Emotion vs. Verstand

Es ist “witzig” wie bei frauenpolitischen Debatten fast immer mit ihrem Beginn die Emotionalitätskeule geschwungen wird. Die Diskussion sei zu aufgeheizt, sie würde mit ‘Schaum vor dem Mund‘ geführt, sie sei zu emotional. So komme man* ja nicht weiter, heißt es außerdem. Frauen sind einfach zu hysterisch, wenn es um “ihre” Themen geht. Die können halt nicht anders.

Wenn ich jetzt zurecht darauf hinweise, dass die Menschen über Twitter (mit #wiesmarties) aus guten Gründen ihre Wut ablassen, dann bin auch ich laut dieser (hauptsächlich) männlichen Kritiker nicht rational. Und natürlich können nur auf einem ruhige, rationale Weise, die Fragen zur Pille danach beantwortet werden. Das Problem bei dieser bescheuerten unreflektierten Argumentationsstrategie ist, dass sie erstens ein altes sexistisches Stereotyp reproduziert und zweitens an den eigentlichen Problemen vorbei geht. Anstatt zum hundertsten Mal das Bild der hysterischen Frau zu bemühen (und somit in die gute alte Geschlechterklischeekiste des 19. Jhrd. zu greifen), könnte man* auch einfach mal zuhören. Warum sind diese Frauen* und Männer* so wütend?

Via flickr by Troy C. Boucher Photography

rSie haben gute Gründe!

Die Realität in Deutschland

Es macht einen wütend, wenn Argumente und Fakten auf deiner Seite sind und niemand zuhören will. Wenn du immer wieder diese Punkte wiederholst und darauf nur mit “Ja, aber…” geantwortet wird. Die Pille danach ist ein Notfallverhütungsmittel, dass so schnell wie möglich nach dem unverhüteten Verkehr eingenommen werden muss. Zeit ist der Schlüsselfaktor.

Wenn Jens Spahn (nach seinem widerlichen fragwürdigen Smarties-Kommentar) jetzt in der ZEIT auf die hohe Arztpraxendichte in Deutschland verweist, wird mit mir so manch eine Frau* lachen. Denn der Arzt muss erst einmal offen haben. Und wenn frau* dann doch gezwungen ist, ins Krankenhaus zu gehen, dann kann sie froh sein, wenn dieses nicht in katholischer Trägerschaft ist. Bis vor kurzem gab es die Pille danach dort nämlich nicht einmal nach einer Vergewaltigung. Viel wichtiger ist aber: nicht jede*r lebt in einer Großstadt. Gerade für Frauen, die außerhalb großer Städte wohnen, ist die rezeptfreie Pille danach eine Erleichterung. Nicht umsonst werden in ländlichen Gegenden händeringend Mediziner*innen gesucht.

Via flickr by Little Blue Penguin

sDer Kommentar wird nicht besser mit der Zeit…

Unabhängig davon geht es aber bei dieser Debatte, wie auch bei der Diskussion um Abtreibungen, um das Recht am eigenen Körper. Warum wird den Frauen die Autonomie abgesprochen über ihren Körper, ihre Zukunft und ihr Sexualleben zu entscheiden? Haben die männlichen Kritiker mal darüber nachgedacht, was in einer Frau vorgeht, wenn es zu einem ‘Unfall’  kommt? Die Angst, dass es Konsequenzen geben wird? Der Schrecken davor, die Pille danach nicht rechtzeitig zu bekommen? Die Horrorszenarien, sollte es zur Schwangerschaft kommen? Will ich das Kind bekommen, kann ich das Kind bekommen, habe ich überhaupt eine*n Partner*in dafür? Würde ich das Kind allein großziehen? Habe ich überhaupt einen Zugang zur Abtreibung, denn in katholischen Krankenhäusern wird diese zum Beispiel nicht durchgeführt! All diese Gedanken schießen einer Frau* durch den Kopf.

Zusätzlich muss frau* für die Pille danach nicht nur zum*zur Arzt*Ärztin/ins Krankenhaus und dort unvorhersehbare Wartezeiten hinnehmen, sie muss danach das Medikament in der Apotheke kaufen. Ein weiterer Zeitfaktor, den man* in seinen Alltag integrieren muss, neben Studium, Arbeit, Familie oder Schule. Die Rezeptfreiheit würde diesen Prozess erheblich vereinfachen.

Geht es wirklich um die Gesundheit der Frauen*?

Auch frage ich mich, was soll dieses Argument des Arzt*Ärztin-Patienten-Gesprächs? In der Regel bekommt man* die Hinweise zu Nebenwirkung und Einnahme vom medizinischen Personal und dem*der Apotheker*in. Fakt ist aber, dass Apotheker*innen oft genauso gut, wenn nicht sogar besser über die Inhaltsstoffe und ihre Wirkung Bescheid wissen als die Ärzte und Ärztinnen. Das macht ja auch Sinn, es ist schließlich ihr Job!

Manchmal wirkt es fast, als würde es bei der Debatte mehr um die Ehre, das Prestige und die Finanzen des*der deutschen Arzt*Ärztin gehen als um die Verhütung. Denn man könnte ja Patientinnen verlieren, wenn diese nicht mehr für die Pille danach in die Praxis kommen würden. Fakt bleibt auch, dass Frauen im Krankenhaus oft von einem*einer fachfremden Arzt*Ärztin beraten werden. Eine umfassende individuelle Betreuung wird auch hier nur schwerlich möglich sein.

Die Frage aller Fragen

Letztendlich bleibt aber das stärkste Argument, dass es in sehr, sehr vielen europäischen Ländern die rezeptfreie Pille danach gibt und das zu guten Ergebnissen geführt hat. Nicht nur sinken die Abtreibungsraten tendenziell, sondern es gibt auch keinen der befürchteten ‘Missbräuche’.

Ich frage Sie also, Herr Gröhe (und auch Sie Herr Spahn): warum haben Sie so ein Problem mit der rezeptfreien Pille danach? Es gibt weder empirische, noch rationalen Gründe, die Pille danach nicht rezeptfrei werden zu lassen. Sind es also nicht emotionale Bedenken, die Sie zurückhalten? Ich gebe Ihnen einen Tipp: emotionale Debatten führen zu nichts, das endet nur mit Schaum vorm Mund. Hören Sie also bitte auf Ihren Verstand. Deutschlands Frauen* werden es Ihnen danken!

Für alle, die dieser Meinung sind: Petition unterschreiben!

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7 Comments

  1. Kontinentaldrift

    “Frauen sind einfach zu hysterisch, wenn es um “ihre” Themen geht. Die können halt nicht anders.”

    Stimmt. Leider! Wenn es mal eine feministische Aktion in die Medien schafft, dann ist es keine von Sachlichkeit geprägte. Halbnackte beschmieren sich mit Sprüchen und zappel kreischend, “one billion” will Probelem wegtanzen, wieder ließen sich als “sluts” von der Presse feiern. Auch der Hashtag #aufschrei hießt ja nicht #debatte oder #problemlösung.

    Was meinst du, welchen Eindruck solche Aktionen in Sachen Emotionalität vermitteln?
    Da brauch sich doch niemand über ein Frauenbild aus dem 19. Jh. wundern, wenn dieses Bild von Frauen selbst so vehement reproduziert wird.

    • Anni

      Ich finde, dass man* differenzieren muss zwischen dem Label ’emotional’ und Aktionen die Betroffenheit und Gewalterfahrungen sichtbar machen sollen. Auch habe ich kein Problem damit, wenn jemand auf eine Erfahrung aufmerksam macht und dabei emotional wird. Aber ich habe ein Problem damit, wenn Frauen* jedes Mal vorgeworfen wird, dass sie zu ’emotional’ sind, wenn sie auf Ungerechtigkeiten aufmerksam machen, während die andere Seite genauso ’emotional’ Gerechtigkeit verwehrt und sich nur hinter vermeintlichen rationalen Argumenten versteckt. Anstatt über Emotionalität zu diskutieren sollten wir darüber sprechen warum Menschen wütend, verletzt oder verängstigt sind, dafür gibt es nämlich reale, faktische Gründe.

      • Kontinentaldrift

        Die öffentlich Wahrnehmung differenziert aber nicht. Wer sich öffentlich klischeehaft emotional zeigt, wird nicht ernst genommen und sollte sich darüber im Klaren sein, dass solche Aktionen keinen Respekt für Frauen hervorbringen, sondern letztlich genau die Steretype reproduziert werden, die zu Ungerechtigkeiten führen.

        • Anni

          Aber willst du den Menschen mit Diskriminierungserfahrungen das Recht absprechen diese zu äußern um auf das Problem aufmerksam zu machen, nur weil das System noch immer in vielen Aspekten frauenfeindlich ist und jede (auch ruhig vorgebrachte) Äußerung dieser Art als zu emotional abstempelt? Ich für meinen Teil möchte, dass sich die Art wie wir über solche Themen sprechen ändern, damit wir die eigentlichen Probleme lösen können.

          • Kontinentaldrift

            Ich spreche niemandem etwas ab, sondern zeige auf, dass o.g. genannte Aktionen nicht von Sachlickeit geprägt sind oder waren und somit den Kritikern, die Frauenanliegen genrell als “emotional” diffamieren, in die Hände spielen.

            Wer sich emotional darstellt, wird emotional wahrgenommen und sollte sich nicht darüber beschweren, denn diese Wahrnehmung ist selbst herbeigeführt.

  2. Das mit der Großstadt vergisst man(n) leider sehr schnell, hier ist es tatsächlich wesentlich einfacher ein Rezept zu bekommen. Ich finde auch, wenn man ein Krankenhaus zur Verfügung hat, dass nicht katholisch ist, ist die Hemmschwelle noch wesentlich höher, deshalb ins Krankenhaus zu fahren. Vielleicht kein hieb- und stichfestes Argument, aber ich denke, man hat wenn man die Pille danach nehmen muss, schon genug Probleme am Hals, warum das Ganze unangenehmer gestalten, als es sein müsste?

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