Aufreger der Woche – Kopfhörer

Ich weiß nicht warum, aber Ringe haben auf mich schon immer eine gewisse Faszination ausgeübt. Vielleicht lag es am „Kleinen Hobbit“, dem ich in meiner Kindheit als Hörspiel lauschte. Oder an Werktiteln wie dem „Ring der Nibelungen“ oder dem „Herrn der Ringe“, die mensch als kleines Kind peripher wahrnimmt; Oder vielleicht an einem irgendwo im Unterbewusstsein steckenden Bild der Grünen Laterne mit ihrem magischen Ring, der auf alles einwirken kann, ausser es ist gelb (die Grüne Laterne war mir immer irgendwie suspekt); Oder an Captain Planet und seinen Umweltjüngern; Oder einfach an der Tatsache, dass Ringe in der westeuropäischen Kultur eine besondere Bedeutung umgibt und sich diese auch bei mir niederschlug, und zwar in der Zuschreibung überirdischer Kräfte an Ringe generell. Was ich dabei natürlich total verpeile: Ringe sind Modeaccessoires.

Dabei sind diese Bänder aus (Edel-)Metall noch ein sehr klassisches Accessoire. Genau wie Ketten, Armbänder, zum Teil Hüte, Gürtel und ihre Schnallen usw. Der Mensch hat im Laufe der Zeit viele kleine Schmuckstücke entworfen. Wichtig ist hier tatsächlich die Beschreibung als „Schmuck“-Stücke, denn oft dienen diese allein der Zierde und erst im Nachhinein werden ihnen besondere Bedeutungen verliehen, wie beispielsweise beim Siegelring oder der Bürgermeisterkette. Ja, vielleicht kann man davon ausgehen, dass sich höhere Kultur erst durch die Anfertigung reiner Ziergegenstände äußert, die keinen weiteren Nutzen haben, als schön auszusehen. Mit Sicherheit ist es keine bahnbrechende Vermutung, dass ästhetisches Empfinden in der Bedürfnispyramide des Menschen ganz oben (und damit als eine der letzten Bedürfnisse) rangiert und daher die Entstehung ästhetischer Verzierungen für ein bestimmtes kulturelles Niveau bezeichnend ist.

Im wahrsten Sinne des Wortes eines Hoch-Kultur, die alten Griechen. Via Wikimedia

Deswegen ist es wahrscheinlich wenig erstaunlich, dass wir Menschen, in den zumeist gesicherten Verhältnissen, in denen wir existieren (natürlich abzüglich der ungefähr 1/5 der Weltbevölkerung, die in absoluter Armut leben müssen), sehr viele Schmuckstücke entwerfen, deren eigentlicher Nutzen nur noch zweitrangig ist. Ein schönes Beispiel ist der Schal. War dieser früher noch ein wichtiger Kälteschutz und fast überlebenswichtig, ist er heute degeneriert zu einem Stückchen Stoff, dass locker-flockig um den Hals geschlungen wird und wozu mensch auch gerne mal ein einfaches T-Shirt trägt. Ist ja Sommer. Somit wurde der Schal von diesen hippen Modewichsern in seiner ursprünglichen Funktion ad absurdum geführt und unterzieht alle Menschen mit Geschmack, zumindest jedenfalls aber mich, jedes mal einer visuellen Vergewaltigung.

Und dann sind da noch die Kopfhörer. Kopfhörer sind tatsächlich älter als viele glauben, denn bereits in der Frühzeit des Radios (um 1920) wurde dieses nur über Kopfhörer gehört. Erst später kamen Lautsprecher auf, wodurch das Radio übrigens vom direkten Medium zum sogenannten „Nebenbeimedium“ mutierte. Aber dies nur nebenbei.
Lange Zeit existierten in erster Linie Muschelkopfhörer, also diese mehr oder weniger großen Dinger, die man sich um die Ohren legt, wir alle kennen sie wenigstens noch aus der Zeit des Walkmans. Es gibt aber auch die sogenannten Earbud-Ohrhöhrer, kleine unauffällige Dinger die man sich in die Ohren steckt. Eine Zeit lang, so ist jedenfalls mein Eindruck, gab es fast nur noch Earbud-Hörer und die Muschelkopfhörer waren reserviert für den Heimgebrauch.
In letzter Zeit ist es aber immer mehr zur Regel geworden, dass diese großen Kopfhörer auch mobil verwendet werden, teilweise in grotesken Größen. Letzte Woche sah sich sogar einen jungen Jogger, der mit seinen Vintagestyle Muschelkopfhörer schwitzend die Straße entlanglief. Ich hätte ihn gerne angehalten und gefragt, wie er denn ordentlich mit den Dingern auf dem Kopf laufen könne, schließlich würde die doch ständig verrutschen. Beim nächsten Mal, vielleicht.

So in etwa fühlte ich mich innerlich, als ich das sah. Via Stephen Poff

Ein anderes Mal stieß ich in einer Tanzlokalität beim totalen Abspacken auf einen jungen Mann, der in ebendiesem Etablissement noch seine Kopfhörer um den Hals hatte. Und ich habe auch Geschichten von irgendwelchen, anstandslosen Kackbratzen gelesen, die ihre Kopfhörer noch nicht einmal während eines Referates von ihrem Hals entfernten. Sie hielten das Referat selbst, wohlgemerkt.
Ich kann bis zu einem gewissen Grad verstehen, warum Menschen große Kopfhörer mögen. Vielleicht, weil sie den Sound besser finden. Vielleicht, weil sie empfindliche Ohren haben und sich da nichts reinstecken möchten. Vielleicht kamen die Muschelkopfhörer einfach mit dem Audiogerät, dass sie sich gekauft haben. Aber warum werden diese überdimensionierten Kopfhörer beim Joggen getragen? Warum sind Kopfhörer mittlerweile zu einem fucking Modeaccessoires geworden? Ansonsten könnte mensch sie ja auch ausziehen, z.B. bei einem Referat oder im Club! Aber nein, da ihr Spastis euch ja diese Riesendinger zulegen musstet, bekommt ihr sie nirgendwo unter und tragt sie wie eine halbe Kette um den Hals. Herzlichen Glückwunsch, ihr tapferen Jäger, ihr habt den großen Audio-Tiger erlegt und tragt nun eure Beute um den Hals!

Und der Soundunterschied ist auch ein ziemlich schlechtes Argument. Mit Sicherheit ist die Hörqualität bei Muschelkopfhörern besser, aber überlegt doch bitte mal, wo ihr die Musik dann hört. In der U-Bahn, beim Joggen, im FUCKING CLUB! Da könnte ihr doch meisten froh sein, wenn ihr überhaupt etwas hört, bei den ganzen Nebengeräuschen, da verbessert sich die Qualität auch nicht durch eure Muschelkopfhörer. Wenn ihr eure Musik wirklich genießen wollt, dann schmeißt ihr zuhause eure Hi-Fi-Anlage an oder stöpselt euch mit eurem Mega-Kopfhörern in euren PC (oder Mac, ihr Pisser) ein und lauscht dann den Klängen eurer ohnehin verachtenswerten Quasi-Musik, ihr Ficker. Eure Riesenmuschelkopfhörerexzesse sind einfach nur peinlich und bitte verschont uns (mich) mit euren lächerlichen Scheingründen. Kopfhörer sind für euch modische Accessoires und ihr habt nicht genug Ahnung von Musik (geschweige denn ein entsprechend trainiertes Gehör), um als Soundfaschisten aufzutreten. Fickt euch in eure Muschelkopfhörer!

Allerdings muss ich gestehen, etwas gutes haben diese großen Kopfhörer: Im besten Fall bleibt unterhalten diese Menschen nicht den gesamten Bus/Zug etc. mit ihrer Musik, wie es bei zu lauten Earbud-Hörern der Fall sein kein, wie wir alle mit Sicherheit schon erlebt haben. Und wenn mir jemand über den Weg laufen sollte, der mit seinen überdimensionierten Lauschgeräten zu laut schlechten Hip-Hop hören sollte, dann Gnade diesem Menschen alle Götter aus allen Zeiten!

Dann mutiere ich zu einem grünen Koloss und beschwöre die verbale Apokalypse! Via Pangalactic, sorry, aber dein Name ist zu lang. Cool, aber zu lang.

Vielleicht werden Ringe irgendwann wieder modischer als Scheiß-Kopfhörer. Ich trage nämlich einen Ring, der tatsächliche eine persönliche Bedeutung für mich hat. Viele Menschen, mit denen ich zu tun habe, haben mich mal nach dem Ring gefragt. Meine Kopfhörer hingegen interessieren niemanden.

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2 Comments

  1. Kopfhörer sind leider nicht zum Mode-Accessoire geworden, weil sie zu groß waren. Es ist einfach irgendwie passiert. Ich würde es gerne auf die Hipster schieben, aber irgendwie definiert sich jede scheiß Subkultur über ihre Musik, von daher war es nur eine Frage der Zeit bis irgendjemand kommt und sagt “Hey, guckt mich an, Musik ist mir so wichtig, ich leg meine Kopfhörer nicht mehr weg.” (Über den Sinn dieser Aussage müssen wir nicht diskutieren, das hast du ja schon ganz schön gemacht) Das Durchsetzen von Kopfhörern als Mode zerstört natürlich diese ursprüngliche Bedeutung, wird aber leider von Musikern selbst befeuert, siehe Beats by Dre, die nicht nur unglaublich beschissen verarbeitet sind sondern noch dazu, auf der Smartphone-Welle reitend, eine Zeit lang den HTCs beigelegt wurden. Nein, nicht nur die In-Ears. Also Mode pur.
    Zugegeben, ich hab meine auch ständig bei mir… aber bitte, für Parties und während (u.a. Uni-)Veranstaltungen anlassen? Come on, da kommts mir hoch. Das sind die neo-coolen Skaterkids mit Beanies, Klamotten von Quiksilver, Hosen auf Wadenhöhe und Bieber-Frisur. Nee danke.

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