Category: Aufreger der Woche (Page 1 of 7)

Beweger statt Aufreger: Der Monsun und kulturelle Nähe

Aufreger, nein, Beweger! Johannes und ich haben keine Lust rumzuschreien. Das liegt zum einen daran, dass wir Mitbewohner haben, zum Anderen kotzen uns die Fronten selbst an. Also reden wir ganz ruhig und sachlich ein paar Minuten darüber, warum wir das Leid unterschiedlicher Menschen unterschiedlich wahrnehmen.

Aufhänger dazu ist der anregende Artikel aus der Süddeutschen von Arne Perras. Da wir mit dem Schnitt dieser Ausgabe etwas gebraucht haben, hat sich glücklicherweise einiges getan und gerade die Süddeutsche hat verstärkt Artikel zum Monsun herausgebracht. Die Kritik, dass die Relationen ungleich bleiben, bleibt bestehen. Das geht allerdings nicht direkt an die Süddeutsche, sondern uns alle.

Was meint ihr, woher der Ausspruch mit dem “Sack Reis in China” herrührt? Wir reden über die Rolle der Medien und Eigenverantwortung. Also alles wie immer bei uns. Hört rein, oder geht euch das alles nichts an?

Featured Image by Maximilian Nitzke

Aufreger! Wahlkampf 2017 – No Future

Die Parteien haben scheinbar keinen Bock auf Zukunft. Das ist einer der Schlüsse, den wir nach einer guten halben Stunde über Gott, Kanzler und die Welt ziehen. Wahlkampf, das ist zäher Kautabak, der einen ordentlichen Nachgeschmack hinterlässt. Statt uns vermitteln diesmal viele Politiker lautstark “No Future”.

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Aufreger – Der Podcast! Die Schwarze Magie der Suchmaschinenoptimierung

„Was? Warum reden die Jungs von Mehr Spieler plötzlich über Suchmaschinenoptimierung? Ich will wieder Videospiele!“

Wir auch, lieber, ein Stück weit zu sehr echauffierter Hörer und Leser oder hoch verehrte Hörerin oder Leserin! Nur: Wenn das wahre, richtige, harte Leben zuschlägt und einem kaum Luft zum Atmen lässt, dann muss man die Gelegenheiten ergreifen, die sich bieten.

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Ein langer Aufreger über Millionengehälter

Vorbemerkung: Das Thema “Hohe Gehälter” beschäftigt mich schon lange und ich habe eine sich bietende Gelegenheit genutzt, meine Gedanken dazu nieder zu schreiben. Der Komplexität dieses Themas wird auch mein Text nicht gerecht, aber ich habe versucht in lesbarer Kürze darzulegen, warum Millionengehälter keinen Sinn machen. Gerne können wir in den Kommentaren dazu zivilisiert (unter Betrachtung unserer Nettiquette) diskutieren und noch weitere Argumente für oder gegen hohe Gehälter finden.

Gehalt in Deutschland ist eine seltsame Sache. “Über Geld redet man nicht” und “Bei Geld hört die Freundschaft auf”, so lauten die landläufigen Weisheiten zu diesem Thema. Nicht unüblich sind zudem diverse Klauseln in Arbeitsverträgen, die das Diskutieren des eigenen Gehalts mit dem der Arbeitskolleg*innen verboten wird. Aber darum soll es heute nicht gehen, sondern um die Höhe von Gehältern und die Paradoxien, die sich daraus ergeben.

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Aufreger: Hamilton, Pence und Sprachgefühl

Bestimmt steckt keine böse Absicht hinter der Überschrift der Süddeutschen Zeitung “Broadway-Musical Hamilton Schauspieler belehren Mike Pence”, aber der Effekt ist nicht zu unterschätzen. “Jetzt reg’ dich doch nicht wegen eines kleinen Worts auf, Max”, ist eventuell ein Einwand. Dieser Einwand war schon immer und ist jetzt im Besonderen fahrlässig. In Amerika verfolgen wir eine aktive Spaltung von Bevölkerungsgruppen, die oft in “Arbeiterklasse gegen Elite” ihre Bezeichnung findet. Die Elite weiß alles besser. Die Elite beherrscht. Die Elite unterdrückt. Das ist das Verständnis jener, die nichts mit der Elite anfangen können.

Von einer “Belehrung” zu sprechen, ist nicht nur inhaltlich mehr als fragwürdig, sondern verstärkt das typische Bild. In den Augen der erzkonservativen Wähler sind die Schauspieler des Musicals natürlich linke Elite. Mit ihrer geschnörkelten Sprache, den hübschen Kostümen und extravaganten Gesten sind sie aufgrund der aktuellen (Fehl-)Kommunikation zwischen den Bevölkerungsteilen eine Personifizierung der linken Elite, der Social Justice Warrior, der Gutmenschen. Und diese Menschen “belehren” den demokratisch gewählten, zukünftigen Vize-Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika? Natürlich geht Menschen da der Hut hoch. Der zukünftige Präsident Donald Trump hat bereits per Twitter verlauten lassen, dass der Cast sich für den respektlosen Umgang mit Mike Pence entschuldigen soll. Wahrscheinlich, weil Donald Trump so wenig Geduld und Auffassungsgabe wie die meisten von uns mitbringt und lediglich Überschriften wie “Broadway-Musical Hamilton Schauspieler belehren Mike Pence” liest.

Das Problem ist, dass die Schauspieler des Hamilton-Musicals Mike Pence in keiner Weise belehren. Hier versammeln sich Künstler, die sich für Diversität einsetzen. Menschen, die anhand der Aussagen von Donald Trump ernsthaft besorgt sind, was die Präsidentschaft dieses Mannes für ihre und die Rechte ihrer Freunde bedeutet. Für Schwule, Lesben, Schwarze, Latinos, Transgenders, Frauen und weitere Bevölkerungsgruppen, die sich vor Trumps Aussagen und angekündigten Policen fürchten. Lest die Aussage selbst, die ich auf die Schnelle transkribiert habe. Wer eine grobe Übersetzung wünscht, guckt das Video beispielsweise bei der Süddeutschen.

You know we had a guest in the audience this evening. Vice-President elect Mike Pence, I see you walking out, but I hope you will hear us just a few more moments. There is nothing to boo here, ladies and gentlemen, nothing to boo. We are all here sharing a story of love. We have a message to you, sir, and we hope that you will hear us out. And I approach everyone to put out your phones and tweet and post so this message is being spread far and wide, okay? Vice-President elect Pence, we welcome you and we truly thank you for joining us here at ‘Hamilton – an American Musical”, we really do. We, sir, we are the diverse America who are alarmed and anxious that your new administration will not protect us, our planet, our children, our parents or defend us and uphold our inalienable rights, sir. But we truly hope our show has inspired you to uphold our American values and work on behalf of all of us, all of us. We thank you truly for [inaudible] this show. This wonderful American Story told by a diverse group of men and women of different colors creeds and orientations…

Habt ihr euch die Zeit genommen, den kompletten Ausschnitt zu lesen? Vielen Dank. Das ist nicht ironisch gemeint. Das ist bitter nötig, denn nur so ist ersichtlich, dass hier eine Gruppe von Menschen den angesprochenen Mike Pence bitten, ihren Lebensweg zu akzeptieren. Mehr als alles andere ist diese Ansprache ein “plea”, eine Bitte. Eine Bitte, zu akzeptieren, dass jeder Mensch ein produktiver und gewinnbringender Teil der Gesellschaft sein kann. Eine Bitte, zu versprechen, dass alle Menschen, die in Amerika leben, den Schutz der Regierung genießen. Die Aussagen Trumps lassen die Schauspieler zweifeln und deswegen bitten sie im Namen ihrer Gleichgesinnten, dass Mike Pence eine weltoffene und progressive Gesellschaft duldet und stärkt.

Du musst etwas Anderes tun. Du bist dumm und naiv, wenn du nicht machst, was wir dir sagen. Das sind Belehrungen. Jemanden zu sagen, dass zwei plus zwei vier sind, ist durchaus eine Belehrung, aber diese bezieht sich auf Fakten. Der Streit um Menschenrechte ist in Amerika und in nahezu allen Ländern der Erde aber eine Glaubenssache, weswegen Fakten oft außen vor bleiben. Unsere Bundeskanzlerin “tut sich schwer [mit der rechtlichen Gleichstellung gleichgeschlechtlicher Paare bei der Adoption von Kindern]”, weil Sie, aus welchen Gründen auch immer, es nicht für richtig hält. Das sei ein “kontroverses” Thema und ist am Ende ein Themenfeld, das bei Entscheidungen weitestgehend frei von Fakten bleibt. Der Hamilton-Cast belehrt nicht, sondern setzt sich für die Gleichheit gewisser Gruppen ein.

Der Journalismus steht in der besonderen Pflicht, dass Inhalte vernünftig, reflektiert und verständlich wiedergegeben werden. Wir haben in Deutschland genug Blätter, die sich aus offensichtlichen Gründen dagegen wehren. Der kommerzielle Erfolg gibt diesen Verlagen und Blättern recht, auch darüber müssen wir im Bilde sein. Wer glaubt, dass Überschriften wie “Broadway-Musical Hamilton Schauspieler belehren Mike Pence” keine Auswirkung auf die Außendarstellung haben, hat den berüchtigten Schuss nicht gehört. Dass die gebildete und meist als links bezeichnete Elite auf konservative Werte herabschaut, ist ein fest bestehendes Vorurteil. Ein Vorurteil, dass auch die weise gewählten Worte des Hamilton-Casts nicht umkehren, wenn wir schreiben, sie “belehren”.

Ich hingegen stehe dazu, dass ich mit diesem Beitrag belehren möchte. Ich versuche darauf hinzuweisen, dass die Wortwahl durchaus eine Rolle spielt. Ich streite oft und leidenschaftlich über die Entwicklung von Sprache und auch intern im Team herrschen große Differenzen. Das liegt bei mir daran, dass ich das Gefühl habe, dass viele Menschen ihre eigene Muttersprache in den Grundfesten nicht verstehen und unabsichtlich schaden anrichten. Während wir sprechen, passiert das. Uns fehlen die Worte, wir verhaspeln und versprechen uns. Das ist menschlich. Doch wer seine Gedanken in Schriftform zum Ausdruck bringt, hat eine besondere Verpflichtung. Journalisten verdienen ihren Unterhalt mit dem geschriebenen Wort und bei all ihrer Übung ist es wichtig, dass sie ihre Erfahrung mit dem Umgang mit der Sprache Lesern zur Verfügung stellen.

Allein die Überschrift “Broadway-Musical Hamilton Schauspieler belehren Mike Pence” ist eine völlige Verfehlung dieses Qualitätsanspruchs. Wir lesen eine Überschrift, die an eine Falschaussage grenzt. Wir versagen mit solchen Botschaften auf den einfachsten Ebenen der Kommunikation. Wenn der nächste Konservative ruft, dass die vermeintlichen Linken und die vermeintliche Elite und die vermeintlichen Besserwisser, weiß wieder keiner, woran das liegt. Niemand ist perfekt, auch ich hätte mich eloquenter ausdrücken können, hätte effektiver zum Punkt kommen können. Ich möchte das versuchen. Ich möchte meine Fehler minimieren. Die Frage ist, Süddeutsche Zeitung, macht ihr mit? Die Frage ist, Journalisten, macht ihr mit? Die Frage ist, lieber Leser, machst du mit?

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Der Aufreger – Die Bio-Industrie

Initiationsriten sind wahrscheinlich so alt wie die Menschheit selbst. In Stammeskulturen – von damals bis heute – dienen sie dazu Jugendlichen den Übergang vom Kindesdasein in das Erwachsenenalter zu verdeutlichen. Den Luxus der (vermeintlich) klaren Grenzen zwischen Kind und Erwachsenem haben wir in den Industrie- und Postindustrie-Ländern nicht mehr. Unsere Kindheit und Jugend sind lang gestreckt, durchziehen mindestens zwei Jahrzehnte und uns ist selbst nicht immer klar, wie “weit” wir jetzt in unserer Entwicklung eigentlich sind. Deshalb schaffen wir uns eigene Rituale.

Als ich das erste Mal mit meinem Auto zur Schule gefahren bin, hatte ich auch so ein Ritual. Ich bin in der Freistunde mit meinem neuen alten VW Golf zu McDonalds gefahren und habe einen BigMac gegessen. Gedacht war das ganze als Demonstration meiner neu gewonnenen Freiheit. Doof nur: ich war alleine, und eine der wichtigsten Sachen bei Ritualen ist, dass sie von anderen Menschen anerkannt werden müssen. So hockte ich da bei meinem BigMac und kam mir ziemlich blöde vor, denn was ist schon besonders daran, zu McDonalds zu gehen? Zumal meine Stufe irgendwann einen Holdienst für den Fast-Food-Laden im Ort eingerichtet hatte. Der exzessive Konsum von eher mittelmäßig mundenden Burgern und latent labbrigen Pommes Frites hat mich damals so angeekelt, dass ich beschloss, nie wieder “einfach so” beim großen M zu essen.

Via Flickr, by Jennifer

vegan Burger_JenniferEs muss ja auch niemand zu McDonalds gehen. Schon gar nicht, wenn es so leckere, vegane Alternativen gibt! (Der Burger ist vegan. Wirklich.)

Und ganz ehrlich: Der Konzern macht es mir auch recht einfach. Denn wenn ich nun überall die Werbung für den neuesten Streich des Quickservice-Systemgastronomen sehe, wird mir ein bisschen schlecht. McDonalds verkauft jetzt einen Bürger mit Bio-Rindfleisch. Keinen Bio-Burger, wohlgemerkt, denn nur das Fleisch ist Bio, Brötchen, Salat, “Käse”, all das bleibt weiterhin, nun ja, schmutziger Standard. Aber welchen Sinn macht es bitte, dass eine riesige Fast-Food-Kette mit 1.477 Filialen in Deutschland (Stand 2013) überhaupt ein Gericht anbietet, das irgendwie “Bio” ist? McDonalds ist Teil der Gastronomie-Industrie, da herrschen Standardisierung und Kosteneffizienz vor, weswegen eben nach industriellen Standards gearbeitet und verkauft wird. “Bio” passt da nicht so wirklich rein, oder?

Doch, eigentlich schon. Wenn “Bio” eben nicht mehr so wirklich ernst genommen wird. Mittlerweile hat jeder Discounter eine eigene Bio-Marke: Netto hat das wunderbar holzerhammermäßig benannte BioBio (damit es jede*r versteht), Aldi verkauft GutBio (diese Namen!) und Lidl präsentiert das “Biotrend”-Sortiment. Von denen hat jeder mehr Fillialen als McDonalds, irgendwas zwischen 2.168 (Penny) und 4.246 (Aldi). Die “Bio-Verräter” finden sich also nicht am Bahnhof, sondern in der Discounterfilliale zwei Straßen weiter.

Via Flickr, by Walmart

Bio im Supermarkt, oder “organic” bei Walmart: Wieviel Sinn macht eine Bio-Industrie?

“Bio” ist nun zu dem geworden, für das es eigentlich als Gegenentwurf diente: Die Agrarindustrie. Das Ziel war es, weg von Pestiziden und Saatgutwahnsinn, hin zu Naturverbundenheit und gesunder Ernährung zu gelangen. Bei einem Vergleich der verschiedenen Bio-Siegel mit dem “Meta-Siegel” der Europäischen Union fällt aber auf: Die EU sieht Bio etwas lockerer als beispielsweise Demeter oder Naturland. Vor allem in der Viehzucht fallen die Stallgrößen auf: Schweinen reicht laut EU 0,8 – 1,5 m² Stallfläche, Kühe dürfen schon 6m ² haben, bei Hühner passen nach EU-Recht 16 Tiere auf einen Quadratmeter. Ich stelle mir das irgendwie eng vor. Und zudem bleibt auch das schöne Zitat vom veganen Koch Björn Moschinski: “Auch der Biobauer streichelt sein Vieh nicht zu Tode”.

Den blödsinnigen Höhepunkt aber erreicht ein Artikel von Meedia: Dort wird die Werbekampagne zum McB. gelobt, die kritischen Stimmen kleingeredet. Während Kritik an der Kritik generell wenig kritisch ist, lässt einem die gezwungen positive Schlussfolgerung des Autors leicht den Mund ungläubig offenstehen. Denn dort heißt es, dass es doch gut sei, wenn McDonalds für die zeitweise größte Nachfrage nach Bio-Rindfleisch gesorgt hätte, was ja auch dazu führen würde, Bio “aus der Nische in den Mainstream zu bringen”. Ja, wo kauft der Mann denn ein? Hat der keine Augen im Schädel? Bio ist sowas von Mainstream, dagegen ist Helene Fischer ja Underground!

Via Flickr by Zachary de Gorgue

MountainssVielleicht hätte Helene Fischer als Punkerin mehr Pailletten?

Gerade weil massenhaft Bio-Produkte zur Auslage stehen, da Bio eben industriell produziert wird, taugt das Bio-Zertifikat nicht mehr wirklich. Das Bio-Siegel der EU mag zwar ein feiner erster Schritt sein, aber wirklich nachhaltig ist auch dieser Aufkleber nicht. Denn Bio-Paprika aus spanischen Gewächshäusern haben eine CO2-Bilanz, die so tief im Keller liegt, dass sie mit Helene Fischers Punk-Band in Untergrundklubs auftreten könnte. Viel sinnvoller ist es da, vor allem auf regionale Produkte zu setzen und nicht bei den großen Discountern mit ihren langen Vertriebsketten einzukaufen. Da lohnt es sich nach Frankreich zu schauen, dort werden nämlich verstärkt regionale Produkte in Supermärkten angeboten. Ausserdem sollten wir auf das Feigenblatt-Siegel der EU verzichten und stattdessen eher die “richtigen” Bio-Produkte von Demeter, Bioland oder Naturland zu kaufen.

Aber dabei fällt auf: Bio, also wirklich ökologisch nachhaltige, biologische Landwirtschaft ist teuer. Das sieht jede*r an den Preisen von “richtigen” Bioläden wie Alnatura, Denn’s und dergleichen. McDonalds-Bio, Discounter-Bio, das ist alles ein ausgelutschtes Ritual. Für, wie auch die Damen und Herren des großen M so treffend formulieren, ein paar “Spuren von gutem Gewissen”.

Kein Bock auf Superhelden

Batman tut es, Spiderman macht praktisch nichts anderes, Superman kann sich auch nur selten zurückhalten, sogar Iron Man und Thor tun es bisweilen. Nur Flash, der bleibt meisten auf dem Boden der Tatsachen. Alle anderen und noch viele Superheld*innen mehr hocken und fliegen über Hochhausdächer, lümmeln auf denen herum oder schwingen sich von Dach zu Dach. Als Superheld*in muss mensch wohl schwindelfrei sein.

Ich bin definitiv kein Superheld. Nach meinem Abitur habe ich im Zivildienst als Hausmeister in einem Krankenhaus gearbeitet. Dabei musste ich hin und wieder auf das Dach des fünfstöckigen Gebäudes hoch. Und stellte fest: Im Angesicht des steilen und tiefen Weges nach unten bin ich wohl nicht ganz schwindelfrei. Warum aber sind Dächer so anziehend für Superheld*innen und nicht zuletzt für die Bilderwelten von Filmen und Comics?

Natürlich hocken die da oben, weil es einfach ein schönes Bild ergibt. Comics und Filme sind ja auch nichts weiter als visuelle Medien, die von guten Bildern leben. Da wird die Realität schon mal hingebogen, um eine tolle Einstellung zu bekommen: Niemand muss sich ernsthaft fragen, was diese*r Held*in jetzt dort oben zu suchen hat. Trotzdem werden Held*innen immer wieder mit der Realität abgeglichen.

Das Präfix als Wesenskern

Dabei sollte mensch das möglichst vermeiden. Denn Superheld*innen leben von ihrem Präfix der Übertreibung, der völligen Abkopplung von der Realität und nicht zuletzt: vom Hype. Batman, Superman, Flash, Wonderwoman, Aquaman, Thor, Hulk, Spiderman, Black Widow – alle bilden sie Möglichkeiten der Realitätsflucht für Kinder und Erwachsene. Die funktioniert nur, wenn die Welten, in denen sie spielen, Fantastisches beinhalten.

Gänzlich fantastisch dürfen diese Welten allerdings nie sein, denn ein weiterer Reiz jener Figuren besteht in der Grenzüberschreitung. Nicht nur der menschlichen, körperlichen Grenzen, sondern auch der gesellschaftlichen und teilweise gesetzlichen Bestimmungen. Denn letztlich üben unsere Superheld*innen Selbstjustiz aus, bekämpfen ihre Gegner*innen im Alleingang und liefern sie – im besten Fall – höchstens mal bei der Polizei ab. Die Kollateralschäden, die dabei bisweilen entstehen, werden oft genug mehr oder weniger explizit ignoriert und damit der Allgemeinheit überlassen. Superman hat nun mal keine Haftpflicht.

Via Flickr by T K

superman arrestet_ T K“Das tut mir ja sehr leid, Herr Superman, aber dieses Hochhaus, dass sie gerade zerstört haben, kostete 800 Millionen Dollar. Wir müssen Sie leider mitnehmen. Ich bin mir auch nicht sicher, ob wir eine Kaution für sie beantragen können.”

Superheld*innen dürfen tun, was uns Alltäglichen versagt bleibt. Der Grund: Sie sind per Definition Avatare des Guten, setzen ihre Macht für das “Richtige” ein – zumindest sobald sie in ihr Kostüm geschlüpft sind – und sollten sie einmal Fehler machen, dann wird ihnen verziehen. Sie meinten es ja nicht böse. Ist ein*e Held*in mal moralisch fragwürdig, so wird sich darum bemüht, diesen Konflikt (teilweise ziemlich kompliziert und haarsträubend) wieder aufzulösen, damit am Ende einer Storyline wieder der Status quo ante herrscht. Sonst wäre das Publikum um sein Happy End betrogen.

Und genau das macht Superheld*innen für mich eher langweilig. Sie gewinnen immer, können gar nicht anders. All die Auswirkungen ihrer Handlungen sind immer temporär, am Kern des/der Held*in ändert sich nichts. Das entspricht natürlich auch den Wünschen der Rechtinhaber. Denn Superheld*innen sind nicht anderes als Marken ihrer jeweiligen Verlage. Und die haben ein Interesse daran, ihre Marken aufrecht zu erhalten und so möglichst lange möglichst viel Umsatz damit zu machen.

Wolverine ist tot – Es lebe Wolverine!

Max hat mal als Link dieses Interview von Glen Weldon empfohlen, in dem genau der Spagat zwischen erzählerischem Anspruch und wirtschaftlichem Interesse beschrieben wird. Letztlich sind Superheld*innen natürlich nur ein Unterhaltungsprodukt, wenn auch eines, das stark in die Popkultur eingedrungen ist und dank der Kulturindustrie um Film und Comics auf viele Leute einwirkt. Aber gerade diese Breitenwirkung würde Superheld*innen für tolle, gesellschaftlich relevante Diskussionen zu einem wunderbaren Objekt machen. Immerhin versuchen viele Comic- und Filmplots aktuelle Gesellschaftsthemen abzudecken, wie die Debatten um Sexismus oder Homophobie im Comicbereich zeigen.

Aber ausgenommen vom Sexismus müssen diese Diskussionen allerdings ins Leere laufen. Denn kein Rechteinhaber würde seine Hauptsuperheld*innen beispielsweise als homosexuell präsentieren. Zu groß wäre die Gefahr, dass sich Fans plötzlich vor den Kopf gestoßen fühlen würden. Deshalb sind auch nur zwei weniger wichtige X-Men in einer homosexuellen Beziehung, oder eine Grüne Laterne, die in einer anderen Zeitlinie existiert. Da ist der Mut von Marvel, Thor zu einer Frau umzuschreiben, schon wirklich bemerkenswert. Allerdings bleibt bei allen Diversifizierungsbemühungen immer der Verdacht, dass dies nur passiert, um neue Zielgruppen zu erschließen, also aus wirtschaftlichem Interesse.

Via Flickr, by amanda

cat money_amandaDenn jede*r CEO ist im Grunde eine geldgeile Katze.

Superheld*innen bleiben langweilig. Der beste Beweis dafür sind Geschichten wie Watchmen oder Kick-Ass, die Superheld*innen aus ihrer Übertreibungswelt herausholen und mit unserer Reallität konfrontieren. Das Resultat ist Kick-Ass’ Plot über die Unvereinbarkeit von übermenschlicher Selbstjustiz mit der gesellschaftlichen Existenz von Individuen. Watchmens “Comedian” ist ein Kommentar zur Machtfülle, welche Superheld*innen im Prinzip genießen und wie diese – im wahren Leben – korrumpieren würde. Und Dr. Manhattan beweist, dass Superkräfte dazu führen können, dass die Held*innen sich irgendwann gar nicht mehr für menschliche Belange interessieren.

Und vielleicht schauen Batman, Wonder Woman, Spiderman und Konsorten noch immer von Hochhausdächern auf die Normalsterblichen hinab. Wegen der Aussicht, der guten Bilder, die daraus entstehen und der Distanz zwischen ihnen und unserer Realität. Ist Schwindelfreiheit eigentlich eine Superkraft?

Die Disposition der Dialoger – Selbstausbeutung für das Gute?

Ich schäme mich ein kleines bisschen. Weil ich damals auf der Straße angesprochen wurde. “Hey”, meinte das Mädel, “du hast doch gerade bestimmt Zeit für Kinder!” stellte sie fest und sich mir in den Weg. Oh nein, rollte ich mit den Augen, wieder so ein Spendeneintreibegedöns, diesmal für die – ein Blick auf den Stand – aha, Malteser. Da ich immer irgendwie Mitleid mit diesen jungen Menschen habe, die auf der Straße Leute ansprechen müssen, ließ ich mich auf ein Gespräch ein. Es lief auch alles ganz gut, es ging um arme Kinder (natürlich!) in Afrika (wo auch sonst?) und ich konnte alle ihre Fragen souverän beantworten, Armut war schließlich mein Magisterarbeitsthema. Tja, nachdem wir uns lange unterhielten habe ich dann tatsächlich diesen Spendenschein unterschrieben. Szenenapplaus der Mitarbeiter. Und am Ende das blöde Gefühl, nicht Nein sagen zu können. Zum Glück war ich nicht der einzige, wie mir später meine Mitbewohnerin eröffnete, die sich auch von einem der Mitarbeiter hat überreden lassen. Zusammen haben wir dann ein wenig später doch noch Nein gesagt, und zwar zu den Maltestern: Wir haben ihnen unsere Einzugsermächtigung entzogen. Trotzdem bleibt der Makel, auf eine Verkaufsmasche hereingefallen zu sein.

“Dialoger” (meist exklusiv in der männlichen Form) ist die selbstgewählte Berufsbezeichnung der Straßenarbeiter, die mal mit Stand, mal mit Tablet in der  Hand, Spenden für gemeinnützige Organisationen eintreiben. Zu den Organisationen gehören Unicef, der WWF, Amnesty International, die Malteser, das Deutsche Rote Kreuz und noch einige mehr. Die Dialoger sprechen eine eigene Sprache: haben sie eine gesprächsbereite Person getroffen, dann versuchen sie diese zum “Schreiben”, also zum unterschreiben einer Einzugsermächtigung zu bringen. Flirten die Dialoger mit jemanden und bringen sie/ihn zum “schreiben”, dann ist das “Sexualschreiben”. Durchschnittlich erflogreiche Dialoger haben einen “Fünferschnitt”, besonders erfolgreiche einen “Zehnerschnitt”. Sie lassen also fünf oder sogar zehn Menschen pro Tag schreiben. Das ist wichtig, weil oft genug die jungen, kommunikativen Menschen im vermeintlichen Kampf für das Gute nach der Zahl ihrer Abschlüsse bezahlt werden. Weniger “Schreiber”, weniger Geld.

Die Dialoger, zum Reden genötigt – von mir

Mittlerweile rede ich mit den Dialogern über ihren Job, wenn ich angesprochen werde. Dann sagt mensch mir immer, dass diese Akkordarbeit ja nur gerechtfertigt sei. Greenpeace hätte die Leute mal nach Stunden bezahlt und die hätten den Verein im Endeffekt mehr gekostet als sie eingebracht hätten. Da wäre es sinnvoller, wenn die Menschen nach Leistung bezahlt würden. Was ich nicht so wirklich verstehen kann, weil die Leistung, da bis zu zehn Stunden auf der Straße zu stehen und Passant*inn*en anzusprechen – diese Leistung erbringen die Dialoger ja unabhängig von ihrem Erfolg. So seien die Regeln nunmal, entgegnet mensch da mir und viele würden ja auch etwas mitnehmen, über sich selbst lernen und Menschenkenntnis bekommen.

Wohlgemerkt: Meist kommen diese Argumente in der gleichen Form daher. Man lerne immer viel für sich, der Job sei schon anstregend und nicht für jeden, aber das Team immer super und man würde am Ende echt viel Geld verdienen. Ausserdem gehe es ja um eine gute Sache. Das Greenpeace-Argument habe ich in der Version übrigens schon bestimmt zweimal gehört, wenn nicht öfter. Ich habe daher den Verdacht, dass die Dialoger nicht nur im Verkaufen der “guten Sache” geschult werden, sondern auch in der Rechtfertigung ihrer Arbeit. Es gibt zwei interessante Artikel zum Komplex “Fundraising durch Dialoger”, einmal aus der Zeit (von 2012) und dann von der taz (aus dem Jahr 2013). Liest man sich, vor allem in der taz, die Kommentare durch, entdeckt man auch hier dieselben Argumentationsmuster. Darauf weist auch ein Zeit-Kommentator hin. Bemerkenswert ist bei der taz, wie massiv hier dem Artikel widersprochen wird.

Via Flickr by Shawn Hoke

street in snow_shawn hoke_kleinWie Schneematsch fielen die Kommentare auf den Artikel, Salz oder gar eine Räummaschine war leider nicht in Sicht. Armes Deutschland.

Und dann gibt es da noch die Seite “fundraising-erfahrungen.com” (übrigens ein wunderbarer Name für die Suchmaschinenoptimierung). Hier berichten angeblich ehemalige Dialoger über ihre Erfahrungen im Spendensammeln. Auch hier ist der Tenor positiv und die Erfahrungen einheitlich. Klar, die Seite gehört der Face2Face Fundraising GmbH in Wien, natürlich findet mensch dort nur positive Eindrücke. Schaut mensch aber auf neutrale Frageportale wie gutefrage.net, könnte man glauben, die selben Menschen, die bei fundraising-erfahrungen.com berichten, wären auch unheimlich aktiv auf diesen Seiten. Für mich steht fest: Da hat jemand Angst um seinen Ruf und deswegen ein aktives Social-Media-Team geschaffen. Und beeinflusst mit wahrscheinlich falschen oder zumindest manipulierten Kommentaren das Bild von sich selbst.

Die Gleichförmigkeit der “Erfahrungen” ist mir unheimlich. Vor allem das Argument “Ich lerne dabei auch unheimlich viel, über mich und andere Menschen.” Denn scheinheiliger kann man eine beschissene Arbeitssituation nicht schönreden. Laut den oben genannten Zeitungsreportagen und auch den Erfahrungen der Kommentatoren ist man bis zu 6 Tage unterwegs, steht von 10 bis 20 Uhr in großen Städten herum und spricht Leute an. Sonntags ist meist Reisetag zum nächsten Zielort. Geschlafen wird in “Unterkünften”, von denen ich bisher nur gelesen habe, diese seien “gewöhnungsbedürftig”. Und dann schwebt einem immer das Unheil über dem Kopf: Finde ich keine Leute, die “schreiben”, kriege ich kein Geld. Oder zumindest wesentlich weniger. Ganz zu schweigen davon, dass manche Fundraising-Agenturen mit Sicherheit Tester auf die Dialoger loslassen, weshalb diese ihre Texte mit beeindruckender Schnelligkeit herunterbeten können. Hier werden junge, idealistische Leute ausgebeutet. Damit die Dialoger das nicht mitbekommen, werden sie eben mit anderen zusammengesteckt, um sich selbst gegenseitig zu versichern, dass sie einen tollen Job machen. Die Möglichkeit, in Deutschland herumzureisen, wird zusätzlich als Erlebnis verkauft. Dass man nach 10 Stunden Leute anquatschen vielleicht keinen Bock mehr hat, weg zu gehen, um diese Stadt tatsächlich zu erkunden – das wird verschwiegen. Museen haben um diese Zeit eh nicht mehr auf. Am Ende gibt es Geld und so das Gefühl, die entbehrungsreiche Zeit hätte sich gelohnt.

Selbstbetrug – Was bleibt dem Menschen denn sonst noch?

Falls trotzdem Zweifeln am eigenen Tun und der Tatsache der eigenen Ausbeutung bestehen, so bleibt noch immer die letzte Bastion des Selbstbetrugs: “Ich habe ja auch was dabei gelernt.” Na toll. In welchem Job lernt ein Mensch, der wenigstens einen Hauch Selbstkritik besitzt, denn nichts über sich? Das ist kein Grund, sondern eine Selbstverständlichkeit. Die Tatsache bleibt: Dialoger wirtschaften nicht in die eigene Tasche, sondern in die Tasche der Agentur. Dialoger setzen sich nicht für eine gute Sache ein, sondern für ihre Agentur. Dialoger lernen viel über sich selbst, aber anscheinend nicht, dass sie – verdammt nochmal – nach Strich und Faden verarscht und belogen werden. Dass die Gründe, für die sie auf die Straße gehen, nur Vorwände sind.

Ich werde mich auch weiterhin von Dialogern ansprechen lassen und mit ihnen über ihren Job reden. Weil ich weiß, wie es ist auf der Straße Leute für eine bestimmte Sache zutexten zu müssen. Weil ich weiß, wie demotivierend das sein kann. Und weil ein entspanntes Gespräch jenseits von armen Kindern und ausbeutenden Agenturen auch mal angenehm ist. Aber ich will mich nie wieder schämen, weil ich auf eine Verkaufsmasche hereingefallen bin. Das zumindest habe ich dabei gelernt.

Featured image by Pedro Szekely

Aufreger der Woche – Clickbait

Facebook. Twitter. 9gag. Der Feed ist vermutlich die Hauptinformations- und Unterhaltungsquelle unserer Zeit. Das Besondere an diesen Feeds ist oft, dass sie personalisiert sind. Gerade Facebook und Twitter sind, als soziale Netzwerke, höchst individuell. Das habe ich zuletzt erst wieder gemerkt, als die Biernominierungen beim größten sozialen Netzwerk grassierten. Anscheinend tauchten die bei allen anderen Menschen im Feed auf, nur bei mir nicht. Meine Güte, war ich darüber froh.

Wenn du diesen Abschnitt liest, wirst du für’s Leben lernen

Der neueste Schrei sind “bewegende” oder “lustige” Posts von diversen Webseiten, die einen für den Klick mit ganz emotionalen Videos oder wahnsinnig witzigen Listenartikeln und animierten GIFs belohnen. Herausragendes Merkmal sind dabei die Überschriften, oft gestaltet nach bestimmten Prinzipien, welche auf dem niedrigsten Niveau die menschliche Neugier ansprechen, nur um die Ahnungslosen auf ihre Seiten zu locken. Mein Feed hat die erste Welle – in Form von Buzzfeed und Upworthy – davon mitbekommen, aber noch ganz gut überstanden. Auf dem Kamm der zweiten Welle reitet momentan ein Name: Heftig.co. Es ist aber nicht nur diese Webseite mit kolloquialem Namen (übrigens angemeldet in Kolumbien, aber bestückt aus Potsdam), sonder auch Likemag oder Storyfilter, die mit Clickbait ihr Geschäftsmodell gefunden haben. Denn diese Seiten haben einen unglaublichen Erfolg in sozialen Netzwerken, wo ihre “Inhalte” millionenfach geteilt werden. Ausser von meinem Freunden im Facebook-Feed, wofür ich ihnen übrigens sehr dankbar bin.

By moirabot, via Flickr.com

thank you_moirabotDa Anni irgendwie auf Schilder mit Aufschriften zu stehen scheint. Bitte. Danke.

Diese Welle aber hat eingeschlagen. Der Tumblr-Blog heftigstyle dokumentiert eindrücklich, dass es mittlerweile nicht mehr die üblichen Verdächtigen sind, sonder auch “etablierte” Medien bereits zu den Bullshit-Kolportierern gehören. Damit springen jene gerade auf den Güterwaggon auf, welcher die Säue regelmäßig in den zahllosen Dörfern abliefert, um sie durch selbige zu treiben.

Also, Clickbait-Schlagzeilen sind der neue heiße Scheiß. Aber warum die Aufregung? Sind doch nur nette Geschichten…

Ja. Genau. Nette Geschichten. Inhaltsleere Hüllen, von denen aber suggeriert wird, dass sie die Welt, zumindest aber unser Leben verändern. Der suggerierte Eindruck auf unser Leben/die Welt ist riesig, der tatsächliche existiert nicht. Denn dieser Bullshit versinkt genauso schnell in der Versenkung wie die Wegwerf-Memes auf 9gag. Zugegeben: Die Nicht-Inhalte dieser Webseiten sind die perfekte Ablenkung für eine Gesellschaft mit Kollektiv-ADHS, die sich zwar nach Waldeinsamkeit sehnt, dafür aber leider keine Zeit hat. Romantik kostet schließlich Geld. Stattdessen konsumiert diese Gesellschaft lieber Fast-Food-Unterhaltung, die nach drei Mal Wischen mit dem Daumen wieder nutzlos geworden ist.

Diese Überschrift hat mich wirklich tief bewegt. Vor allem der zweite Teil.

Betrachten wir einmal, was da eigentlich geschieht durch so eine Überschrift. Da wird ein Hype aufgebaut, der am Ende ohnehin nicht eintritt. Der vermeintliche Inhalt wird derart überhöht, dass das Versprechen der Schlagzeile gar nicht eingelöst werden kann. Aber das ist ja auch das perverse Prinzip dahinter. Es geht schlichtweg nicht um den Inhalt. Der ist nur Mittel zum Zweck des Klicks. Denn dieser generiert Reichweite, Reichweite bedeutet höhere Werbeeinnahme, was wiederum mehr Gewinn für die Betreiber bedeutet. Wir, die wir uns nach einer etwas besseren Welt sehnen, werden durch Schlagzeilen-Prophezeiungen von Upworthy und Co. zum Klick geködert, nur um genau die Maschine am Leben zu erhalten, die für unsere Misere sorgt.

Eine Seite wie Heftig.co ist dabei selbst auch nur Mittel zum Zweck. Denn Werbung wird dort nicht geschaltet. Was verdienen als die beiden Potsdamer Unternehmer dahinter? Nichts. Noch nicht. Denn der riesige Medienrummel um diese Seite hat für genug Aufmerksamkeit gesorgt, dass sich das Portal ziemlich schnell ziemlich weit nach vorne in den Social-Media-Charts katapultiert hat. Wollen die beiden nun ihr Konzept zu Geld machen, brauchen sie sich nicht mehr allzu sehr anzustrengen. Geniale PR, das muss man den Leuten lassen.

By Winefolly.com, via Flickr.com

greedy waiter_WineFolly.comSo in etwa stellen ich mir die beiden Herren hinter Heftig.co vor.

Nun, mag mensch einwenden, ist doch alles nicht so schlimm. Die Aufregung ist umsonst, denn irgendwann haben sich die Leute sattgesehen an diesen Hypemonstern und sind quasi immunisiert gegen die Effekthascherei der Bullshit-Fabriken. Auch ich hoffe, dass dieser Moment eintritt. Vielleicht ist das alles irgendwann vorbei. Aber welche Menschen klicken sich dann noch durchs Netz? Emotionslose Hüllen, die an nichts mehr glauben und kein Vertrauen in irgendwas besitzen, weil sie gelernt haben, dass kein Hype es jemals ernst gemeint hat? Dass es beim Internet nicht mehr um Ideale wie Freiheit für alle, Transparenz, Vernetzung, Revolution geht, sondern nur noch um kalten Profit für die wenigen, die keine Skrupel haben, uns, ihre Mitmenschen, lediglich als Mittel zu ihrem eigenen egoistischen Zweck zu gebrauchen? Menschen, die letztlich von allem und dem Leben im speziellen enttäuscht sind?

Mag sein, dass ich die Wirkung von Clickbait-Webseiten in dieser Hinsicht überschätze. Aber für mich ist der „Erfolg“ dieser Seiten das beste Indiz dafür, dass wir Gefahr laufen, gänzlich verschluckt zu werden. Verschluckt nämlich von einer Wirtschaft, die uns mit personalisierten Feeds so etwas wie Individualität vorgaukelt, es ihr aber eigentlich nur um unsere monetäre Verwertbarkeit geht.

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