Und ewig grüßt das Sommerloch

Obwohl Xbox, Playstation und allen voran Steam den Sommer für Game-Bundles und Sonderangebote aller Art nutzen, ist das ein Hinwegtäuschen über den Mangel an erscheinenden Spielen. Der Sommer ist die Jahreszeit, in welcher Kritiker, die wöchentlich Videos liefern auch gerne mal Pause machen oder sich unbekannten Indie-Titeln und alten Lieblingen oder Hass-Games widmen. Wie man es auch nimmt. Der Sommer ist für Gamer (wie auch für Film-Freunde) Urlaub vom geliebten Hobby. Das heißt im Umkehrschluss, dass man bei regelmäßiger Berichterstattung schwer gute Themen findet, um nicht in der (oftmals peinlichen) Belanglosigkeit zu landen.

 Dieses ist abermals beim großen Branchenvertreter Gametrailers passiert. Die Seite setzte im Verlauf des letzten Jahres vermehrt auf Content, der aus dem eigenen Haus kommt. Neben der immer wieder unterhaltsamen „Pach-Attack“ mit Branchenexperte Michael Pachter hat sich neben Marcus Beers „Annoyed Gamer“ auch Kyle Bosmans „The Final Bosman“ etabliert. Das sind allesamt nette, kleine Shows für Gamer, die unsere gierigen Köpfe mit Ideen und Diskursen füllen. So darf Games-Unterhaltung sein. Leicht verdaulich, interessant und nicht so überladen wie viele der oftmals knapp einstündigen Shows wie „Bonus Round“ und „Invisible Walls“ (oder unser letzter Podcast).

Via Flickr by PlayStation Europe

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Farbenfroh gibt sich der Sommer bei Sony, Microsoft und Valve, aber meistens sind die Angebote aus der letzten Saison

 Es gibt aber auch sehr schlechte Möglichkeiten den eigenen „Content“ anzuschrauben. Inzwischen glücklicherweise wieder eingeschlafen sind die „Memos“, die sich an diverse Publisher richteten, was diese denn besser machen sollten. Diese waren seltenst ernstzunehmen, da der Games-Journalismus den Sprung zur Journalismus-Ebene hoffnungslos verfehlte und z.B. beim Memo an „Square Enix“ natürlich auf Fanboy-Themen wie „wo bleiben Kingdom Hearts 3 und Final Fantasy Versus XIII“ herum ritt. So klingen Kommentare unter Einträgen, aber nicht Einträge selbst, liebe Kollegen.

 Die Krone setzt sich Gametrailers gerade wieder mit der Klick-Beute „The Final Verdict“ auf. Halbgare Behauptungen und unverdaute Ideen werden in den Raum geworfen und Stellungnahmen zu diesen erarbeitet. Anstatt „The Final Verdict“ dem Titel entsprechend so zu kreieren, dass man ein Spiel rückblickend (auch genannt: Recap) betrachtet und es erneut einer Qualitätskontrolle unterzieht, gibt sich die neue „Reihe“ mit Apfel-Birnen-Vergleichen und neuestens mit der Namensvergabe von Spielen ab.

 Allein in der ersten Ausgabe von „The Final Verdict“ wurde eine gute und grundlegende Diskussion geschaffen. Wie finden die Redakteure das originale Ending von „Mass Effect 3“, welches für Kontroversen unter Zockern sorgte. Stimmt, interessiert nicht jeden, aber wir haben eine nachgewiesenermaßen viel diskutierte Grundlage und können das Ganze reflektiert betrachten. Dass die Gametrailers-Redaktion meint, sie müssten Punktestände einführen, ist leider wieder eine ganz andere Baustelle.

Via Flickr by Chi (in Oz)

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Die Grenze zwischen Fanboy und Journalist sollte doch eigentlich leicht zu ziehen sein…

 Nach dieser ersten, nachvollziehbaren Sendung haben sich viele Themen zum Ende einer Generation angeboten. Sind frühere Bestenlistenlieblinge wie „GTA IV“ oder „Metal Gear Solid IV“ aus heutiger Sicht noch solche Kracher oder haben sich die jeweiligen Genres so entwickelt, dass man diese einstigen Top-Titel (man schaue sich nur die Punktevergaben weltweit an) nicht mehr an die Spitze stellen kann? Beäugt man heutzutage „Bestenlisten“ für jeweilige Plattformen findet man diese beiden Titel nur noch selten in den Top 3, wobei sie doch auch auf Gametrailers nahezu unantastbare Punktestände erreicht haben.

 Aber nein. Gametrailers vergleicht „Super Mario Bros. 3“ mit Super Mario World und schon fragt man sich ernsthaft, wie man bezahlte Redakteure ernst nehmen soll, die zwei nachweislich sehr gute Jump’n’Run-Titel der gleichen Reihe mit doch nennenswerten Änderungen in einen Topf schmeißen. Wer die Hinzunahme von Yoshi (und seinen verschiedenfarbigen Verwandten mit Spezialfähigkeiten) brillant fand, der wird nicht um „Super Mario World“ kommen. Wer dagegen hoffnungslos in die Luftschiff-Bosslevel und den Waschbär-Anzug (unter „wahren“ Fans Tanooki-Anzug) vernarrt war, entschied sich für das ebenfalls exzellente „Super Mario Bros. 3“. Es fehlt wirklich nur noch der haarsträubende Vergleich zwischen „Mario 64“ und den „Galaxy“-Teilen mit den 2D-Vertretern, um aus bloßen Vorlieben eine scheinbare Diskussion zu basteln.

 Die danach folgende Ausgabe wartete mit dem herausfordernden Titel auf, ob „Red Dead Redemption“ das beste „GTA“ ist. Zu diesem Zeitpunkt kann man nur enttäuscht mit dem Kopf schütteln, wie sehr sich die Redakteure von Fan-Foren-Diskussionen mitreißen lassen, anstatt selbst für Qualitätskontrolle zu sorgen. Ich selbst habe mich schon dazu geäußert, dass ich von der Spielmechanik her „Red Dead Redemption“ ganz klar von „GTA IV“ sehe (wobei durch die „Episodes From Liberty City“ viel Boden gutgemacht worden ist). Aber ein Vergleich zwischen einem Großtstadt-Gangster-Setting und einem Western!?

Via Flickr by ~My aim is true~

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Äpfel, Birnen, Western… alles das Gleiche!

 Man kann doch auch nicht erwarten, dass es vernünftige, ansatzweise objektive Ergebnisse einer Umfrage gibt, wenn man Scorseses „The Departed“ und „Todeszug nach Yuma“ in den Wettbewerb stellt. Beide Filme haben Action mit Schusswaffen, aber das Setting ist grundverschieden. Wie verblendet muss man sein, um aus diesen Spielen einen direkten Vergleich ziehen zu wollen? Dass die Spiele aus dem gleichen Haus sind (Rockstar Games), ist ein nicht viel passenderer Vergleich als wenn man „The Avengers“ und „John Carter“ direkt miteinander vergleichen will. Nur weil Disney hinter beiden Projekten steht, heißt das nicht, dass die Filme das gleiche Ziel haben.

 Neben dem berühmten Vergleich von Apfel und Birne haben sich die Kollegen von Gametrailers dann aber mit der neuesten Ausgabe selbst übertroffen und „The Final Verdict“ qualitativ beerdigt. Die Frage, ob „Final Fantasy XV“ besser hätte „Final Fantasy Versus XIII“ heißen sollen, ist nicht einfach nur unnötig wie das berüchtigte Loch im Knie. Nein, von bezahlten Games-Journalisten hätte man erwarten dürfen, dass die Ziffer „XIII“ zwangsweise aus dem Titel verschwinden wird.

 Anhaltspunkt dafür war der nur in Japan erschienene Titel „Final Fantasy Type-0“, der ursprünglich unter dem Arbeitstitel „Final Fantasy Agito XIII“ entwickelt wurde. Da die Verbindungen zum Hauptteil allerdings sehr lose sind und weder Charaktere, noch die im Hauptteil behandelte Welt eine Rolle spielen, hat man sich dafür entschieden den ursprünglich als Teil einer Compilation gedachten Zuwachs eigenständig zu machen. Damit wurde auch auf den international mäßigen Erfolg von „Final Fantasy XIII“ bei Fans reagiert. Damit ist die Entscheidung, die Spiele umzubenennen ein Zug, den Gametrailers mehr oder minder in ihrem „Memo“ hätte empfehlen müssen.

Via Flickr by Image Editor

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Journalismus könnte so einfach sein…

 Es ist schade, dass der Games-Journalismus sich weiterhin an die Gepflogenheiten des oftmals sehr auf Meinungsmache zugeschnittenen Film-Journalismus hält. Dass die Branche mehr hergibt, weil man im Gegensatz zu Filmen als Spieler selbst aktiv Teil am Produkt nimmt, lässt sich weiterhin nahezu nur in den wie Youtube-Shows produzierten Sendungen erkennen. „Pach-Attack“, „Annoyed Gamer“ und manches Mal auch „The Final Bosman“ sind kluge Unterhaltung, die nicht auf überflüssige Umfragen setzen (müssen).

 „The Final Verdict“ hätte eine brauchbare Erweiterung sein können, denn oftmals muss man berechtigterweise auch nach einem gewissen Zeitraum auf Spiele und Entwicklungen in der Branche zurückblicken und neu bewerten. Diese Vorgehensweise hat der Titel „The Final Verdict“ versprochen, ist aber grandios am eigenen Selbstverständnis gescheitert. Jeder hat mal eine schwächere Ausgabe (habt ihr schon mal unsere Podcasts gehört?), aber was sich am Beispiel von Gametrailers’ neuer Reihe beobachten lässt, ist wie der Games-Journalismus häufig gar nicht mehr versucht Journalismus zu sein. Brav und artig wie diverse Magazine werden die Konsumenten mit ihren eigenen Meinungen gefüttert und alle bleiben glücklich…

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2 Comments

  1. Thomas

    GameTrailers ist leider hauptsächlich gerade für das gut, was der Titel verspricht: Eine Videospiel Trailerdatenbank. Ich habe die Seite aus diesem Grund auch schon lange nicht mehr für irgendetwas anderes genutzt.

    Für intelligente Diskurse, Meinungen und echten Journalismus bieten sich eher Seiten wie The Escapist und Destructoid an. Allen voran die Beiträge von Jim Sterling, der mit seinen gleichermaßen intelligenten wie wütenden Videokolumnen “Jimquisition” auf beiden Seiten vertreten ist und es regelmäßig schafft, den Mittelfinger in die Wunden der Videospielindustrie zu drücken.

    • Max

      Ja, das trifft wohl zu. Auch die Reviews sind eine starke Hit-and-Miss-Geschichte. Es ist einfach nur schade zu beobachten, wie viele Journalisten in der Unterhaltungsbranche weiterhin die bisherige Außendarstellung rechtfertigen.

      Deine Tipps treffen bei uns im Team bei Johannes auf Gehör. Der gibt sich regelmäßig den guten Jim. Mein Ding ist er nicht so. Dafür habe ich an ihm allerdings auch selten so viel auszusetzen, dass ich mich genötigt fühle einen ganzen Post zu verfassen! ;)

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