*innen dieser Abgrund etwas sanfter gepolstert ist. Das sollte eigentlich wieder zu mehr Risikobereitschaft führen. Tut es aber nicht.

Via Flickr, by nao-cha

cats don't careStattdessen sitzt mensch dann gerne mal in der Sonne. 

Halten wir also fest: Die GroKo ist nicht nur vom scheinheiligen Programm her (Rente mit 63, die keinem nützt, Mindestlohn der zu spät kommt, PKW-Maut NUR FÜR AUSLÄNDER!), sondern auch ganz strukturell eine GroKo From Hell. Das konnte übrigens auch Twitter nicht abkürzen. So wurde dann von einigen der fast ausladende Hashtag #GroKoFromHell geprägt. Allerdings nur selten benutzt, denn der nimmt zu viele Zeichen weg, in denen mensch mehr Abkürzungen hätte nutzen können. Ach. Twitter.

*Manfred G. Schmidt, Wörterbuch zur Politik, Stuttgart 2004. Hach, tut das mal wieder gut. Ich hätte nicht gedacht, Quellenangaben jemals zu vermissen.

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