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Aber, ich als Frau…

Ich finde ja Diskussionskultur und Mediendiskurse spannend. Es ist faszinierend zu beobachten, wie Menschen mit einander reden, streiten und argumentieren. Und das Tollste ist, dass das Thema eigentlich egal ist, denn bestimmte Muster wiederholen sich immer wieder. Oft wird egal wie toll mensch für seine*ihre Sache spricht, nicht die ganze Argumentationskette gehört, sondern, eh man sich versieht, wird sich ein Glied der Kette herausgepickt und darauf herumgehackt (meist das bemühte Beispiel mit dem ein Zusammenhang erklärt werden sollte) und die Kette selbst verliert an Bedeutung und wird unsichtbar.

Sehr spannend werden solche Beobachtungen aber bei emotional aufgeladenen Themen, denn egal wie rational wir alle zu sein versuchen, sprechen wir über Politik, Religion oder auch Gleichberechtigung, dann beschreibt/diskutiert/analysiert mensch nicht nur eine Struktur, sondern einen Bereich, der jede*n irgendwie betrifft. Die nächste Steuererhöhung? Trifft auch deinen Geldbeutel (oder eben nicht). Die total inakzeptable Bemerkung eines*r Fraktionsvorsitzenden*in? Beleidigt deine Religion oder hebt sie hervor. Weibliche Menschen bekommen im Schnitt weniger Geld als männliche? Entweder du profitierst davon oder nicht.

Der Grund warum ich das hier lang und breit wiedergebe ist, dass mich eine Sache besonders aufregt, wenn mir der alltägliche Wahnsinn von Sexismus und Antifeminismus entgegenschlägt. Ein kleiner aber sehr sehr bedeutender Satz, der stets jegliches (noch so gute, wissenschaftlich untersuchte und verifizierte oder logisch durchdachte) Argument aushebelt.

„Ich als Frau finde aber nicht, dass…“

 Die drei Punkte könnt ihr beliebig ersetzen. Z.B. mit „… mich der generische Maskulin diskriminiert“, oder auch „… Werbung mit nackten übersexualisierten Frauen eine sexistische Gesellschaft schafft“. Die Liste ist endlos, oft begegnen einem*r auch Äußerungen wie „… es eine Quote geben sollte; Ich schaffe das auch allein, wenn ich mich genug anstrenge.“

Ich möchte hier niemandem absprechen Zweifel an bestimmten Fakten/Meinungen/Ideen usw. zu äußern und es ist natürlich total ok, wenn Frauen konkrete Probleme mit bestimmten feministischen Strategien haben, ABER:

  1. Es wird über Strukturen gesprochen. Auch wenn es natürlich nachvollziehbar ist, dass wir in solchen Auseinandersetzungen mit subjektiven Eindrücken argumentieren, sie spiegeln nun einmal eine von der entsprechenden Person gefilterte Realität wieder, bei der bestimmte Erfahrungen hervorgehoben werden und andere aus dem Gedächtnis verschwinden.
  2. Mit der Vorrede „Ich als Frau finde nicht…“, signalisiert man in Bezug auf Feminismus ganz klar: „Ich als Teil der diskriminierten Gruppe widerspreche dem Geäußerten“. Damit gibt frau der eigenen Aussage unglaublich viel Gewicht, da frau ja eine Betroffene ist, auch wenn eine subjektive Äußerung (also eine persönliche Erfahrung/Meinung oder ein Gefühlszustand) folgt. Jeder sexistische Blödmesch wird daraus aber den Schluss ziehen, dass jede*r der*die sich für Gleichberechtigung einsetzt, nur eine radikale Randgruppe darstellt, die nicht für die Masse der sich weiblich definierenden Menschen steht und dass das Alles ja nicht stimmen kann, wenn Frauen das nicht so schlimm finden, egal wie viel Relevanz die eben gefällte Aussage für die Diskussion hatte. Das ist sehr schade, denn immerhin versucht diese ‘radikale Randgruppe’ dafür zu sorgen, dass es Frauen, Männern, allen dazwischen oder außerhalb besser geht und das wir in einer gerechteren, selbstbestimmten und gleichberechtigten Welt leben. Besonders traurig wird die Sache aber, wenn diese Äußerung von Menschen geäußert wird, die zwar Teil dieser benachteiligten Gruppe sind, sich aber noch nie intensiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben.

    Katzen und Feminismus? Klar!
    via purpi_purp

  3.  An dieser Stelle wird nicht nur von mir, sondern auch von vielen anderen, die sich mit Gleichberechtigung beschäftigen, auf ‘gefühlte’ und ‘faktische’ Diskriminierung verwiesen. Es ist wirklich schön, wenn es da draußen ganz viele Frauen gibt, die sich gleichberechtigt und nicht-diskriminiert fühlen. Ich wünsche das niemandem und hoffe, dass kein Mensch egal ob männlich, weiblich oder keins von beidem sich jemals so fühlt! Ich als Mitzwanziger-Studierende fühle mich auch nicht jede Sekunde und Minute eines jeden Tages mit jeder Faser meines Körpers benachteiligt. Aber egal wie ich mich fühle, es ist irrelevant, wenn mensch sich die FAKTEN anschaut. Z.B. dass Frauen in Deutschland im Schnitt 23 % weniger verdienen, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Frauen sehr viel öfter von (sexueller) Gewalt betroffen sind, weibliche Olympiateilnehmerinnen anders behandelt werden als männlich oder von Frauen gesellschaftlich erwartet wird, dass sie die Kinder erziehen und/oder den Haushalt schmeißen, ganz zu schweigen von den negativen Reaktion, die immer noch folgen, wenn sich jemand offensichtlich keinem der beiden Geschlechter zu ordnen will/kann.

Und das ist nur ein Bruchteil einer langen, langen Liste an Fakten und Problemen, die noch immer unbestritten Teil dieser Gesellschaft sind.

Dieser kleine Satz, den ich da oben beschrieben habe, kann unter Umständen zu einer ziemlich beschissenen Legitimationsstrategie werden, die immer dann zum Greifen kommt, wenn es darum geht Sexismus zu rechtfertigen. Besonders offensichtlich wird diese, wenn mensch sich abermals dem leidigen Thema Werbung zuwendet. Auch wenn wir heute in einer gleichberechtigteren Welt leben, die zumindest in vielerlei Hinsicht sensibilisierter ist für Sexismus (dank der bösen ‘radikalen Randgruppe’), gehört Sexismus in der Werbung zum Alltag (siehe den Post von letztem Monat). Erfreulicher Weise beschweren sich sehr oft Menschen darüber. Unglücklicher Weise bekommt mensch nicht immer Antwort und wenn Antwort kommt, dann enthält sie oft Variationen dieses Satzes:

„Aber es waren doch ganz viele Frauen an der Kampagne beteiligt“

Ähh… und welche Relevanz hat das jetzt? Keine! Frauen sind nicht automatisch bessere Menschen und auch nicht automatisch antisexistisch oder für Sexismus in jeder Ausprägung sensibilisiert, vor allem wenn sie an äußere Zwänge gebunden sind wie z.B. ihr finanzielles Überleben, denn – Überraschung – in der Regel kommt es nicht gut an, wenn mensch darauf hinweist, dass die tolle Idee des*der Kolleg*in diskriminierend ist. Die Information, welche Person, welchen Geschlechts an einem/r Bild/Spot/Website beteiligt war ist unbedeutend, wenn es darum geht welchen Grad an Diskriminierung besagte Sache hat.

Zum Ende möchte ich noch eine Sache deutlich machen, dieser Post dient nicht dazu Frauen die Schuld an Sexismus zu geben. Diskriminierung wird von den privilegierten Unterdrückern reproduziert, aber eben auch von denen die sich unterdrücken lassen, indem sie nicht dagegen aufbegehren, indem sie es nicht thematisieren oder es verdrängen – kurz um, indem sie sich zu Mittäterinnen machen lassen. Hier geht es aber eben nicht um eine Schuldfrage, sondern darum zu sagen:

Bitte liebe Menschen Frauen da draußen, denkt nach bevor ihr diese (oder ähnliche) Floskel(n) benutzt und lasst euch nicht zu Komplizinnen sexistischer Kackscheiße machen.

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7 Comments

  1. foobartastic

    Schoener, sehr objektiver Artikel. Vor allem die Einleitung gefaellt.

  2. Sehr schön auf den Punkt gebracht, die sexistische Kackscheiße :)

  3. Silke

    ” dass wir in einer Gesellschaft leben, in der Frauen sehr viel öfter von (sexueller) Gewalt betroffen sind”

    Also ich bin mir ziemlich sicher das Männer eher stärker (sehr viel öfter) von Gewalt betroffen sind. Wie kommen sie auf diese Behauptung? Also so ziemlich alles Studien die ich gelesen habe kommen zu einem anderen Schluss.

    LG Silke

    • Anni

      Danke für den Hinweis! Ich meinte damit häusliche Gewalt, wo die Zahlen deutlich höher bei Frauen als bei Männern sind.

  4. Schön zusammengefasst, gut zu lesen!

  5. teemithonig

    Super Artikel- vielen Dank!

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