Die Wiederentdeckung des Spielspaßes

Mein Großvater – möge er in Frieden ruhen – war ein berechnend komplizierter Mann im Alter. Er hatte eine Eigenschaft, die nicht wenige unter uns ihr Eigen nennen. Es ist die Gabe immer das haben zu wollen, was gerade nicht da ist. Genau diese Sorte Mensch ist auch der gemeine Videospieler. Zwar brüllt er immer hinaus dass PC/XBox 360/Playstation 3/Wii die jeweils beste Option sei, aber die Wahrheit ist, dass man immer jemanden um die Fähigkeit eines anderen beneidet.

 So können Microsoft und Sony sich um Innovation in Sachen Control noch so bemühen, Nintendo wird mit der Wii und dem (3)DS immer den Ruf haben, als erstes mit neuen Ideen bei den Spielern anzukommen. Es ist völlig gleichgültig, dass 90% der Nicht-Party-Spiele (also jene mit Gehalt und Mehrwert für die Spielebranche) mit dem Game-Cube-Controller viel besser funktionieren und großteils sogar ursprünglich auf Classic-Control ausgerichtet worden sind.

Jeder Legend Of Zelda Spieler muss sich eingestehen, dass bis auf wenige Gimmicks die klassische Steuerung handlicher und benutzerfreundlicher ist. In einer Zeit, in der die Menschheit wie wandelndes Gemüse blind auf die Einfachheit Apples schwört, ist die Verumständlichung durch Motion-Control ein Widerspruch der modernen Gamernatur an sich.

Wenn mir auch nur ein Shlemiel (jiddisch: Idiot) kommt und behauptet, dass Mario Kart auf der Wii mit diesem Momzer (jiddisch: Bastard) Kartwheel besser zu steuern ist, dem gehört das Spielen bis ans Lebensende verboten.

Ja, ich höre mich an wie jemand, der den letzten Krieg noch miterlebt hat, aber für meine Gamergeneration (Jahrgang 1989 und älter) trifft es nach Erfahrungswerten bisher durchgehend zu, dass Motion-Control von Sixx Axis über Wii, Move und Kinect ein Gimmick ist.

Wer weiß, was die Zukunft bereit hält. Vielleicht lachen Menschen die mit dieser Steuerung aufgewachsen jetzt schon über uns alte Säcke und kommen wunderbar damit zurecht. Vielleicht wird der Endorphin-Ausstoß beim Nintendo-Wheel (meist ausgelöst durch blanke Wut und puren Hass) bei jüngeren ein Gefühl der Einbindung in die virtuelle Welt. Ich wünsche es ihnen, aber halte es wie der gute Herr Simon Krätschmer von GameOne: Bewegungssteuerung bedeutet oft mehr Frust statt Lust!

Simon auf der Gamescom 2011. Ein richtig netter Mensch, wenn ihn die wunderbare Welt der Motion-Control nicht gerade vor Wut in die Elbe springen lässt!

Für eine neue Art der Steuerung lohnt es sich also nicht eine neue Konsolengeneration auf den Markt zu werfen. Die Controller von Microsoft und Sony bringen durch meist präzises Gameplay ein Spielerlebnis, dass den Spieler einsaugt. Wie viele von euch haben den Master Chief schon in hektischen Situationen abermals zum Held werden lassen? Ist dabei eure Körpertemperatur nicht angestiegen? War das keine Genugtuung, als man sich geradeso hinter eine Barrikade flüchten konnte, um den Gegenangriff einzuleiten? Ist einem von euch nicht die Luft weggeblieben, als Drake aus Uncharted sich über einen fahrenden Zug durch den Dschungel und das Himalaya-Gebirge kämpft und letztendlich einen Raketen feuernden Hubschrauber vom Himmel holt?

Boom! Die Spiele, die mich bisher am meisten fesseln konnten, punkteten durch ihre superb umgesetzte Steuerung und ihre Cojones in Sachen Inszenierung. Es sind die kleinen Dinge. Ich bin zum Beispiel ein riesiger Fan der Infamous Spiele für die PS3. Meine Lieblingsattacke ist dabei recht unnütz. Man springt von einem möglichst hohen Punkt herunter auf ein paar Schergen (ja, Schergen. Ich mag auch solche Worte) und BOOM! Ein elektrischer Impuls haut die Spacken meterweit bis an die nächste Häuserwand. Das bringt selten jemanden um, aber selten habe ich so den Impakt auf mich aus einem Spiel gespürt. Diese Momente sind es, die interaktive Erlebnisse für mich ausmachen. Dies ist es, was Avatar für viele zu einem guten Filmerlebnis gemacht hat. Nicht die Luftmensch-Storyline, sondern das Gefühl mittendrin zu sein. Und dieses Gefühl bekommt man nur selten, wenn man wie ein an den Nerven geschädigter Mensch Plastikgeräte in seiner Hand (oder gleich den ganzen Körper) herum fuchtelt.

Bewegungssteuerung ist ein lustiges Gimmick. Besonders für jene, die dem Spieler und nicht dem Spiel zuschauen. Mehr Hass gegen Motion Control für Core-Gamer gibt es auch wieder bei Yahtzee
(Quelle: http://www.flickr.com/photos/miyukiz4/7176121841/)

 Innovation in Steuerung ist also eine große Illusion, die den Mehrspielwert nur in lächerlichem Maße hebt (bisher) und Spielspaß entsteht (Achtung: große Überraschung!) über gutes Game Design. Und jetzt kurbelt euer Gedächtnis an, warum es die PS3 und die Xbox (360) überhaupt gab. Es ging nicht um revolutionäre Steuerung oder In-Game-Mechaniken, die mit der alten CPU nicht zu erreichen waren. Es ging um den guten, alten Genitallängenvergleich mit PC-Spielern. Wie oft und breit man sich auf Pausenhöfen anhören musste, dass der PC die eine Spieleplattform TO RULE THEM ALL sei, da immer brandaktuelle Grafik möglich sei (Viel Spaß beim dauerhaften Aufrüsten, liebe Lannister-Kinder. Ich hätte auch gerne einen Berg aus Gold!).

Thus the Next-Gen was born. So wie die spätere Einführung der Motion-Control eine Reaktion auf Nintendos Wii war, ist die Grafik seitens der PC-Industrie der Grund für die letzte Next-Gen gewesen.

Halo-Stammentwickler Bungee hat erst unlängst bekannt gegeben, dass man an die Grenzen der Hardware gestoßen sei und weil ich mich gerade nicht an den letzten Macher erinnere, der meint, dass er Halo: Kinect – Eternal Idiot auf dem imaginären Wunschzettel hatte, geht es einfach nur darum, dass man die technischen Möglichkeiten umsetzen will. Das ist alles. Man geht mit der Zeit.

Videospielkonsolen sind auch nicht mehr als andere mediale Wiedergabegeräte. Versucht ihr die Musikindustrie zu überreden, dass euer nächster mp3Player Facebook- und Twitter-Zugang ermöglicht? Ach, Moment! Das ist ja schon längst so! Und wenn ich so einen hippen Maven (jiddisch: Guru) erwische, der meint dass er mit seinem E-Reader kurz seinen E-Mail-Account überprüfen muss, weil er das ja nicht mit den anderen drei elektronischen Geräten direkt an seinem Körper tun kann, dann gibt es sehr wahrscheinlich unnötige Kommentare über die Erzeuger dieser Person, direkte, körperliche Gewalt und eine gute Portion Hass.

Niemand hasst so schön wie Katzen!
(Quelle: http://www.flickr.com/photos/poenaru/1304953088/)

Natürlich gibt ist das Home-Entertainment-Prinzip seitens PS3 und auch Xbox 360 lobenswert, aber die Wahrheit ist, dass wir alle so viele Geräte um uns haben, dass es doppelt und dreifach möglich ist, auf die jeweiligen Medien zuzugreifen. Dass ich DVDs und Blu-Rays auf meiner PS3 gucken kann und CDs abspielen kann usw. ist ein super netter Bonus, aber NICHT der Grund, warum ich mir eine Videospielkonsole zugelegt habe. Ich will das Ding anknipsen und Spaß haben. Das will ich von einer Videospielkonsole. Das war der Grund, warum ich meinen SNES und meine Playstation so geliebt habe. Zack, sofort ging es los. Das ist es was ich als Spieler will.

Ich will nicht 300 € mehr berappen müssen, nur weil meine Konsole meint mir zusätzliche Möglichkeiten zu bieten, die ich so gut wie nie nutzen werde. Aber das wird passieren, einfach weil Videospielkonsolen sich einen Ruf als Home-Entertainment aufgebaut haben (daher auch der Handlungsbedarf auf Seiten der Wii). Die klassische Videospielkonsole ist tot. Wir werden nicht mehr dahin zurückkehren, dass man auf einer Heimkonsole NUR Videospiele spielt.

 Vergesst bitte einfach nicht, warum ihr eigentlich eine Konsole oder einen Gamer-PC bei euch im Haushalt habt. Es ist ein Medium mit dem ihr Spaß haben wollt und das euch unterhalten soll und das passiert in erster Linie über Spielspaß. Es geht um die Spiele an sich. Sie sind das Hauptaugenmerk.

So sollte Unterhaltungselektronik funktionieren. Das muss die nächste Generation wieder fertig bringen. Bessere Grafik ist so sicher wie der Schmarotzer auf der Hochzeit am Büffet und eine logische Weiterentwicklung, aber bitte hört auf euch einzureden, dass Hologramme, Motion-Control und Konsorten euer Videospielleben verändern werden. Der gescheiterte 3D-Effekt bei 3DS und PS3 und Xbox 360 ist beweis genug für die Überflüssigkeit dieser Elemente. Ich sage es ein letztes Mal in der Hoffnung, dass es in eure Schädel geht:

Was man sich für die nächste Generation der Videospielkonsolen wünschen sollte ist, dass der Spielspaß erhalten bleibt.

 Mehr Spieler aus.

Nintendo-Fans können bei solchen Vorzeichen nur hoffen, dass die Wii U nicht schon zum Launch im Regen steht.
(Quelle: http://www.flickr.com/photos/85107706@N00/660586963/)

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1 Comment

  1. Valentino

    Haha, der Beitrag von Simon zu Steel Bataillon ist so geil :D

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